Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:

Marginalie

Memoiren eines Bücherwurms

Durch so viel Bücher gefressen, durch Benn und Brecht und Lenz, ein Durcheinander, kann ich dir sagen, das schlägt einem ganz schön auf den Magen. In manchen Werken hältst du dich ja gern auf. Aber das Leben ist manchmal hart, besonders wenn du durch Pappendeckel ins nächste Buch muß.
Jetzt bin ich schon alt, mir fehlt die Gier auf immer Neues. Und so leiste ich mir den Luxus, bei einigen Seiten zu verweilen. Das Leben besteht ja nicht nur aus Futtern.
Beschränkt von diesem Bücherhauf, den Würme nagen, Staub bedeckt, jaja, Herr Geheimrat Goethe, schon wahr, aber bei Ernst Heimeran fraß ich mich dieser Tage durch den Satz: Bücher sind wie Weinflaschen - der Staub darauf spricht für Qualität.
Der Herr, in dessen Bänden ich mich ergehe, empfindet Staub dagegen als eine lästige Begleiterscheinung des Bücheraufbewahrens. Hin und wieder nimmt er, rechts, links, eine Handvoll und schlägt sie draußen auf der Terrasse gegeneinander, daß einem die Ohren dröhnen. Dann steht er stumpf stierend da, es scheint, als überlege er, ob er die Bücher nicht sinnvoller aufstellen sollte, und schiebt sie dann jäh entschlossen, und schwarzen Gewissens, einfach wieder dahin zurück und ächzt: Man sollte mal Ordnung schaffen.
Eine ausgewählte Büchersammlung ist und bleibt der Brautschatz des Geistes und des Gemütes, möchte ich ihm mit Karl Julius Weber zurufen, in dessen Werk ich mich gestern verirrte. Doch wie’s so geht mit Brautschätzen - sie sammeln sich an.
Vermehren sich Bücher nachts? fragt sich der erwähnte Herr und Bücherklopfer, was treiben sie? Spielen sie Ringelreihen (wenn er mal wieder ein gesuchtes nicht findet)? Oder die Reise nach Jerusalem, und der Platz wird immer weniger? Eines Tages werde ich ihnen auf die Schliche kommen, denkt er dann. Schafft er aber nie.
Ich bin sehr für geliehene Bücher, raunzt er bisweilen, denn hat man selbst das Buch, glaubt man: ein andermal. Er meint gewiß, er sei mit dieser Formulierung originell. Freilich sitze ich zufälligerweise gerade an der Stelle - der Satz stammt von Theodor Gottlieb von Hippel. Und wer, um Himmels willen, kann mir erklären, warum er ein solches Werk aufbewahrt.
Sie glauben es nicht, wie drückend es ist, immer unter Büchern zu sitzen - das schrieb Schiller an seine Lotte, und so geknechtet sitzt der erwähnte Mensch vor seinen Regalen und fragt sich, wie er diese Ordnung schaffen solle.
Nach Größe, nach Farbe - das findet er banausig. Alphabetisch? Pedantisch! Und vergißt man nicht oft grad den Autorennamen? Ein Mix, ein bißchen nach Sachgebieten, paar Lieblingsbücher hier, und was eben so rein muß ins Bord, wenn er’s eilig hat und keine Zeit zu überlegen. Und genau dies ist die Ordnung, die er pflegt. Nichts kannst du hier finden, stöhnt er hilflos, schiebt’s auf seine Kinder oder sonstwen und träumt von leeren Wänden und erwägt wohl, dermaleinst alle Bücher in Kunstharz einzugießen. Dann kann nichts mehr verrückt werden.
Einen Umzug vermag er sich seit Jahren nicht mehr vorzustellen. Auch nimmt er sich vor, für jedes neuerworbene Buch ein anderes aus dem Regal zu entfernen. Mit dem Ergebnis natürlich, daß sich die Bücher auf dem Boden stapeln. Und ich mich lotrecht durch Papiere fressen muß...
Dann verspricht er sich in die Hand, lediglich von mehreren Zeitungen gut besprochene Bücher uns Haus zu lassen, schaut rein und schimpft und brüllt Sch..., ja eine schöne Bescherung, findet er mal wieder.
Und dann beschließt er, kein einziges Buch mehr zu kaufen, niemals, seine restlichen zweihundert Jahre Lebenszeit könne er ohnehin aus den Beständen lesend verbringen.
Grad ruft die Buchhändlerin an, er müsse dies oder das, also jedenfalls ein ganz bestimmtes Buch, unbedingt, unverzüglich, und schon wird er wieder schwach. Und ich freue mich auf neue Nahrungsvorräte, obwohl die Bücher heutzutage immer schlechter schmecken. Staub adelt schließlich auch meine Arbeit.
Ich weiß nicht, was ich meinem geliebten Büchermenschen noch raten soll. Einfach weggehen und das Haus abbrennen (was er manchmal denkt) - das finde ich doch reichlich gefährlich für mich.
Womöglich bekomme ich Rat in seinen Büchern - ja, hier, hallo: Der Vorteil der meisten Bücher liegt darin, daß man ohne sie auskommen kann, hat George Bernhard Shaw geschrieben!
Es scheint, daß er’s nicht gehört hat.
Denn von den Büchern wird bleiben der durch sie hindurchging, der Wurm.

Andreas Hopf