Nr. 32, Januar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile V. Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Andreas Odenwald

Nachruf auf Jimmie Davis
der zweimal Gouverneur des US-Bundestaates Louisiana war, den Welthit „You Are My Sunshine" schrieb und Ende des vergangenen Jahres im Alter von 101 Jahren starb

Der amerikanische Süden war noch gefährliches Pflaster für farbige Musiker, als der Pianist und Sänger Ray Charles 1964 mit seiner Band durch Louisiana reiste. Die Hotels, in denen die Künstler logierten, mussten sie durch den Hintereingang betreten. In den meisten Restaurants wurden sie nicht bedient. Die Atmosphäre war explosiv. Mit aller Macht stemmte sich das weiße Establishment gegen die bevorstehende Aufhebung der Rassenschranken. „Die Polizisten", erinnerte sich Charles später, „waren die schlimmsten. Ein falsches Wort und man wurde schikaniert oder landete im Gefängnis."

Die Besatzung des Streifenwagens, die den blinden Charles und seinen am Steuer sitzenden Saxofonisten auf einer Landstraße anhielt und kontrollierte, war offensichtlich auf Krawall aus. Die auffällige Brikettfrisur des Fahrers hatte ihren Hass noch angestachelt. Die beiden Musiker wurden als „Nigger" und „Gesindel" beschimpft, mussten sich an eine Hauswand stellen, wurden auf Waffen untersucht. Ihr Schicksal hing am seidenen Faden.

Da räusperte sich Ray Charles und wandte sich an den Streifenführer: „Officer, Sie sind dabei, Ihre Karriere zu ruinieren. Bevor Sie tun, was Sie später bereuen, sollten Sie Ihren Gouverneur anrufen. Von ihm stammt das Lied auf meiner letzten Platte, und ich werde es heute abend singen: ,You Are My Sunshine‘."

Verunsichert ließ sich der Beamte über Funktelefon mit dem Büro seines Dienstherren verbinden - und wurde gnadenlos zusammengestaucht. Ob sie wahnsinnig geworden seien, brüllte der Gouverneur in den Apparat, einem Ray Charles den ihm gebührenden Respekt zu verweigern. Nur mit einer formellen Entschuldigung und anschließender Ehreneskorte zum Gastspielort, so der oberste Politiker von Louisiana, könnten die Polizisten einem Disziplinarverfahren entgehen.

Der rettende Engel im Gouverneurspalast von Baton Rouge hieß Jimmie Davis. Zahllose Legenden von der Art wie „Brother Rays" Story ranken sich um den Namen dieses Mannes, eines Urgesteins, wie man es wohl nur in Amerika findet. Weit über die Grenzen Louisianas wurde er verehrt. Im Alter von hundertundeins ist er am 5. November friedlich gestorben. Als einen „Politiker und Künstler, auf den Amerika stolz sein kann", hat Präsident Bill Clinton ihn gewürdigt.

Schwer zu sagen, in welchem Lager Davis mehr Ansehen genoss: in Washington bei den Demokraten oder in Nashville/Tennessee, der Country & Western-Metropole. Was wog mehr in der Gunst des Publikums: zwei höchst erfolgreiche Legislaturperioden als Landesvater von Louisiana (1944 bis 1948 und 1960 bis 1964) oder Hillbilly Hits am Fließband, die Ehrenmitgliedschaft in der „Countrymusic Hall Of Fame" und fünf, sechs Pferdeopern, made in Hollywood?

Es dürfte die Kombination von beidem sein, die dem Bauernsohn, der mit zehn Geschwistern in einer Hütte mit nur zwei Zimmern aufwuchs, landesweite Achtung eingebracht hat. Übertroffen wird Davis' schillernde Doppelkarriere als Politiker und Entertainer nur noch von der Ronald Reagans, aber auch nur deshalb, weil der Gouverneur von Kalifornien schließlich im Weißen Haus landete. Als Schauspieler jedenfalls war Reagan nur Mittelklasse gewesen - der Musiker Jimmie Davis dagegen wird in einem Atemzug mit den legendären Heroen seiner Zunft genannt: Jimmie Rodgers, Hank Williams, Gene Autry.

Die längst fällige Aufarbeitung seines künstlerischen Werkes ist freilich nicht Nashville, sondern dem deutschen Unternehmen „Bear Family Records" zu danken, das sich um das Erbe der amerikanischen Musik schon häufig verdient gemacht hat. Es hat Jimmie Davis noch vor dessen Tod mit einer fulminanten, kenntnisreich, sorgfältig und liebevoll zusammengestellten Edition die Ehre gegeben.

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