| Das kleinste Buch der Welt
Der Maler Chen Frong-Shean aus Taiwan das
- wie er meint - kleinste Buch der Welt hergestellt (Abbildung). Es ist
neun Millimeter breit und ebenso hoch und bei diesem Format relativ ungewöhnliche
fünfzehn Millimeter dick. Es enthält Farbillustrationen und nur
ein Zeilen pro Seite.
Aber Zweifel an diesem Rekord sind angebracht. Denn schließlich
gibt es da noch den „Bloemenhofje", ein holländisches Buch von 1673.
Es ist schmaler (8,5 Millimeter), dafür etwa breiter (12,5 Millimeter),
aber erheblich dünner (etwa fünf Millimeter). Zumindest dem Gesamtvolumen
nach bleibt also der „Blumenhof" weiterhin das kleinste Buch der Welt.
Im übrigen hat dieses Bändchen etwas, was Frong-Sheans Buch
fehlt: eine wie vom Juwelier gearbeitete Verschlußschnalle.
Ein Schulbuch der Roten Khmer entdeckt
Schon die zehnjährigen Schüler werden bei den versprengten
Resten der kambodschanischen Roten Khmer in Feinderkennung und Guerillakrieg
unterrichtet. Das Lehrbuch dazu wurde soeben in der Hand einer jungen Schülerin
entdeckt, die aus dem Dschungelstützpunkt bei Anlong Veng in Nord-Kambodscha
fliehen konnte, das fast zerfledderte Buch aber nur ungern hergab, da es
ihr einziger Besitz war. Es wurde 1994 gedruckt und umfaßt einhundertzwanzig
Seiten.
Die Lektionen des Buches verraten einen ungewöhnlichen Lehrplan:
- Die Kinder lernen darin zum Beispiel die Herstellung zugespitzter
und mit Baumgift getränkter Bambusstücke. Das Opfer, wird ihnen
beigebracht, „fällt in kramphafte Zuckungen und stirbt".
- Der auswendig zu lernende Wortschatz befaßt sich - neben harmloseren
Inhalten - mit Verrat, Infiltrierung, Minenexplosion, und traditioneller
Bewaffnung.
- Die Lektionen enthalten auch ausgearbeitete Vorlagen für Briefe
an die kämpfenden Khmer-Soldaten, in denen diesie für ihren Mut
und ihre Siege gepriesen werden.
Das Buch wurde von Willem van de Put entdeckt, dem Leiter der Transcultural
Psychosocial Organization. Die Organisation kümmert sich um die psychischen
Probleme von Flüchtlingen, die hier erst wieder lernen müssen,
in einer nicht-repressiven Gesellschaft zu leben.
Soltschenytsin im Fallwind
„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", „Der GULAG-Archipel" und
„Der siebte Kreis der Hölle" waren literarische Orientierungspunkte.
Aber das neueste Werk von Alexander Soltschenytsin, „Rußland im Zusammenbruch",
tritt deutlich mutlos in die Welt: Die Auflage beträgt nur fünftausend
Exemplare, und die werden nur in einer einzigen - nebenbei: verlagseigenen
- Buchhandlung in Moskau verkauft.
Wie schon das letzte Buch des Autors, „Die russische Frage am Ende
des 20. Jahrhunderts", ist auch der „Zusammenbruch" eine vorhersehbare
Verdammung des modernen Rußland. Für Soltschneytsin stolpert
das ganze Land durch Habgier, Korruption und allgegenwärtigen geistigen
Verfall offenen Auges in den Abgrund. Die Rettung, meint er, kann nur die
Rückkehr zu den traditionellen Werten bringen.
Vielleicht findet ja die Diagnose noch einen gewisse Anhängerschaft,
die konservative, nationalistische Therapie gewiß nicht. Nicht einmal
in Rußland selbst.
Können Affen sprechen?
Natürlich können sie sprechen, wenigstens zu bestimmten Zeiten
der Primatenforschung, die anscheinend in Konjunkturwellen abläuft.
Perioden hohen Interesses, also bedeutsamer Forschungsgelder und ebensolcher
Forschungsergebnisse, folgen immer wieder auf jahrzehntelange finanzielle
und Erkenntnis-Flauten.
