Nr. 33, Februar 2001
 
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Pythagoras: Fleischlos inmitten der Sterne

von unserem Exilkorrespondenten Ovid

Nein, von der bovinen spongiformen Enzephalopathie hat er mit Sicherheit nichts vernommen, unser römischer Dichter. Er ging auch nicht aus Angst vor BSE oder antibiotischem Schweinefleisch nach Tomi, wie Constanza im heutigen Rumänien zu Ovids Lebzeiten hieß, sondern er musste Rom verlassen, weil er zu aufmüpfige Schriften veröffentlicht hatte. Die Herrschenden, besonders aber Kaiser Augustus, wollten den frechen Autor der "Liebeskunst" und der "Metamorphosen" mundtot machen. Doch der ließ sich das Denken und Schreiben nicht verbieten und griff in die schon damals heftige Debatte über Fleischkonsum und vegetarische Ernährung ein. Ovid erinnerte seine Zeitgenossen an einige Sätze des Pythagoras.

Ein Mann lebte hier, von Geburt ein Samier, doch war er aus Samos und vor dessen Herrscher geflohen und hatte aus Abscheu vor der Tyrannei freiwillige Verbannung gewählt.
Sein Geist schwang sich auf zu den Göttern, mochten sie ihm auch fern sein in den Räumen des Himmels, und was die Natur menschlichen Augen verhüllte, das sah er klar mit der Schärfe seines Verstandes. Und als er mit unermüdlichem Forschergeist alles durchschaut hatte, trug er es im Unterricht vor. Er belehrte die schweigende Schar seiner Jünger, die seinen Worten verwundert lauschte, über die Entstehung des Weltalls und den Ursprung von allem, was ist; er setzte auseinander, was Gott sei, woher der Schnee, woher der Blitz komme, wo Jupiter donnere oder die Winde, wenn sie eine Wolke zerfetzen, was die Erde erbeben lasse, nach welchen Gesetzen sich die Gestirne bewegen - kurz, alles, was verborgen ist.
Als erster erwies er, daß man Tiere nicht als Speise auftischen dürfe, als erster tat er den Mund auf und sprach, gar weise, doch ohne Glauben zu finden, die folgenden Worte:
"Hört auf, ihr Sterblichen, euren Leib durch gottlose Speisen zu beflecken! Es gibt ja Früchte des Feldes, es gibt Obst, unter dessen Last sich die Zweige beugen, und schwellende Trauben am Weinstock. Es gibt süße Kräuter, es gibt Gemüse, das über dem Feuer mild und weich wird. Auch die Milch nimmt man euch nicht und den Honig mit dem Duft blühenden Thymians.
Überreich beschenkt euch rnit ihren Schätzen und mit harmloser Kost die Erde und gibt euch Nahrung ohne Mord und Blutvergießen. Mit Fleisch stillen Tiere ihren Hunger, und selbst die tun es nicht alle: Das Pferd, die Schafe, die Rinder leben ja von Gras! Die aber, die von wilder und unbezähmbarer Natur sind, Armeniens Tiger, die grimmigen Löwen und die Bären samt den Wölfen, die freuen sich am blutigen Fraß. O welche Sünde ist's, Fleisch in Fleisch zu begraben, den Leib mit gierig verschlungenen Leibern zu mästen und vom Mord an einem anderen beseelten Wesen als denkendes Wesen zu leben!
Bei so überreichen Gaben, die die beste aller Mütter, die Erde, hervorbringt, freut dich sonst nichts, als mit grausamen Zähnen zuzubeißen, abscheuliche Wunden zu schlagen und dich ganz so zu benehmen wie die Zyklopen? Wirst du nur, wenn du ein Mitgeschöpf vertilgst, die Gier deines gefräßigen, deines bösartigen Bauches befriedigen können?
Aber jene längst vergangene Zeit, die wir 'golden' nennen, war mit Früchten der Bäume und Kräutern, wie sie die Erde hervorbringt, glücklich und zufrieden und besudelte ihren Mund nicht mit Blut. Damals schwebten die Vögel sicher auf ihren Fittichen durch die Lüfte, und furchtlos sprang der Hase mitten auf dem Feld umher. Auch den Fisch hatte seine Arglosigkeit noch nicht an den Haken der Angel gebracht. Alles lebte ohne Trug, ohne Furcht vor Hinterlist in tiefem Frieden.
Aber dann gab ein unnützer Kerl, wer immer es auch war, aus Überdruß an der bisherigen Speise das Vorbild, stopfte sich Fleischnahrung in den gierigen Bauch und brach dem Frevel die Bahn.
Wahrscheinlich hat zuerst das warme Blut wilder Tiere den Mordstahl besudelt, und das hätte genügt! Denn ich gestehe, daß man sie, die uns nach dem Leben trachteten, töten konnte, ohne das Gebot der Menschlichkeit zu verletzen. Allein, so sehr sie auch den Tod verdienten, so wenig hätte man sie verzehren dürfen!
