Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:
 
Das kleinste Buch der Welt

Der Maler Chen Frong-Shean aus Taiwan dasMini-Buch - wie er meint - kleinste Buch der Welt hergestellt (Abbildung). Es ist neun Millimeter breit und ebenso hoch und bei diesem Format relativ ungewöhnliche fünfzehn Millimeter dick. Es enthält Farbillustrationen und nur ein Zeilen pro Seite. 
Aber Zweifel an diesem Rekord sind angebracht. Denn schließlich gibt es da noch den „Bloemenhofje", ein holländisches Buch von 1673. Es ist schmaler (8,5 Millimeter), dafür etwa breiter (12,5 Millimeter), aber erheblich dünner (etwa fünf Millimeter). Zumindest dem Gesamtvolumen nach bleibt also der „Blumenhof" weiterhin das kleinste Buch der Welt. 
Im übrigen hat dieses Bändchen etwas, was Frong-Sheans Buch fehlt: eine wie vom Juwelier gearbeitete Verschlußschnalle. 
 

Ein Schulbuch der Roten Khmer entdeckt 

Schon die zehnjährigen Schüler werden bei den versprengten Resten der kambodschanischen Roten Khmer in Feinderkennung und Guerillakrieg unterrichtet. Das Lehrbuch dazu wurde soeben in der Hand einer jungen Schülerin entdeckt, die aus dem Dschungelstützpunkt bei Anlong Veng in Nord-Kambodscha fliehen konnte, das fast zerfledderte Buch aber nur ungern hergab, da es ihr einziger Besitz war. Es wurde 1994 gedruckt und umfaßt einhundertzwanzig Seiten. 
Die Lektionen des Buches verraten einen ungewöhnlichen Lehrplan: 
- Die Kinder lernen darin zum Beispiel die Herstellung zugespitzter und mit Baumgift getränkter Bambusstücke. Das Opfer, wird ihnen beigebracht, „fällt in kramphafte Zuckungen und stirbt". 
- Der auswendig zu lernende Wortschatz befaßt sich - neben harmloseren Inhalten - mit Verrat, Infiltrierung, Minenexplosion, und traditioneller Bewaffnung. 
- Die Lektionen enthalten auch ausgearbeitete Vorlagen für Briefe an die kämpfenden Khmer-Soldaten, in denen diesie für ihren Mut und ihre Siege gepriesen werden. 
Das Buch wurde von Willem van de Put entdeckt, dem Leiter der Transcultural Psychosocial Organization. Die Organisation kümmert sich um die psychischen Probleme von Flüchtlingen, die hier erst wieder lernen müssen, in einer nicht-repressiven Gesellschaft zu leben. 
 

Soltschenytsin im Fallwind

„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", „Der GULAG-Archipel" und „Der siebte Kreis der Hölle" waren literarische Orientierungspunkte. Aber das neueste Werk von Alexander Soltschenytsin, „Rußland im Zusammenbruch", tritt deutlich mutlos in die Welt: Die Auflage beträgt nur fünftausend Exemplare, und die werden nur in einer einzigen - nebenbei: verlagseigenen - Buchhandlung in Moskau verkauft. 
Wie schon das letzte Buch des Autors, „Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts", ist auch der „Zusammenbruch" eine vorhersehbare Verdammung des modernen Rußland. Für Soltschneytsin stolpert das ganze Land durch Habgier, Korruption und allgegenwärtigen geistigen Verfall offenen Auges in den Abgrund. Die Rettung, meint er, kann nur die Rückkehr zu den traditionellen Werten bringen. 
Vielleicht findet ja die Diagnose noch einen gewisse Anhängerschaft, die konservative, nationalistische Therapie gewiß nicht. Nicht einmal in Rußland selbst. 
 

Können Affen sprechen?

