Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:
 
Was heißt hier Flexibilität?

Richard Sennett ist im deutschen Sprachraum eine schier unbekannte Größe und ein Geheimtip selbst unter Belesenen. 
Sennett ist Professor für Sozialwissenschaft und lehrt in London und New York (am Center for Humanistic Studies der New York University). Einige seiner Werke sind seit einiger Zeit auch ins Deutsche übersetzt, etwa „Autorität" oder auch die großartige Analyse „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die "Tyrannei der Intimität" (beide bei Fischer). Nun hat der Berlin Verlag, der schon seit vier Jahren Sennetts Stadtarchitektur-Studie „Fleisch und Stein" im Programm hat, dankenswerterweise auch das neueste Sennett-Buch „The Corrosion of Character" unter dem Titel „Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus" herausgebracht. Der ironisch positive deutsche Titel sucht offenbar das Anklägerische des amerikanischen Originals zu vermeiden, aber schon nach wenigen Seiten spürt der Leser, worauf es Sennett ankommt. 
Die Materie - Wo bleibt das Individuum in den Zeiten der Globalisierung? - ist von Haus trocken und wenig attraktiv. Sennett geht deshalb nicht eigentlich mit Fallgeschichten an das Thema heran, sondern mit Erzählungen, typischen Fällen aus seiner Bekanntschaft: Wie sich der Einwanderer Enrico und sein Sohn Rico zurechtfinden, wie sich die Bäcker in der Nachbarschaft auf den technologischen Wandel umstellen oder wie sich die Barbesitzerin Rose - nicht sehr erfolgreich - in einer Werbeagentur versucht. Dazwischen eine fast unmerkliche, ja menschenfreundliche Einführung in Wirtschaftstheorie, unter anderem in Adam Smiths „Wohlstand der Nationen", oder auch die Schilderung des Weltwirtschaftforums, das alljährlich in Davos abgehalten wird: 

Eine Schlange von Limousinen kriecht die Hauptstraße entlang zum Konferenzraum, wo Wachen mit Hunden und Metalldetektoren stehen. Jeder der 2000 Besucher braucht eine elektronische Sicherheitsplakette, um in den Saal zu kommen, doch die Plakette tut mehr, als Krethi und Plethi fernzuhalten. Sie hat einen elektronischen Code, der es dem Träger erlaubt, Botschaften über ein raffiniertes Computersystem zu senden und zu empfangen und so Treffen zu arrangieren oder andere Dinge zu verhandeln - in den Foyers, auf den Skipisten oder bei den exquisiten Diners, deren Tischordnung regelmäßig von geschäftlichen Erfordernissen durcheinandergebracht wird. 
Davos widmet sich der globalen wirtschaftlichen Erwärmung. Und das Konferenzzentrum ist voller Ex-Kommunisten, die das Loblied des freien Welthandels und der Konsumgesellschaft singen. Englisch ist seine lingua franca, was Amerikas beherrschende Stellung im neuen Kapitalismus anzeigt, und die meisten Anwesenden sprechen hervorragend englisch. Das Weltwirtschaftsforum ähnelt mehr mehr einem Hofstaat als einer Konferenz. Seine Monarchen sind die Spitzen der Großbanken oder Großunternehmen, die gut zuhören können. Die Höflinge sprechen flüssig und gedämpft und hoffen auf Kredite oder Verkäufe. Davos kostet Geschäftsleute (die meisten davon männlich) eine Menge Geld, und es kommen nur die Leute von ganz oben. Doch über der höfischen Atmosphäre hängt eine gewisse Angst, die Angst, selbst in diesem schneebedeckten Versailles „außen vor" zu sein. 