Jetzt sind die Forscher offenbar wieder auf einem Wellenberg. Die berühmte
Affen-Expertin Sue Savage-Rambaugh hat soeben - mit dem Linguisten Talbot
J. Taylor und dem Psychologen Stuart G. Shanker - ein neues Buch herausgebracht:
„Apes, Language and the Human Mind". Das Fazit der Autoren: Die Auffassung,
daß Sprache nur eine wesentlich menschliche Eigenschaft sei, ist
nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Noch vor einigen Jahren drückte Savage-Rambaugh das nicht ganz
so wagemutig aus. „Obwohl niemand behaupten wird", schrieb sie in „Animal
Learning and Cognition", „Tiere hätten dieselbe Sprachfähigkeit
wie Menschen, sollte aber niemand abstreiten, daß zumindest einige
Tiere recht beeindruckende Befähigungen für Sprachfertigkeiten
haben."
In dem nun erschienenen Buch werden im Vergleich zu damals so gut wie
keine neuen Erkenntnisse gegeben. Wieder muß der Bonobo-Junge Kanzi
als Hauptzeuge herhalten. Kanzi hat in der Tat Erstaunliches geleistet:
Er bekam keinen Unterricht, sondern lebte ungebunden mit den Forschern
im Labor zusammen, hat dabei jedoch - sozusagen von allein - einen Wortschatz
von 500 Aufforderungssätzen gelernt (Typ „Kanzi, kitzle Rose mit dem
Spielzeughäschen!"), die er ohne fremde Hilfe in siebzig Prozent der
Fälle richtig ausführt. Nur werden dabei gern zwei ernüchternde
Erfahrungen nur unter dem Tisch gehandelt: Kanzis eigene Äußerungen
gehen höchst selten über Drei-Wort-Sätze hinaus; und seine
Mutter Matata wurde nach mehrjährigem Sprachunterricht von den Forschern
als hoffnungsloser Fall entlassen. Der Tiersprachforscher Herbert Terrace
von der Columbia University nannte die Schlußfolgerung, die Wort-Kombinationen
eines Schimpansen (Typ „Baby in Baby in mein trinken") hätten dieselbe
Struktur wie die Sätze eines Menchenkindes, zumindest „verfrüht"
(nachzulesen in dem schönen dtv-Bändchen 33012 von Stephen Hart,
„Von der Sprache der Tiere", 1996).
Wiedergänger aus Nanking
Japanische Konservative sind in hellem Aufruhr über einen Bestseller,
„The Rape of Nanking" von Iris Chang. Das Buch schildert die Barbarei der
japanischen Armee nach der Eroberung der Stadt. Im Dezember 1937 und Januar
1938 wurden von der Japanern drei hunderttausend chinesische Zivilisten
ermordet, eine nie erfaßte Zahl von Frauen vergewaltigt.
„Chinesen", sagt dazu Akira Nakamura, Professor für Geschichte
in Tokyo, „haben einen Hand zur Übertreibung." Er und seine konservativen
Kollegen glauben schon deshalb nicht an ein derartiges „Massaker", weil
die Bevölkerung von Nanking damals nur zweihunderttausend Menschen
zählte und nicht sechshunderttausend, wie Iris Chang behauptet. Die
Autorin kann jedoch auf historische Untersuchungen verweisen, denen zufolge
von einer Million Bewohnern einige Hunderttausend geflohen, sechs- bis
siebenhunderttausend Menschen jedoch zurückgeblieben waren.
Noch immer bewältigt Japan seine Vergangenheit auf sehr eigenartige
Weise. Der neue Film „Stolz", ein heroisierender Historienschinken über
den Kriegsverbrecher verurteilten General Hideko Tojo, ist der meistbesuche
japanische Film dieses Jahres.
Autoren gegen Bertelsmann
Eine Gruppe von sechsundzwanzig prominenten Autoren, darunter Joseph
Heller, Joyce Carol Oates, Erica Jong und Kurt Vonnegut, hat bei der Kartellbehörde
der USA, die Federal Trade Commission (FTC), gegen die angekündigte
Übernahme des Verlags Randon House durch Bertelsmann protestiert.
Sie befürchten einen Verlust an Vielfalt in der amerikanischen Verlagslandschaft,
und eine „ernsthafte Bedrohung für den freien Fluß der Ideen".
