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Interview mit Henry Zhao Yiheng
Professor an der School of Oriental and African Studies der Londoner Universität
Was veranlaßte Sie Mitte der 90er Jahre, die Arbeit an einer
Monographie über Gao Xingjian aufzunehmen? Was hatte Gao zu diesem
Zeitpunkt erreicht, das ihn Ihrer Ansicht nach besonders auszeichnete?
Mir war Gaos Gefühl für Religion wichtig. Religion spielt
eine so große Rolle in der chinesischen Kultur, aber nicht unter
den modernen Schriftstellern, besonders nicht unter denen des 20. Jahrhunderts.
Die chinesische Idee der Moderne bildete sich vor allem unter dem Einfluß
der europäischen und amerikanischen Denker des 19. Jahrhunderts heraus
und damit des Positivismus, Pragmatismus und Marxismus. Alle betonen die
Bedeutung der sogenannten Praxis. Das war schon eine wichtige Idee im
traditionellen chinesischen Denken und ist im modernen Denken nun noch
wichtiger geworden.
Die moderne chinesische Literatur ist besessen von der Realität.
Realismus braucht hier keine Rechtfertigung. In der westlichen Welt braucht
man eine Begründung, eine Theorie dafür, warum Kunst dem Realismus
verpflichtet sein sollte, in China ist das nicht der Fall. Dazu hat auch
der Stanislavskische Realismus beigetragen, der von den sowjetischen und
chinesischen Ideologen verherrlicht und zu einem erdrückend monopolistischem
System gemacht wurde. Bis heute denkt kaum ein Chinese darüber nach,
daß wir dies mal von Grund auf in Frage stellen sollten.
Es gibt zum Glück einige Schriftsteller, unter ihnen Gao, die von
dieser Praxis abweichen. Ich erkannte bei Gao bald einen sehr starken
Einfluß des Zen-Buddhismus. Und das gefiel mir. Gaos Werke aus den
90er Jahren sind dann wirklich reife Werke, da hat er seinen Stil des
modernen Zen-Theaters voll entwickelt. Mitte der 90er Jahre war klar,
daß eine Geschichte des chinesischen Theaters ohne das einzigartige
Werk Gaos undenkbar ist.
Steht Gao mit dieser Form des Zen-Theaters alleine da, hat er sich damit
weit über das experimentelle Theater der 80er Jahre hinaus entwickelt?
Absolut. Die anderen Autoren, die damals (in dem neuen Freiraum
kurz nach dem offiziellen Ende der Kulturrevolution) experimentelles
Theater machten, begnügten sich mit neuen Techniken und neuen Tricks.
Aber Technik ohne Ästhetik ist seicht, Tricks gibt es im realistischen
Theater ja auch. Die Autoren jener Zeit lernten aus dem Westen, von
Brecht und Artaud. Doch ihre Experimente waren nicht kühn genug,
sie gingen nicht weit genug. Gao war der beste Vertreter des experimentellen
Theaters, doch er distanzierte sich dann davon, eben weil es ihm zu
seicht war.
Hat die mangelnde Kühnheit nicht auch mit den damaligen Möglichkeiten
zu tun? Galt es nicht, bei allem Experimentieren doch klare Grenzen
einzuhalten? Gao selbst stieß doch schon mit seinem zweiten Stück,
Busstation, an die Grenzen. Skepsis gegenüber der sozialistischen
Realität wurde ihm vorgeworfen, das Werk wurde Zielscheibe der
neuen Kampagne gegen geistige Verschmutzung. Sein viertes Stück
konnte gar nicht mehr aufgeführt werden, und 1987 ging Gao dann
in das Exil, das die anderen Autoren wohl vermeiden wollten.
Das ist sicher der Fall. Gaos erste drei Stücke (Absolute Signal
1982, Busstation 1983 und Wild Man 1985 wurden heftig
diskutiert. Aber der Leiter des damals führenden Bejing People's
Art Theatre, dem Gao zugeteilt war - jeder Autor mußte damals
einem Theater zugeteilt sein und für dieses Haus schreiben -, war
sehr offen und unterstützte Gao trotz des politischen Drucks. Zum
vierten Stück, The Other Shore aus dem Jahre 1986, aber
sagte er: Nein, das nicht. Er wußte, das überschritt alle
zulässigen Grenzen. In dem Stück zeigt Gao schon ein sehr
großes Verlangen nach etwas jenseits der Realität, nach einer
Art höchsten Gottheit, nach einer letzten Wahrheit. Es war zu religiös.
