Nr. 33, Februar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 



Torontos "Dunkle Seiten": Produktion. Prostitution. Armut. Autorität.

(2. Teil)

Früher war es möglich, bei der sogenannten Toronto Public Complaints Commision eine ordnungsgemäße Beschwerde gegen die Gewalttaten der Polizei einzureichen. Die einst machtvolle öffentliche Kommission wurde aufgelöst, um dem auf den Hund gekommenen Image der Behörden ein klein bißchen nach oben zu helfen. Denn so viele Anklagen von seiten der Bevölkerung dünkten unanständig. Und die Tatsache, daß sie auch wirklich ernstgenommen wurden, konnte die zu tatkräftigen oder lukrativen Uniformleute kaum erfreuen. Viel lieber sind den Polizisten verständlicherweise "interne Maßnahmen", bei denen sie beträchtlich billiger davonkommen, wenn überhaupt disziplinäre Schritte gegen sie eingeleitet werden, was selten der Fall ist. In den wenigen erwiesenen Polizeiverbrechen, die zu einer gerichtlichen Ermittlung führten, wurde die Angelegenheit gerne durch eine stillschweigende Abfindung zwischen Täter und Opfer beigelegt, soweit eine Überführung drohte. Es kam auch vor, daß der Kläger schließlich irgendwo im traurigen Labyrinth der Gerechtigkeit spurlos verschwand, worüber man sich gar nicht erst lange den Kopf zerbrach, denn letzten Endes wurde das Gewissen der wackeren Ordnungshüter dadurch reiner, daß man den Fall dann zur allgemeinen Erleichterung einfach begraben konnte.

Ein Ende 1999 auf der HW 404 von der OPP Ontario Provincial Police gestoppter Offizier fuhr zum Beispiel in aller Gelassenheit gerade einmal in seinem Wagen beschlagnahmte Drogen nach Hause. Die Eigenwohnung eines Polizisten: Das ist nicht der richtige Ort zum Aufbewahren polizeilicher Beute. Darüber war man sich wenigstens prinzipiell einig. Doch irgendwie dünkt es in Toronto nicht anständig, dem strengen Uniformvolk zu genau auf den Zahn zu fühlen. Das will jetzt nicht gleich heissen, daß alle Polizisten korrupt sind. Nur, das Fragezeichen steht da.

Mitte Januar 2000 durften die Torontoer im Fernsehen bewundern, wie ihre Polizei mit mutmaßlichen Verbrechern umgeht. Zehn Offiziere schlugen wie besessen auf das zu Boden gefallene Opfer ihrer Willkür los, weil sie keine Ahnung davon hatten, daß sie aus dem Hubschrauber der City-Tv gefilmt wurden. Halb so schlimm, war sowieso kein guter Mensch, hieß dann die verblüffende Ausrede.

Manchmal aber überrennen Polizisten auch gute Menschen, weil diese den schlechten etwa ähneln, oder weil die Uniformleute wegen der dürftigen Sichtbarkeit eben gelegentlich Fehler begehen. Wenn sie auch dann gleich anfangen, die Festgenommenen erst einmal prinzipiell zu verhauen, muß man sich wirklich ernsthafte Sorgen machen. Der Wilde Westen scheint dann mitsamt seiner unkomplizierten Cowboy-Philosophie gar nicht so weit entfernt zu sein.

Und wenn die Polizei mehr als ein Mal während einer Autojagd aus Versehen einfach unschuldige Menschen überfährt, liegt es auf der Hand, daß der menschliche Faktor kaum mit der gebührenden Verantwortung bedacht wird. Zwar ist es wichtig, nach einer glorreichen Verfolgung die "bad guys" zu schnappen. Noch wichtiger ist es jedoch, keine Menschen umzubringen, so innerlich erregend die Jagd auch immer sein mag.