Weiter griff nun die Ruchlosigkeit um sich, und als erstes Schlachtopfer fiel wohl - nicht unverdient - der Eber, weil er mit krummem Rüssel die Saatfelder zerwühlt und die Hoffnung des Jahres vernichtet hatte. Auch der Bock, der den Weinstock benagte, wurde, so sagt man, am Altar des rächenden Bacchus geschlachtet. Ihre Schuld haben beide gebüßt. Doch was habt ihr Schafe verschuldet, ihr friedsamen Tiere, zum Besten der Menschen geschaffen, die ihr im vollen Euter Nektar tragt, die ihr uns als weiche Hülle eure Wolle spendet und uns durch euer Leben mehr nützt als durch euren Tod? Was verschuldeten die Kühe, Geschöpfe ohne Falschheit und Tücke, voll Unschuld und Einfalt und nur zur Arbeit geboren?
Wahrlich, undankbar und der Gaben des Feldes nicht wert ist, wer es über sich brachte, seinen eben erst vom schweren, krummen Pflug losgeschirrten Pflüger zu schlachten, wer jenen von der Arbeit geschundenen Nacken, der ihm so oft half, das Feld umzubrechen, der ihm so viele Ernten bescherte, mit dem Beile traf!
Und es ist noch nicht genug, daß man sich so versündigt: Die Götter selbst mußten dem Verbrechen als Vorwand dienen: Man glaubt es, daß sich ein überirdisches Wesen an der Ermordung des arbeitsamen Stieres freuen könne!
Makellos und herrlich anzusehen - denn seine Schönheit ist sein Verderben -, geschmückt mit heiligen Binden und Gold, so bringt man das Opfertier zum Altar. Es hört unverstandene Gebete, sieht, daß man ihm auf die Stirn, zwischen die Hörner, Korn streut, die Frucht seiner Arbeit, und färbt, getroffen, mit seinem Blut den Stahl, den es vielleicht zuvor im klaren Wasser erblickte.
Gleich reißt man aus seiner noch pochenden Brust die Eingeweide, beschaut sie und will daraus die Absicht der Götter erkunden!
Davon - ist denn der Hunger des Menschen nach verbotener Kost so groß? -, davon wagt ihr zu essen, ihr Sterblichen allzumal?
Tut das, bitte, nicht und merkt auf meine Mahnung! Und wenn ihr das Fleisch erschlagener Rinder zum Mund führt, dann bedenkt und fühlt, daß ihr eure Ackerknechte verzehrt!
Und da mich ein Gott begeistert zu reden, so folge ich ihm, der mich begeistert zu reden, und will mein Orakel von Delphi, ja den Himmel selbst auftun und euch des erhabenen Geistes Sprüche erschließen. Große Dinge, die vordem niemandes Scharfsinn erforschte und die von Anbeginn verborgen waren, will ich verkünden. Es lockt mich, inmitten der hohen Gestirne zu wandeln, es lockt mich, von einer Wolke getragen, die Erde und diese dumpfe Behausung hinter mir zu lassen, mich auf die Schultern des starken Atlas zu stellen und auf die überall herumirrenden Menschen, denen es an Verstand fehlt, aus weiter Ferne hinabzublicken, die Verzagten, von Todesfurcht Erfüllten also zu ermahnen und ihnen den Weltenlauf zu enthüllen. O Menschheit, gelähmt von kaltem Todesgrauen, warum fürchtest du die Styx, warum das Dunkel und nichtige Namen, Hirngespinste der Dichter und Schreckbilder aus einer erlogenen Welt? Mag den Leib die Flamme des Scheiterhaufens verzehren, mag er im Lauf der Zeit zerfallen, so widerfährt ihm - das dürft ihr glauben - dabei gewiß nichts Schlimmes. Vom Tod unberührt bleibt die Seele, und immer, wenn sie die eine Wohnung verlassen hat, nimmt eine andre sie auf, und sie lebt und webt in dem neuen Zuhause.
Ich selbst - ich entsinne mich dessen - war zur Zeit des Trojanischen Krieges des Panthos Sohn Euphorbos, dem seinerzeit die schwere Lanze des jüngeren Atreussohns Menelaos die Brust durchbohrte. Jüngst erst erkannte ich den Schild, den damals meine Linke trug, in Abas' Stadt, im Junotempel zu Argos.
Alles verwandelt sich, nichts geht zugrunde; auf Wanderschaft von dort nach hier, von hier nach dort kommt unser Geist und bezieht alle möglichen Körper, fährt aus einem Tier in einen Menschen, aus uns wieder in ein Tier und vergeht nie.
Gleich wie das schmiegsame Wachs allerlei neue Gestalten annimmt und nicht bleibt, wie es war, auch nicht dasselbe Aussehen behält und doch selbst immer dasselbe ist: Ebenso bleibt unsere Seele immer dieselbe, wandert jedoch, so lehre ich, in verschiedene Körper. Damit also nicht Nächstenliebe der Gier des Bauches erliege, hört meine Warnung und hütet euch davor, durch sündhaften Mord euch verwandte Seelen aus ihrer Behausung zu treiben: nicht soll sich Blut durch Blut erhalten!"

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