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Silke Andrea Schuemmer
"Die Vormundschaft des Todes"
(2. Teil)
Hauchnägel, Judasbart und Sternenbaum.
Nicht nur wegen ihrer extremen inhaltlichen Positionen ist Christine
Lavant mit kaum einer anderen Dichterin dieses Jahrhunderts vergleichbar,
auch ästhetisch finden sich überraschende und einzigartige
Elemente.
Begrenzt und einfach wie ihre Umgebung in dem abgelegenen, anachronistischen
Kärtner Dorf ist auch ihr Vokabular. Tiere, Dörfliches und
Körperteile bilden den Grundstock ihres dichterischen Wortschatzes.
Die häufige Verwendung von pflanzlicher und chthonischer Metaphorik,
die seit Rilke ein Kennzeichen moderner Lyrik bildet, führen dazu,
daß ihre Gedichte ohne botanisches Lexikon und volkskundliche
Studien kaum zu interpretieren sind. Die einfachen Substantive werden
in immer anderen Zusammenstellungen kombiniert, so daß sie in
wechselnden Umgebungen auch wechselnde Bedeutungen haben. Deshalb läßt
sich die Lyrik Christine Lavants nicht in einem Gedicht verstehen, sondern
nur im Zusammenhang eines ganzen Bandes. Und auch hier in der dörflichen
Wort-Idylle von Stube, Hunden und Sternen findet sich wieder ihr Hang
zum Sadismus. Ein ganzes Arsenal an quälenden, bedrohenden, verletzenden
Gegenständen und Formen steckt in den Gedichten: Ruten, Marterriemen,
Peitschen, scharfe Werkzeuge, Messer, Sicheln, Sägen, Krallen,
Stacheln, Nesseln.
Aus diesen Begriffen setzt Christine Lavant ihre Gedichte zusammen,
die häufig an Zaubersprüche erinnern. Ein uralter österreichischer
Glaube an das Wort läßt sie Formeln finden, die noch Spuren
des Archaischen und Urtümlichen tragen. Kerstin Hensel: Christine
Lavant dichtete, wie man am Spinnrad sitzt. Die Spindel dreht sich,
daran der Lebensfaden dünn Spule um Spule füllt. Worte drehen
und verdrehen sich, ziehen sich zusammen und reißen. Die hexische
Arbeit einer Gottesanbeterin."
Anachronistisch wie ihre Zaubersprüche ist auch die konservative
Syntax ihrer übrigen Gedichte, was sich zum Teil aus ihrer Herkunft
erklären läßt, denn in Österreich konzentrierte
sich die Literatur auf die Bewahrung der Tradition statt mit Sprache
zu experimentieren. Christine Lavant verstößt gegen alle
Regeln des Bennschen Kanons, indem sie ein Du andichtet, wie-Vergleiche,
glatte Reime, eine strenge Metrik, Jamben und Trochäen in langen
Zeilen usw. verwendet. Vor allem ihr seraphischer Ton und die reichen
Farbbilder erschienen Benn für ein modernes Gedicht unangemessen.
Auch im Sinne Hugo Friedrichs, der in seiner Poetik u.a. Satzfeindlichkeit"
als Merkmal moderner Lyrik nennt, ist Christine Lavant keine moderne
Dichterin. Allerdings erfüllten viele zeitgenössische DichterInnen
diese Vorgaben nicht oder kehrten nach syntaktischen Experimenten zur
intakten Syntax zurück. Die Forschung suchte verzweifelt nach Schubladen,
in die Christine Lavant gepaßt hätte. Man fand expressionistische
Züge: Trostlosigkeit des einzelnen, die Einsamkeit inmitten des
Weltalls, der Wunsch nach Erweiterung und Entgrenzung. Die Verwendung
von Anima-Attributen wie Wolf oder Schlange und die Verwendung von sonst
getrennt vorkommenden Dingen wie z.B. das Zerhacken des Lichts durch
Vögel charakterisierte man als typisch für den französischen
Surrealismus. Die diesem Stil eigenen Assoziationsketten finden sich
im Werk Lavants allerdings nicht. Auch barocke Elemente werden in der
Literatur oft angeführt: neben den manieristischen Formelementen
wie Wortspielen à la Laß ab vom Ablaß"
deutet vor allem der Kontrast zwischen einer spannungsreichen, leidenschaftlichen
Seelenlage und dem Wunsch nach formaler Strenge darauf hin. Aber all
diese Zuordnungsversuche können das Werk der Dichterin nicht fassen.