Natürlich können sie sprechen, wenigstens zu bestimmten Zeiten der Primatenforschung, die anscheinend in Konjunkturwellen abläuft. Perioden hohen Interesses, also bedeutsamer Forschungsgelder und ebensolcher Forschungsergebnisse, folgen immer wieder auf jahrzehntelange finanzielle und Erkenntnis-Flauten. 
Jetzt sind die Forscher offenbar wieder auf einem Wellenberg. Die berühmte Affen-Expertin Sue Savage-Rambaugh hat soeben - mit dem Linguisten Talbot J. Taylor und dem Psychologen Stuart G. Shanker - ein neues Buch herausgebracht: „Apes, Language and the Human Mind". Das Fazit der Autoren: Die Auffassung, daß Sprache nur eine wesentlich menschliche Eigenschaft sei, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. 
Noch vor einigen Jahren drückte Savage-Rambaugh das nicht ganz so wagemutig aus. „Obwohl niemand behaupten wird", schrieb sie in „Animal Learning and Cognition", „Tiere hätten dieselbe Sprachfähigkeit wie Menschen, sollte aber niemand abstreiten, daß zumindest einige Tiere recht beeindruckende Befähigungen für Sprachfertigkeiten haben." 
In dem nun erschienenen Buch werden im Vergleich zu damals so gut wie keine neuen Erkenntnisse gegeben. Wieder muß der Bonobo-Junge Kanzi als Hauptzeuge herhalten. Kanzi hat in der Tat Erstaunliches geleistet: Er bekam keinen Unterricht, sondern lebte ungebunden mit den Forschern im Labor zusammen, hat dabei jedoch - sozusagen von allein - einen Wortschatz von 500 Aufforderungssätzen gelernt (Typ „Kanzi, kitzle Rose mit dem Spielzeughäschen!"), die er ohne fremde Hilfe in siebzig Prozent der Fälle richtig ausführt. Nur werden dabei gern zwei ernüchternde Erfahrungen nur unter dem Tisch gehandelt: Kanzis eigene Äußerungen gehen höchst selten über Drei-Wort-Sätze hinaus; und seine Mutter Matata wurde nach mehrjährigem Sprachunterricht von den Forschern als hoffnungsloser Fall entlassen. Der Tiersprachforscher Herbert Terrace von der Columbia University nannte die Schlußfolgerung, die Wort-Kombinationen eines Schimpansen (Typ „Baby in Baby in mein trinken") hätten dieselbe Struktur wie die Sätze eines Menchenkindes, zumindest „verfrüht" (nachzulesen in dem schönen dtv-Bändchen 33012 von Stephen Hart, „Von der Sprache der Tiere", 1996). 
 

Wiedergänger aus Nanking

Japanische Konservative sind in hellem Aufruhr über einen Bestseller, „The Rape of Nanking" von Iris Chang. Das Buch schildert die Barbarei der japanischen Armee nach der Eroberung der Stadt. Im Dezember 1937 und Januar 1938 wurden von der Japanern drei hunderttausend chinesische Zivilisten ermordet, eine nie erfaßte Zahl von Frauen vergewaltigt. 
„Chinesen", sagt dazu Akira Nakamura, Professor für Geschichte in Tokyo, „haben einen Hand zur Übertreibung." Er und seine konservativen Kollegen glauben schon deshalb nicht an ein derartiges „Massaker", weil die Bevölkerung von Nanking damals nur zweihunderttausend Menschen zählte und nicht sechshunderttausend, wie Iris Chang behauptet. Die Autorin kann jedoch auf historische Untersuchungen verweisen, denen zufolge von einer Million Bewohnern einige Hunderttausend geflohen, sechs- bis siebenhunderttausend Menschen jedoch zurückgeblieben waren. 
Noch immer bewältigt Japan seine Vergangenheit auf sehr eigenartige Weise. Der neue Film „Stolz", ein heroisierender Historienschinken über den Kriegsverbrecher verurteilten General Hideko Tojo, ist der meistbesuche japanische Film dieses Jahres. 
 

