Die Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:

 Die Adresse
 
Die anderen englischsprachigen Literaturen

„The Voice of the Shuttle" nennt sich die Website, „Die Stimme des Weberschiffchens", und enthüllt damit - unterstützt durch eine passende Abbildung - vor unseren Augen den Ursprung des Wortes „Text" aus dem textilen „Gewebe". 
Die Adresse ist eine Einrichtung der Universität von San Bernardo, Kalifornien, für Studenten der englischsprachigen Literatur, aber so umfassend und detailliert angelegt, daß sich auch jedem anderen, der mit dem Thema befaßt ist, hier eine weite Fundgrube an Informationen auftut. Wir haben hier lediglich eine kleine Unterabteilung näher untersucht: die englischsprachige Literatur der Länder außerhalb der USA und Englands (im engeren Sinn): Afrika, Australien und Neu-Seeland, Irland, Kanada, die Karibik, Schottland, Südasien und Wales. 
Unter „Contemorary Postcolonial & Postimperial Literature in English" zum Beispiel findet man zahlreiche Angaben zu den historischen, politischen, wissenschaftlichen und religiösen Kontexten dieser Literaturen, ihrer Bildsprache, aber auch die Erläuterung wesentlicher Grundbegriffe wie zum Beispiel des von Leopold Sedar Senghor eingeführten Begriffs der „Négritude" (komplett mit der afrikanischen Kritik am „defensiven" Gehalt dieses Konzepts). 
Unter den reich dokumentierten Schriftstellern aus Afrika findet man nicht nur berühmte Namen wie Nadime Gordimer, Doris Lessing und Ken Saro Wiwa, sondern auch viele weniger bekannte Autoren (zum Beispiel Wole Soyinka). Bei dieser geographischen Einteilung wird dem Leser in vielen Fällen wieder klar, woher seine Lieblingsschriftsteller eigentlich kommen. Zu den wichtigsten Autoren werden eine Biographie, nicht selten auch Textauszüge oder ganze Werke geboten. 
Kanada ist natürlich mit Margaret Atwood und Michael Ondaatje („The English Patient") vertreten. 
In der Abteilung Karibik findet sich ein ungewöhnlicher Hinweis, und zwar auf Studien zum Blick auf „Robinson Crusoe" aus der Sicht Freitags („The Friday Site"), und so überraschende Themen wie die „Dialektik des Kannibalismus in der modernen karibischen Erzählung". 
Die Irland-Abteilung glänzt selbstverständlich mit ausführlichen Untersuchungen und Links zu James Joyce, Samuel Beckett, George Bernhard Shaw, William Butler Yeats und Sean O’Casey. Daneben findet man hier jedoch auch alte irische und gälische Lyrik (oft in modernes Englisch übersetzt, wie etwa „The Hermit’s Song" oder das entzückende Gedicht vom Mönch und seiner Lieblingskatze, die auf die Maus lauert wie er auf den zu entziffernden Sinn einer Handschrift). 
Die - kürzere - Liste Südasiens führt selbstverständlich Salman Rushdie an, aber auch Anita Desai und Rabindranath Tagore haben ähnlich reichhaltige Studienseiten. 
Die einzelnen Seiten werden von namhaften Literaturhistorikern zusammengestellt, und die gesamte Website wird - anders als die des Bürsenvereins des Deutschen Buchhandels - ständig aktualisiert. 


The Voice of the Shuttle