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Silke Andrea Schuemmer
"Die Vormundschaft des Todes"
In einer abgedunkelten, engen Bauernstube steht eine Schublade
auf dem Boden. Heiligenbilder sind an die Wand geklebt, an einem Nagel
hängt eine Hose. Es ist zugig und kalt. Die Tür ist mit einer
alten Decke verhangen. Eine verhärmte Frau strickt und betet, flüstert
ab und zu Koseworte wie Zartele" oder Wehkrügerl".
In der Schublade liegt ein durchdringend schreiender Säugling,
dick verbunden mit salbenverschmierten Tuchfetzen. Es ist das neunte
Kind der Bergarbeiterfamilie Thonhauser, eine Tochter. Und der eitrige
Ausschlag über Gesicht, Brust und Rücken, die Arme-Leute-Krankheit
Skrofeln, hat sie fast erblinden lassen. Die Narben, die zurückbleiben,
werden sie ein Leben lang entstellen. Ihr Weg scheint vorgezeichnet:
Zwei Geschwister sind bereits gestorben, es ist nie genug Essen im Haus
und eine Krankheit folgt der nächsten. Doch das Mädchen überlebt.
Ihrer Herkunft und der Vormundschaft des Todes" zum Trotz
wird sie eine der bedeutendsten österreichischen Lyrikerinnen der
Nachkriegszeit: Christine Lavant.
Bis dahin ist es ein weiter Weg. Am 4. Juli 1915 in St. Stefan geboren
werden noch 34 Jahre bis zu ihrem ersten Gedichtband Die unvollendete
Liebe" vergehen, eine Zeit, die weitestgehend mit Leiden ausgefüllt
ist. Eine fast chronische Lungenentzündung und später Lungentuberkulose,
Skrofulose, Atemnot und Eiterungen, periodische Fieberschübe und
Schmerzdelirien, dann mit fünfzehn eine übersehene Mittelohrentzündung,
auf Grund derer sie fast ertaubt, schließlich eine schwere, endogene
Depression. Schilddrüsenüberfunktion, Asthma, Magen-Darm-Leiden,
über Monate gehende Schlaflosigkeit, Krampfhusten, Kopfschmerzen,
eine Wirbelverkrümmung, durch die sie nicht lange liegen kann,
und stundenlang andauerndes ekstatisches Zittern malträtieren und
verbrauchen sie. 1963 schreibt sie an einen Freund: Ich bin biologisch
nicht 48, sondern 68 Jahre alt (...). Alle diese Dinge bedeuten nicht
raschen Tod, sondern ein langes Siechtum. Schon jetzt bin ich nirgends
ohne körperliche und seelische Beschwerden."
Ihr Körper verweigert ihr ein normales Frauenleben, was im patriarchalisch
ländlichen Verständnis Mutterschaft bedeutet hätte. Allein
das ist Pflicht und Frauenschicksal. Wer es nicht erfüllt, hat
keine Anerkennung zu erwarten. Von ihrer Mutter, die in den Gedichten
ein dominantes Motiv und stets mit dem Thema Tod verbunden ist, lernt
Christine Lavant, was dieses Schicksal bedeutet: Mutterschaft um jeden
Preis, auch wenn die eigene Gesundheit dabei zerstört wird. Häufige
Schwangerschaftsmotive im Werk weisen darauf hin, wie sehr Christine
Lavant diese Anschauung verinnerlicht hat. Daß sie ausgerechnet
diesem Anspruch nicht nachkommen kann, stellt die Weichen für ihr
Leben als Außenseiterin. Der Wunsch, ihr verstümmeltes
Leben" mit Kunst zu sublimieren, kämpft gegen den Willen,
durch diese Kunst etwas von der Schuld abzubüßen, die sie
durch diesen Weg auf sich geladen zu haben glaubte. Schreiben als Katharsis.
Der oft zitierte Ausspruch Christine Lavants vom Abtragen der Schuld,
der von der Sekundärliteratur entweder religiös im katholischen
Sinn oder allgemein dahingehend gedeutet wird, daß sie ihr Frauenschicksal
nicht erfüllte, kann durchaus ganz konkret als ein Abtragen des
Martyriums der aufopfernden Mutter gesehen werden, deren Liebe sie keiner
folgenden Generation weitergibt. Warum Christine Lavant keine Kinder
hatte, darüber schweigt ihr Arzt. Womöglich war ihre Gesamtkonstitution
einfach zu schwach, oder es ist so, wie sie es selbst in einem Gedicht
formuliert: Meiner hat mich nie angerührt./ Vielleicht weil
die Schwermut wie Aussatz ist,/auch Engelleiber befleckend."