Obwohl keine Religion erwähnt wird. Bald danach verließ Gao
China. Persönlich halte ich dabei seine Stücke für überhaupt
nicht politisch, außer einem, To Escape, das er dann 1990
schon im Exil in Paris schrieb. Da nimmt er die Nacht des 4. Juni 1989
aber auch nur als Hintergrund für seine Geschichte. Ich glaube,
Gaos Werke sollten in China veröffentlicht werden können,
mit Ausnahme wohl von To Escape, denn die Behandlung dieses Thema will
die Regierung einfach nicht dulden.
Gao veröffentlichen ist eines, etwas anderes ist die Ehrung
mit dem Literaturnobelpreis. Hat er ihn verdient? In manchen akademischen
Kreisen des Westens wurde nach der Entscheidung des Nobelkomitees der
Vorwurf erhoben, Gao habe nichts Eigenständiges geschaffen, er
imitiere lediglich einen westlichen Stil.
Vor 1985 hätte man das ihm und dem gesamten experimentellen Theater
in China vorwerfen können. Das Seltsame ist, daß sich diese
Kritiker nur an die ersten drei Stücke von Gao erinnern. Aber nun
soll mir doch bitte jemand sagen, welches seiner Stücke nach 1985
eine Imitation eines westlichen Stücks ist. Gibt es Zen-Buddhismus
in westlichen Stücken? Es ist gar nicht so leicht, Zen-Stücke
zu schreiben. Wir haben Zen-Gedichte und Zen-Malerei, das hat eine lange
Tradition. Aber Theater ist ein Gruppenunterfangen, und das ist sehr
schwer mit Zen zu vereinen.
Gao, lautete eine weitere Kritik, sei weder in China noch wirklich
im Westen bekannt.
Einige Sinologen und sogenannte Experten für chinesische Literatur
haben einfach nicht genug gelesen, ich will das Wort ignorant nicht
verwenden. Aber sie haben diese Überlegenheitshaltung, wenn ich
den Autor nicht gut genug kenne, dann hat er es verdient, unbeachtet
zu bleiben. Dann verdient er es, vergessen zu werden. Nun, das halte
ich für sehr arrogant.
Sind Gaos Werke aber wirklich in China nicht erhältlich? Wenn
Werke verboten sind, werden sie doch häufig umso mehr im geheimen
gelesen.
Es stimmt, wenn jemand offiziell verboten ist, können seine Werke
umso beliebter sein. Aber es hängt davon ab, wie populär die
Werke vor dem Verbot waren. Theaterstücke sind keine beliebte Lektüre.
Man kann für Theaterstücke kaum einen Verleger in China finden.
Wenn ein Stück aufgeführt werden kann, ist das etwas anderes.
Ich selbst mußte mir etliche Werke direkt von Gao besorgen. Auch
mit Übersetzungen ist es schwierig. Aber für einen wirklich
originellen Künstler ist das ein Opfer, das er bringen muß.
Gao wäre natürlich in der Lage, Dinge zu produzieren, die
gefälliger sind, aber er weigert sich. Und dafür bewundere
ich ihn.
Am Vorabend der Nobelpreiskür wurde die chinesische Schriftstellervereinigung
zu einem Briefing durch das Politbüro gerufen. Aber der Verband
hatte nicht einmal eine vollständige Liste von Gaos Stücken,
sie erinnerten sich nur an zwei Dinge: 1983 war er Ziel der Bewegung
gegen geistige Verschmutzung und 1990 brachte er ein Stück heraus,
das die Nacht des 4. Juni als Hintergrund nahm. Der Verband urteilte
allein auf dieser Basis, daß Gao ein reaktionärer Autor sei.
Wenn sie besser informiert wären und Gaos Werke gelesen hätten,
müßten sie wohl zu dem Schluß kommen, daß das
zu weit geht. Aber jetzt, wo der Verband so geurteilt hat, kann die
chinesische Führung das nicht zurücknehmen.
Nur der Premierminister, der damals gerade Japan besuchte, sagte etwas
sehr Interessantes. Er meinte: Lassen Sie mich dem französischen
Kulturministerium gratulieren, denn ein Franzose (Gao ist seit kurzem
französischer Staatsbürger) hat den Nobelpreis gewonnen. Es
ist gut, daß er Chinesisch schreibt, aber die Ehre geht an Frankreich.