Autoren gegen Bertelsmann

Eine Gruppe von sechsundzwanzig prominenten Autoren, darunter Joseph Heller, Joyce Carol Oates, Erica Jong und Kurt Vonnegut, hat bei der Kartellbehörde der USA, die Federal Trade Commission (FTC), gegen die angekündigte Übernahme des Verlags Randon House durch Bertelsmann protestiert. Sie befürchten einen Verlust an Vielfalt in der amerikanischen Verlagslandschaft, und eine „ernsthafte Bedrohung für den freien Fluß der Ideen". 
Stuart Applebaum, der Sprecher der Bertelsmann AG, die bereits den Verlag Bantam-Doubleday-Bell besitzt, nannte den Vorwurf „absurd": „Die Entscheidung, wer publiziert wird und wer nicht, wird nicht von einem Menschen allein getroffen." Es ist tatsächlich so, daß zwischen den bisher schon zur Bertelsmanngruppe gehörenden Verlagen dieselbe preistreibende Konkurrenz etwa um Bestseller-Autoren herrscht wie zwischen anderen Verlagen auch. 
Ende Mai jedoch hat die FTC die Übernahme - Kosten: 1,3 Milliarden Dollar - genehmigt, wie ein Bertelsmannsprecher am 30. Mai bekanntgab. Bertelsmann wird damit zum größten Verleger englischsprachiger Bücher in der Welt. 
 

Buchhändler gegen Buchhandelsketten

Die amerikanische Buchhändlervereinigung (ABA)  hat vor einem Bundesgericht eine Klage gegen die Buchhandelsketten Barnes & Nobles und Borders eingereicht. Die Klageführer sind „überzeugt, daß diese Großen nur durch spezielle unlautere Vorzugsbedingungen das tun können, was sie tun". In einem fairen Wettbewerb, meinen sie, könnten auch die kleinen Buchläden mithalten. 
Die beiden verklagten Buchhandelsketten vereinen allein 40 Prozent des gesamten Buchumsatzes der USA (1997: zehn Milliarden Dollar) auf sich; im Jahr zuvor waren es erst 36 Prozent. Dagegen ist die Zahl der ABA-Mitglieder in den letzten Jahren von fünftausendeinhundert auf dreitausendfünfhundert geschrumpft, ihr Marktanteil von zweiunddreißig (1991) auf neunzehn Prozent (1996). 
 

Zensur I: Japan

Eine kurzer Text von John Updike, „A & P", der in einem Literaturlehrbuch des Verlags Kadokawa Shoten für japanische Universitäten stehen sollte, ist der in Japan nicht ungewöhnlichen Schulbuchzensur zum Opfer gefallen. Das Lehrbuch war für den Vorlesungsplan ab April 1999 geplant. 
Der beanstandete Updike-Text enthält die Beschreibung von drei Frauen im Badeanzug. Dies könne, so das Erziehungsministerium, junge Menschen verstören und so den Lehrbetrieb erschweren. 
Im Grunde ist kein Schaden passiert: Wenn die „jungen Menschen" wirklich auf Pornographie aus sind, gehen sie einfach zum nächsten Kiosk oder machen um Mitternach den Fernseher an. 
 

Zensur II: Ägypten

Die Amerikanische Universität in Kairo hat ein Buch aus dem Lehrplan genommen, das eine Zeitung und das ägyptische Erziehungsministerium als „blasphemisch" bezeichnet hatten. Das Lehrbuch „Mohammed" von Maxime Rodinson war seit Februar dieses Jahres Pflichtlektüre in der Vorlesung über „Die Geschichte der arabischen Gesellschaft". Es wurde allerdings bereits vor etwa fünfundzwanzig Jahren in Ägypten publiziert und war seitdem anstandslos erhältlich. 
Der Erziehungsminister Mufeed Shehab teilte der Universität mit, das Buch enthalte „Fäschungen, die dem Ansehen des Propheten und der Islamischen Religion schaden". Er reagierte damit offensichtlich auf die Kritik des Journalisten Salah Muntasser in der führenden Regierungszeitung Al-Ahram. Muntasser zitierte darin Passagen aus dem Buch, „die islamische Glaubensinhalte beleidigen und das heilige Buch der Muslims verhöhnen". Ihm zufolge habe Rodinson den Nachweis versucht, daß der Koran von Mohammed selbst geschrieben worden sei. Weiterenr Ärger verursachten die Hinweise Rodinsons auf zahlreiche inhaltliche Übernahmen aus der Bibel und anderen heiligen Büchern in den Koran. 
 

