|
Ein polnischer "Historikerstreit"?
In Jedwabne, einer Kleinstadt nahe Bialystok, stehen zwei widersprüchliche
Gedenksteine für fast dasselbe Ereignis. Der eine trägt
die Inschrift, daß hier am 10. Juli 1941 eintausendsechshundert
Juden von der Gestapo und der Gendarmerie ermordet worden sind.
Auf dem andern steht: "Dem Gedenken von etwa 180 Personen,
darunter zwei Priestern, die auf dem Gebiet der Gemeinde Jedwabne
zwischen 1939 und 1956 vom NKWD, den Hitlerfaschisten und dem
Sicherheitsdienst ermordet wurden. Die Gesellschaft."
Ende 2000 hat der Historiker Jan Tomasz Gross die unbequeme Wahrheit
ausgesprochen: "In der Tat wurden die 1600 Juden ... weder
von den Hitlerfaschisten noch von den NKWD-Leuten, noch von den
polnischen Sicherheitsdienstlern ermordet, sondern von der Gesellschaft."
Die Formulierung trug ihm nun in der Presse den lebhaft diskutierten
Vorwurf einer Kollektivschuld-Zuschreibung ein. Gross' Verteidiger
erinnern dagegen an Adolf Muschg und seine offenen Geschichtsdebattenbeiträge
sowie an Willy Brandt und seinen historischen Kniefall.
Der Fall ist nicht einmal juristisch aufgearbeitet. 1949 wurden
einundzwanzig Jedwabner Männer deswegen verhaftet, einer
von ihnen zum Tode verurteilt, elf zu Freiheitsstrafen, die übrigen
freigesprochen. 1967 wurde das Massaker erneut verhandelt: Jetzt
sollten die deutschen Sonderkommandos 309 und 316 die Mörder
gewesen sein, denen die polnische Gendarmerie nur Hilfsdienste
leistete. Die dritte Verhandlung wird nicht mehr lange auf sich
warten lassen, und es wäre erstaunlich, wenn ihre Ergebnisse
von den Schilderungen in Gross' Buch abweichen würden.
Eine Nonne will nicht Geschworene sein
Wer den mit Sean Penn und Susan Sarandon verfilmten Bestseller
Dead Man Walking geschrieben hat, dürfte weithin unbekannt
sein: Es war eine Frau, Helen Prejean. Und Helen Prejean ist Nonne.
Mitte Dezember sollte sie in New Orleans ihrer Bürgerpflicht
als Geschworene nachkommen - und protestierte. Als notorische
Gegnerin der Todesstrafe (wenn nicht sogar des dazugehörigen
Strafverfolgungssystems) könne sie auch nicht zu einer möglichen
lebenslänglichen Freiheitsstrafe beitragen. Der Aufforderung,
in einem zweiten Prozeß als Geschworene aufzutreten, widersprach
sie mit dem Hinweis, sie könne niemanden allein auf Grund
einer Polizistenaussage ins Gefängnis schicken.
Beide Male hatte die Nonne mit ihrer Weigerung Erfolg.
Namen sind nicht nur Schall und Rauch,
sondern auch begehrte WWW-Adressen. Erst recht, wenn es sich
um Autoren handelt, für die ihr Name Markenzeichen, Qualitätsgarantie
und Geldwert bedeutet.
Da ist zum Beispiel R. L. Stine, der seit Jahren erfolgreiche
Horrorgeschichten schreibt und jetzt selber eine erlebt: Sein
Name im Internet ist von jemand anderem besetzt. Wenn er nun eine
eigene Website aufmachen will, kann er sie nicht "rlstine.com"
nennen. Ähnlich geschädigt sind zum Beispiel John Berendt
(Midnight in the Garden of Good and Evil) oder Charles
Frazier (Cold Mountain).
Die Authors Guild der USA versucht derzeit, mit juristischen Mitteln
die Autorennnamen zurückzuholen. "Der Name eines Autors",
heißt es im Schriftsatz gegen ICANN (Internet Corporation
for Assigned Names and Numbers), "gehört ihm und nicht
irgendeiner Organisation, die jeden berühmten Namen als eigene
Domaine hat eintragen lassen."
Die Erfolgaussichten sind gut: Schon Anfang des letzten Jahres
gelang es der Autorin Jeanette Winterson, ihre Namensadresse dem
Domain-Sammler Mark Hogarth zu entreißen, der über
hundert Autorennamen als WWW-Adressen angemeldet hatte, um sie
ihnen dann fallweise und für teures Geld wieder zurückzuverkaufen.
