Die Gazette Nr. 4, Juni 1998:

 Gastkolumne

Sentimental Journey: Galway

von Frank T. Zumbach

„Ich würde Galway liebend gern wiedersehn", sagt Gretta Conroy in James Joyces ‘The Dead’ zu ihrem Ehemann Gabriel, und da diese Geschichte voller Doppeldeutigkeiten ist, weiß jener (noch) nicht, daß sie auch die Erinnerung an eine alte Jugendliebe dorthinzieht: die Erinnerung an Michael Furey, den „sanften Jungen", der sich im Regen den Tod holte, als er einst zitternd vor Kälte Steinchen gegen ihr Fenster warf. Diese anrührende Episode hat sich wirklich ereignet. Joyces Frau Nora Barnacle, als Bäckerstochter und eines von sieben Geschwistern in Galway aufgewachsen, vertraute sie ihrem Gatten an, der sie literarisch auswertete, wie - zu Noras Verdruß - viele andere kleine Geheimnisse ihres Ehelebens. Michael Furey hieß eigentlich Michael (‘Sonny’) Bodkin; Joyceaner pilgern zu seinem Grab auf dem Rahoon-Friedhof („Regen fällt auf Rahoon, in sanftem Fallen, / wo mein dunkler Geliebter ruht") oder zum winzigen Nora Barnacle-Museum in der Bowling Green Street Nr. 8. In der Nachbarschaft wohnen noch einige ältere Damen, die sich recht gut an die ‘wilde Nora’ erinnern. „Sie trug immer die Nase ein wenig hoch," erzählt meine Zimmerwirtin Mrs. Robinson, „und ließ sich mit Kerlen ein. Einer der Burschen, mit dem sie was hatte, war sogar Protestant. Na, dafür hat ihr einer ihrer Onkel eine gehörige Abreibung verpaßt. Der olle Mr. Barnacle trank wie ein Loch, versoff den Lebensunterhalt der Familie und war überhaupt eine gescheiterte Existenz, wie man so sagt. Darum mußten sich die Onkels drum kümmern, wenn eins von den Geschwistern mal was ausgefressen hatte. Und das war meistens Nora."
Für die Tracht Prügel, die Onkel Michael Healy ihr damals verabreichte, sollte man ihm ewig dankbar sein. Denn Nora floh daraufhin trotzig nach Dublin, wo sie als Zimmermädchen in einem Hotel Arbeit fand - und einen schlaksigen jungen Mann namens James Joyce kennenlernte, dem sie am 16. Juni 1904, am ‘Bloomsday’ (heute eine Art Nationalfeiertag in Irland) bei einem Spaziergang zum ersten Mal die Hose aufknöpfte. Sie wurde seine Muse, Vorbild für die archetypischen Frauengestalten in seinem Werk, für Gretta Conroy, Molly Bloom in ‘Ulysses’ und Anna Livia Plurabelle in ‘Finnegan’s Wake.’
Nora kam eines Tages - viele Jahre waren seit der Abreibung Onkel Healys ins Land gegangen - nach Galway zurück, um sich mal wieder in ihrer alten Straße umzuschauen. Diesmal in einem tollen Schlitten mit Chauffeur und einem extravaganten Kleid nach der neuesten Pariser Mode. Nicht, daß sie oder ihr Mann sich den Aufwand hätten leisten können - aber das war es ihr wert: Ein paar ihrer ehemaligen Nachbarinnen und Schulkameradinnen aus der Bowling Green Street sind vor Neid fast geplatzt. Und selbst deren Nachkommen, Töchter, die heute selbst längst die siebzig überschritten haben und damals als lutscherschleckende, zöpfetragende Kinder eine elegante Dame aus einem chromblitzenden Wagen steigen sahen, erinnern sich noch an diese Szene ...
