Nr. 33, Februar 2001
 
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 Robert Menasse
 Günther Schiwy
 Die Hitler-Debatte

 

 

Darf man das Verbrechen am jüdischen Volk zu erklären versuchen?

Der amerikanische Autor, Journalist und Historiker Ron Rosenbaum hat sich viele Jahre lang mit der Frage gequält, welche unbewußten Hoffnungen, Befürchtungen, Wünsche sich hinter den Erklärungsversuchen - vor allem jüdischer Forscher - verbergen, die sich mit der Shoah beschäftigt haben. Er hat nicht nur fast alle bisher erschienenen Bücher - die wissenschaftlichen wie die eher romanhaften - zu diesem Thema gelesen, sondern ist auch - auf' einer Reise rund um den Globus - zu den meist noch lebenden Verfassern gereist und hat sich mit ihnen intensiv und oft auch kontrovers unterhalten. Dass er die bekanntesten deutschen Historiker ausgelassen hat, war kein Versäumnis, wie manche Rezensenten meinten, sondern hing mit seiner Fragestellung zusammen. Angehörige der "Täternation" haben einen anderen Zugang zum Problem, vor allem jüdischen Autoren macht das "radikale Böse" dieser Makrokriminalität theoretisch (moralphilosophisch und theologisch) anders zu schaffen. Natürlich weiß Rosenbaum so gut wie andere, dass Hitler nicht allein die Shoah bewirkt hat, aber er stimmt Milton Himmelfarb zumindest in soweit zu, als er dessen These "no Hitler - no Holocaust" für plausibel hält.

