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Das Rätsel und die Lösung
Wenn man etwas erklärt bekommt, wird alles nur noch komplizierter.
Man hatte sich mit einem schlichten Ungefähr abgefunden, und jetzt
soll man plötzlich hundert lästige Details mitbedenken.
Speziell mit Österreich konnte man es sich
leicht machen, zumindest in Deutschland. Dieser südöstliche
Nachbar - das war der Wolfgangsee, der Opernball, Gemütlichkeit
(schon dieser köstliche bairische Neben-Dialekt!) und - spätestens
hinter dem Wiener Naschmarkt - schon ziemlich orientalisch.
Aber nun kommt Robert Menasse und läßt sich auf die halsbrecherische
Bitte "Erklär mir Österreich!" zu Essays herbei,
die dieses einfache Bild hintergehen. Ein aufregendes Unternehmen, denn
diese Essays sind so ungewöhnlich knusprig geschrieben, so enthüllend
und augenöffnend, daß dem Leser jenes seltene Erlebnis widerfährt,
das jedem Schreibenden als hohes Ziel voranschwebt: Er weiß nach
der Lektüre nicht nur mehr als vorher, sondern er hat auch was
davon. Und das mit einem schier ununterbrochenen Lesevergnügen.
Im Titel-Essay zum Beispiel wird die Diskussion durch ein überraschendes
Setting in Szene gesetzt. Wir sollen uns, regt der Autor an, doch mal
vorstellen, daß es Österreich gar nicht wirklich gebe; es
sei nur das fiktive Fallbeispiel eines Politologie-Kurses an einer amerikanischen
Universität ("Imagine a small country in Europe and let's
call it Austria", sagt der Professor). Bald müßte ein
"auch nur ein bißchen aufgeweckter" Student die Frage
stellen: "Sind Sie sicher, daß es einen Sinn hat, so ein
Beispiel zu diskutieren?"
Denn jetzt kommen zur Geschichte Österreichs nach 1945 unangenehme
Wahrheiten ans Licht (Erkenntnisse, die, wenn man etwa die bundesdeutsche
Konsenspolitik im Kopf hat, nicht bloß auf Österreich zutreffen):
Es gab zwar ein Parlament, aber keine Opposition. Im
Parlament wurde die Regierung von den Abgeordneten der Regierungsparteien,
also nur von sich selbst, kontrolliert. Zugleich installierten die beiden
Regierungsparteien eine Nebenregierung, die "Sozialpartnerschaft",
deren Repräsentanten in keinen allgemeinen Wahlen legitimiert wurden
und daher auch nicht abgewählt werden konnten. Diese Nebenregierung
nahm der Regierung und dem Parlament die mühsame Arbeit der Gesetzgebung
ab, indem sie die Gesetze außerparlamentarisch aushandelte und
dann im Parlament nur noch absegnen ließ - wiederum von sich selbst,
denn die Vertreter der Sozialpartnerschaft wurden von den Regierungsparteien
als Abgeordnete ins Parlament gesetzt. Diese Nebenregierung gewährleistete
eine Stabilität, die groteskerweise als deutlicher, nein, als einziger
Beweis dafür gefeiert wurde, daß dieses Land Demokratie gelernt
hatte. Als wäre eine funktionierende Demokratie durch versteinerte
Verhältnisse definiert und nicht durch Stabilität auch im
politischen Wechsel und gesellschaftlichen Wandel.
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