Ehrung

Arthur C. Clarke, der Autor der „Odyssee 2001", wird in diesem Monat in Colombo (Sri Lanka), seinem Wohnort seit dreißig Jahren, von der University of Illinois für sein literarisches Schaffen mit hohen Ehren ausgezeichnet, dem sogenannten Presidential Award and Medaillon. Nur zehn andere Preisträger wurden bisher damit ausgezeichnet. 
Der Erfinder des sprechenden Computers HAL 9000 soll danach auch noch in England zum Ritter geschlagen werden. 
 

Tom Clancy ohne Football-Mannschaft

Die Nachrichten, der unerklärlich erfolgreiche Thriller-Autor habe sich nun auch noch eine Football-Mannschaft zugelegt, erweisen sich jetzt als falsch. Die Minnesota Vikings sind noch immer nicht verkauft. Clancy hatte zuletzt zweihundert Millionen Dollar geboten, zog das Angebot Ende Mai jedoch zurück. Genau besehen, hatte er diese Millionen nicht einmal in der Tasche, sondern bloß magere sechzig, weshalb sein Finanzberater Marc Ganis versuchte, die Finanzierung mit der Hilfe anderer Investoren zusammenzubasteln. Als ihm diese Konstruktion mißlang, wurden die zehn Eigentümer der Vikings deutlich: No deal. 
 

Die Bibel im Regal

Zwar haben in den USA einundneunzig Prozent aller Haushalte mindestens eine Bibel, die typische Familie hat sogar drei Ausgaben dastehen, aber nur zweiundvierzig Prozent der Befragten wissen, daß es Jesus war, der die Bergpredigt gehalten hat. Und zwölf Prozent sind sogar der Meinung, Noah war mit Johanna von Orléans verheiratet. 
Immerhin: achtunddreißig Prozent geben an, auch außerhalb des Gottesdienstes regelmäßig die Bibel zu lesen, zweiundfünfzig Minuten pro Woche. 
Die Übersetzung der King James Version, einst als Standard für poetische Schönheit gerühmt, hat inzwischen eine ganze Reihe modernisierter Übertragungen zur Seite, mal als populärer Roman, mal mit seitenhohen wissenschaftlichen Fußnoten. Das Geschäft boomt. 
 

Wieviele Megabytes hat der liebe Gott?

In edler Absicht, aber mit intellektuellen Minimalaufwand versucht Jennifer Cobb in ihrem Buch „Cybergrace" (oder Die Suche nach Gott in der digitalen Welt) den Nachweis, daß es a) ein höheres Wesen gibt und b) daß es im Internet, jedenfalls in der Welt der Computer wohnt. In einem Furor der Vollständigkeit wirft sie alles in die Schlacht, besser: in ihr Buch, was gut und teuer und irgendwie geistvoll ist: synthetische Evolution, künstliche Intelligenz, Virtual Reality, östliche und westliche Denkschulen, wissenschaftlich Angelesenes und vage als relevant Empfundenes bunt durcheinander, und dann noch einen Schuß Robotertechnik hinterher. Mitunter witzige Details: „Religion", erinnert sie uns, kommt von dem lateinischen Wort für „verbinden, verknüpfen" (Sie wissen schon, diese „Verknüpfungen" in dem bekannten Betriebsprogramm!). Meist aber ist nur bodennaher, hilfloser Metaphernbombast, so wenn sie Gott den großen, transzendenten Computer im Himmel" nennt. So kommt sie denn auch nahtlos zu einem ganz frischen Gottesbeweis: Daß Kasparov gegen Big Blue schließlich doch noch verloren hat, war natürlich - oder auch übernatürlich - die Hand Gottes in der Maschine. 
Die „Spiritualität des Internet", wenn es sie denn gibt, bleibt also erst noch zu entdecken. 
 