Ihr Leiden, das neben körperlichen Zumutungen auch in ihrer isolierten
Situation im Dorf und einem schwierigen Charakter bestand, ist ihre
ganz persönliche Erbschuld. Das Leiden wird ihr Lebensinhalt, es
wird Thema und Motivation ihrer Kunst. Aber: es wird auch Maske und
Inszenierung. Diese Ambiguität macht sie zu einer faszinierenden
Persönlichkeit.
Bis in die achtziger Jahre hinein sah man in Christine Lavant ein naives
Kräuterweiberl", eine dichtende Bauersfrau aus Kärnten,
die ihr Schicksal nahezu eins zu eins in religiöse Gedichte übersetzte.
Dieses Bild ist heute nicht mehr haltbar. Fakt ist: ihre Biographie
liest sich wie eine einzige große, von einem ungerechten Gott
auferlegte Strafe, und oft hat es Christine Lavant auch genauso empfunden
und beschrieben.
Die Hauptschule, in der sie von Schülern und Lehrern verspottet
wurde, mußte sie abbrechen, weil sie den langen Schulweg nicht
bewältigen konnte. 1933 wird sie zum ersten Mal in die Nervenheilanstalt
in Klagenfurt eingewiesen. Laut ihres Neffen auf eigenen Wunsch, um
die Zustände der Geistesgestörten kennenzulernen und um sich
zu versichern, daß sie selbst nicht krank war. Ihr Arzt Dr. Otto
Scrinzi, für den sie schwärmte und dem sie eine Reihe Gedichte
widmete, sah die Einweisung als Folge eines Selbstmordversuches (dem
zweiten), der darin begründet liegen könnte, daß ein
heimischer Verlag nach längerem Zögern ein erstes Manuskript
abgelehnt hatte. Nach mehreren Wochen wurde sie nach Hause geschickt,
in der Tasche die unterschiedlichsten Medikamente, von denen sie seitdem
abhängig war. Ich weiß, daß diese Einnahme des
Giftes eine schwere Sünde ist" schreibt die Lavant 1956 an
Ludwig von Ficker. Die Kombination von Schlaf- und Aufputschmitteln,
Zigaretten und Alkohol schärften ihr Wahrnehmungsvermögen
so, daß sie nicht mehr darauf verzichten wollte. Ihre Existenz
als Bastard, von Drogen großgezogen", führte dazu,
daß sie Tage und Nächte verdämmerte. Die Drogen bedrohten
ihre Visionen und verwirrten zusehends ihre Handschrift.
Welche Erfahrungen die Autorin während des Nationalsozialismus
machte, ist nicht bekannt. In der unveröffentlichten Erzählung
Hannah", die 1945 spielt, wird nur deutlich, daß die
Lavant das zeitgeschichtliche Geschehen wahrgenommen hat, nicht aber,
welche Position sie selbst vertrat. Ihrer Freundin Ingeborg Teuffenbach
sagte sie einmal, Hitler sei eines der großen Unglücke seit
Bestehen der Welt gewesen.
Erst als Christine Lavant achtzehn war, wurden ihr zum ersten Mal die
Wundverbände abgenommen. Narben an Armen, Schultern, Brustansatz
und Gesicht entstellten sie für immer. Und auch wenn sie einmal
schrieb Was hat mein Aussehen mit meinen Gedichten zu tun?",
so fühlte sie doch jeden Tag, daß es neben der Armut und
ihrer körperlichen Schwäche ein weiterer Grund war, im Dorf
gemieden und verachtet zu werden. Dabei war Christine Lavant eine leidenschaftliche
Frau, deren hervorstechendste Eigenschaft in der Liebe wie in der Verzweiflung
die Maßlosigkeit war. Wo ich liebe (...), bin ich an jeder
Stelle meines Wesens angerührt. Der, dessen innerstes Angesicht
in mir ist, ist mein Brot mein Schlaf mein Tagwerk, mein Lächeln
und meine Trauer." Und an anderer Stelle: Manchmal, wenn
ich eine starke (...) Männerhand auf einer Mädelschulter seh,
muß ich die Hände über die Augen pressen, das ist eine
große Not." Vielleicht war es Sehnsucht, vielleicht wirklich
Mitleid, wie sie selbst behauptete, die sie dazu brachte 1939 den um
30 Jahre älteren erfolglosen und geschiedenen Heimatmaler Josef
