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Darf man das Verbrechen am jüdischen Volk zu erklären
versuchen?
Der amerikanische Autor, Journalist und Historiker Ron Rosenbaum hat
sich viele Jahre lang mit der Frage gequält, welche unbewußten
Hoffnungen, Befürchtungen, Wünsche sich hinter den Erklärungsversuchen
- vor allem jüdischer Forscher - verbergen, die sich mit der Shoah
beschäftigt haben. Er
hat nicht nur fast alle bisher erschienenen Bücher - die wissenschaftlichen
wie die eher romanhaften - zu diesem Thema gelesen, sondern ist auch
- auf' einer Reise rund um den Globus - zu den meist noch lebenden Verfassern
gereist und hat sich mit ihnen intensiv und oft auch kontrovers unterhalten.
Dass er die bekanntesten deutschen Historiker ausgelassen hat, war kein
Versäumnis, wie manche Rezensenten meinten, sondern hing mit seiner
Fragestellung zusammen. Angehörige der "Täternation"
haben einen anderen Zugang zum Problem, vor allem jüdischen Autoren
macht das "radikale Böse" dieser Makrokriminalität
theoretisch (moralphilosophisch und theologisch) anders zu schaffen.
Natürlich weiß Rosenbaum so gut wie andere, dass Hitler nicht
allein die Shoah bewirkt hat, aber er stimmt Milton Himmelfarb zumindest
in soweit zu, als er dessen These "no Hitler - no Holocaust"
für plausibel hält.
Versuch der Erklärung als Obszönität
Wenn man aber anders von dieser These (oder Hypothese) ausgeht, dann
bekommt die Frage, wie Hitler zu seinem fanatischen, "eliminatorischen"
Judenhass gekommen ist, und wann er den Entschluß fasste, alle
erreichbaren Juden zu vertreiben oder töten zu lassen, ein besonderes
Gewicht. Auf diese Frage gibt es in der Literatur ebenso viele Antworten
wie fragwürdige Hypothesen. Über einige kann Rosenbaum nur
mit verständlichem Entsetzen berichten. An einem Ende der langen
Skala möglicher Haltungen gegenüber dem Verhältnis zwischen
Nazideutschland, Hitler und dem Holocaust steht Claude Lanzmann, der
in eindrucksvoller, mühsamer Arbeit den vielstündigen Film
Shoa hergestellt hat. Im Gespräch mit Rosenbaum betont er immer
wieder (mit einem Zitat von Primo Levi): "Hier gibt es kein Warum!"
Aus dieser brutalen Zurückweisung der Frage, warum ihm, dem KZ-Gefangenen
Levi das Abbrechen und die Durststillung durch einen Eiszapfen verboten
sei, macht Lanzmann ein allgemeines Prinzip. Jeder Versuch einer Erklärung
der Shoah sei nichts anderes als eine Obszönität.
Aus diesem Grunde ist Lanzmann auch nicht einmal bereit, sich einen
Film anzusehen, der die Geschichte eines SS-Mörders nachzuerzählen
versucht und sich auf das Zeugnis einer Überlebenden stützt.
Das absolute Verdikt Lanzmanns kann Rosenbaum nicht akzeptieren, er
räumt aber ein, dass es eine ganze Reihe von fragwürdigen
"Erklärungen" gibt, die man mit guten Gründen zurückweisen
könne. Das gilt z.B. für die vielen Versuche, Hitlers Antisemitismus
auf frühkindliche Erfahrungen, sexuelle Perversionen oder einzelne
Juden zurückzuführen, die seinen Weg gekreuzt haben. Wenn
es wenigstens irgendeinen halbwegs plausiblen Grund für Hitlers
Judenhass gäbe - wäre er auch noch so albern - dann könne
man dessen radikale Bosheit, seinen fanatischen Tötungswillen offenbar
etwas "leichter ertragen", dürften manche Autoren gedacht
haben.
Die Zahl solcher "Erklärungen" reicht von dem Verdacht,
Hitlers Großmutter sei das uneheliche Kind eines jüdischen
Vaters gewesen, bis zur Annahme, Hitler habe nur einen Hoden gehabt,
die durch einen sowjetischen Obduktionsbericht noch einmal aktualisiert
wurde. Nicht ganz so phantastisch wie diese "Deduktion" scheint
die Abstammungshypothese zu sein. Immerhin ist der Erpressungsversuch
eines Halbneffen Hitlers namens William Patrick Hitler bekannt geworden,
der seinen berühmt gewordenen Verwandten mit der Drohung, er werde
die nichtehelich-jüdische Abstammung seiner Großmutter der
Hearst Presse bekannt machen, nicht nur eine hohe Entschädigung
für Reisekosten aus England nach München, sondern auch einen
einträglichen Posten in einem deutschen Industriebetrieb erhalten
haben soll, damit er auf die Publikation dieser "story" (die
belegbar gewesen sein soll) verzichtete.
In Jerusalem begegnet dem Autor die theologische Dimension des Problems.
