Die Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:

Buchkunst

 Warum die Kursivschrift in England „italics" heißt

Gutenberg hatte kaum den Buchdruck mit beweglichen Metall-Lettern erfunden, da kamen aus Venedig die schönsten Bücher der Welt, und zwar aus der Offizin von Aldus Manutius.
Der Gelehrte, nachdem er als Fürstenerzieher gearbeitet und in Ferrara Griechisch gelernt hatte, gründete zur Verbreitung humanistischer Kenntnisse 1489 in Venedig seine Druckerei. Wenige Jahre später erschienen hier die „Editiones principes", die ersten Drucke in griechischen Lettern (siehe auch die Bildunterschrift in der Abbildung). Eine andere folgenreiche Neuerung Manutius’ waren die nach rechts geneigten Buchstaben, die wir unter den Namen Kursivschrift kennen und die in England als „italienische Buchstaben" berühmt wurden (ein Beispiel dafür findet sich in der Marginalie auf der linken Seite der Abbildung). Manutius’ Kursivschrift ist jedoch nicht zu verwechseln mit der auf jedem Computer möglichen Schrägstellung aller eingebauten Schriften. Manutius’ Kursive war eine selbstständige Schriftart mit Typen von ganz eigenem Charakter.
Auch Manutius’ Nachkommen pflegten zwei Generationen lang den Ruhm der Druckerei. Sein Enkel, Leiter der Typographia Vaticana, brachte zwar noch neunhundert Werke heraus. Da er aber mehr Wissenschaftler als Buchdrucker war, verlor die venezianische Offizin nach ihm ihre überragende Bedeutung.

Manutius 1499

Die Abbildung zeigt zwei Seiten aus der "Hypnerotomachia Poliphili" von Francesco Colonna, gedruckt 1499 in Venedig. Die Seiten tragen noch keine Paginierung (die Manutius in den "Cornucopiae" von Nicolaus Perottus, im selben Jahr gedruckt, erstmals in seiner Offizin verwendet, nachdem sie bereits fünfundzwanzig Jahre vorher bei Nicolaus Goetz in Köln eingeführt worden war).