Habernig zu heiraten. Ein Jahr zuvor war die angebetete Mutter gestorben,
und Christines Schwester Peppi drängte sie zu einem zweiten Psychiatrieaufenthalt,
um die Ehe mit Habernig zu verhindern. Christine wird von der Zeit in
der Klinik ein lebenslanges Trauma zurückbehalten. Der Plan mißlang:
Die Ehe wurde geschlossen. Das Gerücht von einem zweiten, jüngeren
Bewerber neben Habernig ist bis heute nicht belegt. Das Dorf nahm ihre
Heirat übel: Kaum lebensfähig und damit unnütz, weil
der, der nicht arbeiten kann, auch kein Recht auf Essen und Gemeinschaft
hat, war sie offensichtlich doch vital genug, um die Todsünde,
einen geschiedenen Mann zu heiraten, zu begehen. Was immer sich Christine
Lavant von dieser Verbindung versprochen hatte: es ging nicht auf. Die
Ehe wurde ein Fiasko. Eingepfercht in einem winzigen Raum blieb kein
Platz für Privatsphäre. Sie mußte den Unterhalt für
beide durch Stricken verdienen und nannte ihren Mann schließlich
in einem Brief an Hilde Domin nur noch der Mensch, der im selben
Raum lebt." Ein Gutes hatte das nächtelange Stricken: Christine
Lavant las währenddessen, erst Schundliteratur, dann Rilke, der
ihr die Tür zur Lyrik aufstieß: Ich hab sofort gewußt,
daß es das ist, was ich will und soll." Im Laufe ihres Lebens
sollte sie neben christlicher, mystischer und anthroposophischer Literatur,
naturwissenchaftlichen Büchern, Theosophie und Psychologie auch
Werke der Weltliteratur wie Dostojewski und Hölderlin lesen und
all das auf eine ganz eigene, unintellektuelle Art verarbeiten. Aus
ihrer Beschäftigung mit Rilke resultierte 1949 der erste Gedichtband
Die unvollendete Liebe", von dem sie später sagte Ich
kann den Schund halt nimmer anschauen!", zu epigonal erschienen
ihr die eigenen Gedichte, von denen auch ein Kritiker meinte: Rilke,
zehnter Aufguß."
daß ich mein Herz, die brennende Pfefferschote,
aufreiße und zwischen den Fingern zerreibe
Nach dem ästhetischen Initialschock durch Rilke kommt der emotionale
hinzu: Christine Lavant verliebt sich und wird wiedergeliebt. Mit dem
verheirateten Maler Berg verbindet sie eine kurze, heftige Leidenschaft,
die in ihr keinerlei Schuldgefühle auslöst. Von ihrer Hingabe
angetrieben schreibt sie zwanzig bis dreißig Gedichte pro Tag,
der extatischen Schreibphase folgt ein Zusammenbruch. Die Beziehung
zu Werner Berg ist das zentrale Erlebnis ihres Lebens. Und daraus resultiert
1956 ihr Gedichtband Die Bettlerschale", für den sie
den Lyrik-Preis der Neuen Deutschen Hefte erhielt. Es bleibt nicht ihre
einzige Auszeichnung: Bereits 1954 war ihr auf Intervention ihres Förderers
Ludwig von Ficker gemeinsam mit anderen der Trakl-Preis verliehen worden.
Es folgten 1961 der Staatliche Förderungspreis für Lyrik,
1964 der Trakl-Preis und der Anton Wildgans Preis und 1970 der große
österreichische Staatspreis für Literatur. Durch diese Auszeichnungen
wurde ihre Stellung im Dorf etwas besser, wenn sie auch immer eine Außenseiterin
blieb.
Ihre eigentliche Schaffenszeit dauerte nur fünf Jahre: von 1945
bis 1950. Das Werk, das in dieser Zeit entstand, ist beeindruckend:
Katalogisiert sind bisher 562 publizierte und 692 unpublizierte Gedichte
(nicht eingerechnet die Vorstufen der veröffentlichten Lyrik) und
634 Seiten Prosa. Das Frühwerk hatte sie verbrannt. Erschienen
sind 1959 Spindel im Mond", 1960 Sonnenvogel",
1962 Der Pfauenschrei" und 1967 Hälfte des Herzens".
Der Unterschied zwischen Früh- und Spätwerk liegt bei Lavant
lediglich in der Dominanz von Motiven, Motivgruppen und poetischen Verfahrensweisen.
