Nr. 33, Februar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Henky Hentschel
 Jimmie Davis
 Vasile Poenaru
 Christine Lavant


 

 

Henky Hentschel

Brief aus Havanna

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Zum Schluss kam auch noch der Putin. Mit fünf Ministern! Besuch bei der Weltmacht Cuba. Was wir nicht sind. Aber eine lateinamerikanische Regionalmacht in Sachen Kultur, das sind wir. Das hat der Putin auch gemerkt. Als Pforte nach Südamerika will er uns benutzen, hat er gesagt. Dann ging er baden in Varadero.

In der Zwischenzeit ging das Festival zu Ende, das 22. des Neuen Lateinamerikanischen Films. Eine halbe Million Cubaner war nicht nur für elf Tage aus dem Häuschen, die meisten kamen zwischen neun Uhr morgens und zwei Uhr nachts überhaupt nicht mehr heim. Das Festival trieb sie auf die Straße und vor die Eingänge der 22 Kinos der Hauptstadt und derer auf dem Rest der Insel. Sie sahen rund 400 Videos, Dokumentar-, Zeichentrick- und Spielfilme, 40 davon im eigentlichen Wettbewerb. Die anderen kamen aus den USA, aus Europa, ja sogar aus Persien, China und Japan und natürlich aus Lateinamerika, und die Cubaner nahmen mit, was immer ihnen möglich war. Die thematische und stilistische Bandbreite dieses Festivals ist unübertroffen, und auf keiner derartigen Veranstaltung in der Welt steht das Publikum so eindeutig im Mittelpunkt wie in Havanna. Das Publikum ist der Hauptdarsteller und der Star des Festivals. Tausende von Cubanern nehmen unbezahlten Urlaub, nur um möglichst viele Filme sehen zu können. Die Schlangen der Wartenden vor den Kinokassen sind auch schon mal einen halben Kilometer lang. Kein Wunder: Die cubanische Politik geht davon aus, dass Kultur für alle da ist, subventioniert sie folglich, und so kostet das Betrachten hochwertigen Zelluloids gerade mal zehn deutsche Pfennige. Während das Festival gerade zu Ende ging, erklärte unser langhaariger Kulturminister Abel Prieto auf einer UNESCO-Konferenz in Paris: "Kultur ist keine Verzierung. Kultur hat mit dem Gewebe des spirituellen und sozialen Lebens zu tun, mit der Art, wie der Mensch sich selbst sieht, sieht, die Gemeinschaft, die Welt mit ihren Glaubens- und Wertsystemen, mit ihrer Fähigkeit zu lieben und solidarisch zu sein." Nicht mehr und nicht weniger. Und ein solcher Idealist will Politiker sein!

UND IST ES!!!
(Putin legte zu diesem Zeitpunkt Kränze nieder) (Die Amis erfuhren um diese Zeit, dass Wählen oder Nicht-Wählen auf dasselbe herausläuft)
Glamour à la Cannes oder Hollywood hat es auf dem "versteckten" Festival in Havanna auch dieses Jahr nicht gegeben. Die massive Präsenz des Mannes von der Straße setzt persönlichen Eitelkeiten schnell und deutlich ihre Grenzen. Bescheidenheit und Können sind angesagt, nicht Starrummel und spektakuläre Effekte. Spielberg hätte hier keine Chance. Aber die Grenzen, die das Bombardement aus Hollywood dem filmischen Schaffen der armen Länder in der Dritten Welt setzt, wurden auch diesmal klar. Länder wie Bolivien, Kolumbien oder Uruguay brachten es im ganzen Jahr 2000 auf gerade mal einen neuen Titel. In anderen ist die Produktion völlig zum Erliegen gekommen. Die von den USA betriebene Globalisierung der Unkultur wird immer mehr zur Zuchtpeitsche für die, die nicht auf die Uniformierung von Bildern und Inhalten setzen, sondern auf Unterschiedlichkeit. Diese Unterschiedlichkeit hat dem Festival von Havanna schon immer ihren Stempel aufgedrückt. Auch dieses Mal spannte sich ein großer, oft sichtbarer Bogen vom historischen Drama der Geliebten des "Befreiers" Simon Bolívar über die Umsetzung der Gewalt in den Straßen der mexikanischen Hauptstadt bis hin zum Versuch einer Wiederbelebung des abgehalfterten Surrealismus. Den aber wollten die äußerst realistischen Menschen Cubas so nicht hinnehmen. Die Magie lebt ohnehin ihr Eigenleben in diesem Land und auf diesem Kontinent. Auf ihre intellektuelle Analyse via Freud, Nietzsche u.a. kann hierzulande getrost verzichtet werden.
Brücken solle das Festival schlagen, erklärte dessen Leiter und Erfinder Alfredo Guevara bei der Eröffnung, Brücken, Brücken und nochmals Brücken. Eine von ihnen ist sichtbar geworden; sie verbindet die Heimatländer in Lateinamerika mit denen, die es geschafft haben, ins Gelobte Land, die USA zu gelangen. Mit achtzehn Beiträgen der Auswanderer ist diese Brücke auf Anhieb ziemlich breit geworden.Eine andere Brücke führte hin zu den cubanischen Schulkindern und ihren Lehrern. Zehntausende von ihnen haben die wichtigsten Filme des Festivals gesehen, kostenlos und befördert von den Bussen des Staates, auch dies einmalig in der Welt.

Havanna vergibt weder Palmen, noch Bären. Havanna vergibt Korallen, wie es sich für eine Antilleninsel gehört. Die ganz große Koralle gewann schliesslich ein sozialkritisches Werk aus Brasilien mit dem aufschlussreichen Titel "Ich, du, sie". Den wichtigsten Preis, den des Publikums, holte sich allerdings eine cubanische Komödie mit deutscher Beteiligung. "Hacerse el Sueco", heißt sie, "Den Schweden spielen". Die Cubaner waren begeistert von ihr.
Hier in Havanna ist inzwischen auch das Internationale Jazzfestival zu Ende gegangen. Putin ist wieder weg, aber die Biennale der Bildenden Kunst der Dritten Welt, wo ein gewisser Peter Ludwig immer so gerne eingekauft hat, hat noch bis in den Januar hineingereicht. Havanna scheint auf dem besten Weg zu sein, wieder zu werden, was die Stadt einmal war ; die Metropole der lateinamerikanischen Kultur.
Karibische Grüsse und bis zum nächsten Brief!

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