Nr. 33, Februar 2001
 
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Lieber Hungern

Fast Food ist heute so selbstverständlich wie Telefonieren. Jeder auf dieser Welt tut es. Einfach so.
Eric Schlosser in seinem Buch "Fast Food Nation" hat mit der Fairness und Aufmerksamkeit eines guten Reporters den Ursprung dieser Nahrung recherchiert. Die bahnbrechende Idee hatten 1948 die Brüder McDonald: Sie schrumpften die Speisekarte auf das, was man ohne Messer und Gabel essen kann, und die Küche wurde zum Fließband umfunktioniert, an dem nur noch Ungelernte arbeiteten. Effekt: Er konnte billiger anbieten. Und prompt fand er ein Dutzend Nachahmer.
Heute werden die McDonald-Kartoffeln nicht mehr von Hand, sondern von Maschinen geschält und dann mit vierzig Metern pro Sekunde gegen ein Gitter geschossen, auf dessen anderer Seite die perfekt geformten Fritten herauskommen. Die werden eingefroren und zum McDonald vor Ort gefahren. In eigenen Labors arbeiten sogenannte "flavorists", Experten in weißen Ärztekitteln, und setzen solange ihre Chemikalien zu, bis der rechte Geschmack erreicht ist - und sie vergessen natürlich auch nicht das dazu passende "Mundgefühl".
Die verschlungenen Wege des Rindfleischs vom Tier bis zum Hamburger beschreibt der Autor in allen saftigen Details. Am Ende "enthält ein fertiger Hamburger das Fleisch von einem Dutzend oder sogar Hunderten verschiedener Rinder".
Schlosser zitiert einen Ernährungswissenschaftler, der mit schöner Offenheit zugibt: "Wenn Sie von einem Problem nichts wissen, dann müssen Sie sich auch nicht damit herumschlagen." Zumindest nach der Lektüre dieses Buches kann man sich kaum noch mit Nichtwissen herausreden.


Vom Nutzen und Schaden der Museen

Vor der Französischen Revolution gab es kaum eine öffentliche Gelegenheit, die Werke berühmter Maler zu sehen. Die meisten Kunstwerke hingen und standen in Palästen und Privathäusern (ein paar immerhin in Kirchen). Erst Napoleon führte hier zu einer Innovation: Seine systematischen Kunsträubereien wurden zwar 1815 durch Rückgabe zum Teil wiedergutgemacht, aber es blieb noch genug in Paris zurück, um den Louvre zu einer wahrhaft königlichen und allen zugänglichen Sammlung zu machen. In England begann man um diese Zeit immerhin, die Privatsammlungen einer ausgewählten Kennerschaft zu öffnen: jungen Künstlern, zur Weiterbildung.
Bald ließ sich über Ausstellungen auch das nationale Prestige heben. Den Durchbruch schaffte hier Lady Chamberlain, die Frau des britischen Außenministers und Faschismus-Bewunderers. Ohne Schwierigkeiten überredete sie Mussolini, einer Londoner Ausstellung die schönsten Kunstwerke Italiens zu leihen, darunter Botticellis "Geburt der Venus". Schon hier finden sich die Charakteristika heutiger Mega-Expositionen: unverantwortliche, überzogene Leihgaben-Forderungen, der politische bis nationalistische Druck dahinter, ein Monster-Katalog als Souvenir und die PR-Behauptung, etwas derartiges werde man in Jahrzehnten nicht noch einmal erleben.
Der bis heute spürbare Effekt: Kunstwerke werden, oft gegen den Willen der eigenen Kuratoren, um die ganze Welt gekarrt. Nur um den Leihgebern Prestige einzubringen, den Sponsoren Auftritte und dem Museum zahlende Gäste.
Der scharfe Kritiker dieser Reise-Praxis ist Francis Haskell in seinem Buch "The Ephemeral Museum. Old Master Paintings and the Rise of the Art Exhibition". Haskill ist darin nicht nur fachkundig, sondern auch ehrlich: Er gibt zu, manche Groß-Ausstellung habe ihm sogar ausgesprochenes Vergnügen bereitet.


