Nr. 33, Februar 2001

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Lyrische Morbidezza

Zwei Gedichte, die Sascha Becker Der Gazette eingesandt hat, sind mir wegen ihrer morbiden Bilder aufgefallen:

Epiphanie

Meiner Amme Gewand war blutgescheckt
ihre Hände saßen an meinem Hals
wie Kröten, Schilf war ihr Haar
und ihr Fleisch Erde

mit Zangen griff man mein Haupt
aus offnem Schrei der Lende
und trennte vom Nektar den Nabel

daß ich neuen Nektar mir fände
im Schilf der Erde.


Meiner Leiche

Mit siebenfach rasiertem Geäder
schlummernd
auf bronzenem Blutteppich

Sensenfellatio -
Affensaft ausgerotzt:
Dies Irae!

Das Leckermaul salzig
vom Zersetzungskuß
- Heins Kadaverschatz

unterm Hirnpott gekreuzte Arme,
Krähenhände, gebissen
ins Rattenhaar

die Tierheit, hingereckt,
durchglänzet engelsweiß
Gebein

der Apfel dort -
die Augen weit - -
o lichten Blicks
in saat- und sensenfernes Reich.

Morbide Poesie, die in Bildern des Todes und des Verfalls schwelgt, ist gar keine so seltene Art der Lyrik und wäre gewiß eine längere Untersuchung wert. Eros und Thanatos sind nicht erst seit Romeo und Julia die Grundthemen der Kunst und Literatur, aber einige Dichter - wenn nicht ganze Kulturepochen - haben mit Freund Hein leidenschaftlicher und anzüglicher
kokettiert als andere.

Wenn man sich die Mühe macht, wird man zu allen Zeiten Gedichte finden, deren Hauptgegenstand das Makabre ist. Dieses seltsame Wort, ursprünglich Macabré, kam im vierzehnten Jahrhundert auf; `Je fis de Macabré la dance´, schreibt 1376 der Poet Jean le Fèvre. "Hier geriet in die Vorstellung des Todes ein neues, erregendes phantastisches Element hinein, ein Schauder, der aus den Bewußtseinsschichten von grausiger Gespensterfurcht und feuchtkaltem Schreck emporstieg. Der alles beherrschende religiöse Gedanke setzte es sogleich in Moral um, führte es auf ein Memento mori zurück, machte aber gern Gebrauch von der ganzen schauer-erregenden Suggestion, die der gespenstische Charakter der Vorstellung mit sich brachte."(Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters). So läßt Georges Chastelain die sterbende Geliebte sagen:

Mein Freund, betrachtet mein Antlitz,
Seht, was der schmerzvolle Tod macht,
und vergeßt es fürder nicht;
Das ist sie, die Ihr so sehr liebtet,
Und diesen Leib, der Euer ist,
Werdet Ihr, häßlich und schmutzig, für immer verlieren;
Er wird eine stinkende Mahlzeit sein
Für die Erde und das Geziefer;
Der harte Tod endet alle Schönheit.

Solche Verse scheinen bereits Poe vorwegzunehmen, der den Tod einer schönen Frau für den "Gipfelpunkt aller Poesie" hielt - "soft may the worms around her creep" ("leis krieche um sie Würmerbrut") heißt es in `The Sleeper´ - der Leser meint, hier übertreibt er wohl ein bisschen.

Aber das Makabre und Morbide hat in der Poesie eine lange, altehrwürdige Tradition, man denke nur an Hamlets Zwiesprache mit dem Schädel Yorricks (kein unüblicher Dialog auf der damaligen Bühne) oder den berühmten Monolog Heinrich II. : "Let´s talk of worms, and graves, and epitaphs..."