Manche Elemente sind übrigens durchaus modern: geläufige Ausdrücke
werden wörtlich genommen und als Metapher verwendet, wie z.B. beim
Kämmen von Unglückssträhnen. Auch Lavants drastisch innovativer
Umgang mit Reim und Rhythmus weisen darauf hin, daß sie sehr wohl
in einem zeitgenössischen Bewußtsein schrieb.
Ihr Geheimnis, ihr ureigener Sound" liegt zum einen in der
besonderen Lebenssituation und zum anderen darin, daß ihr Hochdeutsch
im eigentlichen Sinn übersetzter Dialekt ist. Christine Lavant:
Darf ihn (den Dialekt, Anm.) nicht aufgeben, sonst geschieht ein
Schaden, wirklich!" Gedichtet hat sie allerdings nie im Dialekt,
wahrscheinlich weil ihre Vorbilder Hochdeutsch schrieben, und sie damit
rechnete, so ein größeres Publikum zu erreichen. Trotzdem
sind ihre Assoziationen ohne Kenntnis volkstümlicher Ausdrücke
nicht zu verstehen. Zum Beispiel heißt es in einem Vers: trotzdem
fühle ich mich heilig/ auf dem Scheitel in den Knieen". Hier
spielt sie an auf eine alte Bestrafung von Kindern, das Scheitelknien,
bei dem man auf der Kante eines Holzscheites knien mußte. Diese
Szene wird erweitert durch die Doppeldeutigkeit des Körperteils
Scheitel. Oder im Vers ein Blitz fährt durch den Abend her/
und wirft mein Herz ins Wetterloch" hilft es weiter, wenn man weiß,
daß Wetterloch im Volksmund den Graben bezeichnet, über dem
sich ein Gewitter zusammenbraut. Volkstümliche Bezeichnungen von
Blumen und Früchten wie Hauchnägel oder Judasbart geben zusätzliche
Assoziationsmöglichkeiten. Feste Vorstellungen wie der Mann im
Mond, der schwitzende Stein usw. und ritualisierte Handlungen wie Äpfel
schälen sind ein fester Bestandteil ihrer Lyrik.
Auch Begriffe aus der medizinischen Fachsprache verwendet sie im eigentlichen
Sinne. Mit Fallsucht" ist dann nicht Epilepsie gemeint, sondern
ein Sturz des Gemüts. Manche Metaphern sind aus körperlichen
Empfindungen hervorgegangen, z.B. denn es steigen Funken/ wie
Hungersterne mir vom Weinen auf" umschreibt die schwarzen Punkte
vor den Augen, die man im Zustand einer Unterzuckerung sieht. Viele
der Substantivkombinationen sind durch einen optischen Eindruck entstanden:
Brennen wird noch vor Mitternacht der Sternenbaum". Der Sternenbaum
ist der Baum, den sie vom Fenster ihrer Stube aus sah. Bei Nacht stand
ein Sternbild darüber, und gefunden war der Sternenbaum. Doch nicht
nur Substantive werden auf diese Art kombiniert, auch Adjektive wie
feuerfürchtig, übervertraut, bleichgehungert. Ebenso finden
sich Komposita aus Verben und Präfixen wie aufknien oder sich überbeten.
So entstehen in Spontaneinfällen Wortschöpfungen, die ihr
im ersten Moment gefielen, und in die sie oft erst im Nachhinein die
Bedeutung hineinlas, um sie dann als Metaphern zu verwenden: Das
Schreiben-Können kommt nur als Zustand über mich und führt
dann aus, was weder in meinem Gehirn noch in meinem Gemüt je wissentlich
geplant worden ist."