Stuart Applebaum, der Sprecher der Bertelsmann AG, die bereits den
Verlag Bantam-Doubleday-Bell besitzt, nannte den Vorwurf „absurd": „Die
Entscheidung, wer publiziert wird und wer nicht, wird nicht von einem Menschen
allein getroffen." Es ist tatsächlich so, daß zwischen den bisher
schon zur Bertelsmanngruppe gehörenden Verlagen dieselbe preistreibende
Konkurrenz etwa um Bestseller-Autoren herrscht wie zwischen anderen Verlagen
auch.
Ende Mai jedoch hat die FTC die Übernahme - Kosten: 1,3 Milliarden
Dollar - genehmigt, wie ein Bertelsmannsprecher am 30. Mai bekanntgab.
Bertelsmann wird damit zum größten Verleger englischsprachiger
Bücher in der Welt.
Buchhändler gegen Buchhandelsketten
Die amerikanische Buchhändlervereinigung (ABA) hat vor einem
Bundesgericht eine Klage gegen die Buchhandelsketten Barnes & Nobles
und Borders eingereicht. Die Klageführer sind „überzeugt, daß
diese Großen nur durch spezielle unlautere Vorzugsbedingungen das
tun können, was sie tun". In einem fairen Wettbewerb, meinen sie,
könnten auch die kleinen Buchläden mithalten.
Die beiden verklagten Buchhandelsketten vereinen allein 40 Prozent
des gesamten Buchumsatzes der USA (1997: zehn Milliarden Dollar) auf sich;
im Jahr zuvor waren es erst 36 Prozent. Dagegen ist die Zahl der ABA-Mitglieder
in den letzten Jahren von fünftausendeinhundert auf dreitausendfünfhundert
geschrumpft, ihr Marktanteil von zweiunddreißig (1991) auf neunzehn
Prozent (1996).
Zensur I: Japan
Eine kurzer Text von John Updike, „A & P", der in einem Literaturlehrbuch
des Verlags Kadokawa Shoten für japanische Universitäten stehen
sollte, ist der in Japan nicht ungewöhnlichen Schulbuchzensur zum
Opfer gefallen. Das Lehrbuch war für den Vorlesungsplan ab April 1999
geplant.
Der beanstandete Updike-Text enthält die Beschreibung von drei
Frauen im Badeanzug. Dies könne, so das Erziehungsministerium, junge
Menschen verstören und so den Lehrbetrieb erschweren.
Im Grunde ist kein Schaden passiert: Wenn die „jungen Menschen" wirklich
auf Pornographie aus sind, gehen sie einfach zum nächsten Kiosk oder
machen um Mitternach den Fernseher an.
Zensur II: Ägypten
Die Amerikanische Universität in Kairo hat ein Buch aus dem Lehrplan
genommen, das eine Zeitung und das ägyptische Erziehungsministerium
als „blasphemisch" bezeichnet hatten. Das Lehrbuch „Mohammed" von Maxime
Rodinson war seit Februar dieses Jahres Pflichtlektüre in der Vorlesung
über „Die Geschichte der arabischen Gesellschaft". Es wurde allerdings
bereits vor etwa fünfundzwanzig Jahren in Ägypten publiziert
und war seitdem anstandslos erhältlich.
Der Erziehungsminister Mufeed Shehab teilte der Universität mit,
das Buch enthalte „Fäschungen, die dem Ansehen des Propheten und der
Islamischen Religion schaden". Er reagierte damit offensichtlich auf die
Kritik des Journalisten Salah Muntasser in der führenden Regierungszeitung
Al-Ahram. Muntasser zitierte darin Passagen aus dem Buch, „die islamische
Glaubensinhalte beleidigen und das heilige Buch der Muslims verhöhnen".
Ihm zufolge habe Rodinson den Nachweis versucht, daß der Koran von
Mohammed selbst geschrieben worden sei. Weiterenr Ärger verursachten
die Hinweise Rodinsons auf zahlreiche inhaltliche Übernahmen aus der
Bibel und anderen heiligen Büchern in den Koran.