Und hoffentlich wird das Nobelkomitee künftig denen mehr Aufmerksamkeit
widmen, die in China auf Chinesisch schreiben. Das war überall
im Internet zu lesen an jenem Abend. Aber um Mitternacht war es weg,
und der Sprecher des Außenamts dementierte, daß Zhu Rongji
das je gesagt hätte. Aber ehrlich, warum protestierte Zhu nicht
selbst und sagte den Journalisten, ihr habt meine Worte verdreht, ihr
habt Lügen veröffentlicht.
Gao hat also Ihrer Ansicht nach den Nobelpreis wirklich verdient?
Wir Chinesen sagen: In den Martial Arts gibt es keine Nummer zwei, denn
die Nummer zwei wird getötet. In der Kunst aber gibt es keine Nummer
eins. Wer kann denn behaupten, daß einer der Allerbeste ist? Gao
ist einer der Besten, das genügt. Denn wer ist denn der höchste
Richter? Sicher nicht das Nobelkomitee. Auch ich, der Gao so schätzt,
würde nicht sagen, Gao ist DER Beste. Er ist einer der Allerbesten.
Aber ich will keinem anderen meine Standards aufdrängen.
Wären andere Autoren des Preises nicht ebenso würdig? Mo
Yan etwa oder der Dichter Bei Dao?
Nicht meiner Ansicht nach. Aber ich weiß, daß andere sie
bevorzugen würden. Ich favorisiere diese Spiritualität, dieses
Suchen nach der Transzendenz. Die Obsession mit der Realität ist
bei den anderen noch immer da.
Wenn Gao so wenig gelesen und aufgeführt wird, warum hat dann das
Nobelkomitee seine Werke gelesen?
Zwei Faktoren sind hier wichtig. Seit seiner Schaffung ist der Literaturnobelpreis
am alleröftesten nach Frankreich gegangen. Das Komitee schätzt
also den französischen Kunstgeschmack. Gaos Übersetzungen
ins Französische sollen die besten sein, ganz besonders die von
Soul Mountain. Zum anderen haben schwedische Sinologen Gaos Werke
fast zur Gänze ins Schwedische übersetzt.
Ein politisches Motiv aber erkennen Sie nicht?
Ich halte To Escape für eines von Gaos schwächeren
Stücken, auch wenn Gao mir das vielleicht übel nimmt. Es gibt
zudem eine Reihe chinesischer Dichter, die ausführlich über
den 4. Juni geschrieben haben. Bei Dao ist sogar Mitglied der (in New
York ansässigen) Organisation Human Rights in China. Also wenn
es ein politischer Entscheid gewesen wäre, dann hätte Bei
Dao schon 1990 den Preis gewinnen können. Er hat ihn mehrfach fast
bekommen. Ein Grund, warum er dann aber nicht erkoren wurde, war genau
der, daß er zu politisch war.
Ich bin da durchaus dem Nobelkomitee gegenüber kritisch. Vor drei
Jahren erkannten sie den Preis fast Salman Rushdie zu, konnten sich
dann aber doch nicht eins werden. Sie waren einfach zu feige.
Also wenn jemand Mut zeigen sollte, dann die Schwedische Akademie. Wenn
man ihr etwas vorwerfen kann, dann daß sie Angst davor hat, als
politisch eingestuft zu werden. Gao ist kein politischer Schriftsteller.
Was war Ihr Gefühl, als Sie von der Ehrung Gaos erfuhren?
Ich erwartete es irgendwie. Ich wußte, daß Bei Dao
keine Chance mehr hatte und die Akademie einen Ausweg suchte. Wenn Bei
Dao nicht möglich war, dann sollte es ein anderer Chinese sein.
Sie sind sich ja dessen bewußt, daß sie die chinesische
Literatur zu lange mißachtet haben. Ich erwarte, daß in
den nächsten Jahrzehnten noch mehrere chinesische Autoren den Preis
bekommen werden, denn sie verdienen ihn.
Die Fragen stellte Brigitte Voykowitsch.
Henry Y. H. Zhao, Towards a Modern Zen Theatre, University
of London, School of Oriental and African Studies, London 2000, 230
Seiten, 27,50 GBP (britische Pfund). Zu bestellen bei:
ao1@soas.ac.uk.
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