Nr. 33, Februar 2001
 
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Thomas Hellige

Nachtchimären

Erster Tag

Im Rücken bewegt sich etwas. Ich spüre, wie sich die Tür öffnet, durch die sie mich gebracht hatten.
Ich hatte noch lange dagestanden, die Stirn an die Wand gepreßt, sorgsam die Luft einatmend - prüfend, bis sie es endlich aufgegeben hatten, mit mir sprechen zu wollen.
Lange Stunden zogen sich endlos hin, glaube ich, vielleicht waren es nur wenige Minuten, wenige Sekunden. Vielleicht war es ein Augenblick.
Ich drehte mich um, nach dem Augenblick, sah dieses große Fenster, den Baum dahinter. Ich sah, daß es eine Kastanie war, wie die bei uns sah sie aus. Größer nur.
Ich bewegte mich vorsichtig, nicht in die Helle des Zimmers blinzelnd, die Lider halb geschlossen und beobachtend zum Fenster hin, mich an der Wand entlangtastend.

'Sie würden kommen, eines Tages!' hatte er immer wieder gesagt.

Eine Frau saß auf einer Bank an dem kleinen Teich und sah unverwandt auf das mit Pflanzen bedeckte Wasser. Die Frau murmelte vor sich hin, ich beugte mich leicht aus dem Fenster, um sie zu verstehen. Ich wollte sie sprechen hören, wollte wissen, was sie zu flüstern hatte.

Ich höre Schritte vor der Tür. Ich setze mich.
- Hallo
Ich möchte es nicht sehen. Mir ist kalt. Ich verkrieche mich.
Ich will nicht, daß es mich sieht. Ich möchte nicht, daß es mit mir spricht.
- Ich bin Hannah. Sagt die Stimme. Sie ist unsicher, diese Stimme, sie zittert, sie versucht, es zu verstecken.
Ich kann die Frau, zu der die Stimme gehört, verborgen in meinem Pullover, beobachten - wie es die Wölfe aus meinem Buch tun, wenn sie im Dickicht auf ihre Beute lauern.
Sie riecht nach frischem Schweiß. Angst - denke ich.
Sie stellt seltsame Fragen. Sie gibt Antworten, die keine sind, auf Fragen, die niemand stellt.
Sie berührt mich. Einfach so. Wie man ein Tier berührt. Warum? Warum muß sie mich berühren?
Sie fragt, ob wir nach draußen gehen wollen?

Ich fliehe in eine Ecke und hocke mich mit dem Gesicht zur Wand, wie ich es immer getan habe. Lege die Arme um meine Schultern. Wie ich es gelernt habe zu tun.


Fünfter Tag

Ich habe soeben das winzige, in die Wand eingebaute Radio entdeckt. Wie wundervoll. Es hat einen herrlichen Klang.
Ich werde ein wenig tanzen, ein ganz klein wenig nur – er hatte es nie gern, wenn ich mich drehte und über den Boden schwebte.
‘Es ist zu eng hier und dir wird schnell übel werden bei dem Gehopse.'
Aber er hatte immer gebannt dagesessen und mir zugesehen, bis ich irgendwann erschöpft zu Boden sank.

Hannah sieht auf, als ich den Ton lauter stelle. Volle Klaviermusik nimmt von dem Raum Besitz.
Ich schließe die Augen und beginne, mich in der Melodie zu wiegen.
Ich sehe zu Hannah hinüber, die mich beobachtet.
Komm, locke ich sie mit den Augen.
"Komm her zu mir, tanz mit mir."
Sie schüttelt, mit einem Lächeln im Gesicht, den Kopf.
Komm! Ich winke ihr mit der Hand zu, sie herbittend.
Sie schüttelt energischer den Kopf.
Komm! Tanz mit mir!
Ich nehme sie bei der Hand, sie widerstrebt mit nachgebender Gewalt.
Ich nicke ihr zu: ‘So hier!'
Ich drehe sie um ihre Achse, sie bleibt stehen, ich lege meine rechte Hand auf ihre Schulter und drehe mich um sie herum.
Wir sind fast gleichgroß.
Ich kann ihr in die Augen sehen, in die schwarzen Monde, die jetzt so ernst blicken.
Ich nehme ihre Hände und lege sie mir auf die Hüfte, während ich meine auf ihre Schultern lege.
Ich bewege sie nach links, nach rechts, nach vorn, nach hinten.
Nein, so geht es nicht, das ist zu steif. Hannah, beweg dich, verdammt nochmal!
Hörst du nicht diese wundervolle Musik, spürst du sie nicht, fühlst du nicht einen von Sternen durchwobenen Nachthimmel über dir? Wie kannst du nur so starr sein?

