Gastkolumne
Sentimental Journey: Galway
von Frank T. Zumbach
„Ich würde Galway liebend gern wiedersehn", sagt Gretta Conroy
in James Joyces ‘The Dead’ zu ihrem Ehemann Gabriel, und da diese Geschichte
voller Doppeldeutigkeiten ist, weiß jener (noch) nicht, daß
sie auch die Erinnerung an eine alte Jugendliebe dorthinzieht: die Erinnerung
an Michael Furey, den „sanften Jungen", der sich im Regen den Tod holte,
als er einst zitternd vor Kälte Steinchen gegen ihr Fenster warf.
Diese anrührende Episode hat sich wirklich ereignet. Joyces Frau Nora
Barnacle, als Bäckerstochter und eines von sieben Geschwistern in
Galway aufgewachsen, vertraute sie ihrem Gatten an, der sie literarisch
auswertete, wie - zu Noras Verdruß - viele andere kleine Geheimnisse
ihres Ehelebens. Michael Furey hieß eigentlich Michael (‘Sonny’)
Bodkin; Joyceaner pilgern zu seinem Grab auf dem Rahoon-Friedhof („Regen
fällt auf Rahoon, in sanftem Fallen, / wo mein dunkler Geliebter ruht")
oder zum winzigen Nora Barnacle-Museum in der Bowling Green Street Nr.
8. In der Nachbarschaft wohnen noch einige ältere Damen, die sich
recht gut an die ‘wilde Nora’ erinnern. „Sie trug immer die Nase ein wenig
hoch," erzählt meine Zimmerwirtin Mrs. Robinson, „und ließ sich
mit Kerlen ein. Einer der Burschen, mit dem sie was hatte, war sogar Protestant.
Na, dafür hat ihr einer ihrer Onkel eine gehörige Abreibung verpaßt.
Der olle Mr. Barnacle trank wie ein Loch, versoff den Lebensunterhalt der
Familie und war überhaupt eine gescheiterte Existenz, wie man so sagt.
Darum mußten sich die Onkels drum kümmern, wenn eins von den
Geschwistern mal was ausgefressen hatte. Und das war meistens Nora."
Für die Tracht Prügel, die Onkel Michael Healy ihr damals
verabreichte, sollte man ihm ewig dankbar sein. Denn Nora floh daraufhin
trotzig nach Dublin, wo sie als Zimmermädchen in einem Hotel Arbeit
fand - und einen schlaksigen jungen Mann namens James Joyce kennenlernte,
dem sie am 16. Juni 1904, am ‘Bloomsday’ (heute eine Art Nationalfeiertag
in Irland) bei einem Spaziergang zum ersten Mal die Hose aufknöpfte.
Sie wurde seine Muse, Vorbild für die archetypischen Frauengestalten
in seinem Werk, für Gretta Conroy, Molly Bloom in ‘Ulysses’ und Anna
Livia Plurabelle in ‘Finnegan’s Wake.’
Nora kam eines Tages - viele Jahre waren seit der Abreibung Onkel Healys
ins Land gegangen - nach Galway zurück, um sich mal wieder in ihrer
alten Straße umzuschauen. Diesmal in einem tollen Schlitten mit Chauffeur
und einem extravaganten Kleid nach der neuesten Pariser Mode. Nicht, daß
sie oder ihr Mann sich den Aufwand hätten leisten können - aber
das war es ihr wert: Ein paar ihrer ehemaligen Nachbarinnen und Schulkameradinnen
aus der Bowling Green Street sind vor Neid fast geplatzt. Und selbst deren
Nachkommen, Töchter, die heute selbst längst die siebzig überschritten
haben und damals als lutscherschleckende, zöpfetragende Kinder eine
elegante Dame aus einem chromblitzenden Wagen steigen sahen, erinnern sich
noch an diese Szene ...
Die Achse Dublin-Galway (sprich ‘Gorlwey’) zwischen Ost- und Westküste
teilt Irland in zwei ungefähr gleich große Hälften. Von
Dublin aus erreicht man Galway mit dem Bus in dreieinhalb, mit dem Zug
in zweieinhalb Stunden, und wer einmal dort war, kommt in aller Regel wieder.
Man muß nicht unbedingt Joyceaner oder ein Kenner irischer Literatur
sein, um sich in den eigenartigen Charme Galways zu verlieben. Die viertgrößte
Stadt der Republik ist überschaubar: klein genug, daß man sich
am Meer erholen kann, und groß genug, daß man sich nie langweilt.
