Nr. 33, Februar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Vasile V. Poenaru

Torontos "Dunkle Seiten": Produktion. Prostitution. Armut. Autorität.

Mitte 2000 haben vier Polizisten in Toronto ihre Wut an einem Mann ausgelassen, den sie aufgrund einer Beschwerde aus einem kleinen Geschäft entfernt hatten. Sie verprügelten ihn regelrecht mit Fausthieben, Fußtritten und Knüppeschlägen. Erst als sich ihr Opfer nicht mehr regte, hörten sie auf und verließen die Szene des Mordes, ohne sich weiter um den Menschen zu kümmern, den sie in ihrer minutenlangen Aufregung umbrachten.

In den ersten sieben Monaten dieses Jahres starben in Toronto 22 Menschen auf der Straße: dort, wo sie gelebt hatten. An die 30.000 "echte" Obdachlose werden in der Stadt verzeichnet. Davon sind die "unechten" Obdachlosen zu unterscheiden, die zwar dann und wann einmal gelegentlich die Schar der Homeless People mehren, aber gewöhnlich doch noch irgendeinen Unterschlupf finden. Mehr als 100,000 stellen sich jeden Monat an, um wenigstens den allerdringendsten Lebensmittelbedarf für ein paar wenige Tage zu sichern. Hunger ist an den Straßenecken der reichen kanadischen Metropole keine Randerscheinung. Vom Aktienboom spürt man hier wenig. Und die Händedrücke strahlender Politiker würden unter Umständen sogar vollkommen fehl am Platz sein: Im Schatten des Fortschritts ist man nicht optimistisch.

300.000 Haushalte können die in die Höhe sausenden Mieten gerade noch aufbringen. Gemessen an der Einwohnerzahl gibt es in Toronto bereits mehr "Vogelfreie" als in New York. Die Tendenz geht nach oben. Immer dichter wird das Gedränge am Tellerrand.

Im Juli kam es zu erstaunlich gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der konservativen Provinzregierung in Ontario und sozialen Aktivisten. 30 Demonstranten wurden strafrechtlich verfolgt, darunter John Clarke, Leader der Ontario Coalition Against Poverty.

We are a society connected by escalators, meint eine Reklame des imponierenden Eaton Centre. Rasende Aufzüge machtsüchtiger Wirtschaftlichkeit schießen nach oben. Die Wolkenkratzer reichen bis zum Himmel. Sie reichen freilich auch bis in die Hölle, aber das steht auf keiner Reklame. Wohnen. Hausen. Sich aufhalten. Der Unterschied wird jeden Tag tausend Mal gemacht. Auf Anhieb ist er nicht unbedingt ersichtlich. "Nice Basement" heißt oft ein dumpfes Loch, das dürftig gezimmert und dann an Aussichtslose vermietet wird.

Haus in Toronto. Hochhaus in Toronto. Schauspielhaus, Familenhaus, Kaufhaus. Puff in Toronto: Prostitution ist in Kanada illegal. Freilich besteht auch in diesem Wirtschafssektor vor allem in den Großstädten ein überaus reichhaltiges Angebot. Die Behörden sprechen von Sex-Sklaverei, die Insider von Sex-Gewerbe. Beides stimmt. Die von der Polizei "geretteten" Damen werden manchmal für ein ganzes Jahr inhaftiert, wenn sie sich mit dem Sklavinnen-Gewerbe abgeben, ohne richtige Papiere vorweisen zu können. Aus ihrer Sicht beginnt erst dann die eigentliche Sklaverei. Hilfe wird das offiziell genannt. Hinter den terminologischen Unterschieden stecken oft erschütternde Dramen, die selten zur Sprache kommen. Die dürftigen Umstände vermeintlich wohlwollend dargebotener Haft, das endlose Weinen halbwegs offiziell nach Kanada eingeschmuggelter Mädchen, die der boomenden Unterhaltungswelt zugute kommen sollen, die gleichsam quietschenden Schreie nicht immer hundertprozentig menschlicher Wächter und die unheimliche Ausweglosigkeit feindlicher Korridore behaupten wenig Raum innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung trauriger Frauen-Körper-Industrie. Hinter starrer Bürokratie vermeintlicher Bedenkung der menschlichen Würde stecken unabdingbare Rechnungen, die gerne übersehen werden: Schulden, die zu begleichen sind. Hoffnungen, die zu begraben sind. Viele zucken mittlerweile erschrocken zusammen, wenn sie hören, es soll ihnen geholfen werden. Die Bedeutungen mancher Begriffe mutieren mit perverser Scheinheiligkeit. Das Haus mit Gitterfenstern heißt zum Beispiel am liebsten nicht Gefängnis, sondern Anstalt. Die Lösung der sinnlich verkörperten Gleichung ist wieder einmal das vielrespektierte Geld. Am Ende des Tunnels lockt die Perspektive erneuter Verschuldungen. Nicht gefangen, sondern gerettet warten die erwischten Sklavinnen darauf, von irgenwo her genug Geld aufzutreiben, um der staatlichen Fürsorge zu entkommen und zurück zu dürfen in die Freiheit, ihre Sklaverei. Schnell führt der Weg wieder in den Knast. Denn Ordnung muss sein.

Viele Skandale haben Torontoer Offiziere im Mittelpunkt. Polizisten sollten ehrliche Leute sein. Wenn sie Durchsuchungen vorhaben, sollten sie sich um eine Genehmigung des Staatsanwalts bemühen. Und selbst dann sollten sie am besten von den Verhafteten nichts auf eigene Faust entwenden: weder Geld noch Schmuck. Sie sollten die Leute nicht schlagen, die sie in Gewahrsam nehmen, und sie sollten die Leute auch nicht umbringen. Schmiergeld sollte keine Alternative zu Strafgeld sein. Individuen, die sich zusammentun, um ihre menschliche Würde zu behaupten, müssen nicht unbedingt gleich niedergemetzelt werden. Gerechtigkeit ist ein schönes Wort, solange es nicht zu sehr gewendet wird. Sonst geht es nämlich rasch in Willkür über. Man sollte einen guten Grund haben, der Polizei zu vertrauen.

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