Ehrung
Arthur C. Clarke, der Autor der „Odyssee 2001", wird in diesem Monat
in Colombo (Sri Lanka), seinem Wohnort seit dreißig Jahren, von der
University of Illinois für sein literarisches Schaffen mit hohen Ehren
ausgezeichnet, dem sogenannten Presidential Award and Medaillon. Nur zehn
andere Preisträger wurden bisher damit ausgezeichnet.
Der Erfinder des sprechenden Computers HAL 9000 soll danach auch noch
in England zum Ritter geschlagen werden.
Tom Clancy ohne Football-Mannschaft
Die Nachrichten, der unerklärlich erfolgreiche Thriller-Autor habe
sich nun auch noch eine Football-Mannschaft zugelegt, erweisen sich jetzt
als falsch. Die Minnesota Vikings sind noch immer nicht verkauft. Clancy
hatte zuletzt zweihundert Millionen Dollar geboten, zog das Angebot Ende
Mai jedoch zurück. Genau besehen, hatte er diese Millionen nicht einmal
in der Tasche, sondern bloß magere sechzig, weshalb sein Finanzberater
Marc Ganis versuchte, die Finanzierung mit der Hilfe anderer Investoren
zusammenzubasteln. Als ihm diese Konstruktion mißlang, wurden die
zehn Eigentümer der Vikings deutlich: No deal.
Die Bibel im Regal
Zwar haben in den USA einundneunzig Prozent aller Haushalte mindestens
eine Bibel, die typische Familie hat sogar drei Ausgaben dastehen, aber
nur zweiundvierzig Prozent der Befragten wissen, daß es Jesus war,
der die Bergpredigt gehalten hat. Und zwölf Prozent sind sogar der
Meinung, Noah war mit Johanna von Orléans verheiratet.
Immerhin: achtunddreißig Prozent geben an, auch außerhalb
des Gottesdienstes regelmäßig die Bibel zu lesen, zweiundfünfzig
Minuten pro Woche.
Die Übersetzung der King James Version, einst als Standard für
poetische Schönheit gerühmt, hat inzwischen eine ganze Reihe
modernisierter Übertragungen zur Seite, mal als populärer Roman,
mal mit seitenhohen wissenschaftlichen Fußnoten. Das Geschäft
boomt.
Wieviele Megabytes hat der liebe Gott?
In edler Absicht, aber mit intellektuellen Minimalaufwand versucht Jennifer
Cobb in ihrem Buch „Cybergrace" (oder Die Suche nach Gott in der digitalen
Welt) den Nachweis, daß es a) ein höheres Wesen gibt und b)
daß es im Internet, jedenfalls in der Welt der Computer wohnt. In
einem Furor der Vollständigkeit wirft sie alles in die Schlacht, besser:
in ihr Buch, was gut und teuer und irgendwie geistvoll ist: synthetische
Evolution, künstliche Intelligenz, Virtual Reality, östliche
und westliche Denkschulen, wissenschaftlich Angelesenes und vage als relevant
Empfundenes bunt durcheinander, und dann noch einen Schuß Robotertechnik
hinterher. Mitunter witzige Details: „Religion", erinnert sie uns, kommt
von dem lateinischen Wort für „verbinden, verknüpfen" (Sie wissen
schon, diese „Verknüpfungen" in dem bekannten Betriebsprogramm!).
Meist aber ist nur bodennaher, hilfloser Metaphernbombast, so wenn sie
Gott den großen, transzendenten Computer im Himmel" nennt. So kommt
sie denn auch nahtlos zu einem ganz frischen Gottesbeweis: Daß Kasparov
gegen Big Blue schließlich doch noch verloren hat, war natürlich
- oder auch übernatürlich - die Hand Gottes in der Maschine.
Die „Spiritualität des Internet", wenn es sie denn gibt, bleibt
also erst noch zu entdecken.
Nekrologe
Thomas Narcejac, zusammen mit Pierre Boileau der Autor der Romanvorlage
für „Les Diaboliques", ist im Alter von fast 90 Jahren gestorben und
wurde am Donnerstag, dem 11. Juni, in Nizza begraben.
Narcejac war im Hauptberuf Dozent für Philosophie und Literatur
an der Universität von Nantes. Thriller schrieb er in seiner Freizeit.