Die Achse Dublin-Galway (sprich ‘Gorlwey’) zwischen Ost- und Westküste teilt Irland in zwei ungefähr gleich große Hälften. Von Dublin aus erreicht man Galway mit dem Bus in dreieinhalb, mit dem Zug in zweieinhalb Stunden, und wer einmal dort war, kommt in aller Regel wieder. Man muß nicht unbedingt Joyceaner oder ein Kenner irischer Literatur sein, um sich in den eigenartigen Charme Galways zu verlieben. Die viertgrößte Stadt der Republik ist überschaubar: klein genug, daß man sich am Meer erholen kann, und groß genug, daß man sich nie langweilt. Nach einer faszinierenden, fast tausendjährigen Geschichte, die in manchen Vierteln und Gäßchen noch gegenwärtig scheint, ist die ‘City of the Tribes’, in der, einem Chronisten zufolge, „die Leidenschaften des Stolzes und der Wollust herrschten", von einer einst blühenden Handelsmetropole in einen vergleichsweise provinziellen Dornröschenschlaf zurückgesunken. Ich sage ‘vergleichsweise’, denn bunt und quirlig geht es nach wie vor zu.
Natürlich sieht man keine Patrizier mehr, die in kostbaren Gewändern ihre Windhunde spazierenführen, keine spanischen Granden in Hoftracht, portugiesische Matrosen, hanseatische und flandrische Kaufleute in pelzverbrämten Mänteln, keine florentinischen Dandies in zweifarbigen Beinkleidern. Christopher Kolumbus war entzückt von Galway, als der Stadtrat noch „ungebührliche Prasserei und Tanz auf den Straßen" mit einer Geldbuße bedrohen mußte und der aufrechte Bürgermeister Lynch den eigenen Sohn für den Mord an dem spanischen Gastfreund Gomez am Fensterkreuz erhängte. Tausendundeine solcher Geschichten aus vielen Jahrhunderten liegen hier in der Luft - und werden immer noch erzählt. Das ist wohl einer der Gründe dafür, warum Galway seit jeher ein Anziehungspunkt für Dichter und Schriftsteller gewesen ist: W.B. Yeats, John Millington Synge, George Bernhard Shaw, John Masefield, George Moore... in den verwunschenen Anlagen des Coole Park, nur wenige Meilen entfernt, wo früher Lady Gregory ein stattliches Herrenhaus besaß, zu dem eine weitgeschwungene Zedernallee führte, haben sie und etliche andere illustre Persönlichkeiten ihre Namen in den Stamm einer großen Blutbuche eingeritzt.
Wahrzeichen der Stadt ist die Bronzeskulptur des gnomenhaften Pádraic O Conaire am Eyre Square, einem ‘seanchai’, einem Geschichtenerzähler, der im zweirädrigen Eselskarren die zauberschöne Landschaft Connemaras durchstreifte und seine Eindrücke und Gespräche in Essays, Skizzen und humoristischen Erzählungen festhielt. Galway bietet eine Auswahl von mindestens dreißig Pubs mit oft überraschend virtuosen Life-Musiksessions (‘The Crane’s!’) und der Aussicht, einem echten ‘sean nos’ zu lauschen, einem jener fabulösen Sprechgesänge, die eine hypnotische Kraft entfalten können; es gibt mehrere Theater, wie das hervorragende ‘Druid’s’, und unzählige Fischrestaurants, die mit frischen Austern, Krebsen und Hummern locken. Man gewinnt rasch einen Überblick über die verwinkelten Straßen und Gassen, flüchtet vor plötzlich einsetzenden Regenfällen in den Dämmer gemütlicher Kneipen oder genießt malerische Sonnenuntergänge über bunten Häuserzeilen am ‘Spanish Arch’, wundert sich über die vielen Schwäne im Salzwasser des Hafenbeckens (auch dazu gibt es eine uralte Legende), spaziert lesend am Flußufer des Corrib entlang oder unternimmt Ausflüge ins Märchenreich der Connemara, wo noch immer Gaelisch gesprochen wird, die melodische Sprache der Poeten und Barden. Wer Galway nicht mag, muß die Phantasie eines Zahnarztverbandsvorsitzenden haben.
Literatur ist in Irland nicht eine Gattung des Kulturbetriebs, die mit Goldrandbrillenernst, Selbstbeweihräucherung und unter Ausschluß breiter Volksschichten zelebriert wird. Es bedarf hier offensichtlich keines Reich-Ranicki, der den Iren unterhaltsam-diktatorisch vorkaspert, was sie gefälligst zu lesen haben und wer demnächst in die Bestsellerlisten aufrücken darf. Literatur ist ebenso wie Theater, Wetten oder Whiskeytrinken ein ganz normaler Zeitvertreib mit anregender, manchmal inspirierender oder sogar erhellender Wirkung. Bei Lesungen und Theateraufführungen geht es sympathisch zwanglos zu, man wirft sich dafür nicht groß in Schale, Langeweile kommt nur selten auf, und Lachkrämpfe von seiten des Publikums wie auch des jeweiligen Vortragenden sind eine willkommene und häufige Unterbrechung. Und was geboten wird, ist oft vom Allerfeinsten.
