Die
Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
Kurzprosa
| Robert Rodewald
Wien - eine Weltverschwimmung Schäumen, Schäumen, sonnensilbrige Verstäubung des Wassers in der Luft, überall schwitzende Bitspritzer, Wasser schlucken atmen spucken, ein ungezäumter Kopfnaßmacher für mich verlangsamten Schopfanfasser: wenn ich das jetzt von meinem fernen Sitzstrand sehe, meinem selbsttherapeutischen Restwitzland, aufgewacht und wachgedacht, bei meiner Wasserbetrinkungsangst: wahrscheinlich eine Idee, dieses Wien, ein Kunstmeer, gebaut aus den Dämmen der beiden Julitage, die aus meiner Fahrkarte ragen, längst ausgelaufen, aus dem Kleinbildhirn gegurgelt, in ein Kontoauszugsloch geronnen, da nun August ist, ein weiteres Leben: immer wieder gelb und Geld, zwangsläufig brockt man sich diesen Barock ein, diese grellen Schönbrunns, aus denen die aufdringlich süße Vanillesoße quillt, Japaner, Currysnacks, Fontänen des Entgelbsetzens, Engel menscheln lächelnd von der Decke herab, Taubendreck ist da ästhetischer, ehrfürchtigen Abstand erheischend, oh meine peinlich kleinliche Verarmungsangst, das ist teuer bezahlt, doch scheint es dort nicht eher klimtgolden und einfach Loos?: dein Jugendstilzwang, der mich das jetzt sehen läßt, dein jugendlicher Stildingdrang, SCHÖN, seufzst du konvulsivisch gebleut, während ich dein goldrotes Heimkunstkleid trinke, angenehmerer Geschmack, SCHÖN: jedenfalls quadratisch, praktisch, gut, denke ich, JA, DAS GEFÄLLT MIR AUCH, sage ich jetzt, freilich wellenlos, diese unheilig freiwildernden Dauerwellen, ein Kitschleid, ich Alkoholiker der Schlichtheit, schlecht im Schwimmen: also ein Gewurzle im Zwangsmodernen, Zwangsmenschen und Menschengezwänge, Erregung kühler Glasstahlglätte und ich kann es nicht beweisen, vielleicht eine Erotik der Abweisung und Überweisung, eine neue Gotik, silbrigpolierte Himmelsklippen zu wortrauschender Geißelung durch deine krankhafte Sehnsucht nach Nostalgie und Allergie: ja, so schmecken wir beide besser, jeder sein eigenes Eis, Waisen-inseln der Gleichungültigkeit, ich in der Springflut deiner Schönflucht, denn nur aus Zwängsten zehren und plärren wir die öfteren Taten, als bissig wissender Diener kann ich da gern berat...: aber gibt es eigentlich auch Wiener?, in diesem milchigen Schillingsbecher, Indizien, Ahnungszeichen, hier die Ablagerung einer fettsüchtigen Trödlerin, NASCHMARKT TÜRKEI, tönt es im patriotischen Kalkbeton, dort der wahnsinnig kahle Maler Walla, Vormensch, Wal, aus der Mündung mütterlichen Fruchtwassers gestürzt in Guggings grünes Puppengut, Mut zu Gott und Teufel, welch klares Torbild, wohltuend hohl, Baldrian für meinen Komplexseinswahn: zwei, aber die Frage bleibt, denn Passantenfische, Schwämme, Zischgesichter, alles Amerikaner, denn in vergilbten Cafes servieren pfrundliche Pinguine Museumsopern, denn selbst meine hundert bunt verspielten Lieblingswasser verlieren sich lau in braunem Westgetränk: oh unbeziehbares Wien, ich rückfällig Trockensüchtiger, verwöhntes Gefühlsgestöpsel, Dürrstock, Wüstenversand, ich wache ja, vorgestern, letzte Woche, vor zwei Wochen, eine Reise ertrank, nur dieser ungekannte Farbtatdrang, ein plötzlicher Schwarzkackzwang, ich muß mein Zimmer verhäßlichen mit meinem Kunst-gebrüt, Wien, du lieber Augustin, frischgebackenes Sprachgehacke klappert vor sich hin, Wien, mein Wien. |
Kommentar des Autors:
Man hat Wien bereist. Man steht in einer Diskussion. Meine Quelle: Alltagsquatsch. Diese mundsüchtigen Texte ("uuu": länglich und rund: auf "mond-" hin-sprechen!): sind für live, den Vortrag geschrieben; Partituren eher denn Fertiggerichte. Sieht man es ihnen an? Hier zum Beispiel, neckisch, wie ein Homo vor dem Spiegel: "im Kunstpelz". Atmen. Ich finde, Gerd Rubenbauer ist ein sehr lebendiger Kommentator. Für ungestalte Einsprengsel bitte ich förmlich um Entschuldigung. Ein Autor quetscht die Saftpresse nur etwas weiter zusammen, mit der die ordinären Sprechakteure den Sinn traktieren. Könnte sein, daß sich Schrift und (Vor-)Sprechen geschieden haben? Dort 5 Hebungen am Stück (wo denn?), vorsichtig, lauernd, eine Anlauf(durst-)strecke; dann aus dem Gleis brechen, hinschleudern, großzügig werden: Rhythmus! Entschuldigung. Weiter: Gugging, Psychiatrisches Landeskrankenhaus Niederösterreich. August Walla (signiert "Augustin"), Insasse, Vertreter von Art brut ("Kunstgebrüt"). Informationen. Aha. Die Ahnung, alles schon wie selbst erlebt zu haben. Vielleicht jeden Vokal so besser charakterisieren, mit einem Wert für Betonung und einem für Länge: 67 / 44 (bei 0 bis 100). Und die Farben? Die Wuchtigkeit von Konsonanten? Wie die? These (artig): Schreibgebrauch heute pragmatisch verarmt: auf Hand-lung "Referieren" reduziert. Gefühle wie Aktionspläne, den aktuellen Forschungsstand: Referieren! In dem völlig zertrümmerten, unter einer eingestürzten Eselsbrücke begrabenen Wortrestaurant kann die deutsche Kulturrettungsationalmannschaft nichts als 95 ineinander verkeilte Fremdkörper entdecken. Gegen Schluß bitte die Stimme zunehmend ins Bittere modulieren: Risiko von lyrischem High-Tech eben. Meinungen sind wie Mundgeruch. Trotz 24-Stunden-Schutz riecht man sie immer wieder durch. Entschuldigung. Von Schriftbild also Klangindikation abgezogen, verlustig? Kunstvolles Zögern. Schriftschorf! 1, 2, 3: "WIR WOLLEN GERD RUBEN-BAUER!" Kein Kommentar. |