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Neue Einsicht mit edler Aufrichtigkeit
Louis-Sébastien Mercier mußte seine gewagte
Utopie "Das Jahr 2440" im Jahr 1771 noch anonym veröffentlichen.
Das Buch ist eine faszinierende Mischung aus zeitgebundener Enge und
ausgreifender, ja hochaktueller Weitsicht. Im zehnten Kapitel beschreibt
er, wie jene ferne Zukunft mit einem Schriftsteller umgeht, die "ein
schlechtes Buch" geschrieben haben, gemeint ist eines gegen die
"allgemeingültige Moral": Ihm wird eine eiserne Maske
aufgesetzt, um "seine Schande zu verbergen", aber nur zeitweise,
denn:
"Jeden Tag machen zwei tugendhafte Bürger einen Besuch bei
ihm, bestreiten seine irrigen Auffassungen mit den Waffen der Sanftmut
und Beredsamkeit, hören sich seine Einwürfe an, antworten
ihm darauf und bringen ihn dazu, zu widerrufen, sobald man ihn überzeugt
habe. Darauf erhält er wieder alle seine Rechte, ja es wird sogar
aus dem Geständnis seines Vergehens ein größerer Ruhm
auf ihn zurückfallen; denn was ist Schöneres, als seinen Irrtümern
zu entsagen und seine neue Einsicht mit edler Aufrichtigkeit entgegenzunehmen?"
"Aber hat sein Buch denn die Zensur passiert?"
"Welcher Mensch, ich bitte Euch, könnte es wagen, über
ein Buch noch vor dem Urteil des Publikums zu richten? Wer kann den
Einfluß dieses oder jenes Gedankens unter diesem oder jenem Umstande
erraten? Jeder Schriftsteller steht mit seiner Person für das ein,
was er schreibt, und vermummt niemals seinen Namen. Das Publikum ist
es, das ihn mit Schande brandmarkt, wenn er den geheiligten Wahrheiten
widerspricht, die dem Umgang und der Rechtschaffenheit unter den Menschen
zur Grundlage dienen. Aber es ist das gleiche Publikum, das ihn unterstützt,
wenn er eine neue Wahrheit vorbringt, mit deren Hilfe gewisse Mißbräuche
abgeschafft werden können. Endlich ist die öffentliche Stimme
die einzige Richterin in diesen Fällen, und man hört auf sie
allein. Jeder Autor, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, wird
durch diese allgemeine Stimme gerichtet und nicht durch die Laune eines
Einzelnen, der selten gerecht genug ist und den hinreichenden Weitblick
besitzt, um das herauszufinden, was vor der Nation als wahrhaft lobens-
oder tadelnswert bestehen kann.
Man hat es schon so oft bewiesen: Die Freiheit der Presse ist das wahre
Maß für die bürgerliche Freiheit. Man kann niemals die
eine unterdrücken, ohne die andere zu zerstören. Der Verstand
muß sich voll auswirken können: Ihm einen Zügel anzulegen
ist nichts anderes, als ihn in seinem ureigensten Bereich ersticken
zu wollen, und das ist ein Verbrechen gegen die Menschenrechte. Und
was soll denn mein Eigen sein, wenn meine Gedanken mir nicht gehören?"
"Zu meiner Zeit aber", versetzte ich, "fürchteten
die Amtsträger nichts so sehr wie die Federn der tüchtigen
Schriftsteller. Sie schauderten bis in die hintersten Winkel ihrer überheblichen
und schuldbeladenen Seelen, sobald die Gerechtigkeit es wagte, den Schleier
von den Schandtaten zu reißen, bei deren Begehung sie nicht einmal
rot geworden waren. Anstatt daß man diese
öffentliche Zensur geschützt hätte, die bei guter Verwaltung
dem Verbrechen und dem Laster einen sehr wirksamen Zügel angelegt
hätte, verdammte man alle Schriften dazu, durch ein Sieb hindurchzugehen.
Aber das Sieb war so fein, daß oft die besten Züge verlorengingen;
die Hochflüge des Genies wurden der grausamen Schere der Mittelmäßigkeit
ausgesetzt, die ihm ohne Erbarmen die Flügel abschnitt."
Man fing um mich herum an zu lachen.
"Das müßte", sagte man mir, "wohl eine lustige
Sache sein, Leute ernsthaft damit beschäftigt zu sehen, einen Gedanken
entzweizuschneiden und Silben abzuwiegen. Es ist ganz erstaunlich, daß
Ihr unter diesen Behinderungen überhaupt etwas Gutes hervorgebracht
habt. Wie kann man mit Anmut und Leichtigkeit tanzen unter der Zentnerlast
solcher Ketten?"
Aus dem Französischen übertragen von Christian
Felix Weise (Insel Verlag 1989, it 1162)

Ihr
Kommentar
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