Die
Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
Brief aus Frankreich
von Sophie Pruneaux
Als überzeugte Pariserin war ich den Werbeplakaten der Stadtverwaltung
rettungslos ausgeliefert: überall diese schlichten Ladenbesitzer im
Sonntagsstaat, ein grundloses Lächeln im Gesicht, und über allem
der kaum weniger stupide Spruch „Man ist nicht alle Tage der Gastgeber
der Welt". Und zu welchem Zweck wird die Hauptstadt so überklebt?
Aber natürlich: für die Fußball-WM. Nach dieser unaufhörlichen
Berieselung dürfte das auch dem letzten Eremiten nicht entgangen sein.
Für die einen ist es das Ereignis des ausgehenden Jahrhunderts überhaupt,
für die anderen - zu fünfundneunzig Prozent weiblich - ein angekündigter
Alptraum.
Es ist nicht mehr zu leugnen: Ein ganzes Land lebt in schöner
Harmonie, im Gleichklang mit diesem runden Ballon. Die ganze Erde schaut
nur noch auf uns, und wir betrachten umso lieber unsern Nabel. Die französischen
Finanz- und Polit-Skandale? Es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur noch den
trickreichen Run auf die Eintrittskarten. Die Alltagskriminalität,
die Kriege im Ausland, überhaupt alle Konflikte haben sich in nichts
aufgelöst. Es gibt höchstens noch die Hooligans. Und alle unsere
nationalen Klein-Probleme erhalten plötzlich internationale Bedeutung.
Unser schönes, traditionell selbstverliebtes Land ist außer
sich vor Begeisterung.
Alles dreht sich um diese schwarz-weiße Kugel. Die großen
Fernsehsender haben den Kuchen unter sich aufgeteilt. Die größten
Portionen bekamen TF1 und Canal+: Sie senden immer gleichzeitig dasselbe
Spiel. Der kleine Sender 6 dagegen, der beim Kauf der Rechte nicht mithalten
kann, ist stolz darauf, kein einziges Match zu übertragen, für
ihn leiden wir angeblich „eher an körperlich Ermüdung als an
intellektueller Anstrengung". Im Klartext: Nur Schwachsinnige schauen sich
die WM an. Das Kabelfernsehen hat einen sonst unbedeutenden Sender plötzlich
und ausschließlich dem Groß-Ereignis gewidmet, ebenso der Rundfunk.
Die Werbung schlägt über alle Stränge, sie wird allgegenwärtig:
Schreibpapier, Unterwäsche für Männer (ein Slip mit dem
Bild unseres lächerlichen Maskottchens Footix), auch für Frauen
(aber ja: ein BH mit Fußballkörbchen, davon haben Sie bestimmt
schon immer davon geträumt), Mützen, Perrücken, Pingpongbälle.
Alle Busse, alle U-Bahnen, alle Kaufhäuser wurden neu dekoriert, überfallen,
kolonisiert durch diesen von Stollenstiefeln mißhandelten Ball. Wohin
Sie auch schauen auf den Straßen, egal welchen Fernseh- oder Rundfunksender
Sie einschalten, was immer Sie lesen - machen Sie sich keine falschen Hoffnungen:
Sie entkommen der Epidemie nicht mehr, Sie stecken sich an und leiden daran
wie an einer fürchterlichen Krankheit.
Aber das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Warum empfinde
ich es so? Weil ich ein junges Mädchen bin und der Zeitgeist dieser
Wochen verlangt, daß die Männer verblöden, sich mit Bier
auffüllen, während die Mädchen übellaunig, aber systematisch
den Fußballbetrieb kritisieren und statt dieses „Brutalo-Sports"
lieber Weiterbildung und Lektüre pflegen, Spinoza zum Beispiel. Das
ist kaum übertrieben. Auf der einen Seite haben wir die Männer,
eingefleischte Fanatiker, und auf der anderen Seite die von ihren Partnern
schwer enttäuschten Frauen. Eine Radiosendung hat allen Ernstes den
bemitleidenswert verlassenen Frauen vorgeschlagen, den Abend mit einem
Ersatz-Mann zu verbringen, und zwar nicht mit irgendjemandem, es sollte
schon ein „Chippendale" sein (der Ausdruck bezeichnet einen schönen,
sonnengebräunten, eingeölten und muskelgebuildeten Körper,
mit einem hübschen Kopf oben drauf und der speziellen Fähigkeit,
sich bei geeigneter Hintergrundmusik sehr schnell auszuziehen, anscheinend
zu schnell, um noch etwas davon zu haben). Was für ein Glück:
Man tauscht sein gewohntes Männchen, das vor dem Fernseher wieder
zum Primaten wurde, gegen einen anderen, noch unverdorbenen Primaten. Wenn
die Chippendales mal zu den anderen Turnieren im Hexagon unterwegs sind,
treten als Ersatz die „California Dream Men" auf. Oder dies: Für fünfzig
Francs holt eine Limousine die verlassenen Nymphen zuhause ab und fährt
sie zu einem Restaurant. Und warum sollte man nicht auch davon profitieren,
daß manche Lokale an den Turnier-Abenden speziell ermäßigte
Preise bieten?
Aber wie in jedem Krieg gibt es auch hier Verräter, in diesem
Fall: Verräterinnen. Das Match interessiert sie nicht wirklich, aber
sie tun so, als ob, weil sie gefallen wollen. Sie reden von der FIFA und
der Abseitsfalle, ohne zu wissen, was das alles ist. Und sie kaufen sich
den Vuitton-Ball. Dieser kuriose Gegenstand ist ein mit dem Monogramm der
französischen Edelmarke geschmückter und in Riemen eingefaßter
Lederball, der am schmalen Bändchen getragen wird. Er ist nicht etwa
eine Handtasche, und als Fußball ist er auch nicht gebrauchen (oder
würden Sie wie ein Wilder auf ein Zweitausendachthundert-Francs-Vuitton-Leder
eintreten? Ich nicht. Ich weiß, was sich gehört.), er ist völlig
nutzlos.
Aber sind die Männer tatsächlich schon deshalb nur noch blöde
Rohlinge, weil sie Fußball mögen? Immerhin ist es ein Mannschaftssport.
Ich habe mir die Mühe gemacht, ein paar Spiele anzusehen, und ich
verstehe, daß man sich für die kommunikative Freude der Spieler
begeistern kann, wenn ihnen gemeinsame eine kluge Strategie gelungen ist.
Ich verstehe, daß man in einem Stadion in Rage geraten, lachen und
weinen kann. Daß man also Fußball lieben kann, ohne zu verblöden.
Vielleicht haben manche Frauen das Gefühl, wegen eines Fußballs
verlassen zu sein. Ich selbst habe das runde Leder nie als möglichen
Rivalen empfunden. Vielleicht liegt es daran, daß der Meine zu bestimmten
Zeiten auch noch Spinoza liest. Er liebt Fußball und die Bildung
und mich.
Und trotzdem bin ich nicht unglücklich, daß jetzt alles
vorbei ist.