Nr. 33, Februar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Silke Andrea Schuemmer

"Die Vormundschaft des Todes"

(2. Teil)

Hauchnägel, Judasbart und Sternenbaum.

Nicht nur wegen ihrer extremen inhaltlichen Positionen ist Christine Lavant mit kaum einer anderen Dichterin dieses Jahrhunderts vergleichbar, auch ästhetisch finden sich überraschende und einzigartige Elemente.
Begrenzt und einfach wie ihre Umgebung in dem abgelegenen, anachronistischen Kärtner Dorf ist auch ihr Vokabular. Tiere, Dörfliches und Körperteile bilden den Grundstock ihres dichterischen Wortschatzes. Die häufige Verwendung von pflanzlicher und chthonischer Metaphorik, die seit Rilke ein Kennzeichen moderner Lyrik bildet, führen dazu, daß ihre Gedichte ohne botanisches Lexikon und volkskundliche Studien kaum zu interpretieren sind. Die einfachen Substantive werden in immer anderen Zusammenstellungen kombiniert, so daß sie in wechselnden Umgebungen auch wechselnde Bedeutungen haben. Deshalb läßt sich die Lyrik Christine Lavants nicht in einem Gedicht verstehen, sondern nur im Zusammenhang eines ganzen Bandes. Und auch hier in der dörflichen Wort-Idylle von Stube, Hunden und Sternen findet sich wieder ihr Hang zum Sadismus. Ein ganzes Arsenal an quälenden, bedrohenden, verletzenden Gegenständen und Formen steckt in den Gedichten: Ruten, Marterriemen, Peitschen, scharfe Werkzeuge, Messer, Sicheln, Sägen, Krallen, Stacheln, Nesseln.
Aus diesen Begriffen setzt Christine Lavant ihre Gedichte zusammen, die häufig an Zaubersprüche erinnern. Ein uralter österreichischer Glaube an das Wort läßt sie Formeln finden, die noch Spuren des Archaischen und Urtümlichen tragen. Kerstin Hensel: „Christine Lavant dichtete, wie man am Spinnrad sitzt. Die Spindel dreht sich, daran der Lebensfaden dünn Spule um Spule füllt. Worte drehen und verdrehen sich, ziehen sich zusammen und reißen. Die hexische Arbeit einer Gottesanbeterin."
Anachronistisch wie ihre Zaubersprüche ist auch die konservative Syntax ihrer übrigen Gedichte, was sich zum Teil aus ihrer Herkunft erklären läßt, denn in Österreich konzentrierte sich die Literatur auf die Bewahrung der Tradition statt mit Sprache zu experimentieren. Christine Lavant verstößt gegen alle Regeln des Bennschen Kanons, indem sie ein Du andichtet, wie-Vergleiche, glatte Reime, eine strenge Metrik, Jamben und Trochäen in langen Zeilen usw. verwendet. Vor allem ihr seraphischer Ton und die reichen Farbbilder erschienen Benn für ein modernes Gedicht unangemessen.
Auch im Sinne Hugo Friedrichs, der in seiner Poetik u.a. „Satzfeindlichkeit" als Merkmal moderner Lyrik nennt, ist Christine Lavant keine moderne Dichterin. Allerdings erfüllten viele zeitgenössische DichterInnen diese Vorgaben nicht oder kehrten nach syntaktischen Experimenten zur intakten Syntax zurück. Die Forschung suchte verzweifelt nach Schubladen, in die Christine Lavant gepaßt hätte. Man fand expressionistische Züge: Trostlosigkeit des einzelnen, die Einsamkeit inmitten des Weltalls, der Wunsch nach Erweiterung und Entgrenzung. Die Verwendung von Anima-Attributen wie Wolf oder Schlange und die Verwendung von sonst getrennt vorkommenden Dingen wie z.B. das Zerhacken des Lichts durch Vögel charakterisierte man als typisch für den französischen Surrealismus. Die diesem Stil eigenen Assoziationsketten finden sich im Werk Lavants allerdings nicht. Auch barocke Elemente werden in der Literatur oft angeführt: neben den manieristischen Formelementen wie Wortspielen à la „Laß ab vom Ablaß" deutet vor allem der Kontrast zwischen einer spannungsreichen, leidenschaftlichen Seelenlage und dem Wunsch nach formaler Strenge darauf hin. Aber all diese Zuordnungsversuche können das Werk der Dichterin nicht fassen. Manche Elemente sind übrigens durchaus modern: geläufige Ausdrücke werden wörtlich genommen und als Metapher verwendet, wie z.B. beim Kämmen von Unglückssträhnen. Auch Lavants drastisch innovativer Umgang mit Reim und Rhythmus weisen darauf hin, daß sie sehr wohl in einem zeitgenössischen Bewußtsein schrieb.