Nekrologe

Thomas Narcejac, zusammen mit Pierre Boileau der Autor der Romanvorlage für „Les Diaboliques", ist im Alter von fast 90 Jahren gestorben und wurde am Donnerstag, dem 11.  Juni, in Nizza begraben. 
Narcejac war im Hauptberuf Dozent für Philosophie und Literatur an der Universität von Nantes. Thriller schrieb er in seiner Freizeit. Mit sechsundzwanzig Jahren hatte er sein erstes Manuskript beendet, aber erst zwölf Jahre später fand es einen Verlag und wurde als „Die Mitternachtsmörder" ein plötzlicher Erfolg. Kurz danach traf er Boileau, und beide schrieben etwa dreiundvierzig Thriller. Eine ihren frühen Koproduktionen war „Celui qui disparait", das von mehreren Verlagen abgelehnt, aber schließlich 1954 veröffentlicht wurde. Hitchcock hätte den Roman gern selbst verfilmt, aber Henri Clouzot war schneller: Er kaufte die Filmrecht und drehte mit Simone Signoret „Les Diabolliques" (immer noch um Längen sehenswerter als das Remake „Diabolique" mit Sharon Stone und Isabelle Adjani). 
Einen Tag vor Narcejacs Begräbnis ist in Kersey (Südengland) Hammond Innes gestorben. Innes war leidenschaftlicher Segler. Sein eigenes Boo, die „Mary Deare", inspirierte ihn zu seinem seinem berühmten Thriller „The Wreck of the Mary Deare", der 1959 mit Gary Coopeer, Charlton Heston undMichael Redgrave verfilmt wurde. Sein letzter Roman war „Delta Connection" 1996. 

Sophie als Film

Jostein Gaarders überraschend erfolgreicher Roman "Sophies Welt" wird verfilmt (Übersetzungen in vierundvierzig Sprachen, seit 1995 über fünfzehn Millionen verkaufte Exemplare; bereits eine britische Fernsehserie und eine CD-ROM-Version; das Musical dazu hatte soeben seine Weltpremiere in Deutschland). Der Regisseur Erik Gustavsen soll mit achtzehn Millionen Mark in den NRK-Studios in Oslo das Buch zu einem Kinofilm verarbeiten. Für die Titelrolle wurde aus viertausendfünfhundert Bewerberinnen die vierzehnjährige Schauspielerin Silje Storstein ausgewählt. 
Bemerkenswert: Der Film wird - trotz der erwartbaren multinationalen Verwertung und starkem Interesse aus Hollywood - original in norwegischer Sprache gedreht. Premiere: nächstes Jahr im August. Natürlich in Oslo. 
 

Ein Kapitel wird verfilmt

Anfang dieses Monats beginnen in Italien die Filmarbeiten an „Tee mit Mussolini". Das Drehbuch (von John Mortimer) geht auf ein Kapitel der gleichnamigen Autobiographie von Franco Zeffirelli zurück und behandelt die Zeit von 1932 bis 1945. Die Dreharbeiten in Florenz, San Gimignano und Rom sollen elf Wochen dauern.
 

Eine Frauen-Bibliothek

Jeder amerikanische Präsident muß neuerdings seinen eigenen Dokumenten-Tempel haben: die JFK-Bibliothek, die LBJ-Bibliothek, die Richard-Nixon-, die Ronald-Reagan- und demnächst garantiert die Bill-Clinton-Bibliothek. Wer da bis jetzt leer ausging, waren die First Ladies.
Das konnte nicht so weitergehen. Mrs. Regula, die geschichtsbegeisterte Frau eines Kongreßabgeordneten: „Die bisher weggelassene Geschichte der Frauen, und die der First Ladies als ein Teil davon, sollte uns ebenso wichtig sein wie die Geschichte der Männer." Nun gut, Frauen sind sicher ebenso wichtig wie Männer, aber einige sind eben noch wichtiger als andere.
Mrs. Regula hat ein paar dieser wichtigen Dinge ausgegraben: Mrs. Lincoln zum Beispiel war eine Gegnerin der Sklaverei, und Mrs. Pierce trauerte während der ganzen Präsidentschaft ihres Mannes über Unfalltod ihres Sohnes Benjamin. „Ist das nicht interessant? Das ist doch eigentlich das Schöne am Studium der Geschichte", sagte Mrs. Regula. Da hat offenbar die Talkshow-Beliebigkeit nun auch die Historie ergriffen.
Eine Million Dollar privater Spenden zum Ankauf von Büchern  hat sie schon gesammelt. Auch ein Haus steht schon zur Verfügung, das ehemalige Wohnhaus des Präsidenten McKinley. Anfang Juni wurde hier bereits eine Fotoausstellung über vergangene First Ladies eröffnet.
Nun können die Damen endlich, endlich aus dem Schatten ihrer Männer heraustreten. Ein Durchbruch.
 