Das elizabethanische Theater - größtenteils in Blankvers geschrieben - ist voller Grabesvisionen und Ausmalungen gräßlicher Zerfallsprozesse. In Websters `The Duchess of Malfi´ reicht einer der Brüder der Herzogin in der Dunkelheit tröstend die Hand, so scheint es ihr: In Wirklichkeit ist es der abgetrennte Arm einer Leiche. In Cyril Tourneurs `Revenger´s Tragedy´ tötet ein herzöglicher Wüstling die schöne Gloriana, weil sie ihn trotz etlicher Avancen zurückwies. Die Rache Vendices, des Bräutigams des Opfers, ist von ausgeklügelter Grausamkeit: er verdingt sich dem Edelmann als Helfershelfer bei seinen Ausschweifungen und führt ihm ein junges Mädchen zu. Der offenbar halbblinde Bösewicht küsst jedoch die fleischlosen - mit einem tödlichen Gift bestrichenen - Lippen von Glorianas Schädel, den Vendice einer Puppe aufgesetzt hat. Und während jener eines langsamen, qualvollen Todes stirbt, sinnt Vendice noch darüber nach, ob er dem Herzog nicht die Lider ausreißen soll, damit er nicht mehr dem leeren Blick des Totenkopfs ausweichen kann. "Sei so freundlich," schrieb Ray Bradbury 350 Jahre später, "und lenke deine Aufmerksamkeit auf die Augenhöhlen des Schädels: so tiefe und runde, schwermütige, stille Seen, allwissend, immer gleichbleibend. Schau tief hinein, und nie wirst du den Boden ihres dunklen Verstehens berühren. Ironie, Leben, alles liegt da in der becherförmigen Dunkelheit."Jacques Bousquet vermutet ( in `Die Malerei des Manierismus´), daß die Vorliebe für diese schauerlichen Bilder mit der Entwicklung der Anatomie in Zusammenhang gestanden habe. "Viele Maler, darunter Leonardo, Raffael, Michelangelo und Rosso, sezierten selbst, und angesichts der Heimlichkeit, in der dieser Vorgang damals stattfand, sahen sie sich zuweilen in ziemlich makabre Abenteuer verwickelt."

Aber die Fortschritte in der medizinischen Forschung haben nur bedingt etwas mit der ewigen Faszination für die Zersetzung unserer leiblichen Hülle zu tun, die wir mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung betrachten: ob doch noch mehr von uns übrigbleibt als dieser ekelhafte Zerfall, diese rasch voranschreitende Zersetzung des Heiligtums jenes Körpers, dessen Makellosigkeit und `goldenen Schnitt´ die Renaissance-Maler zelebrierten? Bereits die mittelalterliche `ars moriendi´ konfrontierte schonungslos, oft übertrieben ausschmückend, mit der ultima ratio. John Donnes Verse `I run to death, and death meets me as fast, and all my pleasures seem like yesterday´ ist ein Leitmotiv der `Metaphysical Poets´.

Der `Sturm und Drang´ war vor allem ein durch eine allgemeine Unzufriedenheit mit den Wertvorstellungen und Maximen der Aufklärungszeit geprägtes kulturelles Klima. Wie heute stieß die Durchrationalisierung der Welt auf Widerstand, zumindest auf einen Widerstand des Zeitgeschmacks. Das Pendel schwang, wie schon unzählige Male zuvor, in die andere Richtung. Schon die sogenannte `Aufklärung´ hatte eine Fülle pseudowissenschaftlicher Traktätchen im Schepptau, die zwischen blutjunger wissenschaftlicher Disziplin und Aberglaube schwankten - z.B. Michael Ranffts `Über das Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern" (1734), Folge einer regelrechten Vampirismus-Hysterie in den Zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Die mittelalterlichen Totentänze und das gotische memento mori hallte dumpf in barocker Sinnesfreudigkeit und im Triumph des Verstandes wider. Morbides bei Goethe? Oh ja, obwohl er als `Klassiker´ seine Vorbehalte gegen alles rein Phantastische, Schwärmerische, Effekthascherische hatte. Immerhin schrieb er zwei der schauerlichsten Gedichte der Weltliteratur, den `Erlkönig´ und den `Totentanz´: "... Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:

Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
in weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich,
die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
so arm und so jung, und so alt und so reich;
doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
die Hemdelein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
dann klipperts und klapperts mitunter hinein,
als schlüg man die Hölzlein zum Takte ...

In `Die Braut von Korinth´ nimmt sich Goethe, frei nach Phlegon, der Thematik des Vampirismus an, und in der Walpurgisnacht-Szene ruft Faust aus:

Welch eine Wonne! Welch ein Leiden!
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
Wie sonderbar muß diesen schönen Hals
Ein einzig rotes Schnürchen schmücken,
nicht breiter als ein Messerrücken!