Statt neuer Themen werden die alten Konflikte Mensch-Gott, Mensch-Natur,
Mensch-Mensch variiert. Die süßlichen Verse der Unvollendeten
Liebe führen über unendliche Variationen letztendlich zu den
dunklen Chiffren der späten Gedichte, von denen noch die Rede sein
wird. Doch bereits zu den Gedichten aus Spindel im Mond"
hatte die Lyrikerin keine enge Beziehung mehr, da sie in den erwähnten
produktiven fünf Jahren geschrieben worden waren.
du bist mir das Auferstehn schuldig"
Die Gedichte Christine Lavants haben ein vorherrschendes Thema: Gott.
Ein Drittel ihrer Texte sind in christlichen Medien erschienen, und
ihr Rezensent Adler hielt sie für eine fromme naive Naturdichterin."
Sie deshalb als religiöse Lyrikerin im eigentlichen Sinne zu beschreiben,
wäre aber falsch, auch wenn das lange Zeit gängige Forschungsmeinung
war. In ihren Lästergebeten", wie Ludwig von Ficker
es einmal formulierte, wirft sie Gott seine mißlungene Schöpfung
vor. Es ist eine persönliche Abrechnung zwischen ihr und einem
Gott, der Gesetze geschaffen hat, die ihr Körper nicht einlösen
kann. Sie greift nicht Institution und Lehren an und beschäftigt
sich auch nicht mit spezifisch katholischen Glaubensinhalten wie der
unbefleckten Empfängnis oder der Realpräsens Christi in der
Eucharistie, sondern sucht nach Antwort und Gnade in einer Privatmythologie,
die gleichzeitig aus christlichen wie heidnischen Symbolen besteht.
Engel, Jungfrau Maria und der alles überthronende Gottvater des
alten Testaments werden angefleht im Kampf gegen Dämonen und Zauber.
Eine explizite Zuordnung in Gut und Böse gibt es dabei nicht. Christine
Lavant kokettiert mit der Verdammnis, vertraut einmal auf himmlische
Heerscharen und dann wieder auf Spindelzauber und Mondkraft. Jordan
bemerkt treffend: Lavants Gedichte erinnern mich (...) an norwegische
Stabkirchen mit Drachenköpfen nach außen und christlichen
Symbolen im Inneren." Doch gleich, wem sie sich ausliefert, die
Gnade, um die sie bettelt, die sie einfordert, um die sie feilscht,
erlangt sie nie. Die Demut, die sie wie einen Waffenschild vor sich
her trägt, reicht nicht. Mitunter fleht sie dann Gott um noch größere
Leiden an, um würdig für die Erlösung zu werden, oder
sie wehrt sich mit offener Aggression gegen die göttliche Ungerechtigkeit,
ausgerechnet ihr die Erlösung zu versagen. So finden sich in fast
jedem ihrer Gedichte schockierende Wendungen und eine deutliche Vorliebe
für Grausiges und Abgründiges, das wenig mit den entrückt
lächelnden Madonnen alter Fresken gemeinsam hat. Gottvater mutiert
zum Werwolf, zum Schlächter und Folterknecht. Der Wolfsberger Stadtpfarrkaplan
Johann Pettauer kritisierte so auch einmal: Ich mußte ihr
doch, was ja die Wahrheit ist, sagen, daß sie eine aggressive,
gottlose Person sei, welche sich seines Namens nur als Vorwand bediene."
Obwohl also die Dichtung Christine Lavants nichts gemeinsam hat mit
den Gebeten altjüngferlicher Damen, wurde sie von der literarischen
Avantgarde doch allein auf Grund ihrer religiösen Thematik und
ihrer emphatischen Erlösungshoffnung als epigonal und ärgerlich
empfunden. Gottfried Benn schreibt in seinem dogmatischen Essay Probleme
der Lyrik" 1951: Der seraphische Ton ist keine Überwindung
des Irdischen, sondern eine Flucht vor dem Irdischen. Der große
Dichter aber ist ein Realist (...) - er belädt sich mit Wirklichkeiten,
er ist sehr irdisch (...). Er wird das Esoterische und Seraphische ungeheuer
vorsichtig auf harte realistische Unterlagen verteilen." Dabei
hatte die christliche Literatur nach dem ersten Weltkrieg zunehmend
an Einfluß gewonnen. In der Zeitschrift Der Brenner",
herausgegeben von Ludwig von Ficker, wandte sich diese Literatur gegen
die Hohlheit der bürgerlich-ästhetisierenden Kultur"
und die pervertierte und von Gott abgefallene Welt" und bildete
zu dieser Zeit eine durchaus provokative Kraft im politisch-gesellschaftlichen
und kulturellen Kontext, so daß Gottfried Benn 1950 beklagte:
Eine neue große Welle von Frömmigkeit geht über
den Erdteil". Christine Lavant schlägt aber durchaus eine
Brücke zwischen den beiden vorherrschenden literarischen Positionen
Religion und Nihilismus: Auf der einen Seite steht sie in der Tradition
des lyrischen Hermetismus der 50er Jahre, und andererseits verbindet
sie mit der literarischen Avantgarde ihre Ästhetik des Schocks,
der Grausamkeit und der (Auto)Destruktion. Ähnliches findet sich
in der modernen bildenden Kunst oder z.B. in der Literatur Elfriede
Jelineks oder Jandls. Den gegenwärtigen Zustand religiöser
Indifferenz des europäischen Menschen, den unsere Gesellschaft
mit ihrer positivistisch-fortschrittlichen Geisteshaltung (...) selbstbewußt
als eine Phase der Suche nach neuen Werten und Sinnvorstellungen (...)