Protest I: Die
New Yorker Polizei entschuldigt sich
Die illegalen Buchverkäufer auf den Straßen von Manhattan
sind sonst eigentlich schnell bei der Hand: Wenn eine Polizeistreife
auch nur am Horizont auftaucht, schlagen sie ihre ausgelegten
Tücher zusammen und werden zu Fußgängern mit einem
unschuldigen Bündelchen auf dem Rücken. Aber manchmal
ist die Polizei halt doch schneller.
Nur muß sie dann aufpassen, wie sie mit den sichergestellten
Exemplare eines Koran-Verkäufers umgeht; keinesfalls darf
sie - wie ein Zeuge den Dezember-Vorfall schilderte - "die
heiligen Bücher in einen Plastiksack stopfen" und sie
damit "wie Müll" behandeln.
"Wir haben einen Fehler begangen", gab Deputy Inspector
Christopher Jamison Mitte Dezember nach wütenden Protestanrufen
bekannt, "und hoffen, ihn mit unserer Entschuldigung wiedergutgemacht
zu haben."
Andererseits: Wie sähe ein polizeifähiger und dabei
würdiger Behälter für beschlagnahmte Heilige Bücher
aus?
Protest II: Ein Musical wird abgesetzt
In Rotterdam waren die Vorbereitungen für das Musical Aisha
und die Frauen von Medina bereits weit fortgeschritten, und
Mitte Dezember sollten die Proben beginnen (Rotterdam ist in diesem
Jahr Kulturhauptstadt Europas). Da brachen die Hauptstützen:
Acht arabischsprachige Sänger und Schauspieler sowie ein
Komponist verweigerten ab sofort jeder weitere Mitarbeit an dem
Stück. Die Pressesprecherin der Produktionsfirma, Gerda Roest,
hat keine Ahnung, warum. Das Kündigungsfax der Künstler
endet mit dem Satz: "Hier regiert die Angst."
Man weiß allerdings, daß kurz davor Unbekannte aus
Rotterdam einer holländischen Zeitung - und, seltsam, dem
marokkanischen Premierminister - ein Fax schickten, in dem es
heißt: "Wenn ihr das macht, dann trifft euch dasselbe
Schicksal wie Salman Rushdie."
Das Musical beruht auf dem bekannten Buch Fern von Medina
der in Algerien geborenen Autorin Assia Djebar. Es wurde ausdrücklich
deswegen als Vorlage gewählt, weil es beweist (so Regisseur
Timmers in einem Interview), "daß unsere Auffassung
vom Islam als einer frauenfeindlichen Religion falsch ist".
Genau das paßt einigen Leuten offenbar nicht.
Mein Kampf-Verleger verurteilt
Michal Zitko, der Verleger der ungekürzten und unkommentierten
tschechischen Übersetzung von Mein Kampf, wurde Mitte
Dezember wegen Verbreitung nationalsozialistischer Ideen zu einer
Geldstrafe von über hunderttausend Mark und einer dreijährigen
Haftstrafe mit Bewährung verurteilt.
Das Buch wurde in tschechischer Sprache erstmals 1936 veröffentlicht
(unvollständig). Eine zweite Ausgabe 1993, nach dem Sturz
des Kommunismus, war ebenfalls keine vollständige Übersetzung,
enthielt dafür aber einen antifaschistischen Kommentar des
früheren Außenministers Jiri Hajek.
Im März 2000 brachte dann Zitko die erste vollständige
Übersetzung heraus. Das Buch verkaufte sich gut: Einhunderttausendmal
ging es über die Ladentische. Als die Polizei im Juni zur
Beschlagnahme schritt, fand sie nur noch dreihundert Exemplare
am Lager.
Im römischen Glashaus
Angriffe gegen gleichgeschlechtliche
Lebensgemeinschaften gehen Rom leicht von der Hand. Etwas
zu leicht. Denn jetzt hat Marco Politi mit seinem Buch La Confessione
den Vorhang ein wenig gelüftet, hinter dem seit Jahrhunderten
die Homosexualität innerhalb der römischen Kirche versteckt
wird.
Politi beschreibt die Geschichte eines - namentlich nicht genannten
- Priesters im Konflikt zwischen Berufung und sexueller Orientierung.
Was die Geschichte zu einem Tabubruch macht, ist die Enthüllung
eines ganzen Netzwerks homosexueller Priester in der italienischen
Kirche. Gelegentlich funktioniert es auch als "Selbsthilfegruppe",
immer jedoch in den Katakomben einer Kirche im Untergrund.