Eine inhaltliche oder stilistische Zuordnung Christine Lavants ist kaum
zu leisten. Trotzdem existierte sie nicht im luftleeren Raum. Andere
AutorInnen arbeiteten zur gleichen Zeit, kannten sie persönlich
wie Hilde Domin oder reagierten in ihren Arbeiten auf sie. Andreas Okopenko
z.B. schrieb 1973, im Todesjahr Christine Lavants, sein Spottgedicht
Christine Selzthal-Bischofshofen", in dem er sie als formal
schlichte von unerfülltem Kinderwunsch beseelte, verwirrte, aber
harmlose arme Törin zwischen Naturdichtung, Volksglauben und geistlicher
Dichtung darstellte. In ihrer apolitischen, rein privaten Haltung war
sie durchaus zeitgemäß. Humbert Fink kritisierte 1961: Die
Romane und Erzählungen der jüngeren Autoren lassen so gut
wie nichts von der Unruhe und dem kritischen Verhältnis der zeitgenössischen
Prosa zu Inhalten und Sprachmaterial erkennen." Die fünfziger
und sechziger Jahre waren gekennzeichnet durch eine hermetische oder
monologische Schreibweise, die Suche nach dem Du führte zum resignierten
Rückzug ins Private. Dabei befand sich Christine Lavant noch in
einer Sondersituation, denn die Diskussion um geschichtliche Ereignisse,
um soziale, religiöse oder politische Probleme fand in dem kleinen
Kärntner Dorf nicht statt. Und wenn doch einmal die moderne Gegenwart
zu ihr drang, wie Neill Armstrongs Mondlandung, war sie schlicht empört,
weil er ihren mystischen, geheiligten Mond entweiht hatte. Obwohl also
von einer ähnlichen Grundstimmung ausgehend, reagierte die Lavant
doch anders in ihrem Mikrokosmos als viele KollegInnen. In den sechziger
Jahren herrschte Sachlichkeit vor. Existenzangst wurde durch den Umgang
mit Sprache als konkretem Material kompensiert. Künstler galten
als Zeitreporter. Günter Blöcker formulierte: Eine Welt
der Ingenieure erzeugt eine Kunst der Ingenieure". Christine Lavant
dagegen setzte sich nicht mit dieser geltenden Poetik auseinander, sie
schätzte zeitgenössische Literatur nicht, und blieb pathetisch,
gefühlsbetont, ekstatisch. In der deutschen Nachkriegslyrik, in
der mehr namhafte Frauen vertreten sind als jemals zuvor und an der
Österreich einen großen Anteil hat, gehört Christine
Lavant mit Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Christa Busta und Paul
Celan zu den bedeutendsten AutorInnen der 50er und 60er Jahre.
Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf."
Christine Lavant selber schrieb einmal an Helmut Scharf: (...)wenn
Sie mich persönlich kennen würden, wären Sie vermutlich
über meinen Realismus entsetzt." Und in einem Brief an Ehrentraud
Müller: Denn wenn ich nicht eine Zeit lang eine Dichterin"
gewesen wär, dann bekäme ich jetzt keine Förderungsprämie
und wüßte nicht, wovon wir leben sollten." Nicht nur
ihr Realismus, auch ihr Humor erstaunt nach der Lektüre der Gedichte.
So schrieb sie 1962 an einen Freund: Wegen Ruths Jacke: selbst
wenn Ihr das Kind als Riesendame auf Jahrmärkten herumzeigen müßt,
könnt Ihr mir ihre Maße noch schreiben. Zum Stricken bin
ich immer gesund genug." Auch ihr Arzt berichtet, bei Preisverleihungen
sei von Unsicherheit nichts zu spüren gewesen, da konnte
sie ein gerüttelt Maß von Bosheit und Schlagfertigkeit entwickeln."
Christine Lavant: Ich hatte in der Zwischenzeit eine Lavant-Ehrung"
hier zu überstehen. Man hat es erstaunlich nobel gemacht und wenn
ich nicht eine beinah schon krankhafte Abneigung gegen dergleichen hätte,
müßte ich erfreut sein. Es ist ein Unvermögen, das nach
Undank aussieht." Diese Abneigung gegen Ehrungen richtete sich
jedoch nur gegen offizielle Termine. Privat war Christine Lavant eine
an Kommunikation und Begegnungen sehr interessierte, heiter und
überaus natürlich sich gebende mitfühlende Person."
Auch Wieland Schmidt hielt sie für einen natürlichen,
unverbildeten Menschen (...) eine Frau von großem Charme."
Daneben gab es aber noch die andere Seite der Christine Lavant, die
einsam und aggressiv, paranoid und depressiv war. Laut Ludwig von Ficker
war ihre seelische Verfassung fatal", was er auf ihre existentielle
Ausgrenzung zurückführte. Ob das Dichten Ventil ihrer Verzweiflung
war oder die eigentliche Ursache, wie Christine Lavant selbst meinte,
ist wahrscheinlich beides zutreffend. Immer wieder bezeichnete sie das
Schreiben als Gegenpol zum gesunden Leben", als Sünde
wider den Geist". Und an anderer Stelle schrieb sie: Ich
spüre in der Dichtung meinen Todfeind, das heißt: jenes Prinzip,
das mich so vorzeitig alt gemacht hat." Um die beiden Seiten ihrer
Existenz zu verbinden, schuf sich Christine Lavant neu. Sie erfand sich
als Märchengestalt. Früh hatte sie gelernt, daß Sympathien
ihr am ehesten in Form von Mitleid entgegenkamen, und so stilisierte
sie sich mit Bauernkleid und Kopftuch als Hutzelweib. Betrachtet man
ein Paßfoto, das sie mit 24 Jahren zeigt, und auf dem sie dem
Betrachter die gute, d.h. die narbenfreie Seite ihres Gesichtes
zuwendet, sieht man eine zarte, ernste Person mit riesigen Augen. Sicherlich
keine Illustriertenschönheit, aber auch keine Frau, die sich vor
dem Leben verstecken muß. Was dann in den folgenden Jahren eintritt,
könnte man als einen umgekehrten Kaiserin-Sissi-Effekt beschreiben:
statt sich möglichst vorteilshaft darzustellen, um so einen strahlenden
Mythos um sich zu schaffen, zeigen die Fotos und Holzschnitte, die über
die Lavant im Umlauf sind, sie ausnahmslos als Hexe, alt, in bäuerliche
Kluft gewandet, das Haar unter strengen Kopftüchern verbergend
und gewollt Armut und Hinfälligkeit herausstreichend. Daß
das eine Inszenierung war, zeigt auch, daß die Bauernkluft mit
zunehmendem Alter und zunehmender finanzieller Sicherheit teurer wurde.
