Lese-Effekte
Hier ist der berühmteste aller Lektüre-Geschädigten:
Don Quixote von La Mancha
Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die Zeit, die ihm zur
Muße blieb (und diese betrug den größten Teil des Jahres),
dazu anwandte, Bücher von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung
zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der Jagd als
auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja seine Begier
und Vertiefung in dieselben ging so weit, daß er unterschiedliche
von seinen Saatfeldern verkaufte, um Bücher von Rittertaten anzuschaffen,
in denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein Haus, als
er deren habhaft werden konnte. Unter allen schienen ihm keine so trefflich
als die Werke, die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat,
die Klarheit seiner Prosa und den Scharfsinn seiner Perioden hielt er für
Perlen, fürnämlich wenn er auf Artigkeiten oder Ausforderungen
stieß, als wenn an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige
des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, erschüttert also
meinen Sinn, daß ich über Eure Schönheit eine vielsinnige
Klage führe. Oder wann er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit
göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die Verehrung der Ehre
erregt, womit Eure Hoheit geehrt ist. ...
Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die Nächte damit
zubrachte, weiter und weiter, und die Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen;
und so kam es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen dahin, daß sein
Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor. Er erfüllte
nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern
fand, als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden,
Artigkeiten, Liebe, Qualen und anderem Unsinn. Er bildete sich dabei fest
ein, daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, wahr
wären, daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere
Geschichte gab. ...
Als er nun mit seinem Verstande zu Beschluß gekommen, verfiel
er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen
hat, denn es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung
seiner Ehre als zum Besten seiner Republik ein irrender Ritter zu werden
und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer
aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern
gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten zu unterziehen,
die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden.
...
Miguel de Cervantes Saavedra