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Henky Hentschel
Brief aus Havanna
Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Zum Schluss kam auch noch der Putin. Mit fünf Ministern! Besuch
bei der Weltmacht Cuba. Was wir nicht sind. Aber eine lateinamerikanische
Regionalmacht in Sachen Kultur, das sind wir. Das hat der Putin auch
gemerkt. Als Pforte nach Südamerika will er uns benutzen, hat er
gesagt. Dann ging er baden in Varadero.
In der Zwischenzeit ging das Festival zu Ende, das 22. des Neuen Lateinamerikanischen
Films. Eine halbe Million Cubaner war nicht nur für elf Tage aus
dem Häuschen, die meisten kamen zwischen neun Uhr morgens und zwei
Uhr nachts überhaupt nicht mehr heim. Das Festival trieb sie auf
die Straße und vor die Eingänge der 22 Kinos der Hauptstadt
und derer auf dem Rest der Insel. Sie sahen rund 400 Videos, Dokumentar-,
Zeichentrick- und Spielfilme, 40 davon im eigentlichen Wettbewerb. Die
anderen kamen aus den USA, aus Europa, ja sogar aus Persien, China und
Japan und natürlich aus Lateinamerika, und die Cubaner nahmen mit,
was immer ihnen möglich war. Die thematische und stilistische Bandbreite
dieses Festivals ist unübertroffen, und auf keiner derartigen Veranstaltung
in der Welt steht das Publikum so eindeutig im Mittelpunkt wie in Havanna.
Das Publikum ist der Hauptdarsteller und der Star des Festivals. Tausende
von Cubanern nehmen unbezahlten Urlaub, nur um möglichst viele
Filme sehen zu können. Die Schlangen der Wartenden vor den Kinokassen
sind auch schon mal einen halben Kilometer lang. Kein Wunder: Die cubanische
Politik geht davon aus, dass Kultur für alle da ist, subventioniert
sie folglich, und so kostet das Betrachten hochwertigen Zelluloids gerade
mal zehn deutsche Pfennige. Während das Festival gerade zu Ende
ging, erklärte unser langhaariger Kulturminister Abel Prieto auf
einer UNESCO-Konferenz in Paris: "Kultur ist keine Verzierung.
Kultur hat mit dem Gewebe des spirituellen und sozialen Lebens zu tun,
mit der Art, wie der Mensch sich selbst sieht, sieht, die Gemeinschaft,
die Welt mit ihren Glaubens- und Wertsystemen, mit ihrer Fähigkeit
zu lieben und solidarisch zu sein." Nicht mehr und nicht weniger.
Und ein solcher Idealist will Politiker sein!
UND IST ES!!!
(Putin legte zu diesem Zeitpunkt Kränze nieder) (Die Amis erfuhren
um diese Zeit, dass Wählen oder Nicht-Wählen auf dasselbe
herausläuft)
Glamour à la Cannes oder Hollywood hat es auf dem "versteckten"
Festival in Havanna auch dieses Jahr nicht gegeben. Die massive Präsenz
des Mannes von der Straße setzt persönlichen Eitelkeiten
schnell und deutlich ihre Grenzen. Bescheidenheit und Können sind
angesagt, nicht Starrummel und spektakuläre Effekte. Spielberg
hätte hier keine Chance. Aber die Grenzen, die das Bombardement
aus Hollywood dem filmischen Schaffen der armen Länder in der Dritten
Welt setzt, wurden auch diesmal klar. Länder wie Bolivien, Kolumbien
oder Uruguay brachten es im ganzen Jahr 2000 auf gerade mal einen neuen
Titel. In anderen ist die Produktion völlig zum Erliegen gekommen.
Die von den USA betriebene Globalisierung der Unkultur wird immer mehr
zur Zuchtpeitsche für die, die nicht auf die Uniformierung von
Bildern und Inhalten setzen, sondern auf Unterschiedlichkeit. Diese
Unterschiedlichkeit hat dem Festival von Havanna schon immer ihren Stempel
aufgedrückt. Auch dieses Mal spannte sich ein großer, oft
sichtbarer Bogen vom historischen Drama der Geliebten des "Befreiers"
Simon Bolívar über die Umsetzung der Gewalt in den Straßen
der mexikanischen Hauptstadt bis hin zum Versuch einer Wiederbelebung
des abgehalfterten Surrealismus. Den aber wollten die äußerst
realistischen Menschen Cubas so nicht hinnehmen. Die Magie lebt ohnehin
ihr Eigenleben in diesem Land und auf diesem Kontinent. Auf ihre intellektuelle
Analyse via Freud, Nietzsche u.a. kann hierzulande getrost verzichtet
werden.
Brücken solle das Festival schlagen, erklärte dessen Leiter
und Erfinder Alfredo Guevara bei der Eröffnung, Brücken, Brücken
und nochmals Brücken. Eine von ihnen ist sichtbar geworden; sie
verbindet die Heimatländer in Lateinamerika mit denen, die es geschafft
haben, ins Gelobte Land, die USA zu gelangen. Mit achtzehn Beiträgen
der Auswanderer ist diese Brücke auf Anhieb ziemlich breit geworden.Eine
andere Brücke führte hin zu den cubanischen Schulkindern und
ihren Lehrern. Zehntausende von ihnen haben die wichtigsten Filme des
Festivals gesehen, kostenlos und befördert von den Bussen des Staates,
auch dies einmalig in der Welt.
Havanna vergibt weder Palmen, noch Bären. Havanna vergibt Korallen,
wie es sich für eine Antilleninsel gehört. Die ganz große
Koralle gewann schliesslich ein sozialkritisches Werk aus Brasilien
mit dem aufschlussreichen Titel "Ich, du, sie". Den wichtigsten
Preis, den des Publikums, holte sich allerdings eine cubanische Komödie
mit deutscher Beteiligung. "Hacerse el Sueco", heißt
sie, "Den Schweden spielen". Die Cubaner waren begeistert
von ihr.
Hier in Havanna ist inzwischen auch das Internationale Jazzfestival
zu Ende gegangen. Putin ist wieder weg, aber die Biennale der Bildenden
Kunst der Dritten Welt, wo ein gewisser Peter Ludwig immer so gerne
eingekauft hat, hat noch bis in den Januar hineingereicht. Havanna scheint
auf dem besten Weg zu sein, wieder zu werden, was die Stadt einmal war
; die Metropole der lateinamerikanischen Kultur.
Karibische Grüsse und bis zum nächsten Brief!
Ihr
Kommentar
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