Nr. 33, Februar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Silke Andrea Schuemmer

"Die Vormundschaft des Todes"

In einer abgedunkelten, engen Bauernstube steht eine Schublade auf dem Boden. Heiligenbilder sind an die Wand geklebt, an einem Nagel hängt eine Hose. Es ist zugig und kalt. Die Tür ist mit einer alten Decke verhangen. Eine verhärmte Frau strickt und betet, flüstert ab und zu Koseworte wie „Zartele" oder „Wehkrügerl". In der Schublade liegt ein durchdringend schreiender Säugling, dick verbunden mit salbenverschmierten Tuchfetzen. Es ist das neunte Kind der Bergarbeiterfamilie Thonhauser, eine Tochter. Und der eitrige Ausschlag über Gesicht, Brust und Rücken, die Arme-Leute-Krankheit Skrofeln, hat sie fast erblinden lassen. Die Narben, die zurückbleiben, werden sie ein Leben lang entstellen. Ihr Weg scheint vorgezeichnet: Zwei Geschwister sind bereits gestorben, es ist nie genug Essen im Haus und eine Krankheit folgt der nächsten. Doch das Mädchen überlebt. Ihrer Herkunft und der „Vormundschaft des Todes" zum Trotz wird sie eine der bedeutendsten österreichischen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit: Christine Lavant.
Bis dahin ist es ein weiter Weg. Am 4. Juli 1915 in St. Stefan geboren werden noch 34 Jahre bis zu ihrem ersten Gedichtband „Die unvollendete Liebe" vergehen, eine Zeit, die weitestgehend mit Leiden ausgefüllt ist. Eine fast chronische Lungenentzündung und später Lungentuberkulose, Skrofulose, Atemnot und Eiterungen, periodische Fieberschübe und Schmerzdelirien, dann mit fünfzehn eine übersehene Mittelohrentzündung, auf Grund derer sie fast ertaubt, schließlich eine schwere, endogene Depression. Schilddrüsenüberfunktion, Asthma, Magen-Darm-Leiden, über Monate gehende Schlaflosigkeit, Krampfhusten, Kopfschmerzen, eine Wirbelverkrümmung, durch die sie nicht lange liegen kann, und stundenlang andauerndes ekstatisches Zittern malträtieren und verbrauchen sie. 1963 schreibt sie an einen Freund: „Ich bin biologisch nicht 48, sondern 68 Jahre alt (...). Alle diese Dinge bedeuten nicht raschen Tod, sondern ein langes Siechtum. Schon jetzt bin ich nirgends ohne körperliche und seelische Beschwerden."
Ihr Körper verweigert ihr ein normales Frauenleben, was im patriarchalisch ländlichen Verständnis Mutterschaft bedeutet hätte. Allein das ist Pflicht und Frauenschicksal. Wer es nicht erfüllt, hat keine Anerkennung zu erwarten. Von ihrer Mutter, die in den Gedichten ein dominantes Motiv und stets mit dem Thema Tod verbunden ist, lernt Christine Lavant, was dieses Schicksal bedeutet: Mutterschaft um jeden Preis, auch wenn die eigene Gesundheit dabei zerstört wird. Häufige Schwangerschaftsmotive im Werk weisen darauf hin, wie sehr Christine Lavant diese Anschauung verinnerlicht hat. Daß sie ausgerechnet diesem Anspruch nicht nachkommen kann, stellt die Weichen für ihr Leben als Außenseiterin. Der Wunsch, ihr „verstümmeltes Leben" mit Kunst zu sublimieren, kämpft gegen den Willen, durch diese Kunst etwas von der Schuld abzubüßen, die sie durch diesen Weg auf sich geladen zu haben glaubte. Schreiben als Katharsis. Der oft zitierte Ausspruch Christine Lavants vom Abtragen der Schuld, der von der Sekundärliteratur entweder religiös im katholischen Sinn oder allgemein dahingehend gedeutet wird, daß sie ihr Frauenschicksal nicht erfüllte, kann durchaus ganz konkret als ein Abtragen des Martyriums der aufopfernden Mutter gesehen werden, deren Liebe sie keiner folgenden Generation weitergibt. Warum Christine Lavant keine Kinder hatte, darüber schweigt ihr Arzt. Womöglich war ihre Gesamtkonstitution einfach zu schwach, oder es ist so, wie sie es selbst in einem Gedicht formuliert: „Meiner hat mich nie angerührt./ Vielleicht weil die Schwermut wie Aussatz ist,/auch Engelleiber befleckend."
Ihr Leiden, das neben körperlichen Zumutungen auch in ihrer isolierten Situation im Dorf und einem schwierigen Charakter bestand, ist ihre ganz persönliche Erbschuld. Das Leiden wird ihr Lebensinhalt, es wird Thema und Motivation ihrer Kunst. Aber: es wird auch Maske und Inszenierung. Diese Ambiguität macht sie zu einer faszinierenden Persönlichkeit.
Bis in die achtziger Jahre hinein sah man in Christine Lavant ein naives „Kräuterweiberl", eine dichtende Bauersfrau aus Kärnten, die ihr Schicksal nahezu eins zu eins in religiöse Gedichte übersetzte. Dieses Bild ist heute nicht mehr haltbar. Fakt ist: ihre Biographie liest sich wie eine einzige große, von einem ungerechten Gott auferlegte Strafe, und oft hat es Christine Lavant auch genauso empfunden und beschrieben.
