Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:

Kommentar

Im Trainingscamp 2000

von Alexandra Simon

Jetzt ist natürlich die Aufregung groß über die neueste Statistik der Jugendkriminalität: „Die Täter werden immer jünger", müssen wir lesen und „Kriminelle Kinder bereiten den Politikern Sorge" sowieso. Beunruhigender Anstieg vor allem bei Ladendiebstahl („die Einstiegskriminalität überhaupt", so Innenminister Kanther), Drogendelikten und Körperverletzung.
Es sind dieselben Kinder und Jugendlichen, denen ein genervter Lehrer soeben in einem Offenen Brief im Rheinischen Merkur (15. Februar 1998) eine schier verzweifelte Standpredigt hält: „Menschlicher Kontakt, wenn es ihn denn gibt, zählt nichts. ... Was tut denn Ihr, um unser Engagement zu bewahren? Ihr knallt uns Euer Desinteresse um die Ohren, daß uns Hören und Sehen vergeht. ... Ihr hängt in Eurer Konsumentenhaltung auf den Stühlen, wir aber sollen Euch mit unserem Unterricht vom Hocker reißen. Wo ist Euer Beitrag, was bringt Ihr ein? ... Manchen von Euren Eltern ist es zu stressig, Euch in den Urlaub mitzunehmen, doch uns Lehrern werdet Ihr [auf Klassenfahrten] im ‘Großpack’ zugemutet: Super-Individualisten, oft von erzieherischen Grenzen in der Familie unbeleckt, vom Mithelfen ganz zu schweigen. ... Ihr fordert von uns Toleranz, Verständnis für Euer intolerantes, verständnisloses, teilweise asoziales Verhalten. Habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum immer weniger Lehrkräfte Lust haben, mit einer Ansammlung verwöhnter Egoisten eine Woche zu verbringen? ..."
Es sind dieselben Schüler, die schulterzuckend über vorgehaltene Defizienzen hinweggehen: „Ist mir doch egal, ob ich meinen Name da drauf richtig geschrieben hab." Dieselben, die bei einem seit Jahren verwendeten Lehrbuchtext (einer gibt das gefundene Geld zurück, der andere behält es) jedes Jahr häufiger dem Egoisten recht geben. Die die Gastfreundschaft der Antike gut finden - als kostenlose Urlaubsreise.
In dieser Situation tritt nun der Innenminister auf und verlangt von den Eltern, sie sollten ihren Auftrag der „Erziehung zur Rechtstreue" wieder ernst nehmen. Nun gut, er ist auch ganz professionell für beschleunigte Strafverfahren. Aber man muß sich das nochmal vorsagen: „Erziehung zur Rechtstreue". Wie das klingt! Das hört sich nach guten, alten Regeln an, den schönen Regeln der Altvorderen: Rücksicht! Pflichtgefühl! Loyalität! Treue! Du lieber Himmel, was noch alles!
Er sollte sich mal mit seinem Kabinettskollegen Rexrodt austauschen. Der nämlich bereitet eine ganz andere Welt vor, und da werden es die Kantherschen Werte verdammt schwer haben. Diese andere, schönere Welt ist eine ganz ohne Regeln und Vorschriften, im Gegenteil: Die Wirtschaft (wie man weiß: unser Schicksal) wird immer weiter de-reguliert, von restlichen Auflagen und Hemmnissen und Rücksichten befreit oder, wie es so verführerisch heißt, „liberalisiert". Jede nur vorstellbare Tätigkeit wird zur „Investition", und diese, nichts anderes mehr, ist zu schützen vor Regeln und Vorschriften wie Umweltauflagen, Arbeitsschutz oder gar Sozialverpflichtung. Erst der so befreite, globale, der total entfesselte Kapitalismus ist das Paradies. Der bis jetzt noch so modernisierungsfeindliche deutsche Mensch muß sich halt anpassen: Er braucht nichts anderes dafür als Flexibilität, Selbstbewußtsein, Initiative und Durchsetzungsfähigkeit (vergleiche die Sennett-Rezension in dieser Ausgabe). Und ein Schuß Rücksichtslosigkeit und Schläue kann da nicht schaden. So und nur so wachsen die künftigen Entrepreneurs heran.
Nach dieser Nachhilfestunde in moderner Wirtschaftstheorie steht Kanther mit seiner „Erziehung zur Rechtstreue" irgendwie lahm da, allein in einem schalltoten Raum.
Und die inkriminierten Jugendlichen?
Sie haben die Zeichen der Zeit intuitiv begriffen, schneller und richtiger als der brave Innenminister. Sie scheren sich einen Dreck um die gestrigen Regeln von Treue und Loyalität. Sie wissen, das bringt es nicht mehr. Was jetzt zählt, siehe oben, ist Flexibilität, ist Schnelligkeit, das sofortige Zuschlagen, sobald sich ein minimaler Vorteil bietet. Du hast keine Chance, also hol sie dir. Die Zeiten sind hart, das Leben ist kein Zuckerschlecken, der Kapitalismus keine Wohlfahrtsveranstaltung. Jeder muß selber sehen, wo er bleibt (und, bittesehr, woher seine Altersrente kommt). Unsere Welt, wie die mosernden Feuilletons meinen, ein einziges Spaßvergnügen? Daß ich nicht lache! Schon eher ein Kriegsschauplatz, aber nicht mehr so mit altmodischen Schlachten, sondern eine globale Guerilla, immer und überall.
In dieser Perspektive haben die Jugendlichen ganz recht. Sie sind ganz einfach im Trainingscamp für die Regellosigkeit von morgen. Ausgesprochen vernünftig, Herr Kanther.