Die Macht der Bilder

Ein Ikonoklast ist nicht nur ein Gegner, sondern ein Zerstörer von Bildern. Der Ikonoklast fürchtet, sozusagen vormodern, die Macht des Bildes. Er handelt mit Leidenschaft und aus Überzeugung.
Und er ist nicht immer ein Mann. Im Jahr 1914 wurde die Venus von Velazquez in der Londoner National Gallery von einer Suffragette an mehreren Stellen aufgeschlitzt. Die Vorkämpferin für das

Frauenwahlrecht "tötete" damit das Objekt der Begierde ihrer männlichen Gegner.
Die Geschichte der - speziell der im Islam und im Judentum religiös begründeten - Bilderfeindlichkeit beschreibt Alain Besançon in seinem faszinierenden Buch "L'image interdit". Das Werk hat nur einen kleinen Nachteil: Es nimmt seinen Untertitel "Une histoire intellectuelle de l'iconoclasme" ein wenig zu wörtlich und spart kräftig an Bildern und Illustrationen. Ist der Autor selbst heimlicher Ikonoklast?


Keine frühen Triumphe

Das Fernsehen, erwartete man noch vor kurzem, würde irgendwie vom Internet abgelöst, beseitigt, überrollt - je nachdem. Aber auch jetzt, nachdem die dot.com-Upstarts reihenweise in de Knie gegangen sind, kommt bei den großen Fernsehsendern keine rechte Freude auf. Denn mit den Internet-Firmen sind auch deren TV-Werbegelder in den USA verschwunden.
Noch im letzten Jahr haben siebzehn Internet-Firmen je drei Millionen Dollar für einen Dreißig-Sekunden-Spot bezahlt. In diesem Jahr sind nur noch drei von ihnen bereit dazu. Der Preis ist bereits um fünfundzwanzig Prozent gefallen. CBS hat regelmäßig noch eine Woche vor der Sendung zehn Prozent seiner Werbeblöcke nicht verkauft.
NBC, einer der vier großen USA-Sender, will in den nächsten Monaten sechshundert Stellen streichen, bei CNN stehen vierhundert Stellen und dazu vier Shows auf der roten Liste, und CBS und ABC haben einen Einstellungsstop verhängt.
Weiterreichende Konsequenzen hat das sich verringernde Internet-Engagement der Fernsehsender. News Corp verkündete Anfang Januar die Schließung seiner Online-Abteilung und die Enlassung von zweihundert Mitarbeitern. CBS hat schon im letzten Jahr ein Viertel seiner Online-Mannschaft nach Hause geschickt, NBC sogar fast die Hälfte.
Man hört fast das Aufatmen der Sender: Ihre Internet-Aktivitäten waren ohnehin immer defensiv gemeint, und diese Verteidigung kann man sich nun nach den Internet-Firmen-Pleiten wohl sparen.


Geheimnisvoller Molière

Es war manchmal lebensgefährlich, Ludwig XIV. zu amüsieren. Jean-Baptiste Lully zum Beispiel stach sich beim Dirigieren den eigenen Stab in den Fuß und starb kurz danach am einsetzenden Wundfieber. Und Molière, der selbst seinen "Eingebildeten Kranken" spielte, fragte am 17. Februar 1673 vor seinem Auftritt: "Ist es nicht gefährlich, den eigenen Tod vorzutäuschen?" und starb - zwar nicht auf der Bühne, aber zwei Stunden nach der Aufführung zu Hause. Der Bühnen-Stuhl, in dem er seine ängstliche Frage stellte, ist noch heute in der Comédie Française zu sehen, in dem von ihm gegründeten Theater.
Anekdoten solcher Aussagefähigkeit präsentiert Virginia Scott in ihrem Buch "Molière: A Theatrical Life". Sie ist, wie alle Molière-Biographien, mangels relevanter Dokumente darauf angewiesen, ein möglichst farbiges Zeit-Bild herzustellen, in dem dann die wenigen bekannten Lebensdaten Molières ihren Platz finden (darunter die ihm schon von den Zeitgenossen nachgesagte Liebe zu seinem Protégé Baron).


