Nr. 32, Januar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hetschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Andreas Odenwald

Nachruf auf Jimmie Davis
der zweimal Gouverneur des US-Bundestaates Louisiana war, den Welthit „You Are My Sunshine" schrieb und Ende des vergangenen Jahres im Alter von 101 Jahren starb

(2. Teil)

Die zwei Boxen (Titel: „Nobodys Darlin' But Mine" und „You Are My Sunshine") mit je fünf CDs umfassen den Zeitraum von 1928 bis 1946. Das war die ungemein fruchtbare Phase, als an allen Ecken und Enden von „God's own country" kleine musikalische Revolutionen zündelten, deren Botschaften mittels Radio und Schellackplatten von Küste zu Küste getragen wurden. Gleichsam im Vorgriff auf den großen Rock'n'Roll-Urknall, der noch kommen sollte, vibrierte das Land. Die Gesänge der Eisenbahner, Baumwollpflücker und Hobos, die unglaublichen Geschichten, die weiße und schwarze Troubadoure ihrem Publikum auftischten, schwermütige Balladen und ausgelassene Kneipenfolklore , der Sound von Fiedeln und Steel-Gitarren - aus diesem Fundus bediente sich und braute sein eigenes Gemisch, wer mit Musik sein Geld verdienen wollte. So auch Jimmie Davis, dessen frühe RCA/Victor- Aufnahmen für die damalige Zeit provozierend „schwarz" klangen und mit erotischen Anzüglichkeiten durchsetzt waren. Sogar mit farbigen Bluesgitarristen arbeitete er, was vor ihm noch kein weißer Artist gewagt hatte.

Geboren wurde er im September 1899: in einem Dorf im nordöstlichen Louisiana. Der Vater hatte den Ehrgeiz, seinen Kindern eine bessere Erziehung zu ermöglichen, als er selbst sie genossen hatte. Jimmie war der erste Junge der Region, der eine Oberschule besuchte. Auf dem College studierte er Erziehungswissenschaften. Das nötige Geld verdiente er sich als Tellerwäscher und Straßenmusiker. Nach erfolgreichem Abschluß arbeitete er als Lehrer, Sporttrainer, kurzfristig als Dozent für Englisch, Geschichte und Psychologie an der Universität, nebenbei als Moderator und Sänger bei der Rundfunkstation KWKH. Ende der 20er Jahre ging er für acht Jahre als staatlicher Angestellter ans Kriminalgericht von Shreveport und nahm in Memphis seine erste Platte auf: „Baby's Lullaby" und „Out Of Town Blues".

1938 bewarb sich Davis für das politische Amt des Öffentlichen Sicherheitsbeauftragten von Shreveport. Bis dahin hatte er versucht, wie er sich später gutgelaunt erinnerte, „ein anständiges Doppelleben" zu führen, nämlich seine beiden Erwerbszweige auseinanderzuhalten. Doch als Wahlredner war er nicht halb so gut wie als Sänger. Keine Hand rührte sich, während er sein Anliegen vortrug, und als die Zuhörer ihn ermunterten „Hol‘ lieber Deine Gitarre, Jimmie, und sing uns ein Lied", ließ er sich breitschlagen. Nach mehreren solcher Auftritte wurde er gewählt.

In seinen Wahlkampfschlachten um den Gouverneursposten 1944 und 1960 hat Davis, unterstützt von seiner Band, die Popularität als mittlerweile gefeierter Countrystar dann gnadenlos eingesetzt und seine republikanischen Gegner buchstäblich an die Wand gespielt und gesungen. Inzwischen hatte er, nunmehr bei Decca, seinen selbstkomponierten Millionenhit „You Are My Sunshine" gelandet , der ihm nicht nur donnernden Applaus - ob im Honky Tonk oder im Wahlkampfzelt -, sondern darüber hinaus einen warmen Tantiemenregen bescherte.

Der Ohrwurm ging um die Welt. Bis heute wurde er von fast 400 Interpreten aufgenommen - darunter Bing Crosby und eben Ray Charles, der aus der faustdicken Schnulze einen kochenden Soul-Blues machte. „You Are My Sunshine" , erklärte Lieblingsmelodie König Georg VI. von England, wurde zum ewigen Markenzeichen des „Singing Governor".

Zurückgezogen lebte der Mann, der in seiner ersten Amtszeit Elvis Presleys späterem Manager Tom Parker den Ehrentitel „Colonel" verliehen hatte, in den letzten Jahren als Witwer in Baton Rouge. Er komponierte noch gelegentlich, leitete seinen eigenen Musikverlag, genoss den Respekt hunderter Musiker, die mit ihm gearbeitet hatten, und den Ruhm, Louisiana nicht nur hervorragend geführt, sondern - in den 60er Jahren - vor dem drohenden Bankrott bewahrt zu haben.

Einmal habe ich ihn erlebt: 1989 auf dem Jazz-and-Heritage-Festival von New Orleans. Zwischen den Zelten und Festwiesen, wo wild gejazzt und gerockt wurde, stand er mit seiner Gitarre, außer Konkurrenz versteht sich, hinter einer Hühnchenbude und sang seine Klassiker. Ein etwas zerbrechlicher alter Herr, aber immer noch mit kräftiger Stimme und unglaublicher Ausstrahlung gesegnet. Fans aller Hautfarben streckten die Hände aus, um ihn zu berühren. Einige weinten vor Glück.

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