Mit sechsundzwanzig Jahren hatte er sein erstes Manuskript beendet, aber
erst zwölf Jahre später fand es einen Verlag und wurde als „Die
Mitternachtsmörder" ein plötzlicher Erfolg. Kurz danach traf
er Boileau, und beide schrieben etwa dreiundvierzig Thriller. Eine ihren
frühen Koproduktionen war „Celui qui disparait", das von mehreren
Verlagen abgelehnt, aber schließlich 1954 veröffentlicht wurde.
Hitchcock hätte den Roman gern selbst verfilmt, aber Henri Clouzot
war schneller: Er kaufte die Filmrecht und drehte mit Simone Signoret „Les
Diabolliques" (immer noch um Längen sehenswerter als das Remake „Diabolique"
mit Sharon Stone und Isabelle Adjani).
Einen Tag vor Narcejacs Begräbnis ist in Kersey (Südengland)
Hammond Innes gestorben. Innes war leidenschaftlicher Segler. Sein eigenes
Boo, die „Mary Deare", inspirierte ihn zu seinem seinem berühmten
Thriller „The Wreck of the Mary Deare", der 1959 mit Gary Coopeer, Charlton
Heston undMichael Redgrave verfilmt wurde. Sein letzter Roman war „Delta
Connection" 1996. |
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Sophie als Film
Jostein Gaarders überraschend erfolgreicher Roman
"Sophies Welt" wird verfilmt (Übersetzungen in vierundvierzig Sprachen,
seit 1995 über fünfzehn Millionen verkaufte Exemplare; bereits
eine britische Fernsehserie und eine CD-ROM-Version; das Musical dazu hatte
soeben seine Weltpremiere in Deutschland). Der Regisseur Erik Gustavsen
soll mit achtzehn Millionen Mark in den NRK-Studios in Oslo das Buch zu
einem Kinofilm verarbeiten. Für die Titelrolle wurde aus viertausendfünfhundert
Bewerberinnen die vierzehnjährige Schauspielerin Silje Storstein ausgewählt.
Bemerkenswert: Der Film wird - trotz der erwartbaren
multinationalen Verwertung und starkem Interesse aus Hollywood - original
in norwegischer Sprache gedreht. Premiere: nächstes Jahr im August.
Natürlich in Oslo.
Ein Kapitel wird verfilmt
Anfang dieses Monats beginnen in Italien die Filmarbeiten
an „Tee mit Mussolini". Das Drehbuch (von John Mortimer) geht auf ein Kapitel
der gleichnamigen Autobiographie von Franco Zeffirelli zurück und
behandelt die Zeit von 1932 bis 1945. Die Dreharbeiten in Florenz, San
Gimignano und Rom sollen elf Wochen dauern.
Eine Frauen-Bibliothek
Jeder amerikanische Präsident muß neuerdings
seinen eigenen Dokumenten-Tempel haben: die JFK-Bibliothek, die LBJ-Bibliothek,
die Richard-Nixon-, die Ronald-Reagan- und demnächst garantiert die
Bill-Clinton-Bibliothek. Wer da bis jetzt leer ausging, waren die First
Ladies.
Das konnte nicht so weitergehen. Mrs. Regula, die geschichtsbegeisterte
Frau eines Kongreßabgeordneten: „Die bisher weggelassene Geschichte
der Frauen, und die der First Ladies als ein Teil davon, sollte uns ebenso
wichtig sein wie die Geschichte der Männer." Nun gut, Frauen sind
sicher ebenso wichtig wie Männer, aber einige sind eben noch wichtiger
als andere.
Mrs. Regula hat ein paar dieser wichtigen Dinge ausgegraben:
Mrs. Lincoln zum Beispiel war eine Gegnerin der Sklaverei, und Mrs. Pierce
trauerte während der ganzen Präsidentschaft ihres Mannes über
Unfalltod ihres Sohnes Benjamin. „Ist das nicht interessant? Das ist doch
eigentlich das Schöne am Studium der Geschichte", sagte Mrs. Regula.
Da hat offenbar die Talkshow-Beliebigkeit nun auch die Historie ergriffen.
Eine Million Dollar privater Spenden zum Ankauf von Büchern
hat sie schon gesammelt. Auch ein Haus steht schon zur Verfügung,
das ehemalige Wohnhaus des Präsidenten McKinley. Anfang Juni wurde
hier bereits eine Fotoausstellung über vergangene First Ladies eröffnet.