Versuch der Erklärung als Obszönität

Wenn man aber anders von dieser These (oder Hypothese) ausgeht, dann bekommt die Frage, wie Hitler zu seinem fanatischen, "eliminatorischen" Judenhass gekommen ist, und wann er den Entschluß fasste, alle erreichbaren Juden zu vertreiben oder töten zu lassen, ein besonderes Gewicht. Auf diese Frage gibt es in der Literatur ebenso viele Antworten wie fragwürdige Hypothesen. Über einige kann Rosenbaum nur mit verständlichem Entsetzen berichten. An einem Ende der langen Skala möglicher Haltungen gegenüber dem Verhältnis zwischen Nazideutschland, Hitler und dem Holocaust steht Claude Lanzmann, der in eindrucksvoller, mühsamer Arbeit den vielstündigen Film Shoa hergestellt hat. Im Gespräch mit Rosenbaum betont er immer wieder (mit einem Zitat von Primo Levi): "Hier gibt es kein Warum!" Aus dieser brutalen Zurückweisung der Frage, warum ihm, dem KZ-Gefangenen Levi das Abbrechen und die Durststillung durch einen Eiszapfen verboten sei, macht Lanzmann ein allgemeines Prinzip. Jeder Versuch einer Erklärung der Shoah sei nichts anderes als eine Obszönität.
Aus diesem Grunde ist Lanzmann auch nicht einmal bereit, sich einen Film anzusehen, der die Geschichte eines SS-Mörders nachzuerzählen versucht und sich auf das Zeugnis einer Überlebenden stützt. Das absolute Verdikt Lanzmanns kann Rosenbaum nicht akzeptieren, er räumt aber ein, dass es eine ganze Reihe von fragwürdigen "Erklärungen" gibt, die man mit guten Gründen zurückweisen könne. Das gilt z.B. für die vielen Versuche, Hitlers Antisemitismus auf frühkindliche Erfahrungen, sexuelle Perversionen oder einzelne Juden zurückzuführen, die seinen Weg gekreuzt haben. Wenn es wenigstens irgendeinen halbwegs plausiblen Grund für Hitlers Judenhass gäbe - wäre er auch noch so albern - dann könne man dessen radikale Bosheit, seinen fanatischen Tötungswillen offenbar etwas "leichter ertragen", dürften manche Autoren gedacht haben.
Die Zahl solcher "Erklärungen" reicht von dem Verdacht, Hitlers Großmutter sei das uneheliche Kind eines jüdischen Vaters gewesen, bis zur Annahme, Hitler habe nur einen Hoden gehabt, die durch einen sowjetischen Obduktionsbericht noch einmal aktualisiert wurde. Nicht ganz so phantastisch wie diese "Deduktion" scheint die Abstammungshypothese zu sein. Immerhin ist der Erpressungsversuch eines Halbneffen Hitlers namens William Patrick Hitler bekannt geworden, der seinen berühmt gewordenen Verwandten mit der Drohung, er werde die nichtehelich-jüdische Abstammung seiner Großmutter der Hearst Presse bekannt machen, nicht nur eine hohe Entschädigung für Reisekosten aus England nach München, sondern auch einen einträglichen Posten in einem deutschen Industriebetrieb erhalten haben soll, damit er auf die Publikation dieser "story" (die belegbar gewesen sein soll) verzichtete.
In Jerusalem begegnet dem Autor die theologische Dimension des Problems. Der agnostische Historiker Yehuda Bauer findet es schlechthin unerträglich, anzunehmen, dass ein allmächtiger und gerechter Gott die Shoah "zugelassen" hat. Gott - so seine Folgerung - kann nicht zugleich gerecht und allmächtig sein. Wäre er allmächtig, so müsse man sein Verhalten angesichts der Shoah als "teuflisch" bezeichnen, wäre er nur "gerecht", aber außerstande, das gewaltigste Verbrechen zu verhindern – dann sei er ein "bloßer Nebbich". Mit dieser Argumentation ist sein theologischer Kollege Emil Fackenheim ganz und gar nicht einverstanden. Er versteht zwar Yehuda Bauers Anklage, lehnt aber seine Folgerung ab. Man kann (und darf) aus allen möglichen Gründen an Gott zweifeln, nicht aber wegen seiner Abstinenz gegenüber der Shoah, denn das würde heißen, Hitler auch noch einen "postumen Sieg zu gestatten". Der jüdische Literaturwissenschaftler Georg Steiner berichtet Rosenbaum am Ende eines langen Gesprächs von einer resignierten Äußerung des amerikanischen jüdischen Sozialdemokraten Sidney Hook, der in einem Interview erklärt habe, "wenn wir Juden (er meint: als Religionsgemeinschaft) verschwunden wären und uns assimiliert hätten, wäre das nicht viel besser gewesen ?" Offenbar nahm er an, dass es dann keine Shoah gegeben hätte. Rosenbaum weist demgegenüber zu Recht auf die Verfolgung der konvertierten Juden durch die Nazis hin.
Wann war Hitler zur Judenvernichtung entschlossen? Während Daniel Goldhagen bekanntlich Hitler als einen Organisator des spezifisch deutschen "eliminatorischen Antisemitismus" begreift, der daher leicht "willige Vollstrecker" seiner Pläne in Deutschland gefunden habe, führt Hyam Macoby die Shoah - wie andere - auf die Tradition des "christlichen Antisemitismus" zurück, die oft genug durch eine Identifikation der Person des "Verräters Judas" mit "den Juden" gefördert worden sei. Auch die Belohnung des Judas mit den 30 Silberlingen habe man mit dem Klischee der "jüdischen Geldgier" verknüpft. Goldhagens These korrigiert Rosenbaum durch Verweis auf die große Anzahl von Österreichern unter den aktivsten Judenverfolgern (8 von 12 KZ-Leitern und 40 Prozent der Lager-SS-Leute waren Österreicher). Dagegen meinte Goldhagen, deutsche und österreichische Nazis seien "aus einem Guss" gewesen. Die Shoah ist für ihn "Produkt einer spezifischen antijüdischen Kultur" der Deutschen. Die Formel "ohne Hitler kein Holocaust" möchte er in "oder ohne jemanden wie Hitler" ändern!
Das Buch von Ron Rosenbaum schließt mit dem Kapitel über Lucy Dawidowic "Hitler ist schuld". Die Frage, wann sich Hitler zur Judenvernichtung entschlossen habe, wird von ihr mit "1918 im Lazarett" beantwortet. Allerdings habe Hitler seine radikalsten Absichten lange Zeit verschleiert und eine unentschlossene, zögernde Haltung aus taktischen Gründen geschauspielert, weil er wußte, dass selbst Antisemiten vor offen proklamiertem Massenmord zurückgeschreckt wären. Während Trever-Roper Hitler für einen "ehrlichen" Antisemiten hielt, betont Rosenbaum zumindest ebenso sehr den zynisch-opportunistischen Charakter von Hitlers Judenverfolgung. Vor allem entlarvt er aber auch die radikale Bosheit des "Führers", die in dem Triumph zum Ausdruck kommt, den er angesichts der von ihm in Auftrag gegebenen und auf seinen Befehl hin realisierten Verbrechen zeigte.
Kann man sich ein Verbrechen vorstellen, das noch über die bewußte, massenhafte Tötung der Angehörigen eines ganzen Volkes hinausgeht? Ron Rosenbaum findet die Haltung des britischen Autors David Irving, der anfangs den Holocaust leugnete, sich dann aber von dessen Existenz überzeugen ließ und dennoch nicht aufhörte, dessen Leugner zu unterstützen und Hitler zu entlasten, sei vielleicht noch böser gewesen als die Massenmörder selbst, und auch böser als die Neonazis, die den Holocaust leugnen, weil sie ihn nicht ertragen können. Eine definitive Antwort auf die Frage nach "dem Ursprung des Bösen" kann und will Ron Rosenbaum nicht geben, aber die Mahnung Emil Rackenheims bleibt jedem aufmerksamen Leser seines Buches als wichtigstes Resultat einer langen Reise durch Irrtümer, Hypothesen und Argumente im Gedächtnis: "Wir dürfen Hitler keinen postumen Sieg gestatten!" Das gilt nicht nur für Juden sondern auch für Christen und Ungläubige!

Iring Fetscher

Ron Rosenbaum, Die Hitler-Debatte. Auf der Suche nach dem Ursprung des Bösen
Europa Verlag, München / Wien 2000
672 Seiten,
DM 68,--

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