Nr. 33, Februar 2001
 
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Neue Einsicht mit edler Aufrichtigkeit

Louis-Sébastien Mercier mußte seine gewagte Utopie "Das Jahr 2440" im Jahr 1771 noch anonym veröffentlichen. Das Buch ist eine faszinierende Mischung aus zeitgebundener Enge und ausgreifender, ja hochaktueller Weitsicht. Im zehnten Kapitel beschreibt er, wie jene ferne Zukunft mit einem Schriftsteller umgeht, die "ein schlechtes Buch" geschrieben haben, gemeint ist eines gegen die "allgemeingültige Moral": Ihm wird eine eiserne Maske aufgesetzt, um "seine Schande zu verbergen", aber nur zeitweise, denn:

"Jeden Tag machen zwei tugendhafte Bürger einen Besuch bei ihm, bestreiten seine irrigen Auffassungen mit den Waffen der Sanftmut und Beredsamkeit, hören sich seine Einwürfe an, antworten ihm darauf und bringen ihn dazu, zu widerrufen, sobald man ihn überzeugt habe. Darauf erhält er wieder alle seine Rechte, ja es wird sogar aus dem Geständnis seines Vergehens ein größerer Ruhm auf ihn zurückfallen; denn was ist Schöneres, als seinen Irrtümern zu entsagen und seine neue Einsicht mit edler Aufrichtigkeit entgegenzunehmen?"
"Aber hat sein Buch denn die Zensur passiert?"
"Welcher Mensch, ich bitte Euch, könnte es wagen, über ein Buch noch vor dem Urteil des Publikums zu richten? Wer kann den Einfluß dieses oder jenes Gedankens unter diesem oder jenem Umstande erraten? Jeder Schriftsteller steht mit seiner Person für das ein, was er schreibt, und vermummt niemals seinen Namen. Das Publikum ist es, das ihn mit Schande brandmarkt, wenn er den geheiligten Wahrheiten widerspricht, die dem Umgang und der Rechtschaffenheit unter den Menschen zur Grundlage dienen. Aber es ist das gleiche Publikum, das ihn unterstützt, wenn er eine neue Wahrheit vorbringt, mit deren Hilfe gewisse Mißbräuche abgeschafft werden können. Endlich ist die öffentliche Stimme die einzige Richterin in diesen Fällen, und man hört auf sie allein. Jeder Autor, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, wird durch diese allgemeine Stimme gerichtet und nicht durch die Laune eines Einzelnen, der selten gerecht genug ist und den hinreichenden Weitblick besitzt, um das herauszufinden, was vor der Nation als wahrhaft lobens- oder tadelnswert bestehen kann.
Man hat es schon so oft bewiesen: Die Freiheit der Presse ist das wahre Maß für die bürgerliche Freiheit. Man kann niemals die eine unterdrücken, ohne die andere zu zerstören. Der Verstand muß sich voll auswirken können: Ihm einen Zügel anzulegen ist nichts anderes, als ihn in seinem ureigensten Bereich ersticken zu wollen, und das ist ein Verbrechen gegen die Menschenrechte. Und was soll denn mein Eigen sein, wenn meine Gedanken mir nicht gehören?"
"Zu meiner Zeit aber", versetzte ich, "fürchteten die Amtsträger nichts so sehr wie die Federn der tüchtigen Schriftsteller. Sie schauderten bis in die hintersten Winkel ihrer überheblichen und schuldbeladenen Seelen, sobald die Gerechtigkeit es wagte, den Schleier von den Schandtaten zu reißen, bei deren Begehung sie nicht einmal rot geworden waren. Anstatt daß man diese
öffentliche Zensur geschützt hätte, die bei guter Verwaltung dem Verbrechen und dem Laster einen sehr wirksamen Zügel angelegt hätte, verdammte man alle Schriften dazu, durch ein Sieb hindurchzugehen. Aber das Sieb war so fein, daß oft die besten Züge verlorengingen; die Hochflüge des Genies wurden der grausamen Schere der Mittelmäßigkeit ausgesetzt, die ihm ohne Erbarmen die Flügel abschnitt."
Man fing um mich herum an zu lachen.
"Das müßte", sagte man mir, "wohl eine lustige Sache sein, Leute ernsthaft damit beschäftigt zu sehen, einen Gedanken entzweizuschneiden und Silben abzuwiegen. Es ist ganz erstaunlich, daß Ihr unter diesen Behinderungen überhaupt etwas Gutes hervorgebracht habt. Wie kann man mit Anmut und Leichtigkeit tanzen unter der Zentnerlast solcher Ketten?"

Aus dem Französischen übertragen von Christian Felix Weise (Insel Verlag 1989, it 1162)


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