Nun können die Damen endlich, endlich aus dem Schatten
ihrer Männer heraustreten. Ein Durchbruch.
Springer greift nach England aus
Die britische Zeitungsgruppe Trinity hat sich als Kaufinteressent
für die Mirror-Gruppe (die das Massenblatt Daily Mirror herausgibt)
zurückgezogen, nachdem die Axel-Springer-Gruppe erklärt hat,
sie sei selbst am Kauf interessiert. Der Kaufpreis wird auf deutlich über
drei Milliarden Mark geschätzt. Die Aktie der Mirror-Gruppe hat seit
Anfang Mai ihren Wert um etwa ein fünfundzwanzig Prozent erhöht
und liegt derzeit fast bei zweieinhalb Pfund.
Ein Clinton-Buch für die Chinesen
Der hochgepuschte Skandal nimmt kein Ende, er wird global.
Ende des Monats besucht der amerikanische Präsident China, und damit
die Gastgeber auch wissen, mit wem sie es zu tun haben, ist gerade rechtzeitig
eine Art Aufklärungsbuch erschienen, „Das Temperament Präsident
Clintons". Das Pikante daran ist, daß das chinesische Schriftzeichen
für „Temperament" aus zwei anderen zusammengesetzt ist, die jeweils
für sich „Sex" und „Leidenschaft" bedeuten.Obwohl das Buch, selbstverständlich,
in einem Staatsverlag erschienen ist, ist keine offizielle Verunglimpfung
des Präsidenten beabsichtigt. Lin Fangjian, einer der Herausgeber,
nannte brav kapitalistisch die Aktualität und Verkäuflichkeit
des Buches als einzige Gründe.
In den Anzeigen jedoch ist vom „Welt-Sexskandal Nummer
1" die Rede. Und der Staatsmann wird durchaus - eigentlich atypisch für
China - im Privatleben gezeigt, mit allen Frauen, die inzwischen jeder
kennt, und ihren jeweiligen Fotos.
Die Kundschaft scheint verwirrt von so viel Enthüllung.
Das Werk, seit Ende Mai in den Buchläden, findet nur schleppenden
Absatz.
PS
Letzte Nachricht (vom 12. Juni):
In Peking werden für den hohen Besuch jetzt nicht
nur die Straßen und Grünanlagen gereinigt, sondern auch die
Buchhandlungen: Die Clinton-Biographie wurde von der Staatlichen Verlags-
und Presse-Verwaltung wieder eingezogen.
Als Begründung dient die „schlechte Buchbinderarbeit".
Angeblich fallen dauernd bestimmte Seiten aus dem Buch, und zwar ausgerechnet
die, auf denen Clinton mit anderen Frauen dargestellt ist.
China hat Übung in solchen Reinigungsaktionen. Schon
vor zwei Jahren, vor dem Besuch des Außenministers Christopher Warren,
verschwand aus den Läden in Shanghai der Band „China can say No".
Chinesische Höflichkeit, eben.
Nur eine Buchhandlung in Peking, die für ihr Angebit
an umstrittenen Titeln berühmt ist, hat sich der Maßnahme verweigert
und hält das Clinton-Buch weitr vorrätig.
Die Wahrheit
über James Joyce’ „Ulysses"
Eigentlich
hätten die Unterlagen aus dem britischen Justizmi-
nisterium bis ins Jahr 2022 unter Verschluß bleiben
müssen. Aber schon jetzt, Mitte Mai, wurden sie freigegeben und in
der britischen Zeitung The Guardian veröffentlicht
.Sie enthüllen, daß für den Obersten
Staatsanwalt zum Verbot des „Ulysses" die Lektüre der Seiten 690 bis
732 ausreichte. „Ich hatte", erklärt er, "weder die Zeit, noch - wie
ich hinzufügen möchte - die Neigung, das ganze Buch durchzulesen."
Das Wenige, das er überflogen hatte, genügte ihm 1923 zur Festellung
„ungehemmter Schmutzigkeit und Obszönität" und zum nachfolgenden
Druckverbot in Großbritannien.
Erst 1936 konnte „Ulysses" in London gedruckt werden
(in einer teuren, weil limitierten Auflage).