Springer greift nach England aus

Die britische Zeitungsgruppe Trinity hat sich als Kaufinteressent für die Mirror-Gruppe (die das Massenblatt Daily Mirror herausgibt) zurückgezogen, nachdem die Axel-Springer-Gruppe erklärt hat, sie sei selbst am Kauf interessiert. Der Kaufpreis wird auf deutlich über drei Milliarden Mark geschätzt. Die Aktie der Mirror-Gruppe hat seit Anfang Mai ihren Wert um etwa ein fünfundzwanzig Prozent erhöht und liegt derzeit fast bei zweieinhalb Pfund.
 

Ein Clinton-Buch für die Chinesen

Der hochgepuschte Skandal nimmt kein Ende, er wird global. Ende des Monats besucht der amerikanische Präsident China, und damit die Gastgeber auch wissen, mit wem sie es zu tun haben, ist gerade rechtzeitig eine Art Aufklärungsbuch erschienen, „Das Temperament Präsident Clintons". Das Pikante daran ist, daß das chinesische Schriftzeichen für „Temperament" aus zwei anderen zusammengesetzt ist, die jeweils für sich „Sex" und „Leidenschaft" bedeuten.Obwohl das Buch, selbstverständlich, in einem Staatsverlag erschienen ist, ist keine offizielle Verunglimpfung des Präsidenten beabsichtigt. Lin Fangjian, einer der Herausgeber, nannte brav kapitalistisch die Aktualität und Verkäuflichkeit des Buches als einzige Gründe. 
In den Anzeigen jedoch ist vom „Welt-Sexskandal Nummer 1" die Rede. Und der Staatsmann wird durchaus - eigentlich atypisch für China - im Privatleben gezeigt, mit allen Frauen, die inzwischen jeder kennt, und ihren jeweiligen Fotos.
Die Kundschaft scheint verwirrt von so viel Enthüllung. Das Werk, seit Ende Mai in den Buchläden, findet nur schleppenden Absatz.
PS
Letzte Nachricht (vom 12. Juni):
In Peking werden für den hohen Besuch jetzt nicht nur die Straßen und Grünanlagen gereinigt, sondern auch die Buchhandlungen: Die Clinton-Biographie wurde von der Staatlichen Verlags- und Presse-Verwaltung wieder eingezogen. 
Als Begründung dient die „schlechte Buchbinderarbeit". Angeblich fallen dauernd bestimmte Seiten aus dem Buch, und zwar ausgerechnet die, auf denen Clinton mit anderen Frauen dargestellt ist.
China hat Übung in solchen Reinigungsaktionen. Schon vor zwei Jahren, vor dem Besuch des Außenministers Christopher Warren, verschwand aus den Läden in Shanghai der Band „China can say No". Chinesische Höflichkeit, eben.
Nur eine Buchhandlung in Peking, die für ihr Angebit an umstrittenen Titeln berühmt ist, hat sich der Maßnahme verweigert und hält das Clinton-Buch weitr vorrätig.
 

Die Wahrheit
über James Joyce’ „Ulysses"

James JoyceEigentlich hätten die Unterlagen aus dem britischen Justizmi-
nisterium bis ins Jahr 2022 unter Verschluß bleiben müssen. Aber schon jetzt, Mitte Mai, wurden sie freigegeben und in der britischen Zeitung The Guardian veröffentlicht
.Sie enthüllen, daß für den Obersten Staatsanwalt zum Verbot des „Ulysses" die Lektüre der Seiten 690 bis 732 ausreichte. „Ich hatte", erklärt er, "weder die Zeit, noch - wie ich hinzufügen möchte - die Neigung, das ganze Buch durchzulesen." Das Wenige, das er überflogen hatte, genügte ihm 1923 zur Festellung „ungehemmter Schmutzigkeit und Obszönität" und zum nachfolgenden Druckverbot in Großbritannien. 
Erst 1936 konnte  „Ulysses" in London gedruckt werden (in einer teuren, weil limitierten Auflage).
 