Die Hauptschule, in der sie von Schülern und Lehrern verspottet wurde, mußte sie abbrechen, weil sie den langen Schulweg nicht bewältigen konnte. 1933 wird sie zum ersten Mal in die Nervenheilanstalt in Klagenfurt eingewiesen. Laut ihres Neffen auf eigenen Wunsch, um die Zustände der Geistesgestörten kennenzulernen und um sich zu versichern, daß sie selbst nicht krank war. Ihr Arzt Dr. Otto Scrinzi, für den sie schwärmte und dem sie eine Reihe Gedichte widmete, sah die Einweisung als Folge eines Selbstmordversuches (dem zweiten), der darin begründet liegen könnte, daß ein heimischer Verlag nach längerem Zögern ein erstes Manuskript abgelehnt hatte. Nach mehreren Wochen wurde sie nach Hause geschickt, in der Tasche die unterschiedlichsten Medikamente, von denen sie seitdem abhängig war. „Ich weiß, daß diese Einnahme des Giftes eine schwere Sünde ist" schreibt die Lavant 1956 an Ludwig von Ficker. Die Kombination von Schlaf- und Aufputschmitteln, Zigaretten und Alkohol schärften ihr Wahrnehmungsvermögen so, daß sie nicht mehr darauf verzichten wollte. Ihre Existenz als „Bastard, von Drogen großgezogen", führte dazu, daß sie Tage und Nächte verdämmerte. Die Drogen bedrohten ihre Visionen und verwirrten zusehends ihre Handschrift.
Welche Erfahrungen die Autorin während des Nationalsozialismus machte, ist nicht bekannt. In der unveröffentlichten Erzählung „Hannah", die 1945 spielt, wird nur deutlich, daß die Lavant das zeitgeschichtliche Geschehen wahrgenommen hat, nicht aber, welche Position sie selbst vertrat. Ihrer Freundin Ingeborg Teuffenbach sagte sie einmal, Hitler sei eines der großen Unglücke seit Bestehen der Welt gewesen.
Erst als Christine Lavant achtzehn war, wurden ihr zum ersten Mal die Wundverbände abgenommen. Narben an Armen, Schultern, Brustansatz und Gesicht entstellten sie für immer. Und auch wenn sie einmal schrieb „Was hat mein Aussehen mit meinen Gedichten zu tun?", so fühlte sie doch jeden Tag, daß es neben der Armut und ihrer körperlichen Schwäche ein weiterer Grund war, im Dorf gemieden und verachtet zu werden. Dabei war Christine Lavant eine leidenschaftliche Frau, deren hervorstechendste Eigenschaft in der Liebe wie in der Verzweiflung die Maßlosigkeit war. „Wo ich liebe (...), bin ich an jeder Stelle meines Wesens angerührt. Der, dessen innerstes Angesicht in mir ist, ist mein Brot mein Schlaf mein Tagwerk, mein Lächeln und meine Trauer." Und an anderer Stelle: „Manchmal, wenn ich eine starke (...) Männerhand auf einer Mädelschulter seh, muß ich die Hände über die Augen pressen, das ist eine große Not." Vielleicht war es Sehnsucht, vielleicht wirklich Mitleid, wie sie selbst behauptete, die sie dazu brachte 1939 den um 30 Jahre älteren erfolglosen und geschiedenen Heimatmaler Josef Habernig zu heiraten. Ein Jahr zuvor war die angebetete Mutter gestorben, und Christines Schwester Peppi drängte sie zu einem zweiten Psychiatrieaufenthalt, um die Ehe mit Habernig zu verhindern. Christine wird von der Zeit in der Klinik ein lebenslanges Trauma zurückbehalten. Der Plan mißlang: Die Ehe wurde geschlossen. Das Gerücht von einem zweiten, jüngeren Bewerber neben Habernig ist bis heute nicht belegt. Das Dorf nahm ihre Heirat übel: Kaum lebensfähig und damit unnütz, weil der, der nicht arbeiten kann, auch kein Recht auf Essen und Gemeinschaft hat, war sie offensichtlich doch vital genug, um die Todsünde, einen geschiedenen Mann zu heiraten, zu begehen. Was immer sich Christine Lavant von dieser Verbindung versprochen hatte: es ging nicht auf. Die Ehe wurde ein Fiasko. Eingepfercht in einem winzigen Raum blieb kein Platz für Privatsphäre. Sie mußte den Unterhalt für beide durch Stricken verdienen und nannte ihren Mann schließlich in einem Brief an Hilde Domin nur noch „der Mensch, der im selben Raum lebt." Ein Gutes hatte das nächtelange Stricken: Christine Lavant las währenddessen, erst Schundliteratur, dann Rilke, der ihr die Tür zur Lyrik aufstieß: „Ich hab sofort gewußt, daß es das ist, was ich will und soll." Im Laufe ihres Lebens sollte sie neben christlicher, mystischer und anthroposophischer Literatur, naturwissenchaftlichen Büchern, Theosophie und Psychologie auch Werke der Weltliteratur wie Dostojewski und Hölderlin lesen und all das auf eine ganz eigene, unintellektuelle Art verarbeiten. Aus ihrer Beschäftigung mit Rilke resultierte 1949 der erste Gedichtband „Die unvollendete Liebe", von dem sie später sagte „Ich kann den Schund halt nimmer anschauen!", zu epigonal erschienen ihr die eigenen Gedichte, von denen auch ein Kritiker meinte: „Rilke, zehnter Aufguß."