Sie hält mich fest, als ich erneut beginne, uns zu bewegen. Sie legt meinen linken Arm auf meine Hüfte, nimmt mit ihrer linken Hand meine rechte.
"Nein, nicht so, nicht zugreifen, laß sie gerade, die Hand, so hier, wie ich es mache." Sagt Hannah.
Wir legen die Handflächen aufeinander.
"Ja, genau so. So ist es richtig!"
Sie legt ihre rechte Hand auf meine linke Schulter und nickt mir zu. Ich nicke zurück und – beginne zu lachen. Zu prusten. Ich lasse sie los und stütze mich am Tisch ab, während Hannah in mein Lachen, das von einer Wand zur anderen springt wie ein flüchtiges Fohlen; von einer Ecke zur anderen, einstimmt.
"So, jetzt aber ernsthaft!" ruft sie, nachdem wir uns beruhigt haben. Die erhabene Musik füllt erneut den Raum.
Ich kichere immer wieder los, bemüht, das Lachen zu unterdrücken. Ich beiße mir auf die Unterlippe und pruste wieder los.
Endlich stehen wir wieder in der ursprünglichen Position und - er sieht mir tief in die Augen, die Lippen fest aufeinandergepreßt und beginnt mit langen, weit ausholenden Schritten den Raum zu durchmessen, mich mit sich ziehend. Es geht, wir werden eins, drehen uns zu der Musik im Kreis, eine Harmonie, ein Körper, er schwebt mit mir elegant über das Parkett, es liegt sich angenehm in seinem Arm, sein Körper ist warm, sein Geruch benebelt mein Hirn, ich träume, ich würde schweben, fliegen, wir tanzen jetzt über den Boden, haben uns längst von ihm gelöst und fliegen immer höher mit unseren weit ausgreifenden Schritten, immer höher, immer schneller drehen wir uns, schweben, wir drehen uns, träumen uns durch die blumengetränkte Luft, berühren hier und da den Boden, Kraft zu schöpfen und schweben erneut durch die Musik.

Wir schweben.

"Kleines, wo bist du? Komm zurück!"
Ich sehe in Hannahs schwarze Augen, dunkle Gewitterwolken.
Sie führt mich tanzend durch den Raum.

"Ich will nicht mehr. Es macht keinen Spaß zu tanzen!"
Ich stoße sie von mir und werfe mich auf das Bett.

Hannah telefoniert und spricht mit leiser schneller Stimme in den Hörer.
Ich drehe das Radio lauter, die Melodie gefällt mir, es ist nicht so schwermütig wie das Lied vorhin.
Es hat schnelle Rhytmen, es schleicht sich in meine Glieder.
Ich wippe vorsichtig mit – nicht, daß Hannah das noch mitbekommt! – ich luge vorsichtig durch meine Wimpern zu ihr hin, sie telefoniert einfach weiter, beachtet mich überhaupt nicht.
Warum sieht sie nicht her? Warum beachtet sie mich nicht?
Ich bewege einen Fuß zum Takt, dann den anderen, dann beide.
Meine Arme können nicht einfach so ruhig auf dem Bett liegenbleiben, sie schlagen, nach dem Rhytmus auf das Laken. Ich will das ja eigentlich gar nicht.
Hannah sieht vom Telefon auf, als ich auf die Füße springe und zu tanzen beginne. Es ist so schön, es erheitert, amüsiert mich, ich drehe mich, ich lache.
Hannah legt den Hörer auf die Gabel und sieht mir lächelnd zu, wie ich an ihr vorbeitanze, meine Arme fließen in gleitenden Bewegungen auf sie zu.
Sie nimmt die Musik auf, wiegt sich im Takt des Liedes; ich sehe es deutlich, während ich wieder beginne, zu schweben.

Hannah tanzt, tanzt mit mir, dreht sich mit mir nach dieser Musik, schwebt mit mir. Wir hören nicht auf, können nicht aufhören zu tanzen nach diesem nicht endenwollenden Lied, bis wir erschöpft übereinander auf den Boden fallen.

Ich liege mit einem Ohr auf ihrem schweißnassen Bauch und spüre ihr Herz schlagen.
Pock, Pock, Pock, Pock.
Sehr schnell. Sehr laut. Sie atmet hart und stoßend.
Ihre langen Finger fahren mir den Hals entlang, sie beginnen am Haaransatz und enden am Schulterblatt.
Ich spüre ihre Anspannung, ihre Kraft, ihren Willen, als sie sich zwingt, ihre Hand von meiner Schulter zu lösen.

Auf dem Fensterbrett singt eine kleine Meise ihr Abendlied.