"Gott ist Nigerianer",

sagt Olusegun Obasanjo gern, der Präsident des Landes. Er meint damit: Gött läßt offenbar nicht zu, daß Nigeria völlig vor die Hunde geht oder, einschlägiger, endgültig zur Hölle fährt.
Allerdings ist es nicht so, daß genau das völlig ausgeschlossen wäre. Für den Engländer Karl Maier (in seinem neuen Buch "This House has Fallen: Midnight in Nigeria") ist dieses Land "der größte mißglückte Staat in der Dritten Welt". Und doch sieht er noch nicht das Ende: Unruhen und Massaker flammen hier immer wieder auf - und gehen vorbei.
Aber für die meisten ist Nigeria eine blindwütige Jagd - auch der Armen - nach Beute. Was Maier über die neuerlich enthüllten Bereicherungen des früheren Militärdiktators Abacha berichtet, ist atemberaubend (Colin Powell, der neue US-Außenminister, nannte kurzerhand alle Nigerianer "Verbrecher und Diebe"). Aber er schreibt auch von Anwälten, die sich für die Menschenrechte engagieren, von freundlichen Priestern und furchtlosen Journalisten.
Es ist seit dreißig Jahren das erste lesbare und informative Buch über Nigeria.


Gar nicht so heimliche Verführer

Es gibt kostenlose Computerprogramme, die nur deshalb kostenlos sind, weil der Käufer sich mit speziellen Werbeeinblendungen einverstanden erklärt. Das Dumme ist: Die Einverständniserklärung findet sich irgendwo unten in der sogenannten Lizenzvereinbarung, die jeder bloß anklickt, aber nicht liest. Effekt: Auf der Festplatte nistet sich ein ungewolltes Programm ein, das beim Start des Computers automatisch eine Verbindung zum Internet herstellt und die Werbung herunterlädt.
Die Version 8 von WordPerfect zum Beispiel geht ähnlich vor. Solange man die Software nicht bezahlt hat, wird man mit Werbung traktiert. Aber auch nach der Bezahlung verschwindet das eingebaute Werbe-Programm nicht immer aus dem Computer. Selbst wenn manche Anwendungen dieser Art deinstalliert wurden, funktioniert das Werbe-Programm immer noch.
Besonders übel treibt es mit diesen Spielchen die Firma Aureate (die sich vor kurzem in Radiate) umbenannt hat). Ihre versteckten Programme sollen sich mittlerweile auf 30 Millionen Computern befinden. Ein Gegenmittel immerhin bietet die Firma Gibson Research mit ihrem kostenlosen Gegen-Programm optout (siehe auch grc.com/optout.com).


Der Ungelesene

Frantz Fanon wurde auf Martinique geboren und in Frankreich zum Psychiater ausgebildet. 1953 ging er nach Algerien und engagierte sich im Befreiungskampf auf der Seite der Algerier. Als Arzt war er im vollem Umfang über die Foltermethoden der französischen Verhörtechniker informiert.
Berühmt wurde er mit seinem heute nur noch wenigen bekannten Buch "Die Verdammten der Erde", einer "nichtmarxistischen Bibel der Unterdrückten" (The Economist).
Interessanter als seine zeitgebundenen Meinungen zur "reinigenden" Qualität der Gewalt ist sein Erlebnis des eigenen "Andersseins". Daß Fanon Schwarzer war, wurde ihm erst in Frankreich bewußt gemacht, als ihm die französischen Stereotypen aus jeder Kakao-Werbung anstarrten. Der Schock saß tief. Noch auf dem Sterbebett hatte er den Alptraum, in eine Waschmaschine gesteckt und "entnegert" zu werden.
Seine Werke sind heute ungelesen. Sein Leben wenigstens kann man in der schönen Biographie von David Macay "Frantz Fanon: A Life" nachlesen.


Was sind Nazi-Souvenirs?

Die Suchmaschine Yahoo! treibt seltsame Spielchen. Nach der Verurteilung durch ein französisches Gericht nahm man zwar am 11. Januar einen großen Teil der eintausendneunhundert bis dahin angebotenenNazi-Souvenirs aus dem Katalog aber vierhundert davon werden weiterhin verkauft - zumeist Banknoten, Münzen und Briefmarken aus dem Dritten Reich. Man sieht das wohl nicht als Souvenirs aus der Zeit der Nationalsozialisten an.
Auch wird weiterhin Hitlers "Mein Kampf" verkauft - zu Bildungszwecken.
Gleichzeitig will die in Süd-Kalifornien ansässige Firma dort auf dem Klageweg geltend machen, daß ein französisches Gericht keine Jurisdiktion hat über Content, der in den USA hergestellt wurde.



