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Tim Frohschütz
Ich Bin, der Ich Bin
"Der Grundsatz, daß Erfindungen auch dann patentiert werden
können, wenn sie sich auf biologisches Erbmaterial beziehen, ist
bereits seit langem anerkannt" (Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie
über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen).
Nachdem mehrere Biotech-Unternehmen auf Pflanzen, Tierklone und menschliches
Erbgut Patente halten, ist es Zeit, daß ich einen Gegenstand patentieren
lasse, den ich erfunden habe: Ich beantrage hiermit Patentschutz für
Mich Selbst.
Ich glaube, daß Ich die gesetzlichen Bedingungen erfülle:
- Ich bin - nicht nur molekularbiologisch gesehen - eine Erfindung,
die auf einer jahrzehntelangen Entwicklung und Arbeit an Mir Selbst,
also einer ausgesprochen erfinderischen Leistung aufbaut; es ist nicht
erkennbar, daß ein anderer ohne weiteres zu derselben Arbeit und
zum gleichen Ergebnis fähig wäre.
- Ich bin - da definitionsgemäß einzigartig - eine Neuheit;
es gibt von Mir keine vorhergehenden Exmplare (im Sinne der patentausschließenden
Vorveröffentlichungen). Ich habe Mich auch nicht schon früher
zum Patent angemeldet.
- Und Ich bin gewerblich anwendbar (Sie brauchen nur meinen Agenten
zu fragen: Mit Mir ist Geld zu machen, zwar nicht viel, aber eine vorgeschriebene
Mindesthöhe ist im Patentgesetz nicht enthalten). Siehe dazu auch
die weiteren Ausführungen unten.
Vor allem finde Ich Mich nicht in der Liste der nichtanmeldungsfähigen
Erfindungen: Ich verstoße nicht gegen die guten Sitten oder gegen
die öffentliche Ordnung, d.h. Ich bin weder ein verbotenes Glücksspiel,
noch ein Einbrecherwerkzeug, noch ein gesundheitsschädliches Lebensmittel.
Kurzbeschreibung Meiner Selbst:
Ich bin vierunddreißig Jahre alt, männlich, ledig, einszweiundachtzig
groß und vierundsiebzig Kilo schwer. Ich bin ein Ensemble technischer,
biologischer und intellektueller Verfahrensweisen mit dem Zweck, in
einem schier unaufhörlichen Prozeß das Geheimnis Meiner eigenen
Existenz zu lösen, sowohl physisch wie metaphysisch. Dabei wurden
bereits mehrere Teilprobleme erfolgreich bewältigt: Ich bin über
die Abhängigkeit von Meinen Eltern hinweggekommen, ebenso über
zwei gescheiterte Ehen (kinderlos) und eine tödliche Krankheit
meiner Zimmerpflanze (Ficus elastica). Ich bin mittlerweile ein authentisches
Unikat Meiner Selbst. In den nächsten Jahrzehnten werden weitere
Probleme nach ihrer Lösung durch Mich verlangen (ohne daß
hierfür schon ein Zeitplan angegeben werden kann): z.B. die Frage
der An- oder Abwesenheit einer höheren Macht und ob die Welt überhaupt
noch einen Sinn hat oder eh den Bach runtergeht.
Gegenwärtig funktioniere Ich Tag für Tag durchaus zufriedenstellend
in einer ganzen Reihe von Anwendungsbereichen: Ich falle als Teilnehmer
am Straßenverkehr nicht ungebührlich auf, werde in der Gruppe
meiner Freunde akzeptiert, bin politisch weitgehend inaktiv, verdiene
meinen Lebensunterhalt Selbst, bin sozialversichert und insgesamt ein
gewinnbringendes Mitglied der Gesellschaft.
Ich bin überzeugt, daß Ich in weit höherem Maß
als bisher wirtschaftlich ergiebig bin (aber sagen Sie das nicht Meinem
Agenten!). Und zwar nicht durch die Eigenschaften Meines vielfältig
talentierten Ensembles, sondern vor allem durch die industrielle Verwertung
Meiner Einzelteile. So könnten insbesondere Meine Gene samt ihren
in harter Arbeit erworbenen Eigenschaften zur medizinischen Forschung
und - mit hohen Gewinnaussichten - zur Züchtung neuer Medikamente
bzw. Interventionsgene herangezogen werden. Damit ich über derartige
Verwertungen Selbst entscheiden kann, wird das Patent auf Mich Selbst
beantragt.
Die konkreten Anwendungsmöglichkeiten sind M.E. ausreichend dargelegt.
Eine mißbräuchliche, also unautorisierte und unlizenzierte
Ausbeutung Meiner Selbst dürfte damit für die gesetzlich vorgesehene
Dauer ausgeschlossen sein.
Ihr
Kommentar

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