Die
Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
Gastkolumne
Ulrich Greiwe
Neues vom abenteuerlichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts
Graham Greene ist nicht totzukriegen. Nach Jon Banville hat nun auch
ein weiterer gerühmter Gegenwartsautor des ehedem großen Britanniens
eine alte Rechnung mit 1991 gestorbenen englischen Fast-Nobelpreisträgers
aufgemacht. Doch hinter Alan Judd und seinem Buch „TeufelsWerk" (erschienen
im Alexander Fest Verlag, 32 Mark) könnte sich eine noch größere
Teufelei verbergen.
Oberflächlich gesehen handelt es sich um eine jener merkwürdigen
Eifersüchteleien, wie sie so abgefeimt und hinterlistig nur unter
Geistesschaffenden vorkommen. Judd, von dem der Verlag weder Geburtsjahr
noch Photo präsentiert, leidet, so verrät bereits der Klappentext,
unter einer „zwiespältigen Begegnung" mit dem zwischen weltbekannten
und vergeßbaren Größen der Literatur nicht besonders umgänglichen
Autor des „Dritten Mannes".
Also hat er für sein 136-Seiten-Werk einen weltberühmten
Autor namens Tyrrel kreiert, der sich, wie Greene, nach Antibes zurückgezogen
hat. Ungewöhnlich blaue Augen in einem phantastisch faltigen Gesicht
- auch das trifft auf den alternden Greene zu. Problematisch aber wird
dieser merkwürdige Schlüsselroman da, wo Alan Judd seinen greisenden
Helden als eine Art Nestor der literarischen Postmoderne hinstellt, der
von dem Zwang beseelt ist, „ewig Vorreiter der allerneuesten Bewegungen
sein zu müssen". Bei Greene-Tyrrels Schrift fällt den Jungautor
sogar ein: „Hitlers Namenszug soll in den letzten Jahren ähnlich gewesen
sein."
Die Story ist, milde gesagt, ein intellektuelles Hirngespinst: Tyrrel
bittet seinen jungen Widersacher nach einer Rezensions-Attacke überraschend
nach Antibes, um ihn zu dessen Verblüffung in sein „Urmanuskript"
einzuweihen. Und Edward, der Besucher, der vom Ruhm träumt (und ihn
schließlich auch erfährt), hofft insgeheim, dieses „Wunderwerk"
abzapfen zu können. Tyrrel stirbt in der Nacht an einem Herzanfall,
und Alan Judd hinterläßt uns zunehmend ratlosen Lesern den Satz:
Die Leute sollten glauben, Tyrrel sei erst nach Edwards Fortgehen gestorben."
Schleierhaft bleibt, warum dies ein „wundervolles" oder „wunderbares
Buch" sein soll, wie der Verlag Stephen King und den „Sunday Telegraph"
auf dem Umschlag behaupten läßt. Vollends verrückt kommt
einem die Klappentext-Hymne vor, der Autor erweise sich als geschult an
E. T. A. Hoffmann und Edgar Allen Poe, an Henry James und Oscar Wilde.
Alan Judd ist in Wirklichkeit einer dieser unsäglichen Behauptungserzähler:
Er behauptet Zwischenfälle und Vorgänge, deren innere Ausschmückung
ihm erzählerisch nicht gelingt. Seelenlose Szenen, meist um zwei Ecken
erzählt, ferne kühle Blickwinkel, nichts in diesem Raum lebt
wirklich, nichts vermag zu packen. „Im Ofen brutzelte etwas vor sich hin."
In der Tat: So ist der ganze Roman.
Fragt sich, wem der Verlag und zuletzt die FAZ da aufgesessen sind.
Die FAZ (29. April 1998) ließ dem blutleeren Roman sogar eine bluternste
Auseinandersetzung angedeihen: „Neben der Postmoderne und Graham Greene
nennt Judd noch einen weiteren Autor, dessen Werk vom Pakt mit dem Teufel
gezeichnet sei: Thomas Mann." Gerade der Vergleich mit dessen ‘Doktor Faustus’
aber offenbart die Schwächen von Judds Entwurf des Faust-Stoffes ..."