Ihr Geheimnis, ihr ureigener „Sound" liegt zum einen in der besonderen Lebenssituation und zum anderen darin, daß ihr Hochdeutsch im eigentlichen Sinn übersetzter Dialekt ist. Christine Lavant: „Darf ihn (den Dialekt, Anm.) nicht aufgeben, sonst geschieht ein Schaden, wirklich!" Gedichtet hat sie allerdings nie im Dialekt, wahrscheinlich weil ihre Vorbilder Hochdeutsch schrieben, und sie damit rechnete, so ein größeres Publikum zu erreichen. Trotzdem sind ihre Assoziationen ohne Kenntnis volkstümlicher Ausdrücke nicht zu verstehen. Zum Beispiel heißt es in einem Vers: „trotzdem fühle ich mich heilig/ auf dem Scheitel in den Knieen". Hier spielt sie an auf eine alte Bestrafung von Kindern, das Scheitelknien, bei dem man auf der Kante eines Holzscheites knien mußte. Diese Szene wird erweitert durch die Doppeldeutigkeit des Körperteils Scheitel. Oder im Vers „ein Blitz fährt durch den Abend her/ und wirft mein Herz ins Wetterloch" hilft es weiter, wenn man weiß, daß Wetterloch im Volksmund den Graben bezeichnet, über dem sich ein Gewitter zusammenbraut. Volkstümliche Bezeichnungen von Blumen und Früchten wie Hauchnägel oder Judasbart geben zusätzliche Assoziationsmöglichkeiten. Feste Vorstellungen wie der Mann im Mond, der schwitzende Stein usw. und ritualisierte Handlungen wie Äpfel schälen sind ein fester Bestandteil ihrer Lyrik.
Auch Begriffe aus der medizinischen Fachsprache verwendet sie im eigentlichen Sinne. Mit „Fallsucht" ist dann nicht Epilepsie gemeint, sondern ein Sturz des Gemüts. Manche Metaphern sind aus körperlichen Empfindungen hervorgegangen, z.B. „denn es steigen Funken/ wie Hungersterne mir vom Weinen auf" umschreibt die schwarzen Punkte vor den Augen, die man im Zustand einer Unterzuckerung sieht. Viele der Substantivkombinationen sind durch einen optischen Eindruck entstanden: „Brennen wird noch vor Mitternacht der Sternenbaum". Der Sternenbaum ist der Baum, den sie vom Fenster ihrer Stube aus sah. Bei Nacht stand ein Sternbild darüber, und gefunden war der Sternenbaum. Doch nicht nur Substantive werden auf diese Art kombiniert, auch Adjektive wie feuerfürchtig, übervertraut, bleichgehungert. Ebenso finden sich Komposita aus Verben und Präfixen wie aufknien oder sich überbeten.
So entstehen in Spontaneinfällen Wortschöpfungen, die ihr im ersten Moment gefielen, und in die sie oft erst im Nachhinein die Bedeutung hineinlas, um sie dann als Metaphern zu verwenden: „Das Schreiben-Können kommt nur als Zustand über mich und führt dann aus, was weder in meinem Gehirn noch in meinem Gemüt je wissentlich geplant worden ist."
Eine inhaltliche oder stilistische Zuordnung Christine Lavants ist kaum zu leisten. Trotzdem existierte sie nicht im luftleeren Raum. Andere AutorInnen arbeiteten zur gleichen Zeit, kannten sie persönlich wie Hilde Domin oder reagierten in ihren Arbeiten auf sie. Andreas Okopenko z.B. schrieb 1973, im Todesjahr Christine Lavants, sein Spottgedicht „Christine Selzthal-Bischofshofen", in dem er sie als formal schlichte von unerfülltem Kinderwunsch beseelte, verwirrte, aber harmlose arme Törin zwischen Naturdichtung, Volksglauben und geistlicher Dichtung darstellte. In ihrer apolitischen, rein privaten Haltung war sie durchaus zeitgemäß. Humbert Fink kritisierte 1961: „Die Romane und Erzählungen der jüngeren Autoren lassen so gut wie nichts von der Unruhe und dem kritischen Verhältnis der zeitgenössischen Prosa zu Inhalten und Sprachmaterial erkennen." Die fünfziger und sechziger Jahre waren gekennzeichnet durch eine hermetische oder monologische Schreibweise, die Suche nach dem Du führte zum resignierten Rückzug ins Private. Dabei befand sich Christine Lavant noch in einer Sondersituation, denn die Diskussion um geschichtliche Ereignisse, um soziale, religiöse oder politische Probleme fand in dem kleinen Kärntner Dorf nicht statt. Und wenn doch einmal die moderne Gegenwart zu ihr drang, wie Neill Armstrongs Mondlandung, war sie schlicht empört, weil er ihren mystischen, geheiligten Mond entweiht hatte. Obwohl also von einer ähnlichen Grundstimmung ausgehend, reagierte die Lavant doch anders in ihrem Mikrokosmos als viele KollegInnen. In den sechziger Jahren herrschte Sachlichkeit vor. Existenzangst wurde durch den Umgang mit Sprache als konkretem Material kompensiert. Künstler galten als Zeitreporter. Günter Blöcker formulierte: „Eine Welt der Ingenieure erzeugt eine Kunst der Ingenieure". Christine Lavant dagegen setzte sich nicht mit dieser geltenden Poetik auseinander, sie schätzte zeitgenössische Literatur nicht, und blieb pathetisch, gefühlsbetont, ekstatisch. In der deutschen Nachkriegslyrik, in der mehr namhafte Frauen vertreten sind als jemals zuvor und an der Österreich einen großen Anteil hat, gehört Christine Lavant mit Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Christa Busta und Paul Celan zu den bedeutendsten AutorInnen der 50er und 60er Jahre.

„Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf."

Christine Lavant selber schrieb einmal an Helmut Scharf: „(...)wenn Sie mich persönlich kennen würden, wären Sie vermutlich über meinen Realismus entsetzt." Und in einem Brief an Ehrentraud Müller: „Denn wenn ich nicht eine Zeit lang eine „Dichterin" gewesen wär, dann bekäme ich jetzt keine Förderungsprämie und wüßte nicht, wovon wir leben sollten." Nicht nur ihr Realismus, auch ihr Humor erstaunt nach der Lektüre der Gedichte. So schrieb sie 1962 an einen Freund: „Wegen Ruths Jacke: selbst wenn Ihr das Kind als Riesendame auf Jahrmärkten herumzeigen müßt, könnt Ihr mir ihre Maße noch schreiben. Zum Stricken bin ich immer gesund genug." Auch ihr Arzt berichtet, bei Preisverleihungen sei von Unsicherheit nichts zu spüren gewesen, „da konnte sie ein gerüttelt Maß von Bosheit und Schlagfertigkeit entwickeln." Christine Lavant: „Ich hatte in der Zwischenzeit eine „Lavant-Ehrung" hier zu überstehen. Man hat es erstaunlich nobel gemacht und wenn ich nicht eine beinah schon krankhafte Abneigung gegen dergleichen hätte, müßte ich erfreut sein. Es ist ein Unvermögen, das nach Undank aussieht." Diese Abneigung gegen Ehrungen richtete sich jedoch nur gegen offizielle Termine. Privat war Christine Lavant eine „an Kommunikation und Begegnungen sehr interessierte, heiter und überaus natürlich sich gebende mitfühlende Person." Auch Wieland Schmidt hielt sie für „einen natürlichen, unverbildeten Menschen (...) eine Frau von großem Charme."
Daneben gab es aber noch die andere Seite der Christine Lavant, die einsam und aggressiv, paranoid und depressiv war. Laut Ludwig von Ficker war ihre seelische Verfassung „fatal", was er auf ihre existentielle Ausgrenzung zurückführte. Ob das Dichten Ventil ihrer Verzweiflung war oder die eigentliche Ursache, wie Christine Lavant selbst meinte, ist wahrscheinlich beides zutreffend. Immer wieder bezeichnete sie das Schreiben als „Gegenpol zum gesunden Leben", als „Sünde wider den Geist". Und an anderer Stelle schrieb sie: „Ich spüre in der Dichtung meinen Todfeind, das heißt: jenes Prinzip, das mich so vorzeitig alt gemacht hat." Um die beiden Seiten ihrer Existenz zu verbinden, schuf sich Christine Lavant neu. Sie erfand sich als Märchengestalt. Früh hatte sie gelernt, daß Sympathien ihr am ehesten in Form von Mitleid entgegenkamen, und so stilisierte sie sich mit Bauernkleid und Kopftuch als Hutzelweib. Betrachtet man ein Paßfoto, das sie mit 24 Jahren zeigt, und auf dem sie dem Betrachter die ‚gute‘, d.h. die narbenfreie Seite ihres Gesichtes zuwendet, sieht man eine zarte, ernste Person mit riesigen Augen. Sicherlich keine Illustriertenschönheit, aber auch keine Frau, die sich vor dem Leben verstecken muß. Was dann in den folgenden Jahren eintritt, könnte man als einen umgekehrten Kaiserin-Sissi-Effekt beschreiben: statt sich möglichst vorteilshaft darzustellen, um so einen strahlenden Mythos um sich zu schaffen, zeigen die Fotos und Holzschnitte, die über die Lavant im Umlauf sind, sie ausnahmslos als Hexe, alt, in bäuerliche Kluft gewandet, das Haar unter strengen Kopftüchern verbergend und gewollt Armut und Hinfälligkeit herausstreichend. Daß das eine Inszenierung war, zeigt auch, daß die Bauernkluft mit zunehmendem Alter und zunehmender finanzieller Sicherheit teurer wurde. Sie wählte edlere Materialien ohne den Stil des armen Weiberls zu verändern. Fast eitel sagte sie einmal: „Ich bestehe aus lauter Stücken purer Armut." Diese übertriebene Bescheidenheit inszenierte sie auch in Bezug auf ihr Werk. Weil sie wußte, daß sie mit Widerspruch rechnen konnte, setzte sie ihre eigene Dichtung herab. Blieb der Widerspruch dann allerdings aus, konnte sie mit der Geringachtung ihres Werks überhaupt nicht umgehen und war nachhaltig beleidigt. Vor allem bei ihrer Prosa, die die Grenze zum Kitsch oft und heftig überschritt, und die ein Rezensent als „literarisches Ärgernis" bezeichnete, mußte sie sich Kritik gefallen lassen.
In ihrem lyrischen Werk finden sich unübersehbar viele Textstellen, in denen sie sich erniedrigt in der Hoffnung, erhöht zu werden. Stellvertretend für die Fülle seien hier zwei Verse erwähnt: „Entziehe mir den Sternenwein/ und auch das Brot der Erde;/ denn ich muß sehr bedürftig sein,/ bevor ich furchtsam werde." Und: „Einmal möchte ich würdig werden/ und aufknien dürfen und elend sein/ nach dem Maß meiner Kräfte."

