Nr. 33, Februar 2001
 
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 Robert Menasse
 Günther Schiwy
 Die Hitler-Debatte

 

 

"Ihr habt es ja nicht anders haben wollen"

Das Klischee steht seit langem fest: Die Romantik ist deutsch, der Taugenichts ihr schönstes Werk und dessen Autor ihr harmlos-netter Hauptvertreter.
Das weiß Günter Schiwy natürlich auch. Deshalb unternimmt er in seiner Eichendorff-Biographie auch keine Frontalattacke. Er versucht gar nicht erst, den zum Katholizismus übergetretenen Freiherrn als linken Revolutionär zu beschreiben, sondern zeigt etwas ganz anderes, Menschlicheres: Das immer authentische Leben eines Schriftstellers zwischen den extremen, oft radikalen Ideologien seiner Zeit. Man muß sich nur einmal die Lebensdaten Eichendorffs vor Augen halten: Seine Geburt (1788) fällt noch in die Zeit des Ancien Régime, und er starb (1857) neun Jahre nach der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests. Dazwischen liegen die Französische Revolution, Napoleon, die Befreiungskriege, die Revolutionen von 1830 und 1848 sowie die deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche - nicht gerade die ideale Zeit für weltvergessene Empfindsamkeit.
Schon als zwanzigjähriger Student erlebt Eichendorff einen literarischen Epochenstreit: den erbittert geführten Kampf "zwischen sogenannten Romantikern und sogenannten Classikern" (Achim von Arnim). In seiner späteren Beschreibung dieses hitzigen Sommers 1808 läßt Eichendorff seine Abneigung gegen den überständigen Classiker Voß mit einer gewissen Drastik erkennen:

In Heidelberg selbst aber saß der alte Voß, der sich bereits überlebt hatte, und darüber ganz grämlich geworden war. Mitten in dem staubigen Gewebe seiner Gelehrsamkeit lauerte er wie eine ungesellige Spinne, tückisch auf alles Junge und Neue zufahrend, das sich unvorsichtig dem Gespinste zu nähern unterfing.

Schiwy verschweigt aber auch nicht eine "bedenkliche Neigung" dieser "Jungen und Neuen", nämlich die Herabsetzung der Sprachen anderer Völker, zum Beispiel durch Schelling oder Fichte oder auch den Turnvater Jahn (der sein "deutsches Sprachempfinden" später allerdings selbst persiflierte).
Eichendorff selbst entwickelte dagegen einen distanzierten, "geläuterten Patriotismus", sogar schon kurz nach dem allgemein bejubelten Sieg über Napoleon:

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