Nach einer faszinierenden, fast tausendjährigen Geschichte, die in
manchen Vierteln und Gäßchen noch gegenwärtig scheint,
ist die ‘City of the Tribes’, in der, einem Chronisten zufolge, „die Leidenschaften
des Stolzes und der Wollust herrschten", von einer einst blühenden
Handelsmetropole in einen vergleichsweise provinziellen Dornröschenschlaf
zurückgesunken. Ich sage ‘vergleichsweise’, denn bunt und quirlig
geht es nach wie vor zu.
Natürlich sieht man keine Patrizier mehr, die in kostbaren Gewändern
ihre Windhunde spazierenführen, keine spanischen Granden in Hoftracht,
portugiesische Matrosen, hanseatische und flandrische Kaufleute in pelzverbrämten
Mänteln, keine florentinischen Dandies in zweifarbigen Beinkleidern.
Christopher Kolumbus war entzückt von Galway, als der Stadtrat noch
„ungebührliche Prasserei und Tanz auf den Straßen" mit einer
Geldbuße bedrohen mußte und der aufrechte Bürgermeister
Lynch den eigenen Sohn für den Mord an dem spanischen Gastfreund Gomez
am Fensterkreuz erhängte. Tausendundeine solcher Geschichten aus vielen
Jahrhunderten liegen hier in der Luft - und werden immer noch erzählt.
Das ist wohl einer der Gründe dafür, warum Galway seit jeher
ein Anziehungspunkt für Dichter und Schriftsteller gewesen ist: W.B.
Yeats, John Millington Synge, George Bernhard Shaw, John Masefield, George
Moore... in den verwunschenen Anlagen des Coole Park, nur wenige Meilen
entfernt, wo früher Lady Gregory ein stattliches Herrenhaus besaß,
zu dem eine weitgeschwungene Zedernallee führte, haben sie und etliche
andere illustre Persönlichkeiten ihre Namen in den Stamm einer großen
Blutbuche eingeritzt.
Wahrzeichen der Stadt ist die Bronzeskulptur des gnomenhaften Pádraic
O Conaire am Eyre Square, einem ‘seanchai’, einem Geschichtenerzähler,
der im zweirädrigen Eselskarren die zauberschöne Landschaft Connemaras
durchstreifte und seine Eindrücke und Gespräche in Essays, Skizzen
und humoristischen Erzählungen festhielt. Galway bietet eine Auswahl
von mindestens dreißig Pubs mit oft überraschend virtuosen Life-Musiksessions
(‘The Crane’s!’) und der Aussicht, einem echten ‘sean nos’ zu lauschen,
einem jener fabulösen Sprechgesänge, die eine hypnotische Kraft
entfalten können; es gibt mehrere Theater, wie das hervorragende ‘Druid’s’,
und unzählige Fischrestaurants, die mit frischen Austern, Krebsen
und Hummern locken. Man gewinnt rasch einen Überblick über die
verwinkelten Straßen und Gassen, flüchtet vor plötzlich
einsetzenden Regenfällen in den Dämmer gemütlicher Kneipen
oder genießt malerische Sonnenuntergänge über bunten Häuserzeilen
am ‘Spanish Arch’, wundert sich über die vielen Schwäne im Salzwasser
des Hafenbeckens (auch dazu gibt es eine uralte Legende), spaziert lesend
am Flußufer des Corrib entlang oder unternimmt Ausflüge ins
Märchenreich der Connemara, wo noch immer Gaelisch gesprochen wird,
die melodische Sprache der Poeten und Barden. Wer Galway nicht mag, muß
die Phantasie eines Zahnarztverbandsvorsitzenden haben.
Literatur ist in Irland nicht eine Gattung des Kulturbetriebs, die
mit Goldrandbrillenernst, Selbstbeweihräucherung und unter Ausschluß
breiter Volksschichten zelebriert wird. Es bedarf hier offensichtlich keines
Reich-Ranicki, der den Iren unterhaltsam-diktatorisch vorkaspert, was sie
gefälligst zu lesen haben und wer demnächst in die Bestsellerlisten
aufrücken darf. Literatur ist ebenso wie Theater, Wetten oder Whiskeytrinken
ein ganz normaler Zeitvertreib mit anregender, manchmal inspirierender
oder sogar erhellender Wirkung. Bei Lesungen und Theateraufführungen
geht es sympathisch zwanglos zu, man wirft sich dafür nicht groß
in Schale, Langeweile kommt nur selten auf, und Lachkrämpfe von seiten
des Publikums wie auch des jeweiligen Vortragenden sind eine willkommene
und häufige Unterbrechung. Und was geboten wird, ist oft vom Allerfeinsten.