Auf so angenehm narrativen Weg kommt der Autor dann aber immer wieder zu der Frage, was der modernisierte Wirtschaftsbetrieb aus so etwas wie dem „Charakter" macht, in welcher Weise er menschliche Identität und Selbstwertgefühl beeinflußt. Die Antwort, expliziert anhand der angeführten Biographien, lautet in nur sanfter Zuspitzung: Der Kapitalismus zerstört seine eigene Grundlage. Das Forderung nach dem kurzzeitig disponiblen, immer entscheidungsfreudigen, hoch flexiblen und teamfähigen Mitarbeiter zersetzt die „Charakter"-Eigenschaften, die für eine Produktivitätssteigerung doch gerade nötig wären: Erfahrungen und Loyalitäten sind nur hinderlich, der Aufbau von Vertrauen wird unmöglich, Entscheidungen werden undurchschaubar, das Team schafft keine persönliche Verantwortung. Die diversen Etappen einer beruflichen „Karriere", genauer: die schnell wechselnden Job-Erlebnisse formen sich nicht mehr zu einer zusammenhängenden „Erzählung" eines Lebens. Die Menschen beginnen vor lauter Risiko-Übernahme ziellos zu „driften". Und das hat fatale Auswirkungen nicht nur für den Berufstätigen, sondern auch auf die Erziehung der Kinder: Was wir ihnen an traditionellen und bisher gültigen „Werten" vermitteln, sagt ihnen nichts mehr, weil sie in ihrer Umwelt nichts mehr davon sehen, auch nicht an ihren eigenen Eltern. In ihren Augen - und auch objektiv durchaus zutreffend - zahlen sich die früheren Eigenschaften eines „guten Mitarbeiters" nicht mehr aus, schärfer formuliert: In Zeiten der Flexibilität und des Re-Engineering retten auch sie den Einzelnen nicht vor der Kündigung. 
Das Buch endet um ein Haar mit der düsteren Prognose einer allgemeinen Apathie aus dem bedrückenden Gefühl, „niemand braucht mich". Erst im allerletzten Absatz hellt sich der Horizont ein wenig auf: 

Aber ich hatte in Davor, als ich den Herrschern des flexiblen Reiches zuhörte, so etwas wie eine Epiphanie. „Wir" ist für sie ein gefährliches Pronomen. Die Flexibilität, die sie feiern, eine Anleitung wie ein Leben zu führen sei, kann sie nicht liefern. Sie haben „Karrieren" im alten Sinn des Wortes abgeschafft - es gibt keine Pfade mehr, denen Menschen in ihrem Berufsleben folgen können. Sie müssen sich wie auf fremdem Territorium bewegen. Als ich in die Konferenzsäle hinein- und wieder aus ihnen herauswanderte, mich zwischen den Limousinen und Panzerfahrzeugen in den steilen Straßen des Bergdorfes hindurchschlängelte, schien mir, daß diese neue Ordnung zumindest ihre gegenwärtige Faszination für die Vorstellungen und die Gefühle der Leute da unten verlieren könnte. Ich habe aus der bitteren, radikalen Vergangenheit meiner Familie gelernt, daß Veränderung, wenn sie kommt, sich im Kleinen entwickelt, örtlich, schrittweise in den Gemeinden und nicht durch Massenerhebungen. Ein Regime, das Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrechterhalten. 

Man könnte, fügen wir hinzu, diesen Vorgang also in Ruhe abwarten. Irgendwann wird sich die Erkenntnis durchsetzen, daß trotz großer Worte, trotz aller verschlankenden Umbauten und Standortdiskussionen die wirtschaftliche Dauerkrise seit 1973 nicht behoben ist. Und unsere Manager sind bekannt dafür, wie schnell sie die eben noch gültige Großtheorie fallen lassen und die nächste, nicht selten konträre Hypothese aufgreifen. Dem könnte man in der Tat ruhig zusehen, wenn das Kinderspiel der „global players" nicht so viel menschliches Glück kosten würde. 
Fazit: Lesen, und zwar mindestens zweimal. 

Richard Sennett
Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus
Berlin Verlag, Berlin 1998
224 Seiten, 14 x 22 cm
DM 38,--, öS 277, sFr 36,80
Umschlag Sennett