Microsoft-Thriller
Zugegeben: Die Firma in dem neuen Thriller „Ulterior Motive"
von Daniel Oran heißt nicht Microsoft, sondern Megasoft. Aber diese
und alle anderen Ähnlichkeiten des Romans mit dem Unternehmen sind
durchaus gewollt.
Der Held, Programmierer bei Megasoft, wird in der Firmengarage
Zeuge eines Mordes, wird kurz darauf entlassen, kriegt den Mord in die
Schuhe geschoben und wird zum Freiwild erklärt. Und als ob das nicht
schon genug wäre, wird ihm dann auch noch mit elektronischen Finessen
seine Identität geraubt: Seine Kreditkarte gilt nicht mehr. Währenddessen
drückt der Software-Gigant ein neues Programm in den Markt, das sich
über das Internet selbsttätig auf jeder Benutzer-Festplatte festsetzt
und der Firma laufend Informationen über den Kunden liefert
.Der Autor war früher selbst Programmmierer bei
Microsoft und hat eigenen Angaben zufolge das Start-Icon und die Task-Leiste
von Windows 95 entwickelt. Die Idee zu dem Thriller sei ihm beim Gang über
den Microsoft-Parkplatz gekommen. „Das Buch ist ganz klar ein Porträt
der Unternehmenskultur und der Philosophie von Microsoft", sagte er, „auch
wenn ich dort natürlich keine Morde beobachtet habe."
Der Schutzumschlag verspricht „intelligente Spannung
in einer düsteren Politik- und Computerwelt, in der wir uns überlegen
sollten, ob wir noch unseren Computer anschalten." Der
Literarische Kalender
Am 18. Juni 1746 unterschreiben mehrere Londoner Buchhändler
mit Samuel Johnson den Vertrag über
das „Dictionary of the English Language". Das Autorenhonorar: eintausendfünfhundertfünfundsiebzig
Pfund.
Am gleichen Tag des Jahres 1878 betritt Joseph
Conrad, polnischer Hilfsmatrose und späterer Romancier,
britischen Boden.
Am 19. Juni 1623 wird Blaise
Pascal geboren.
Am 21. Juni 1905 wird Jean Paul
Sartre geboren.
Am 21. Juni 1956 weigert sich Arthur
Miller vor dem „Ausschuß gegen un-amerikanische Aktivitäten",
seine Schriftsteller-Kollegen zu denunzieren.
Am 22. Juni vor hundert Jahren wird Erich
Maria Remarque („Im Westen nichts Neues") in Osnabrück
geboren.
Am 23. Juni 1910 wird Jean Anouilh
geboren.
Am 23. Juni 1937 flieht George
Orwell mit seiner Frau aus Spanien, wo er auf der Seite der
Republik am Bürgerkrieg teilgenommen hatte.
Am 24. Juni 1902 wirft Joseph
Conrad in der Eile, den Angabetermin einzuhalten, eine Öllampe
auf dem Schreibtisch um, und die zweite Lieferung seines Romans „Das Ende
vom Lied" geht in Flammen auf.
Am 25. Juni 1857 werden die „Fleurs du Mal" von Charles
Baudelaire veröffentlicht.
Am gleichen Tag des Jahres 1903 wird George
Orwell in Bengalen (Indien) geboren.
Am 27. Juni 1605 wird der verarmte Cervantes
und seine ganze Familie verhaftet. Die Anklage, er sei in den gewaltsamen
Tod eines Adligen verwickelt, wird aber einige Tage später fallengelassen.
Am 27. Juni 1928 bringen Adrienne Monnier und Sylvia
Beach zwei berühmte Autoren beim Abendessen zusammen: F.
Scott Fitzgerald und James Joyce.
Der Grund: Fitzgerald hat so viel Respekt vor Joyce, daß er ihn nicht
anzusprechen wagt.
Am 28. Juni 1712 wird in Genf Jean
Jacques Rousseau geboren.
Am 29. Juni 1613 brennt das Londoner Globe Theater ab:
während einer Aufführung von Shakespeares
„Heinrich VIII.".
Am 29. Juni 1900 wird Antoine
de Saint-Exupéry in Lyon geboren.
Am 30. Juni 1857, mitten im Sommer, liest Charles
Dickens zum erstenmal öffentlich sein „Weihnachtsmärchen"
vor. |