Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:

Lyrik
 
Menschliches Elende

WAs sind wir Menschen doch? ein Wohnhauß grimmer Schmertzen

 Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit.

   Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /

Ein bald verschmeltzter Schnee und abgebrante Kerzen.

Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Schertzen.

   Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid

   Und in das Todten-Buch der grossen Sterblikeit

Längst eingeschrieben sind / sind uns aus Sinn und Herzen.

   Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt /

   Und wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhält:

So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden /

   Was itzund Athem holt /muß mit der Lufft entflihn /

   Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachzihn.

Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.
 
 

Andreas Gryphius (1616 - 1664) 
 

Kommentar 

Wir Heutigen verbinden mit „barock" gern Begriffe wie „üppige Fülle" und „Lebenslust". Die Menschen des Barock jedoch sahen ihre Epoche etwas differenzierter. Und die Zeitgenossen in Deutschland ganz besonders. Sie wurden Anfang des 17. Jahrhunderts, während das übrige Europa in die Theaterstücke Shakespeares, Calderons und Racines ging, von einer Orgie der Gewalt heimgesucht, einem mörderischen Welt-Krieg, der dreißig Jahre dauerte. Was ihn so besonders grausam machte, war die jeweilige Begründung durch die eine oder die andere christliche Konfession. Zu verstehen war daran bald nichts mehr, nur zu ertragen: vergnügliche Folter, sinnloser Mord, totale Zerstörung. Ein Jahrhundert und länger brauchte das geplagte Land, bis es in der Kultur Europas wieder seine Stimme erheben konnte. Aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs stammt auch das Gedicht „Menschliches Elende". Geschrieben hat es einer, der damals  mit dem Krieg aufwuchs. Markus Neumann und Dirk Niefanger, die soeben einen Essayband über „Wahrnehmung und Darstellung von Gewalt im 17. Jahrhundert" herausgegeben haben, wählten sich die fünfte Halbzeile des Gedichts, „ein Schauplatz herber Angst", zum Titel für ihr Buch. So kann auch ein Barockgedicht plötzlich wieder aktuell werden.