Kommentar
Im Trainingscamp 2000
von Alexandra Simon
Jetzt ist natürlich die Aufregung groß über die neueste
Statistik der Jugendkriminalität: „Die Täter werden immer jünger",
müssen wir lesen und „Kriminelle Kinder bereiten den Politikern Sorge"
sowieso. Beunruhigender Anstieg vor allem bei Ladendiebstahl („die Einstiegskriminalität
überhaupt", so Innenminister Kanther), Drogendelikten und Körperverletzung.
Es sind dieselben Kinder und Jugendlichen, denen ein genervter Lehrer
soeben in einem Offenen Brief im Rheinischen Merkur (15. Februar 1998)
eine schier verzweifelte Standpredigt hält: „Menschlicher Kontakt,
wenn es ihn denn gibt, zählt nichts. ... Was tut denn Ihr, um unser
Engagement zu bewahren? Ihr knallt uns Euer Desinteresse um die Ohren,
daß uns Hören und Sehen vergeht. ... Ihr hängt in Eurer
Konsumentenhaltung auf den Stühlen, wir aber sollen Euch mit unserem
Unterricht vom Hocker reißen. Wo ist Euer Beitrag, was bringt Ihr
ein? ... Manchen von Euren Eltern ist es zu stressig, Euch in den Urlaub
mitzunehmen, doch uns Lehrern werdet Ihr [auf Klassenfahrten] im ‘Großpack’
zugemutet: Super-Individualisten, oft von erzieherischen Grenzen in der
Familie unbeleckt, vom Mithelfen ganz zu schweigen. ... Ihr fordert von
uns Toleranz, Verständnis für Euer intolerantes, verständnisloses,
teilweise asoziales Verhalten. Habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum immer
weniger Lehrkräfte Lust haben, mit einer Ansammlung verwöhnter
Egoisten eine Woche zu verbringen? ..."
Es sind dieselben Schüler, die schulterzuckend über vorgehaltene
Defizienzen hinweggehen: „Ist mir doch egal, ob ich meinen Name da drauf
richtig geschrieben hab." Dieselben, die bei einem seit Jahren verwendeten
Lehrbuchtext (einer gibt das gefundene Geld zurück, der andere behält
es) jedes Jahr häufiger dem Egoisten recht geben. Die die Gastfreundschaft
der Antike gut finden - als kostenlose Urlaubsreise.
In dieser Situation tritt nun der Innenminister auf und verlangt von
den Eltern, sie sollten ihren Auftrag der „Erziehung zur Rechtstreue" wieder
ernst nehmen. Nun gut, er ist auch ganz professionell für beschleunigte
Strafverfahren. Aber man muß sich das nochmal vorsagen: „Erziehung
zur Rechtstreue". Wie das klingt! Das hört sich nach guten, alten
Regeln an, den schönen Regeln der Altvorderen: Rücksicht! Pflichtgefühl!
Loyalität! Treue! Du lieber Himmel, was noch alles!
Er sollte sich mal mit seinem Kabinettskollegen Rexrodt austauschen.
Der nämlich bereitet eine ganz andere Welt vor, und da werden es die
Kantherschen Werte verdammt schwer haben. Diese andere, schönere Welt
ist eine ganz ohne Regeln und Vorschriften, im Gegenteil: Die Wirtschaft
(wie man weiß: unser Schicksal) wird immer weiter de-reguliert, von
restlichen Auflagen und Hemmnissen und Rücksichten befreit oder, wie
es so verführerisch heißt, „liberalisiert". Jede nur vorstellbare
Tätigkeit wird zur „Investition", und diese, nichts anderes mehr,
ist zu schützen vor Regeln und Vorschriften wie Umweltauflagen, Arbeitsschutz
oder gar Sozialverpflichtung. Erst der so befreite, globale, der total
entfesselte Kapitalismus ist das Paradies. Der bis jetzt noch so modernisierungsfeindliche
deutsche Mensch muß sich halt anpassen: Er braucht nichts anderes
dafür als Flexibilität, Selbstbewußtsein, Initiative und
Durchsetzungsfähigkeit (vergleiche die Sennett-Rezension
in dieser Ausgabe). Und ein Schuß Rücksichtslosigkeit und Schläue
kann da nicht schaden. So und nur so wachsen die künftigen Entrepreneurs
heran.
Nach dieser Nachhilfestunde in moderner Wirtschaftstheorie steht Kanther
mit seiner „Erziehung zur Rechtstreue" irgendwie lahm da, allein in einem
schalltoten Raum.
Und die inkriminierten Jugendlichen?
Sie haben die Zeichen der Zeit intuitiv begriffen, schneller und richtiger
als der brave Innenminister. Sie scheren sich einen Dreck um die gestrigen
Regeln von Treue und Loyalität. Sie wissen, das bringt es nicht mehr.
Was jetzt zählt, siehe oben, ist Flexibilität, ist Schnelligkeit,
das sofortige Zuschlagen, sobald sich ein minimaler Vorteil bietet. Du
hast keine Chance, also hol sie dir. Die Zeiten sind hart, das Leben ist
kein Zuckerschlecken, der Kapitalismus keine Wohlfahrtsveranstaltung. Jeder
muß selber sehen, wo er bleibt (und, bittesehr, woher seine Altersrente
kommt). Unsere Welt, wie die mosernden Feuilletons meinen, ein einziges
Spaßvergnügen? Daß ich nicht lache! Schon eher ein Kriegsschauplatz,
aber nicht mehr so mit altmodischen Schlachten, sondern eine globale Guerilla,
immer und überall.
In dieser Perspektive haben die Jugendlichen ganz recht. Sie sind ganz
einfach im Trainingscamp für die Regellosigkeit von morgen. Ausgesprochen
vernünftig, Herr Kanther.