Ich bin ein unerwünschter Gast
sogar im Krötenteiche.

Zu Lebzeiten hatte Christine Lavant trotz vieler Freunde und Förderer keinen Jüngerkreis und kein öffentliches Podium. Und auch heute noch ist die Österreicherin, die zu den wichtigsten Lyrikerinnen ihres Landes gezählt wird, nur wenigen bekannt. Die Auflagen ihrer Bücher sind niedrig, nur selten werden ihre Gedichte in Zeitschriften und Anthologien abgedruckt. Vorträge, Rezitations- und Seminarveranstaltungen sucht man in Universitäten und Volkshochschulen meist vergebens. Eine kritische Gesamtausgabe wird unter der Bearbeitung von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider und gefördert durch den „Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)" in Form einer mehrbändigen kommentierten Buchausgabe und einer CD-ROM erscheinen. Die „Christine-Lavant-Gesellschaft" veranstaltet u.a. seit 1995 in Wolfsberg den Christine-Lavant-Preis für deutschsprachige Lyrik. Um ihren Nachlaß kümmert sich vor allem das „Robert-Musil-Institut" der Universität Klagenfurt.
Um sich mit dem Werk der in jeder Hinsicht exzentrischen Lyrikerin vertraut zu machen, sind neben ihren Gedichtbänden besonders die Arbeit von Johann Strutz („Poetik und Existenzproblematik", Salzburg 1979) und die beiden Symposions-Publikationen (Hrsg: A. Rußegger u. J. Strutz, beide Salzburg 1995 bzw. 1999) zu empfehlen.

Silke Andrea Schuemmer, *1973.
Zwei bibliophile Künstlerbücher. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien im deutschsprachigen Raum, Niederlande, USA und Rußland.
1994 Aufenthaltsstipendium des Kultursenats Berlin im Literarischen Colloquium Berlin
1995 Arbeitsstipendium des Kultusministeriums des Landes NRW
1996 foglio-Literaturpreis
1997 Christine-Lavant-Förderpreis für Lyrik (A)
1998 Stadtschreiberin von Otterndorf
1999 Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur u.a.


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