ansieht, den empfand Christine Lavant passiv als religiöses und
seelisches Chaos, exemplarisch für die existentielle Krise der
Gesellschaft im 20. Jahrhundert." So gesehen ist Christine Lavant
also durchaus ein Kind ihrer Zeit. Einzigartig dürfte allerdings
sein, daß Christine Lavants Gott, zu dem sie ein fast körperliches
Verhältnis hat, immer auch als Mann zu lesen ist, der sie anzieht
und verstößt, erhöht und wieder erniedrigt. So heißt
es in einem Vers: Er sprach zu mir: Ich begehre dein Fleisch!/
Er sprach zu mir: Ich begehre dein Blut!/ und tauchte die Knöchel
tief hinein in mein Glück/ und kniete sich tief in mein Leiden."
bettelnd beim Gehöft der Leiden"
Auf der einen Seite nimmt sie ihr Martyrium als gegebenen Weg zu Gott
an, auf der anderen trägt ihr Leiden die Züge von masochistischer
Ekstase. Man denkt an schmerzhafte Verzückung der Stigmatisierten,
an mystische Versunkenheit, romantische Entflammung." Denn neben
rein konstatierenden Beschreibungen ihres Elends, die sich aus ihrer
Biographie erklären lassen: meine Augen verbrennen",
vor Hungerzeiten bebt das Hirn" oder denn mein Atem
ist auch fieberheiß", finden sich immer wieder Textstellen,
in denen sie geradezu um weitere Leiden fleht: Ganz erblinden
will ich, lieber Herr", Am Morgen sollst du auf meine Zunge
immer glühende Kohlen legen", Wirf mir die Schlinge
über!/ Du darfst sie aus neunfachem Leiden drehen" oder Heb
deine Hand und schlage mich nieder" die Beispiele sind endlos.
Zwei Erklärungen liegen nahe. Zum einen könnte sie in dieser
Form der Hingabe die einzige Möglichkeit sehen, angenommen zu werden
(So formuliert sie es im folgenden Vers: Tritt mich nieder, trotzdem
(...)/ kann ich Todgetränkte und Verhöhnte/ noch im Fußtritt
Menschennähe schätzen.") oder aber sie erniedrigt sich
und stellt sich in ihrem Leiden dar, um sich als Märtyrerin zu
stilisieren. Kerstin Hensel, eine der einfühlsamsten Lavant-Interpretinnen,
faßt zusammen: Das wirkliche Leiden sublimiert sich zur
Maske, es wird angenehm, weil in der Rezeption erfolgreich. Jede große
Dichtung ist auch Koketterie mit der Misere. Christine Lavant bildet
da keine Ausnahme. Nönnische Duldnerin, schlichte Kärntner
Bäuerin, die Kräuterfrau vom Lande: das war ihr Image! (...)
Sie war realistischer, ironischer, als sie sich öffentlich gab.
Ihre Briefe belegen das."
Der Vollständigkeit halber sei aber auch erwähnt, daß
es natürlich auch Textstellen gibt, in denen sich Christine Lavant
gegen ihr Leiden ausspricht: Ich kann das nicht leben, was du
mir zeigst,/ ich kann nicht, auf Steinen gekreuzigt,/ einen Rosenbaum
tragen." Und in einem Brief schreibt sie: Manchmal habe ich
eine richtige Wut auf diesen miesen Leib, der so unendlich viele Schmerzmöglichkeiten
bietet."
(weiter)
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