Der agnostische Historiker Yehuda Bauer findet es schlechthin unerträglich,
anzunehmen, dass ein allmächtiger und gerechter Gott die Shoah
"zugelassen" hat. Gott - so seine Folgerung - kann nicht zugleich
gerecht und allmächtig sein. Wäre er allmächtig, so müsse
man sein Verhalten angesichts der Shoah als "teuflisch" bezeichnen,
wäre er nur "gerecht", aber außerstande, das gewaltigste
Verbrechen zu verhindern dann sei er ein "bloßer Nebbich".
Mit dieser Argumentation ist sein theologischer Kollege Emil Fackenheim
ganz und gar nicht einverstanden. Er versteht zwar Yehuda Bauers Anklage,
lehnt aber seine Folgerung ab. Man kann (und darf) aus allen möglichen
Gründen an Gott zweifeln, nicht aber wegen seiner Abstinenz gegenüber
der Shoah, denn das würde heißen, Hitler auch noch einen
"postumen Sieg zu gestatten". Der jüdische Literaturwissenschaftler
Georg Steiner berichtet Rosenbaum am Ende eines langen Gesprächs
von einer resignierten Äußerung des amerikanischen jüdischen
Sozialdemokraten Sidney Hook, der in einem Interview erklärt habe,
"wenn wir Juden (er meint: als Religionsgemeinschaft) verschwunden
wären und uns assimiliert hätten, wäre das nicht viel
besser gewesen ?" Offenbar nahm er an, dass es dann keine Shoah
gegeben hätte. Rosenbaum weist demgegenüber zu Recht auf die
Verfolgung der konvertierten Juden durch die Nazis hin.
Wann war Hitler zur Judenvernichtung entschlossen? Während Daniel
Goldhagen bekanntlich Hitler als einen Organisator des spezifisch deutschen
"eliminatorischen Antisemitismus" begreift, der daher leicht
"willige Vollstrecker" seiner Pläne in Deutschland gefunden
habe, führt Hyam Macoby die Shoah - wie andere - auf die Tradition
des "christlichen Antisemitismus" zurück, die oft genug
durch eine Identifikation der Person des "Verräters Judas"
mit "den Juden" gefördert worden sei. Auch die Belohnung
des Judas mit den 30 Silberlingen habe man mit dem Klischee der "jüdischen
Geldgier" verknüpft. Goldhagens These korrigiert Rosenbaum
durch Verweis auf die große Anzahl von Österreichern unter
den aktivsten Judenverfolgern (8 von 12 KZ-Leitern und 40 Prozent der
Lager-SS-Leute waren Österreicher). Dagegen meinte Goldhagen, deutsche
und österreichische Nazis seien "aus einem Guss" gewesen.
Die Shoah ist für ihn "Produkt einer spezifischen antijüdischen
Kultur" der Deutschen. Die Formel "ohne Hitler kein Holocaust"
möchte er in "oder ohne jemanden wie Hitler" ändern!
Das Buch von Ron Rosenbaum schließt mit dem Kapitel über
Lucy Dawidowic "Hitler ist schuld". Die Frage, wann sich Hitler
zur Judenvernichtung entschlossen habe, wird von ihr mit "1918
im Lazarett" beantwortet. Allerdings habe Hitler seine radikalsten
Absichten lange Zeit verschleiert und eine unentschlossene, zögernde
Haltung aus taktischen Gründen geschauspielert, weil er wußte,
dass selbst Antisemiten vor offen proklamiertem Massenmord zurückgeschreckt
wären. Während Trever-Roper Hitler für einen "ehrlichen"
Antisemiten hielt, betont Rosenbaum zumindest ebenso sehr den zynisch-opportunistischen
Charakter von Hitlers Judenverfolgung. Vor allem entlarvt er aber auch
die radikale Bosheit des "Führers", die in dem Triumph
zum Ausdruck kommt, den er angesichts der von ihm in Auftrag gegebenen
und auf seinen Befehl hin realisierten Verbrechen zeigte.
Kann man sich ein Verbrechen vorstellen, das noch über die bewußte,
massenhafte Tötung der Angehörigen eines ganzen Volkes hinausgeht?
Ron Rosenbaum findet die Haltung des britischen Autors David Irving,
der anfangs den Holocaust leugnete, sich dann aber von dessen Existenz
überzeugen ließ und dennoch nicht aufhörte, dessen Leugner
zu unterstützen und Hitler zu entlasten, sei vielleicht noch böser
gewesen als die Massenmörder selbst, und auch böser als die
Neonazis, die den Holocaust leugnen, weil sie ihn nicht ertragen können.
Eine definitive Antwort auf die Frage nach "dem Ursprung des Bösen"
kann und will Ron Rosenbaum nicht geben, aber die Mahnung Emil Rackenheims
bleibt jedem aufmerksamen Leser seines Buches als wichtigstes Resultat
einer langen Reise durch Irrtümer, Hypothesen und Argumente im
Gedächtnis: "Wir dürfen Hitler keinen postumen Sieg gestatten!"
Das gilt nicht nur für Juden sondern auch für Christen und
Ungläubige!
Iring Fetscher
Ron Rosenbaum, Die Hitler-Debatte. Auf der Suche nach
dem Ursprung des Bösen
Europa Verlag, München / Wien 2000
672 Seiten,
DM 68,--
Ihr
Kommentar
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