Microsoft-Thriller

Zugegeben: Die Firma in dem neuen Thriller „Ulterior Motive" von Daniel Oran heißt nicht Microsoft, sondern Megasoft. Aber diese und alle anderen Ähnlichkeiten des Romans mit dem Unternehmen sind durchaus gewollt.
Der Held, Programmierer bei Megasoft, wird in der Firmengarage Zeuge eines Mordes, wird kurz darauf entlassen, kriegt den Mord in die Schuhe geschoben und wird zum Freiwild erklärt. Und als ob das nicht schon genug wäre, wird ihm dann auch noch mit elektronischen Finessen seine Identität geraubt: Seine Kreditkarte gilt nicht mehr. Währenddessen drückt der Software-Gigant ein neues Programm in den Markt, das sich über das Internet selbsttätig auf jeder Benutzer-Festplatte festsetzt und der Firma laufend Informationen über den Kunden liefert
.Der Autor war früher selbst Programmmierer bei Microsoft und hat eigenen Angaben zufolge das Start-Icon und die Task-Leiste von Windows 95 entwickelt. Die Idee zu dem Thriller sei ihm beim Gang über den Microsoft-Parkplatz gekommen. „Das Buch ist ganz klar ein Porträt der Unternehmenskultur und der Philosophie von Microsoft", sagte er, „auch wenn ich dort natürlich keine Morde beobachtet habe."
Der Schutzumschlag verspricht „intelligente Spannung in einer düsteren Politik- und Computerwelt, in der wir uns überlegen sollten, ob wir noch unseren Computer anschalten." Der Literarische Kalender

Am 18. Juni 1746 unterschreiben mehrere Londoner Buchhändler mit Samuel Johnson den Vertrag über das „Dictionary of the English Language". Das Autorenhonorar: eintausendfünfhundertfünfundsiebzig Pfund.
Am gleichen Tag des Jahres 1878 betritt Joseph Conrad, polnischer Hilfsmatrose und späterer Romancier, britischen Boden. 
Am 19. Juni 1623 wird Blaise Pascal geboren.
Am 21. Juni 1905 wird Jean Paul Sartre geboren.
Am 21. Juni 1956 weigert sich Arthur Miller vor dem „Ausschuß gegen un-amerikanische Aktivitäten", seine Schriftsteller-Kollegen zu denunzieren.
Am 22. Juni vor hundert Jahren wird Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues") in Osnabrück geboren. 
Am 23. Juni 1910 wird Jean Anouilh geboren.
Am 23. Juni 1937 flieht George Orwell mit seiner Frau aus Spanien, wo er auf der Seite der Republik am Bürgerkrieg teilgenommen hatte.
Am 24. Juni 1902 wirft Joseph Conrad in der Eile, den Angabetermin einzuhalten, eine Öllampe auf dem Schreibtisch um, und die zweite Lieferung seines Romans „Das Ende vom Lied" geht in Flammen auf.
Am 25. Juni 1857 werden die „Fleurs du Mal" von Charles Baudelaire veröffentlicht.
Am gleichen Tag des Jahres 1903 wird George Orwell in Bengalen (Indien) geboren.
Am 27. Juni 1605 wird der verarmte Cervantes und seine ganze Familie verhaftet. Die Anklage, er sei in den gewaltsamen Tod eines Adligen verwickelt, wird aber einige Tage später fallengelassen.
Am 27. Juni 1928 bringen Adrienne Monnier und Sylvia Beach zwei berühmte Autoren beim Abendessen zusammen: F. Scott Fitzgerald und James Joyce. Der Grund: Fitzgerald hat so viel Respekt vor Joyce, daß er ihn nicht anzusprechen wagt.
Am 28. Juni 1712 wird in Genf Jean Jacques Rousseau geboren.
Am 29. Juni 1613 brennt das Londoner Globe Theater ab: während einer Aufführung von Shakespeares „Heinrich VIII.".
Am 29. Juni 1900 wird Antoine de Saint-Exupéry in Lyon geboren.
Am 30. Juni 1857, mitten im Sommer, liest Charles Dickens zum erstenmal öffentlich sein „Weihnachtsmärchen" vor.