daß ich mein Herz, die brennende Pfefferschote,
aufreiße und zwischen den Fingern zerreibe

Nach dem ästhetischen Initialschock durch Rilke kommt der emotionale hinzu: Christine Lavant verliebt sich und wird wiedergeliebt. Mit dem verheirateten Maler Berg verbindet sie eine kurze, heftige Leidenschaft, die in ihr keinerlei Schuldgefühle auslöst. Von ihrer Hingabe angetrieben schreibt sie zwanzig bis dreißig Gedichte pro Tag, der extatischen Schreibphase folgt ein Zusammenbruch. Die Beziehung zu Werner Berg ist das zentrale Erlebnis ihres Lebens. Und daraus resultiert 1956 ihr Gedichtband „Die Bettlerschale", für den sie den Lyrik-Preis der Neuen Deutschen Hefte erhielt. Es bleibt nicht ihre einzige Auszeichnung: Bereits 1954 war ihr auf Intervention ihres Förderers Ludwig von Ficker gemeinsam mit anderen der Trakl-Preis verliehen worden. Es folgten 1961 der Staatliche Förderungspreis für Lyrik, 1964 der Trakl-Preis und der Anton Wildgans Preis und 1970 der große österreichische Staatspreis für Literatur. Durch diese Auszeichnungen wurde ihre Stellung im Dorf etwas besser, wenn sie auch immer eine Außenseiterin blieb.
Ihre eigentliche Schaffenszeit dauerte nur fünf Jahre: von 1945 bis 1950. Das Werk, das in dieser Zeit entstand, ist beeindruckend: Katalogisiert sind bisher 562 publizierte und 692 unpublizierte Gedichte (nicht eingerechnet die Vorstufen der veröffentlichten Lyrik) und 634 Seiten Prosa. Das Frühwerk hatte sie verbrannt. Erschienen sind 1959 „Spindel im Mond", 1960 „Sonnenvogel", 1962 „Der Pfauenschrei" und 1967 „Hälfte des Herzens".
Der Unterschied zwischen Früh- und Spätwerk liegt bei Lavant lediglich in der Dominanz von Motiven, Motivgruppen und poetischen Verfahrensweisen. Statt neuer Themen werden die alten Konflikte Mensch-Gott, Mensch-Natur, Mensch-Mensch variiert. Die süßlichen Verse der Unvollendeten Liebe führen über unendliche Variationen letztendlich zu den dunklen Chiffren der späten Gedichte, von denen noch die Rede sein wird. Doch bereits zu den Gedichten aus „Spindel im Mond" hatte die Lyrikerin keine enge Beziehung mehr, da sie in den erwähnten produktiven fünf Jahren geschrieben worden waren.