Marco Politi ist Vatikan-Journalist für La Repubblica
und Autor (mit Carl Bernstein) einer Biographie Johannes Pauls
II. Er hatte Schwierigkeiten, für sein Buch einen Verleger
zu finden, denn im Hinterhof des römischen Bischofssitzes
herrscht "eine gewisse Angst" vor dem Papst. Ruiniti
in Rom fand sich dann bereit, das Manuskript zu verlegen. Mit
Gewinn: In den ersten drei Wochen verkauften sich fünftausend
Exemplare der "Beichte". Und das Buch bekam sogar eine
lobende Rezension in einem Mitteilungsblatt der italienischen
Bischofskonferenz. Sozusagen die Absolution.
John Le Carrés achtzehnter Roman,
soeben erschienen, hat den Titel "The Constant Gardener".
Der neunundsechzigjährige
Autor bleibt darin auf vertrautem Gebiet, der Korruption in den
britischen Geheimdiensten, begibt sich jedoch gleichzeitig auf
neues Gelände: Die Bösen sind jetzt Pharmafirmen, der
Schauplatz erstmals Afrika.
Der Held ist (wie in The Little Drummergirl) eine Frau,
Tessa Quayle, die sich als Entwicklungshelferin für die Unterdrückten
herausstellt. Sie wird ermordet, und ihr bis dahin eher passiver
Mann recherchiert die wahren Mordmotive. Mit ihm identifiziert
sich der Autor, sagt der Autor: Justins Lebensweg, vom staatstragenden
Mitarbeiter zum Dissidenten, sei auch sein eigener.

Ihr Kommentar
|
|
Enttäuschend
George Orwell hatte zeit seines Lebens eine ausgeprägte
Vorliebe für ein frugales, luxusfreies Leben. In einem Pariser
Hotel arbeitete er als Tellerwäscher. Hier und dann in London
ging er
als Bettler auf die Straße: "Betteln", erkannte
er dabei", ist verdammt harte Arbeit." Im Zweiten Weltkrieg
kehrte er aus Spanien (wo er für die Republik gekämpft
hatte) nach London zurück, weil es ihm falsch vorkam "abzuhauen,
wenn unsere Leute in die Hölle gebombt werden". Als
er an Tuberkulose erkrankte, zog er sich zum Sterben (mit sechsundvierzig
Jahren) in eine unbeleuchtete und ungeheizte Holzhütte im
schottischen Hochland zurück und beendete hier sein antitotalitäres
Meisterwerk 1984.
In seiner Hand wurde der politische Text zur Literatur. In Die
Farm der Tiere und 1984 vereinten sich Orwells zwei
Leidenschaften, Politik und Schreiben, zu einer beispielhaften
Kunstform.
Umso enttäuschender ist die neue Biographie Orwell: Wintry
Conscience of a Generation von Jeffrey Meyers, die sich in
gnadenloser Oberflächlichkeit vor allem mit dem Sexleben
des Autors beschäftigt.
Harry Potter siegt auch in Vietnam
Die Kritiker in Ho Chi Minh City überschlagen
sich vor Begeisterung über die Romane von Joanne K. Rowling.
Auch die Verleger sind glücklich: "Noch nie hatten wir
ein derartiges Kinderbuch",
sagte der Chef des Jugend-Verlags, der jetzt den ersten Harry
Potter herausbringt - erstmals in einem Band.
Normalerweise - auch in diesem Fall - werden in Vietnam Kinderbücher
in sieben oder acht kleineren Paperback-Teilen als wöchentlicher
Fortsetzungsroman ausgeliefert (immer am Montag). Grund: Bei einem
Einzelpreis von etwa achtzig Pfennig kann sich so auch eine arme
Familie auf dem Land den Roman leisten. Der eine Potter-Band wurde
beschlossen, als der Verleger sah, wieviele Erwachsene ("Sie
sind regulär süchtig!") den Roman lasen.
Die vietnamesischen Bestsellerzahlen: Vierzigtausend Exemplare
der Fortsetzungsgeschichte wurden verkauft, nicht überwältigend
für westliche Verhältnisse; aber die durchschnittlich
verkaufte Auflage eines Buches in Vietnam beträgt lediglich
zweitausend. Und bei der einbändigen Ausgabe erwartet der
Verlag einen Absatz von hunderttausend Exemplaren.
Wer es nicht mehr in den Beinen hat
Diego Maradona, gerade vierzig Jahre alt, ist
unter die Autoren gegangen. Vermutlich nicht allein hat er dreihundertneunzehn
Buchseiten geschrieben und sie, ebenfalls vermutlich nicht allein,
aber stolz Ich bin Diego betitelt.
