Nr. 33, Februar 2001
 
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Die arme Sprache

Ende Januar wußten gleich zwei Jeremiaden auf der Leserbrief-Seite der Süddeutschen Zeitung den angeblichen Verfall der deutschen Sprache zu beklagen. Die eine stammte von einem bekannten Professor der Germanistik und sei hier mit Rücksicht auf seine Leistungen verschwiegen.
Die andere aber, bisweilen orthographisch bedenklich, greift so unbedarft und selbstüberzeugt und lustsabbernd und herzhaft daneben, daß ihre schönsten Stellen hier stehen müssen:

Die Verdrängung macht nicht Halt an der Oberfläche, etwa bei Jeans und T-Shirts, Slips (das waren mal Schlüpfer oder Höschen) und Leggins (ehemals Strumpfhosen), sie geht uns vielmehr tief unter die Haut: Wir rufen "wow!" (hier zu Lande war das mal "ui!"), wenn wir beeindruckt sind, "shit!" oder gar "fuck!" aus Verärgerung (heute: "Frust"), wir sind "echt happy", gar "high", dann wieder "total gefrustet" und "völlig down" (ist ja auch griffiger als "himmelhoch jauchzend" und "zu Tode betrübt"); wir sind auf der Suche nach immer mehr "Kicks", haben einen "Flash", und wenn's danebengeht, einen "Crash".
Man "chattet" im Internet, begrüßt sich mit "hi" und "hallo", kommt sich näher beim "Date" (vereinbart per SMS oder E-Mail auf dem Handy, das aber erstaunlicherweise in Amerika gar nicht so heißt, sondern "mobile phone" oder "cellular phone"), erlebt "Necking", "Petting", und, schließlich Sex (was vor 50 Jahren, beim sprachlichen Erstimport, nur so viel bedeutete wie "geschlechtsspezifische Ausstrahlung und erotische Anziehungskraft", gekürzt übernommen aus "sex appeal").
Wie erfrischend bodenständig erscheint da im kläglich geschrumpften deutschsprachigen Gefühls-Kräutergärtlein nun das üppig wuchernde Hochwort "geil". Man könnte hier wahrlich ins Spekulieren kommen über die Beziehungen zwischen Sprache und Volkscharakter angesichts der Tatsache, dass die Engländer und die Amerikaner, wie fast der Rest der Welt, Wörter aus der Intimsphäre, bildlich gebraucht, fast ausschließlich verwenden zur nachdrücklichen Bezeichnung alles Verachteten, alles Widerwärtigen, allen Übels.
Von der Wiege an hat uns der sprachliche Coca-Cola-Imperialismus fest im Griff: als "Babys" (Korrekter: "Babies") kommen wir zur Welt, reifen dann als "Kids" zu "Teenies" und "Twens" (auch dieses im Englischen gar nicht existierende Wort zeigt wieder diese überaus beflissene sprachlich-kulturelle Überanpassung), werden womöglich zu "Yuppies" und leiden dann in der "Midlife Crisis" unter dem "Burnout Syndrom".

Und Sie? Geben Sie ihm recht?

 
 
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