„du bist mir das Auferstehn schuldig"

Die Gedichte Christine Lavants haben ein vorherrschendes Thema: Gott. Ein Drittel ihrer Texte sind in christlichen Medien erschienen, und ihr Rezensent Adler hielt sie für eine „fromme naive Naturdichterin." Sie deshalb als religiöse Lyrikerin im eigentlichen Sinne zu beschreiben, wäre aber falsch, auch wenn das lange Zeit gängige Forschungsmeinung war. In ihren „Lästergebeten", wie Ludwig von Ficker es einmal formulierte, wirft sie Gott seine mißlungene Schöpfung vor. Es ist eine persönliche Abrechnung zwischen ihr und einem Gott, der Gesetze geschaffen hat, die ihr Körper nicht einlösen kann. Sie greift nicht Institution und Lehren an und beschäftigt sich auch nicht mit spezifisch katholischen Glaubensinhalten wie der unbefleckten Empfängnis oder der Realpräsens Christi in der Eucharistie, sondern sucht nach Antwort und Gnade in einer Privatmythologie, die gleichzeitig aus christlichen wie heidnischen Symbolen besteht. Engel, Jungfrau Maria und der alles überthronende Gottvater des alten Testaments werden angefleht im Kampf gegen Dämonen und Zauber. Eine explizite Zuordnung in Gut und Böse gibt es dabei nicht. Christine Lavant kokettiert mit der Verdammnis, vertraut einmal auf himmlische Heerscharen und dann wieder auf Spindelzauber und Mondkraft. Jordan bemerkt treffend: „Lavants Gedichte erinnern mich (...) an norwegische Stabkirchen mit Drachenköpfen nach außen und christlichen Symbolen im Inneren." Doch gleich, wem sie sich ausliefert, die Gnade, um die sie bettelt, die sie einfordert, um die sie feilscht, erlangt sie nie. Die Demut, die sie wie einen Waffenschild vor sich her trägt, reicht nicht. Mitunter fleht sie dann Gott um noch größere Leiden an, um würdig für die Erlösung zu werden, oder sie wehrt sich mit offener Aggression gegen die göttliche Ungerechtigkeit, ausgerechnet ihr die Erlösung zu versagen. So finden sich in fast jedem ihrer Gedichte schockierende Wendungen und eine deutliche Vorliebe für Grausiges und Abgründiges, das wenig mit den entrückt lächelnden Madonnen alter Fresken gemeinsam hat. Gottvater mutiert zum Werwolf, zum Schlächter und Folterknecht. Der Wolfsberger Stadtpfarrkaplan Johann Pettauer kritisierte so auch einmal: „Ich mußte ihr doch, was ja die Wahrheit ist, sagen, daß sie eine aggressive, gottlose Person sei, welche sich seines Namens nur als Vorwand bediene." Obwohl also die Dichtung Christine Lavants nichts gemeinsam hat mit den Gebeten altjüngferlicher Damen, wurde sie von der literarischen Avantgarde doch allein auf Grund ihrer religiösen Thematik und ihrer emphatischen Erlösungshoffnung als epigonal und ärgerlich empfunden. Gottfried Benn schreibt in seinem dogmatischen Essay „Probleme der Lyrik" 1951: Der „seraphische Ton ist keine Überwindung des Irdischen, sondern eine Flucht vor dem Irdischen. Der große Dichter aber ist ein Realist (...) - er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist sehr irdisch (...). Er wird das Esoterische und Seraphische ungeheuer vorsichtig auf harte realistische Unterlagen verteilen." Dabei hatte die christliche Literatur nach dem ersten Weltkrieg zunehmend an Einfluß gewonnen. In der Zeitschrift „Der Brenner", herausgegeben von Ludwig von Ficker, wandte sich diese Literatur gegen die „Hohlheit der bürgerlich-ästhetisierenden Kultur" und die „pervertierte und von Gott abgefallene Welt" und bildete zu dieser Zeit eine durchaus provokative Kraft im politisch-gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, so daß Gottfried Benn 1950 beklagte: „Eine neue große Welle von Frömmigkeit