Die Romantik, insbesondere die schwarze, ist natürlich eine Fundgrube für Liebhaber lyrischer Morbidezza. Wir kommen in dieser Rubrik gern gelegentlich darauf zurück. Zum Abschluß nur zwei Gedichte, die es, meine ich, lohnt, der Vergessenheit zu entreissen. Das erste stammt von Thomas Lowell Beddoes (1803 - 1849), ein in Deutschland gänzlich unbekannter und unübersetzter Dichter der englischen Romantik:

The Phantom-Wooer

I
A ghost that loved a lady fair,
Ever in the starry air
Of midnight at her pillow stood;
And, with a sweetness skies above
The luring words of human love,
Her soul the phantom wooed.
Sweet and sweet is their poisoned note,
The little snakes of silver throat,
In mossy skulls, that nest and lie,
Ever singing `die, oh! die´.

II
Young soul put off your flesh, and come
With me into the quiet tomb,
Our bed is lovely, dark, and sweet
The earth will swing us, as she goes,
Beneath our coverlid of snows,
And the warm leaden sheet.
Dear and dear is their poisoned note,
The little snakes of silver throat,
In mossy skulls that nest and lie,
Ever singing `die, oh! die.´

Der Verfasser des zweiten - es wurde übersetzt von Carl Albert Lange (`In meiner Sprache´, 1946) - ist ein berühmter, englischer Zeichner der Jahrhundertwende: Aubrey Beardsley

Ballade von einem Barbier

Nun hört von dem Barbier das Lied,
dem Carrousel, dem Künstler, ach,
dem jüngst noch in Meridianstreet
die halbe Welt zu Füßen lag.

Der König und die Königin
Vertrauten ihm allein ihr Haar,
der ganze Hof ging zu ihm hin,
von Damen schwirrte sein Bazar.

In Kutschen, Droschken früh bis spät
Fuhr in Meridianstreet man vor,
wie Bienen um ein Blumenbeet,
so schwärmten dort die Gents ums Tor.

Denn wißt, er kräuselte gar leicht
Dem dümmsten Fant noch seinen Kopf,
und einer Göttin, höchst geneigt
flocht er noch himmlischer den Zopf.

Flakons und Fläschchen bunt gereiht,
die Lippenstifte rings voll Duft
vergaßen ihrer selbst vor Neid,
so sehr tat seine Kunst wie Luft.

Brenneisen hurtig auf und ab
Sie sprachen fast in seiner Hand,
das Messer, dieser Zauberstab,
sich noch aufs schlimmste Kinn verstand.

Und doch war stolz er nicht die Spur,
er war ein stets bescheid´ner Mann,
er liebte seine Arbeit nur
und auch ein Lob wohl dann und wann.

Ob etwas leicht, ob schwierig war,
in jedem Falle war´s ihm recht,
und überhaupt in puncto Haar
kannt´ er nur einerlei Geschlecht.

Was war´s dann an dem Sommertag,
da er das Königskind frisiert,
daß so verquer der Wirbel lag
und er so endlos dran probiert?

Prinzessin war noch halb ein Kind,
ein Kind wohl dreizehn Jahre schon,
wie Blumen war sie, die im Wind
so süß erstaunt am Wege loh´n.

Ihr Goldhaar hing ihr ums Gesicht
Und floß ihr weich bis unters Knie,
bei Gott, sie schien des Himmels Licht
in Schuberts schönster Melodie.

Dreimal er brannt´ ihr ein Gelock
Und dreimal brannt´ er´s wieder aus,
zweimal versengt er ihr den Rock
und trat ihr noch die Schleppe kraus.

Nichts half ihm mehr der edle Kamm,
die Hand gehorchte ihm nicht mehr,
ihm war, als ob die Welt verschwamm,
und alles tanzte um ihn her.

Er lehnte an den Putztisch sich,
ans Herz er krallte sich die Hand,
ein armer Witz ihm schien sein Ich,
die ganze Welt ein leerer Tand.

Er griff nach einem Fläschchen fein,
der Hals zerbrach mit schrillem Ton,
da war er ganz mit sich allein
und wie ein König auf dem Thron.

Kaum hörbar schrie das Königskind,
Carrousels Schnitt war tief und fest,
ihm selbst ein Traum, der, ach, so lind
des Schläfer Schlaf zur Tiefe läßt.

Auf Zehen schlich er, nun er schied,
wie gut doch alles ging, wie schnell!
Man hängt´ ihn in Meridianstreet,
Dein Beten spar´ für Carrousel!

Bis zum nächstenmal: Angenehme Träume!

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