Zuviel der Ehre! Deutsche Literaturkritiker sind offenbar immer wieder
durch die gerissen hochtrabende Erwähnung von Vorbildern in Reflexionskoller
zu versetzen. Dabei ist Alan Judd (und mit ihm der deutsche Verlag, der
sein dröges Machwerk mit Großschriftsteller-Vergleichen chloroformiert)
ein Scharlatan. In Zeiten, in denen ein André Heller gegenüber
dem „SPIEGEL" flunkert, er sei - freilich unter Pseudonym - der Autor eines
vom „Literarischen Quartett" hoch gelobten Werkes, darf man wohl schlußfolgern,
daß sich hinter Alan Judd ein „Titanic"-Redakteur verbirgt, der sich
mit diesem teilweise gnadenlos geschraubten Stuß eine Parodie auf
die elitäre Verlogenheit des rein intellektuellen Literaturbetriebs
geleistet hat.
Allerdings einer, der Graham Greenes spektakuläres Leben nur flüchtig
kennt.
Kenner fühlten sich jüngst bei Ingmar Bergmans letzter bedeutender
Inszenierung an Greene erinnert. Der 80jährige schwedische Demaskierungs-Magier
hatte die Hauptrolle der „Bildermacher" von Per Olov Enquist mit Anita
Björk besetzt, mit der Graham Greene Mitte der 50er Jahre eine seiner
fulminanten Liebesaffären hatte. Anita Björk, numehr auch in
Bergmans letztem Spielfilm „Dabei: ein Clown" zu bewundern, spielt auf
der Bühne Selma Lagerlöf. In einem Stück, das das wahre
Gesicht einer romantisch verklärten Schriftstellerin zeigt, die viele
Jahrzehnte das literarische Bild, das die Welt sich von Schweden machte,
dominierte.
Wie die Affäre zwischen Greene und Björk in Wahrheit ablief,
hat der britische Skandinavien-Experte Michael Meyer in seinen Memoiren
(„Not Prince Hamlet", Oxford University Press) enthüllt. Meyer hat
wesentlich beigetraten zu der unendlichen Faszination, mit der die Briten
das Leben ihres abenteuerlichsten Schriftstellers nach Shakespeare Stück
für Stück zu dekonstruieren versuchen,. Darunter auch der Abend
im Park-Restaurant von Djurgärden am 12. November 1955, an dem Greene
Anita kennenlernte. Damals ging Greenes berühmter Vietnam-Roman „Der
stille Amerikaner" um die Welt, und ein gewisser Jean-Luc Godard wollte
noch den „sensationell kraftvollen" Greene-Roman „Brighton Rock" verfilmen.
Der verheiratete Michel Meyer kriegte mit, daß es sich um eine heftige
Liebe von beiden Seiten handelte. Anita Björk lehnte ab, mit Greene
nach Frankreich zu ziehen. Und ihm war zuwider, mit 50 nochmal eine neue
Sprache zu lernen, die schwedische.
Wer sich an der Msiterschaft Greenes noch einmal delektieren möchte,
kann das ab Ende Juli abermals an der Neuübersetzung seines seltsamsten
Romans probieren: „Das Ende einer Affäre" (Zsolnay Verlag, übersetzt
von Edith Walter). Daß sich hinter dieser Geschichte die wohl entzückendste
Liebesgeschichte im an Affären wahrlich reichen Leben Graham Greenes
verbirgt, hat dieser Erzähler bis zu seinem Tod mit großer Raffinesse
zu tarnen gewußt. Alan Judds und Jon Banvilles pikierte Nachstellungen
wirken angesichts der köstlichen Vielfals seiner Umtriebe nur lächerlich.