geht über den Erdteil". Christine Lavant schlägt aber durchaus eine Brücke zwischen den beiden vorherrschenden literarischen Positionen Religion und Nihilismus: Auf der einen Seite steht sie in der Tradition des lyrischen Hermetismus der 50er Jahre, und andererseits verbindet sie mit der literarischen Avantgarde ihre Ästhetik des Schocks, der Grausamkeit und der (Auto)Destruktion. Ähnliches findet sich in der modernen bildenden Kunst oder z.B. in der Literatur Elfriede Jelineks oder Jandls. „Den gegenwärtigen Zustand religiöser Indifferenz des europäischen Menschen, den unsere Gesellschaft mit ihrer positivistisch-fortschrittlichen Geisteshaltung (...) selbstbewußt als eine Phase der Suche nach neuen Werten und Sinnvorstellungen (...) ansieht, den empfand Christine Lavant passiv als religiöses und seelisches Chaos, exemplarisch für die existentielle Krise der Gesellschaft im 20. Jahrhundert." So gesehen ist Christine Lavant also durchaus ein Kind ihrer Zeit. Einzigartig dürfte allerdings sein, daß Christine Lavants Gott, zu dem sie ein fast körperliches Verhältnis hat, immer auch als Mann zu lesen ist, der sie anzieht und verstößt, erhöht und wieder erniedrigt. So heißt es in einem Vers: „Er sprach zu mir: Ich begehre dein Fleisch!/ Er sprach zu mir: Ich begehre dein Blut!/ und tauchte die Knöchel tief hinein in mein Glück/ und kniete sich tief in mein Leiden."
„bettelnd beim Gehöft der Leiden"
Auf der einen Seite nimmt sie ihr Martyrium als gegebenen Weg zu Gott an, auf der anderen trägt ihr Leiden die Züge von masochistischer Ekstase. „Man denkt an schmerzhafte Verzückung der Stigmatisierten, an mystische Versunkenheit, romantische Entflammung." Denn neben rein konstatierenden Beschreibungen ihres Elends, die sich aus ihrer Biographie erklären lassen: „meine Augen verbrennen", „vor Hungerzeiten bebt das Hirn" oder „denn mein Atem ist auch fieberheiß", finden sich immer wieder Textstellen, in denen sie geradezu um weitere Leiden fleht: „Ganz erblinden will ich, lieber Herr", „Am Morgen sollst du auf meine Zunge immer glühende Kohlen legen", „Wirf mir die Schlinge über!/ Du darfst sie aus neunfachem Leiden drehen" oder „Heb deine Hand und schlage mich nieder" – die Beispiele sind endlos. Zwei Erklärungen liegen nahe. Zum einen könnte sie in dieser Form der Hingabe die einzige Möglichkeit sehen, angenommen zu werden (So formuliert sie es im folgenden Vers: „Tritt mich nieder, trotzdem (...)/ kann ich Todgetränkte und Verhöhnte/ noch im Fußtritt Menschennähe schätzen.") oder aber sie erniedrigt sich und stellt sich in ihrem Leiden dar, um sich als Märtyrerin zu stilisieren. Kerstin Hensel, eine der einfühlsamsten Lavant-Interpretinnen, faßt zusammen: „Das wirkliche Leiden sublimiert sich zur Maske, es wird angenehm, weil in der Rezeption erfolgreich. Jede große Dichtung ist auch Koketterie mit der Misere. Christine Lavant bildet da keine Ausnahme. Nönnische Duldnerin, schlichte Kärntner Bäuerin, die Kräuterfrau vom Lande: das war ihr Image! (...) Sie war realistischer, ironischer, als sie sich öffentlich gab. Ihre Briefe belegen das."
Der Vollständigkeit halber sei aber auch erwähnt, daß es natürlich auch Textstellen gibt, in denen sich Christine Lavant gegen ihr Leiden ausspricht: „ Ich kann das nicht leben, was du mir zeigst,/ ich kann nicht, auf Steinen gekreuzigt,/ einen Rosenbaum tragen." Und in einem Brief schreibt sie: „Manchmal habe ich eine richtige Wut auf diesen miesen Leib, der so unendlich viele Schmerzmöglichkeiten bietet."

(weiter)

 

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