Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:

Liegen lassen

Waren sie überhaupt da?

Wann - wenn nicht jetzt - greift man zu diesem Buch „Ferien für immer" (von Christian Kracht und Eckhart Nickel)? Endlich ist es soweit: Sommer, Sonne, Ferien, Reisen. Warum reisen - und wohin? Das Warum ist vielen Reisende schon gar keine Frage mehr, über das Wohin macht man sich schon eher seine Gedanken. Bei der Lösung dieser Frage allerdings wird dem willigen Reisenden zuvorkommend geholfen: Reiseveranstalter schicken kostenlos und pfundweise ihre farbigen Glanzprospekte ins Haus, und die Medien, einschließlich der Verlage, tun ihr Übriges. Und die Schriftsteller - tun ihr Bestes! Tatsächlich? Das wäre schlimm für Christian Kracht und Eckhart Nickel!
Kracht ist uns bekannt: Sein letztes Buch „Faserland" entwickelte sich zu einem Kultbuch unter jungen Leuten. Über Nickel erfahren wir wenig; der Verlag schreibt: „... er ist viel größer, nämlich 1,96 m und geht nicht allzu spät schlafen."
„Ferien für immer" ist in der äußeren Gestaltung ein wirklich gelungenes und attraktives Buch. Es vermittelt in den zarten, gedeckten Blautönen des Schutzumschlags eine kühle Sommeratmosphäre und macht neugierig auf die Reisen im Inneren. Liebevoll wird jedes Kapitel des Buches eingeleitet durch eine Vignette von Dominik Monheim. Die Kapitel enden, soweit bekannt, mit genauer Adresse der Telefon- und Faxnummer des beschriebenen Ortes. Eine Weltkarte mit eingezeichneten Orten und entsprechender Seitenzahl erleichtert die Orientierung. Das alphabetische Register am Ende, möchte man meinen, ist lückenlos: Von „Abwärts" bis „Zappa, Frank" ist alles zu finden. (Warum wohl der Verlag am Ende des Buches noch zehn weiße, leere Seiten hinzugefügt hat? Für eigene Notizen oder gar aus Gründen der Preiskalkulation?)
„Die Welt ist entdeckt. Aber das Fernweh bleibt. Christian Kracht und Eckhart Nickel haben sich deshalb aufgemacht, für uns die angenehmsten Orte der Welt aufzusuchen" (so der Verlag). Sie reisen durch die Welt, von Marokko über Polen nach Italien, besuchen Hotels und Bars und, wenn es sich gar nicht vermeiden läßt, auch mal Heilige Orte. Ungefähr siebzigmal machen sie Station und haben manchmal eine halbe bis längstens zwei Seiten Zeit, das Charakteristische und die Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Sie nehmen nur Augenblicke wahr und ziehen daraus Folgerungen über Ort, Menschen und Gebräuche. Aufkommende Gedanken und Situationen, die uns Fremde in der Fremde irritieren und unverständlich sind, werden leider unreflektiert, schlampig und geschwätzig niedergeschrieben.
Auch der nicht verwöhnte Leser von Reiseliteratur erwartet ein Minimum an sachlicher Information. Bei unseren beiden Autoren erschöpft sich diese meistens im Alkoholangebot an der Bar oder im Hören westlicher Popmusik. Kein Wort über die landeseigene Musik: die indonesischen Gamelan- oder die indischen Sitar- und Tabla-Klänge, die auch für europäische Ohren ein Genuß sein können und dort wirklich in jedem Hotel zu hören sind!
Manchmal kommt einem ganz leise der Gedanke: Haben die beiden Autoren wirklich alle diese Orte besucht, die sie beschrieben haben? Es gibt so viele Ungenauigkeiten in diesem Buch - angefangen bei den Zitaten von David Livingstone bis zu Ernst Jünger und bis zu dem wirkich ärgerlichen Kapitel über das Norfolk Hotel in Nairobi. Darin wird ein Treffen beschrieben mit einem bulgarischen Münchner Verleger, der afrikanische Gegenwartsliteratur herausgibt. Nähme man dieses Kapitel als Satire, wäre es schon recht übel, aber wirklich übel ist: Dieser Münchner Verleger kennt die beiden Autoren nicht, er ist ihn niemals begegnet.
Man fragt sich etwas ratlos: Was wollen die beiden Autoren mit diesem Buch erreichen? Es sind keine Abenteuergeschichten, keine Reportagen, keine Glossen - vielleicht Satiren oder nur Provokationen? Das sollte man dem Leser besser am Anfang verraten. So fühlt er sich nicht ernst genommen, als interessierter Leser nicht und als passionierter Reisneder erst recht nicht. Denn an generell unangenehme Orte der Welt reist man nicht gern und denkt zu oft an Karl Valentin: „Der Fremde ist fremd in der Fremde."

Brigitte Jacobsen