Um die Jahrtausendwende herum wurde im kanadischen Fernsehen die Raumodyssee 2001 gesendet. Computer und Menschen mußten in diesem Spielfilm gemeinsam eine Mission zu Ende führen. Da aber der Computer dachte", daß der menschliche Faktor die Mission gefährden könnte, entschloß er sich dazu, die Besatzung auszuschalten, und brachte sie kurzerhand um. Vielleicht hat man daraus etwas zu lernen: Nichts ist wichtiger als ein Leben - Das darf keine leere Phrase werden. Im Wörterbuch steht Menschenrecht vor Mission. Polizei und Rechtschaffenheit sollten da nicht so weit auseinanderfallen.

Wie dem auch sei: Mission ist Mission, meinen sture Festungskommandanten, und werden leider gar zu leicht selber zu Verbrechern. Polizisten mit Gangstern zu verwechseln, ist nicht gut. Doch manchmal fallen die Bilder der gewalttätigen Protagonisten der Unterwelt und diejenigen der tüchtigen Ordnungshüter einer sich anständig dünkenden Oberwelt in den Augen der Öffentlichkeit ineinander. Nachrichten darüber ereilen uns nicht nur aus Kanada. In Los Angeles zum Beispiel platzte dieses Jahr ein Polizeiskandal, der sich ebenfalls um die hartgesottenen Jungs drehten, die in ihrer Kindheit zu viele Filme mit Chuck Norris als tollem Sheriff gesehen haben und dies dann langjährig als inbrünstige Vertreter der staatlichen Gewalt unter Beweis stellen wollten. Doch im Unterschied zu Chuck Norris hauen die Polizisten leider gar zu oft auf Wehrlose los, vor allem weil man dann den Triumpf einer perversen Macht ohne jedwelche Gefahr genießen kann. Allerdings wird jetzt in Los Angeles endlich in bezug auf die Verbrechen der Polizei ermittelt. Man wundert sich, daß es so weit kommen konnte. Man wundert sich, daß die Grenzen der Legalität gerade von seiten der Gesetzhüter so ungeniert und so weit überschritten werden. Man wundert sich, und man ist sprachlos. Und dann wundert man sich wieder: Wie kommt einer dazu, die Gesetze im Sack zu haben? Wie kommt es, daß Polizeiverbrechen, von denen so viele wußten, erst so spät an die Öffentlichkeit gelangten? Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, dies dünkt schon einleuchtend. Auf der anderen Seite jedoch sollte irgendwie hinter den demokratisch anmutenden Paragraphen der nordamerikanischen Gesetzgebung ein echter und ehrlicher Wille vorliegen, dem schönen Buchstaben der Gerichtshöfe möglichst viel Wirklichkeit zu verleihen, selbst wenn die Wahrheit gegen die Untat-kräftigen Constabler spricht.

Der Drang der Behörden, Beweise zu "produzieren", wenn keine vorliegen, hat nicht selten zu Fehlurteilen geführt. Doch man hat sich daran gewöhnt und schiebt die Schuld gerne auf das "System".

Die Familie eines von der Polizei während Silvester 2000 in Toronto ermordeten Mannes wollte sich nicht damit zufriedengeben, daß die wenig überzeugende sogenannte Special Investigation Unit (SIU) die Ermittlungen schnell wieder einstellte, die zur Klärung der Umstände führen sollte, unter denen der unbewaffnete Mann erschossen wurde. Für Unbetroffene mag dieser Mord freilich abstrakt klingen.

Hinter dem System stehen eigentlich Menschen. Sie haben ein paar wenige Grundrechte: mit oder ohne Uniform. Ob und inwiefern sich diese Grundrechte durchsetzen, wenn einer mal gerade keine Uniform anhat, ist eine Frage, die sich schon immer mehr Leute stellen, die das "System" nicht als Ausrede für illegale Ausschreitungen der Behörden gelten lassen. Wenn Torontos "Dunkle Seiten" die Öffentlichkeit so sehr beschäftigen würden wie die gelben oder gar die blauen, könnten die boomenden Leitbegriffe Produktion, Prostitution, Armut und Autorität vielleicht in ein menschlich anmutendes Spannungsfeld der widerspruchsreichen Soziosphäre am Ontario See aufgelockert werden.



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