Und wie jeder Amateur glaubt er, die schiere Faktizität mache
ein Buch schon attraktiv: "Alles, was ich in dem Buch sage,
ist wahr", kommentiert er bei der Buchpräsentation im
vergangenen Dezember, "ich habe es erlebt." Zweihunderttausend
Exemplare sind angeblich bereits verkauft, dreißig Übersetzungen
für achtzig Länder in der Planung.
Immerhin schaffte er es damit, drei Wochen lang Maria Vargas Llosa
vom Spitzenplatz der argentinischen Bestsellerlisten zu verdrängen.
Sein berühmtes Entscheidungstor im WM-Finale gegen England
1986, die von ihm so genannte "Hand Gottes", sieht er
in dem Buch als die argentinische Rache für die Niederlage
im Falkland-Krieg an. Mehr noch: als "die Rückeroberung
der Malvinen". Na dann.
Der Präsident liest vor
Im vergangenen Dezember folgte Bill Clinton im
Weißen Haus zum letzten Mal einer Tradition: Umrahmt von
den Madrigal Singers aus Las Vegas ("Jungle Bell Rock")
las er sechs- bis zwölfjährigen Kindern vor: ein Weihnachtsgedicht
von Clement C. Moore.
Das Gedicht ist amerikanischen Kindern wohlbekannt, und so konnte
der Präsident eine besondere Vorleseweise vorführen:
Er sprach das jeweils letzte Wort eines Verses nicht aus, sondern
ließ es die Kinder selbst einsetzen.
Die Kinder mußten eine Stunde warten, bis der Vielbeschäftigte
zur Lesung kam, die er gerade noch vor einem Besuch des neuen
Präsidenten im Weißen Haus untergebracht hatte..
Jetzt auch noch ein E-Buch aus Frankreich
Das Cybook, trotz seines englischen Namens, ist
ein Produkt Made in France. Ab dem 22. Januar dieses Jahres soll
das elektronische Buch zu kaufen sein.
Es ist ungefähr so groß wie ein dickes Hardcover, kann
fünfzehntausend Seiten (vielleicht dreißig Bücher)
speichern und wird 870 Euro kosten, gab Olivier Pujol bekannt,
der Chef der Produktionsfirma Cytale. Die möglichen Downloads
gibt es allerdings nur bei Cytale selbst . Die Firma hat zu diesem
Zweck Abkommen mit zwanzig französischen Verlegern getroffen
und hofft, sich damit etwa tausend Titel zu sichern. Diese Verleger
allerdings hatten ihre Interessen im Auge: Der Download-Preis
eines Romans entspricht ziemlich genau dem Preis des körperlichen
Buches.
Der durchschlagende Erfolg darf also bezweifelt werden. Vielleicht
macht das Cybook seinen Weg bei den kurzsichtigen Alten, die an
einem der vier Knöpfe des Geräts eine größere
Schrift wählen können. Oder aber, wie Albin-Michel-Sprecherin
Jacqueline Favero voraussieht, "bei Leuten, die gar nicht
lesen, sondern bloß Gadgets mögen
".
Schwierig
In den öffentlichen Bibliotheken Frankreichs
ist die Buchausleihe kostenlos. Dagegen opponierten nun im Dezember
die Verlagsgewerkschaft, ein Autorenverband und ein nationaler
Urheberrechtsverband. In einem gemeinsamen Communiqué beklagen
sie die Erklärung der Kulturministerin Catherine Tasca, die
eben in Montreuil und zum wiederholten Mal die kostenlose Buchausleihe
in Frankreich in klaren Worten verteidigte: "Eine Einführung
der kostenpflichtigen Ausleihe kommt nicht in Frage." Sie
hält eine solche Gebühr für eine "Regression
der Demokratie" und letztlich "gegen die Interessen
des Buches und der Verleger" gerichtet.
Das Communiqué wiederspricht: Das geistige Eigentum müsse
auch in öffentlichen Bibliotheken respektiert bleiben. "Wir
verstehen nicht, daß das Buch das einzige Kulturprodukt
sein soll, dem aus der Sicht der Ausleiher der wirtschaftliche
Wert genommen werden soll."
Wer hat recht: die Ministerin, die Literatur kostenlos verbreiten
will, oder die Autoren, die mehr Geld wollen? Catherine Tasca
hat versprochen, in Bälde eine Lösung vorzulegen, die
beide Interessen vereint.
.
|