Sie wählte edlere Materialien ohne den Stil des armen Weiberls
zu verändern. Fast eitel sagte sie einmal: Ich bestehe aus
lauter Stücken purer Armut." Diese übertriebene Bescheidenheit
inszenierte sie auch in Bezug auf ihr Werk. Weil sie wußte, daß
sie mit Widerspruch rechnen konnte, setzte sie ihre eigene Dichtung
herab. Blieb der Widerspruch dann allerdings aus, konnte sie mit der
Geringachtung ihres Werks überhaupt nicht umgehen und war nachhaltig
beleidigt. Vor allem bei ihrer Prosa, die die Grenze zum Kitsch oft
und heftig überschritt, und die ein Rezensent als literarisches
Ärgernis" bezeichnete, mußte sie sich Kritik gefallen
lassen.
In ihrem lyrischen Werk finden sich unübersehbar viele Textstellen,
in denen sie sich erniedrigt in der Hoffnung, erhöht zu werden.
Stellvertretend für die Fülle seien hier zwei Verse erwähnt:
Entziehe mir den Sternenwein/ und auch das Brot der Erde;/ denn
ich muß sehr bedürftig sein,/ bevor ich furchtsam werde."
Und: Einmal möchte ich würdig werden/ und aufknien dürfen
und elend sein/ nach dem Maß meiner Kräfte."
Ich bin ein unerwünschter Gast
sogar im Krötenteiche.
Zu Lebzeiten hatte Christine Lavant trotz vieler Freunde und Förderer
keinen Jüngerkreis und kein öffentliches Podium. Und auch
heute noch ist die Österreicherin, die zu den wichtigsten Lyrikerinnen
ihres Landes gezählt wird, nur wenigen bekannt. Die Auflagen ihrer
Bücher sind niedrig, nur selten werden ihre Gedichte in Zeitschriften
und Anthologien abgedruckt. Vorträge, Rezitations- und Seminarveranstaltungen
sucht man in Universitäten und Volkshochschulen meist vergebens.
Eine kritische Gesamtausgabe wird unter der Bearbeitung von Annette
Steinsiek und Ursula A. Schneider und gefördert durch den Fonds
zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)" in Form
einer mehrbändigen kommentierten Buchausgabe und einer CD-ROM erscheinen.
Die Christine-Lavant-Gesellschaft" veranstaltet u.a. seit
1995 in Wolfsberg den Christine-Lavant-Preis für deutschsprachige
Lyrik. Um ihren Nachlaß kümmert sich vor allem das Robert-Musil-Institut"
der Universität Klagenfurt.
Um sich mit dem Werk der in jeder Hinsicht exzentrischen Lyrikerin vertraut
zu machen, sind neben ihren Gedichtbänden besonders die Arbeit
von Johann Strutz (Poetik und Existenzproblematik", Salzburg
1979) und die beiden Symposions-Publikationen (Hrsg: A. Rußegger
u. J. Strutz, beide Salzburg 1995 bzw. 1999) zu empfehlen.
Silke Andrea Schuemmer, *1973.
Zwei bibliophile Künstlerbücher. Veröffentlichungen in
Literaturzeitschriften und Anthologien im deutschsprachigen Raum, Niederlande,
USA und Rußland.
1994 Aufenthaltsstipendium des Kultursenats Berlin im Literarischen
Colloquium Berlin
1995 Arbeitsstipendium des Kultusministeriums des Landes NRW
1996 foglio-Literaturpreis
1997 Christine-Lavant-Förderpreis für Lyrik (A)
1998 Stadtschreiberin von Otterndorf
1999 Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur u.a.
Ihr
Kommentar
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