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Die arme Sprache
Ende Januar wußten gleich zwei Jeremiaden auf
der Leserbrief-Seite der Süddeutschen Zeitung den angeblichen Verfall
der deutschen Sprache zu beklagen. Die eine stammte von einem bekannten
Professor der Germanistik und sei hier mit Rücksicht auf seine
Leistungen verschwiegen.
Die andere aber, bisweilen orthographisch bedenklich, greift so unbedarft
und selbstüberzeugt und lustsabbernd und herzhaft daneben, daß
ihre schönsten Stellen hier stehen müssen:
Die Verdrängung macht nicht Halt an der Oberfläche, etwa
bei Jeans und T-Shirts, Slips (das waren mal Schlüpfer oder Höschen)
und Leggins (ehemals Strumpfhosen), sie geht uns vielmehr tief unter
die Haut: Wir rufen "wow!" (hier zu Lande war das mal "ui!"),
wenn wir beeindruckt sind, "shit!" oder gar "fuck!"
aus Verärgerung (heute: "Frust"), wir sind "echt
happy", gar "high", dann wieder "total gefrustet"
und "völlig down" (ist ja auch griffiger als "himmelhoch
jauchzend" und "zu Tode betrübt"); wir sind auf
der Suche nach immer mehr "Kicks", haben einen "Flash",
und wenn's danebengeht, einen "Crash".
Man "chattet" im Internet, begrüßt sich mit "hi"
und "hallo", kommt sich näher beim "Date" (vereinbart
per SMS oder E-Mail auf dem Handy, das aber erstaunlicherweise in Amerika
gar nicht so heißt, sondern "mobile phone" oder "cellular
phone"), erlebt "Necking", "Petting", und,
schließlich Sex (was vor 50 Jahren, beim sprachlichen Erstimport,
nur so viel bedeutete wie "geschlechtsspezifische Ausstrahlung
und erotische Anziehungskraft", gekürzt übernommen aus
"sex appeal").
Wie erfrischend bodenständig erscheint da im kläglich geschrumpften
deutschsprachigen Gefühls-Kräutergärtlein nun das üppig
wuchernde Hochwort "geil". Man könnte hier wahrlich ins
Spekulieren kommen über die Beziehungen zwischen Sprache und Volkscharakter
angesichts der Tatsache, dass die Engländer und die Amerikaner,
wie fast der Rest der Welt, Wörter aus der Intimsphäre, bildlich
gebraucht, fast ausschließlich verwenden zur nachdrücklichen
Bezeichnung alles Verachteten, alles Widerwärtigen, allen Übels.
Von der Wiege an hat uns der sprachliche Coca-Cola-Imperialismus fest
im Griff: als "Babys" (Korrekter: "Babies") kommen
wir zur Welt, reifen dann als "Kids" zu "Teenies"
und "Twens" (auch dieses im Englischen gar nicht existierende
Wort zeigt wieder diese überaus beflissene sprachlich-kulturelle
Überanpassung), werden womöglich zu "Yuppies" und
leiden dann in der "Midlife Crisis" unter dem "Burnout
Syndrom".
Und
Sie? Geben Sie ihm recht?
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