Kenny’s Bookshop, 1940 von Des Kenny gegründet, ist meine Lieblingsbuchhandlung
in Irland, und das will schon etwas heißen, denn ich habe unzählige
abgeklappert, mit affenlangen Armen wegen der tonnenschweren Koffer, die
bei der Ausreise vom Zoll achselzuckend durchgewunken wurden. Warum gerade
Kenny’s? Weil zum Beispiel der jetzige Besitzer, Des’ Sohn, mir einmal
gestattet hat, Auszüge aus einem für mich unbezahlbaren Folianten
zu kopieren, die ich für irgendeinen Vortrag brauchte. Weil hier kaum
ein wichtiger irischer Schriftsteller der letzten 50 Jahre nicht schon
mal gelesen und seine Bücher signiert hat, und weil ich bei Kenny’s
oft Leute treffe, deren short-stories ich irgendwann übersetzt habe,
wie kürzlich Bernard MacLaverty. Und weil die mich dort, ich darf
das ohne jede falsche Bescheidenheit einfügen, als ausgewiesenen Autor
sogar forografiert haben und ich demnächst zwischen anderen literarischen
Größen hängen werde wie Lynch Sohn am Fensterkreuz. Nicht,
daß ich mir was darauf einbilden würde, aber jetzt kann ich
jedesmal, wenn ich den Laden betrete, erneut nach meinem Konterfei suchen.
Und der olle Kenny wird mir jedesmal sagen, es sei noch nicht entwickelt
oder gerahmt, oder aus dem Rahmen gefallen, oder werde derzeit nach einem
Säureattentat restauriert. Das hat was, finde ich. So einen Kitzel
verschafft mir einfach keine deutsche Buchhandlung.
Und dann findet in Galway noch das ‘cuirt’ (sprich ‘Kuhrth’) statt,
das wichtigste literarische Festival in Irland, alljährlich im April.
Festivals hat es hier jede Menge, etwa das von Guinness gesponserte Austernfestival
im September-Oktober, das ich ebenfalls ungern versäume. Aber das
‘cuirt’! Seit 1982 eine feste Institution, zieht es wegen der lockeren
Atmosphäre Autoren und Künstler aus aller Welt an. Die Gästeliste
ist beeindruckend: Brian Patten, Linton Kwesi Johnson, Seamus Heaney, Margaret
Atwood, Allen Ginsberg, Derek Walcott, Edna O’Brien ... Dieses Jahr nahmen
unter vielen anderen Pat McCabe (der die Romanvorlage und das Drehbuch
zu ‘The Butcher Boy’ lieferte, der derzeit auch in deutschen Kinos läuft),
Frank Mc Court ( der mit ‘Angelas Ashes’, ‘Die Asche meiner Mutter’ monatelang
die Bestsellerlisten anführte), Bernard Mac Laverty, Joseph O’Connor
(der mit ‘The Irish Male at Home and Abroad’ eine ebenso witzige wie treffende
Analyse männlicher Befindlichkeit vorlegte), John O’Donoghue (‘Anam
Cara’) und der amerikanische Dichter Adrian Henri an der Veranstaltung
teil.
Wunderbare, lustige und bereichernde Abende: Schade, daß Sie
nicht dabeiwaren. Aber vielleicht habe ich des einen oder der anderen Neugierde
auf Galway geweckt, und Sie schauen im nächsten April mal vorbei.
Eigentlich mache ich nur ungern Werbung für einen Ort, der für
meinen Geschmack ohnehin zu viele Touristen anzieht (was bereits zu einer
Art Hotelbauraserei in Randbezirken wie Salthill geführt hat), darunter
solche, die sich in strohdummen Posen auf den Knien des Denkmals von Padraic
O'Conaire ablichten lassen. Haben Sie diese Empfehlung überhaupt verdient?
Doch, wenn ich Sie mir durch das Zeilengespinst so anschaue - das geht
ja inzwischen im Internet - glaube ich schon. Immerhin haben Sie diesen
Artikel zu Ende gelesen. Man sieht sich also möglicherweise.