Liegen lassen
Waren sie überhaupt da?
Wann - wenn nicht jetzt - greift man zu diesem Buch „Ferien für
immer" (von Christian Kracht und Eckhart Nickel)? Endlich ist es soweit:
Sommer, Sonne, Ferien, Reisen. Warum reisen - und wohin? Das Warum ist
vielen Reisende schon gar keine Frage mehr, über das Wohin macht man
sich schon eher seine Gedanken. Bei der Lösung dieser Frage allerdings
wird dem willigen Reisenden zuvorkommend geholfen: Reiseveranstalter schicken
kostenlos und pfundweise ihre farbigen Glanzprospekte ins Haus, und die
Medien, einschließlich der Verlage, tun ihr Übriges. Und die
Schriftsteller - tun ihr Bestes! Tatsächlich? Das wäre schlimm
für Christian Kracht und Eckhart Nickel!
Kracht ist uns bekannt: Sein letztes Buch „Faserland" entwickelte sich
zu einem Kultbuch unter jungen Leuten. Über Nickel erfahren wir wenig;
der Verlag schreibt: „... er ist viel größer, nämlich 1,96
m und geht nicht allzu spät schlafen."
„Ferien für immer" ist in der äußeren Gestaltung ein
wirklich gelungenes und attraktives Buch. Es vermittelt in den zarten,
gedeckten Blautönen des Schutzumschlags eine kühle Sommeratmosphäre
und macht neugierig auf die Reisen im Inneren. Liebevoll wird jedes Kapitel
des Buches eingeleitet durch eine Vignette von Dominik Monheim. Die Kapitel
enden, soweit bekannt, mit genauer Adresse der Telefon- und Faxnummer des
beschriebenen Ortes. Eine Weltkarte mit eingezeichneten Orten und entsprechender
Seitenzahl erleichtert die Orientierung. Das alphabetische Register am
Ende, möchte man meinen, ist lückenlos: Von „Abwärts" bis
„Zappa, Frank" ist alles zu finden. (Warum wohl der Verlag am Ende des
Buches noch zehn weiße, leere Seiten hinzugefügt hat? Für
eigene Notizen oder gar aus Gründen der Preiskalkulation?)
„Die Welt ist entdeckt. Aber das Fernweh bleibt. Christian Kracht und
Eckhart Nickel haben sich deshalb aufgemacht, für uns die angenehmsten
Orte der Welt aufzusuchen" (so der Verlag). Sie reisen durch die Welt,
von Marokko über Polen nach Italien, besuchen Hotels und Bars und,
wenn es sich gar nicht vermeiden läßt, auch mal Heilige Orte.
Ungefähr siebzigmal machen sie Station und haben manchmal eine halbe
bis längstens zwei Seiten Zeit, das Charakteristische und die Atmosphäre
eines Ortes einzufangen. Sie nehmen nur Augenblicke wahr und ziehen daraus
Folgerungen über Ort, Menschen und Gebräuche. Aufkommende Gedanken
und Situationen, die uns Fremde in der Fremde irritieren und unverständlich
sind, werden leider unreflektiert, schlampig und geschwätzig niedergeschrieben.
Auch der nicht verwöhnte Leser von Reiseliteratur erwartet ein
Minimum an sachlicher Information. Bei unseren beiden Autoren erschöpft
sich diese meistens im Alkoholangebot an der Bar oder im Hören westlicher
Popmusik. Kein Wort über die landeseigene Musik: die indonesischen
Gamelan- oder die indischen Sitar- und Tabla-Klänge, die auch für
europäische Ohren ein Genuß sein können und dort wirklich
in jedem Hotel zu hören sind!
Manchmal kommt einem ganz leise der Gedanke: Haben die beiden Autoren
wirklich alle diese Orte besucht, die sie beschrieben haben? Es gibt so
viele Ungenauigkeiten in diesem Buch - angefangen bei den Zitaten von David
Livingstone bis zu Ernst Jünger und bis zu dem wirkich ärgerlichen
Kapitel über das Norfolk Hotel in Nairobi. Darin wird ein Treffen
beschrieben mit einem bulgarischen Münchner Verleger, der afrikanische
Gegenwartsliteratur herausgibt. Nähme man dieses Kapitel als Satire,
wäre es schon recht übel, aber wirklich übel ist: Dieser
Münchner Verleger kennt die beiden Autoren nicht, er ist ihn niemals
begegnet.
Man fragt sich etwas ratlos: Was wollen die beiden Autoren mit diesem
Buch erreichen? Es sind keine Abenteuergeschichten, keine Reportagen, keine
Glossen - vielleicht Satiren oder nur Provokationen? Das sollte man dem
Leser besser am Anfang verraten. So fühlt er sich nicht ernst genommen,
als interessierter Leser nicht und als passionierter Reisneder erst recht
nicht. Denn an generell unangenehme Orte der Welt reist man nicht gern
und denkt zu oft an Karl Valentin: „Der Fremde ist fremd in der Fremde."
Brigitte Jacobsen