Kenny’s Bookshop, 1940 von Des Kenny gegründet, ist meine Lieblingsbuchhandlung in Irland, und das will schon etwas heißen, denn ich habe unzählige abgeklappert, mit affenlangen Armen wegen der tonnenschweren Koffer, die bei der Ausreise vom Zoll achselzuckend durchgewunken wurden. Warum gerade Kenny’s? Weil zum Beispiel der jetzige Besitzer, Des’ Sohn, mir einmal gestattet hat, Auszüge aus einem für mich unbezahlbaren Folianten zu kopieren, die ich für irgendeinen Vortrag brauchte. Weil hier kaum ein wichtiger irischer Schriftsteller der letzten 50 Jahre nicht schon mal gelesen und seine Bücher signiert hat, und weil ich bei Kenny’s oft Leute treffe, deren short-stories ich irgendwann übersetzt habe, wie kürzlich Bernard MacLaverty. Und weil die mich dort, ich darf das ohne jede falsche Bescheidenheit einfügen, als ausgewiesenen Autor sogar forografiert haben und ich demnächst zwischen anderen literarischen Größen hängen werde wie Lynch Sohn am Fensterkreuz. Nicht, daß ich mir was darauf einbilden würde, aber jetzt kann ich jedesmal, wenn ich den Laden betrete, erneut nach meinem Konterfei suchen. Und der olle Kenny wird mir jedesmal sagen, es sei noch nicht entwickelt oder gerahmt, oder aus dem Rahmen gefallen, oder werde derzeit nach einem Säureattentat restauriert. Das hat was, finde ich. So einen Kitzel verschafft mir einfach keine deutsche Buchhandlung.
Und dann findet in Galway noch das ‘cuirt’ (sprich ‘Kuhrth’) statt, das wichtigste literarische Festival in Irland, alljährlich im April. Festivals hat es hier jede Menge, etwa das von Guinness gesponserte Austernfestival im September-Oktober, das ich ebenfalls ungern versäume. Aber das ‘cuirt’! Seit 1982 eine feste Institution, zieht es wegen der lockeren Atmosphäre Autoren und Künstler aus aller Welt an. Die Gästeliste ist beeindruckend: Brian Patten, Linton Kwesi Johnson, Seamus Heaney, Margaret Atwood, Allen Ginsberg, Derek Walcott, Edna O’Brien ... Dieses Jahr nahmen unter vielen anderen Pat McCabe (der die Romanvorlage und das Drehbuch zu ‘The Butcher Boy’ lieferte, der derzeit auch in deutschen Kinos läuft), Frank Mc Court ( der mit ‘Angelas Ashes’, ‘Die Asche meiner Mutter’ monatelang die Bestsellerlisten anführte), Bernard Mac Laverty, Joseph O’Connor (der mit ‘The Irish Male at Home and Abroad’ eine ebenso witzige wie treffende Analyse männlicher Befindlichkeit vorlegte), John O’Donoghue (‘Anam Cara’) und der amerikanische Dichter Adrian Henri an der Veranstaltung teil.
Wunderbare, lustige und bereichernde Abende: Schade, daß Sie nicht dabeiwaren. Aber vielleicht habe ich des einen oder der anderen Neugierde auf Galway geweckt, und Sie schauen im nächsten April mal vorbei. Eigentlich mache ich nur ungern Werbung für einen Ort, der für meinen Geschmack ohnehin zu viele Touristen anzieht (was bereits zu einer Art Hotelbauraserei in Randbezirken wie Salthill geführt hat), darunter solche, die sich in strohdummen Posen auf den Knien des Denkmals von Padraic O'Conaire ablichten lassen. Haben Sie diese Empfehlung überhaupt verdient? Doch, wenn ich Sie mir durch das Zeilengespinst so anschaue - das geht ja inzwischen im Internet - glaube ich schon. Immerhin haben Sie diesen Artikel zu Ende gelesen. Man sieht sich also möglicherweise.