Sechster Tag

Es läßt sich angenehm sprechen, wenn man in sein Bett gekuschelt sitzt, die Decke um sich gelegt.
Hannah hat sich einen Stuhl herangezogen, sitzt steif auf ihm, den Rücken gerade auf die Lehne gedrückt.
Sie wird nicht lange so sitzen können, geht es mir durch den Kopf. Ich könnte es nicht.
Ich würde unruhig werden, meinen Po hin und herschieben, aufstehen irgendwann.
Sie bleibt ruhig sitzen.
Sie hat mir noch keine Schokolade mitgebracht.
Ich glaube, sie sieht, daßs meine Augen strahlen, als ich einen harten Zipfel an der Bettdecke bemerke, er piekt angenehm in meinen Daumen, ich stoße die feste starke Feder in mein weiches Fleisch, es kribbelt, ich kratze mit dem Kiel über die weiche Haut, lehne mich an die Wand, schließe meine Augen.

Ihre Stimme dringt in mich, ihre leise, monotone, schulmeisterliche Stimme.
Sie will immer etwas wissen.

"Kannst du dich an den Anfang erinnern?" Fragt sie.
"Ich kann mich an eine warme Sonne erinnern, die Blumen dufteten, ich lag in einem Zelt auf einer Liege und träumte vor mich hin. Ich schlug die Beine zusammen, die Knie, auf, zu, immer wieder. Und dann kam dieser plötzliche stechende Schmerz. Ich schrie auf, es tat so weh, so höllisch weh. Papa war hereingerannt gekommen in das Zelt und hat mich in seine Arme genommen und getröstet. Es hat so furchbar weh getan!"
"Ich meine, ob du dich an den Anfang erinnerst?" Beharrt sie.
"Ich hatte fast eine Biene zerquetscht, die zwischen meine Knie geflogen war, ich hatte sie gar nicht gespürt.
Drei Tage lag ich da mit dickem Bein und Papa hat mir ständig Schokolade gebracht.
Man müßte sich eigentlich immer wieder von einer Biene stechen lassen.
Du hast mir nie Schokolade mitgebracht."

Ich lege mich mit dem Rücken zur Wand, knicke eine Seite des Kissens, um höher zu liegen.
Ich sehe Hannah jetzt von der Seite, sie sitzt noch immer kerzengerade auf diesem harten Stuhl. Wie schafft sie das nur?
Ich sehe zur Kastanie hinaus, lege die Zunge zwischen Zähne und Lippen.

"Ich wachte einfach auf. War auf einmal wach, durch ein Geräusch geweckt. Ich wußte, ich lag in einem Bett, ich fühlte es; ich spürte, nein, weißt du, es war anders, ich wußte plötzlich, daß etwas in mein Leben getreten war, daß nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war, die Träume der vergangenen Sekunden hatte ich im Moment des Aufwachens vergessen, ich fühlte mich wohl und stark. Geborgen. Ich hatte keine Angst vor dem, was kommen würde.
Etwas scharrte an der Tür, als ich, gleichzeitig mit dem Erwachen, die Augen aufschlug.

Das Zimmer ist klein, das Bett steht darin, ein winziges Fenster hoch oben, ein Waschbecken, ein Stuhl sind darin.
Ja, und natürlich die Tür.
Gleichzeitig mit dem Scharren bewegt sich die Türklinke nach unten.
Ein Mann steht in der Tür, mit einem Tablett in der Hand.

Er kommt herein und nimmt Besitz von dem Zimmer, klein, wie es ist.
Er balanciert vorsichtig das Tablett in der Hand, setzt sich auf den Stuhl.

‘Kaffee für dich. Hallo Wind. Bist du aufgewacht?' Fragt er.
‘Kaffee, Sahne, Zucker. Was du möchtest. Toast, Schinken, Eier.
Wenn du nicht schreist Schokolade.'

Ich bemerke, daß ich nackt bin.
Was willst du noch wissen?"

"Wie sieht er aus? Wie sah er aus?" Fragt sie.

"Du hast ihn gesehen!"

"Beschreib ihn mir. Mit deinen Augen. Deinen Worten." Bittet sie.

"Nein. Du hast ihn gesehen. Ihr habt ihn alle gesehen!"

"Was sagte er genau, am Anfang?"

"Ich habe es dir eben gesagt
Wind. Er hat mich Wind genannt." Flüstere ich.

"Danach?" Bohrt sie.

"Nichts. Er stellte das Tablett auf den Stuhl und ging.
Ich habe Hunger."

Thomas Hellige, geboren 1965, lebt und arbeitet in Berlin.
Im walzwerk verlag bisher erschienen: Gossenbuch (1999), Bettler (2000).
Nachtchimären erscheint vermutlich Ende 2001 in einem Berliner Autorenverlag.

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