Nr. 33, Februar 2001
 

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 Robert Menasse

 Günther Schiwy
 Die Hitler-Debatte

 

 

Das Rätsel und die Lösung

(2. Teil)

Nun wurde im Oktober 1999 wieder einmal gewählt, aber diesmal begab es sich, daß Österreich plötzlich eine veritable Opposition hatte - zum Preis einer Haider-FPÖ in der Regierung. Der damit entstandene "unerträgliche" Widerspruch: "Österreich hat einen demokratiepolitischen Fortschritt erlebt, aber dieser tritt mit dem Getöse einer Bedrohung der Demokratie auf." Menasse löst aber auch das Rätsel: Haider ist nicht etwa das Gegenteil, sondern das notwendige Ergebnis der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Er hebt sich eigentlich gar nicht ab von allem Bisherigen:

Wer hat denn jahrzehntelang augenzwinkernd betrieben, was Haider jetzt ausspricht? Wer hat denn jahrzehntelang salonfähig gemacht, wonach Haider, der Parvenu im Salon, jetzt genüßlich seine Finger streckt? Der Skandal ist nicht allein Haider. Der ganze Skandal ist die geschlossene Allianz, die sich just das Österreich zurückwünscht, das einen wie Haider möglich machen mußte.

Haider ist mithin "nicht der Widerspruch zu den österreichischen Verhältnissen, sondern deren Produkt, weil er nicht die Antithese zu den Regierungsparteien ist, sondern deren Lautsprecher, weil er nicht gegen die Situation opponiert, sondern sie bloß überzeichnet". Es hat im Land gar keinen "Rechtsruck" gegeben, und jetzt - spät - lauthals gegen Haider zu sein, ist Heuchelei und dient nur einem absurden Lebenslauf: "Ich habe im Jahr 2000 den Widerstand gegen Hitler organisiert!"
Sowas muß man sich, nicht nur als Österreicher, erst mal sagen lassen.
Auf ähnlich frappanten Quereinsteigerwegen erfahren wir im weiteren, daß in jenem Land bei egal welchem Politereignis fast immer nur das Wetter die Schlagzeilen liefert; wie Heimito von Doderer und Elias Canetti literarisch auf den Brand des Wiener Justizpalastes (1927) reagierten; warum man einen Politiker, aber keinen Tischler oder Autorennfahrer "Macher" nennt; oder auch eine - wie soll man sagen? - Rezension des schalen Haider-Buches Befreite Zukunft, wo Menasse am Beginn des Kapitels über die Kunst (Haider: "Um ehrlich zu sein") seine klammheimliche Freude hat und abschließend feststellt:

Dieser Mann, der wöchentlich via News inseriert, daß er Kanzler nicht nur werden will, sondern auch werden wird, macht nicht einmal Ankündigungen, die es einem aufmerksamen Leser ermöglichen würden, dereinst sagen zu können: "Ich habe Haiders Buch gleich gelesen und bereits damals alles gewußt." Nichts dergleichen, dieses Buch ist als Machwerk nicht einmal mit Mein Kampf zu vergleichen.

Das Erquickliche an solchen Durchblicken ist der leichtfüßige, luftige, helle Stil, mit dem sie verabreicht werden. Dem Autor steht eine unglaubliche Vielfalt sprachlicher Mittel zu Gebote, und es sind nicht nur die gewohnten Figuren der Rhetorik, sondern darüber hinaus eigene Erfindungen, etwa die Übernahme einer mündlichen Etappenmarkierung ("So, und jetzt betrachten die Studenten ...") oder der brüske Abbruch der Argumentation ("Und - nein, Schluß. Es ist mir zu dumm.").
Kurz: Die Menasse-Lektüre ist neuer Wind in alten Gedanken und macht einen gutgelaunten und hellwachen Leser. Hoffentlich erklärt er uns noch sehr viel.

Fritz R. Glunk

Robert Menasse
Erklär mir Österreich
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000 (suhrkamp taschenbuch 3161)
176 Seiten
DM 15,90, öS 109

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