Ihr Kommentar

Der interessante Schnee von gestern

Nicht alles Neue ist wirklich neu. Besonders nicht in den IT-Technologien, die nur deshalb dauernd so hochgeschrieben werden, weil die Schreiber entweder nichts davon verstehen oder ein kurzes Gedächtnis haben. Oder beides.
Es lohnt sich also, wenigstens im Hinblick auf die USA, ein Blick in die Essay-Sammlung "A Nation Transformed by Information". Wenn man hier von der frühen und schnellen Verbreitung des Telefons liest, dann hört sich die vorgeblich einzigartige Durchsetzungsgeschwindigkeit des Computers nicht mehr ganz so imponierend an. Oder dies (hätten Sie's gewußt?): Die Erfindung der Schreibmaschine verdreifachte sozusagen über Nacht die Erfassung und Speicherung von Information.
Faszinierender noch liest sich das Hauptthema des Buches: Offene Informationssysteme sind für die Anregung weiterer Innovationen ergiebiger als geheimgehaltene. Das trifft nicht erst für IBM und seinen frühen PC zu, sondern auch schon auf RCA, die von Anfang an ihre Fernsehtechniken, oder AT&T, die 1952 ihre Transistortechnologie veröffentlichten.


Über die frühe Kunst des Reisens

Francis Galton war eine schillernde Figur der viktorianischen Epoche. Nicht nur hat er den Antizyklon entdeckt und das Wort dafür erfunden, er war auch ein starker Verfechter der Volksgesundheit durch Eugenik (und vielleicht hat er auch dieses Wort erfunden). Vor allem aber war ein leidenschaftlicher Reisender.
Er pflegte dabei (nachzulesen in seinem jetzt wieder erschienenen Buch von 1872 "The Art of Travel") eine Philosophie der genießenden Langsamkeit. Eine Reise sollte eine Erfahrung sein, keine Suche: "Interessieren Sie sich hauptsächlich für den Fortgang Ihrer Reise und schauen Sie nicht mit Begehrlichkeit auf ihren Endpunkt."
Aber auch die Praxis findet Berücksichtigung, sowohl im Abschnitt über den Selbstbau eines Schlafsacks, als auch in dem köstlichen Kapitel über "Ekelerregende Nahrungsmittel, die das Leben verhungernder Menschen retten können".


Harry Potter? Verboten!

Eine Schule, selbstverständlich eine christliche, in Queensland (Australien) hat "Harry Potter und der Feuerkelch" für ihre Schüler verboten. Dr. Chas Gullo, Lehrer an dieser Schule, hat - sagt er - ein Kapitel gelesen und wurde allein hier mit vier Morden konfrontiert. "Das war ganz schön unheimlich", meinte er nach diesem Schock.
Einige Eltern fanden den Mut, zu protestieren: Die Potter-Bücher, hielten sie dem Vor-Leser entgegen, seien Produkte der Phantasie und stellten keinerlei Bedrohung dar.


Besser spät als nie

Im Jahr 1876 reichte Mark Twain (er fing damals gerade mit "Huckleberry Finn" an) eine kleine Erzählung bei der Zeitschrift "Atlantiv Monthly" ein. Sie wurde nicht angenommen. Jetzt - einhundertfünfundzwanzig Jahre später - hat sich die Zeitschrift umbesonnen: Die Erzählung mit dem Titel "A Murder, a Mystery and a Marriage" wird gedruckt.
Das Honorar ist noch geheim.


Memoiren sind nicht das große Geschäft

Wenn Ex-Präsidenten in den USA ihre Erinnerungen aufschreiben, muß das nicht immer ein Riesengeschäft sein. Eine der großen Ausnahmen ist die Autobiographie von Präsident Grant, der es - anders als heutige Autoren aus dem Weißen Haus - schaffte, keine öde Textsammlung, sondern eine wirklich persönliche gehaltene Lebensbeschreibung zu liefern.
So sieht man auch Clintons Memoiren ohne übertriebene Erwartungen entgegen. Sein Fünf-Millionen-Dollar-Vorschluß ist denn auch spürbar geringer als der für Hillarys Erinnerungen (acht Millionen).
Man kann darauf wetten, daß die Worte "Monica Lewinsky" bei Clinton nicht vorkommen werden. Aber auch ein zarter Hinweis auf die Geschichte, meint der Verleger, wäre schon gut fürs Geschäft.


