Nr. 33, Februar 2001
 
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"Ihr habt es ja nicht anders haben wollen"

(2. Teil)

Demohngeachtet habe ich noch einmal einen Paroxismus von Patriotismus erlitten, (mit der Rheinischen Landwehr) den letzten Feldzug wieder mitgemacht, d.h. fürchterlich exercirt, zu Compiegne, Noyon und Ham in der Picardie tüchtig gegessen und getrunken und nun wieder unbestimmten Urlaub genommen ...

Eichendorff hält sich überhaupt am liebsten frei von Zwängen, die ihm als Einschränkung seines dichterischen Elans erscheinen (zu diesen Zwängen zählt sogar seine Ehe, so daß er sich manchmal wünscht, seine Frau solle ihm wieder, wie früher, nur Geliebte sein).
Als Angestellter des preußischen Kultusministeriums, auf einer nur prekären "Hilfsarbeiterstelle", setzt sich Eichendorff 1832 vehement für die Pressefreiheit ein. Sein handschriftlicher Gesetz-Entwurf (grammatisch noch überarbeitungsbedürftig) lautet:

Jeder Verfaßer, oder wer sonst sonst deßen Rechte erworben, soll für seine Schriften den freien Gebrauch der Preße, die freie Herausgabe u. der freie Verlag, jeder gewerbsberechtigte Inhaber einer Schriftdruckerei oder lithographischen Anstalt der freie Druck der zur Preße übergebenen Schriften, jedem gewerbsberechtigten Buchhändler der freie Verkehr mit den gedruckten Schriften in der Art gewährt seyn, daß das Erscheinen einer Schrift in der Regel weder von der Erlaubniß des Staates, noch von einer Genehmigung der Censur abhängt.

Der Entwurf scheitert natürlich, die Zeit ist für ein solches Pressegesetz noch nicht reif. Später allerdings, kurz vor der 48er Revolution, läßt er sich politisch ganz anders ein:

Hinter diesen letzten Trümmern einer tausendjährigen Kultur lauert freilich die Anarchie, die Barbarei, und der Kommmunismus; der Proletarier hat an der willkommenen Bresche, wie zur Probe, schon die Sturmleiter angelegt.

Nach der Revolution aber sieht Eichendorff die staatsbürgerliche Freiheit nicht mehr bei den "Rechten", sondern bei den "Linken" (in dem Gedicht mit den Schlußzeilen: "Da ist es nicht mehr Zeit, vornehm zu schmollen / Ihr habt es ja nicht anders haben wollen.").
Eichendorff tritt uns in Schiwys Biographie also nicht nur als romantischer Schriftsteller, sondern ebenso lebendig als Politiker entgegen, als aufmerksamer Zeitgenosse des schwierigen Epochenübergangs in die Moderne.
Der Biograph läßt vor allem die Tatsachen und Zeitzeugen sprechen, ohne sie über den Leisten politischer Vorurteile zu biegen. Zahlreiche klug ausgewählte und sprechende Tagebuchauszüge, Begegnungen mit Kollegen und Gegnern sowie eine Darstellung der notwendigen Hintergründe setzen sich zu einem lebendigen Porträt zusammen.
Schiwys Eichendorff ist das politisch-literarische Porträt eines sensiblen und nachdenklichen Menschen und seiner schwierigen Zeit, dazu ein Resümee der deutschen Romantik und gleichzeitig des Abschieds von ihr.

Alexandra Simon

Günther Schiwy
Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. E.eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2000
734 Seiten
DM 68,--, öS 500, sFr 62,--


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