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Wer oder was ist Ginger?

Dean Kamen hat eine Erfindung gemacht (Codename "Ginger"), eine Alternative zu einem heutigen Produkt, das "schmutzig, teuer, manchmal gefährlich und oft frustrierend ist, speziell für die Menschen in der Stadt". Das Dumme ist, er sagt nicht, was er erfunden hat. Genauer: Er will es erst nächstes Jahr sagen.
Die Investoren sind von "Ginger" überzeugt: Es sei bedeutsamer als das Internet und werde seinen Schöpfer reicher machen, als Bill Gates heute ist.
Und einem Verlag war die Sache einen Vorschuß von einer Viertelmillion Dollar wert: Für dieses Honorar schreibt nun Steve Kemper ein "Ginger"-Buch, das mit der Enthüllung der Erfindung erscheinen soll.


Uns können Sie vertrauen!

Angenommen, Sie begegnen einer Organisation namens "Mütter gegen Umweltverschmutzung" oder "Umwelt-Informations-Rat" oder "Amerikanischer Rat für Wissenschaft und Gesundheit" - geht Ihnen da nicht das Herz auf? In Wahrheit arbeiten diese wohlklingenden Gruppen für Unternehmen, die sich von der Regierung oder Umweltaktivisten mit Auflagen bedrängt fühlen. Die American Heart Association und die American Cancer Society verkaufen ihr Gütesiegel gern an Pharma-Unternehmen oder sogar Orangensaft-Hersteller. Und ein früherer Schatzkanzler, Lloyd Bentsen, ist als Lobbyist für eine Kreditkartenfirma unterwegs.
Sie sind die Experten. Sie verlangen unser Vertrauen. Und doch ist es die hinter ihnen stehende "Industrie, die die Wissenschaft manipuliert und unsere Zukunft aufs Spiel setzt" (so der Untertitel des Buches von John Stauber und Sheldon Rampton "Trust Us, We're Experts", das im Januar herauskam).
Ihr Buch ist nicht nur eine düstere Enthüllungsstory, sondern gibt auch praktische Ratschläge, wie mit den angeblichen Experten-Äußerungen umzugehen ist, wie man ihre - nur - acht rhetorischen Tricks entlarvt und wie man einen selbsternannten wissenschaftlichen Artikel gegen den Strich lesen muß. Und die wichtigste, schon aus Watergate-Zeiten stammende Regel: "Geh dem Geld nach!"


Warum erst jetzt?

Warum wird erst jetzt die Todesstrafe in den USA zum Thema? Nicht nur in der EU, sondern in den Vereinigten Staaten selbst? Es kann doch nicht nur daran liegen, daß Texas in diesem Jahr vermutlich vierzig Menschen hinrichten wird (was selbst für Texas Rekord wäre) und der derzeitige Präsident Texaner ist.
Natürlich nicht. Der Hauptgrund liegt in der landesweiten Zunahme an vollzogenen Todesstrafen seit 1990. Und diese kräftige Zunahme bewegt nicht nur die ohnehin eifrigen Gegner, sondern in wachsendem Umfang auch die Befürworter der Todesstrafe (die in den USA noch immer die Mehrheit bilden). Zumindest verspüren sie ein beginnendes Unwohlsein angesichts des Umfangs und der möglichen Ungerechtigkeit ihrer Anwendung.
Robert Jay Lifton und Greg Mitchell beschreiben den langsamen Meinungsumschwung in ihrem Buch "Who Owns Death? Capital Punishment, The American Conscience, and the End of the Death Penalty". Lifton hat sich bereits einen Namen gemacht mit seinem Buch über "The Nazi Doctors", in dem er die Perversion der Wissenschaft zur politischen Doktrin untersuchte.
Das Bild, das die Autoren von den amerikanischen Einstellungen zur Todesstrafe zeichnen, ist umfassend, fair und komplexer als schnelle Meinungsumfragen. So zeigen sie zum Beispiel auch, daß diejenigen, die unmittelbar und praktisch mit den Hinrichtungen zu tun haben, oft das größte Unbehagen daran spüren.


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