Nr. 32, Januar 2001
 
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 Die Marginalie
 Die Marginalie
 

 

Tim Frohschütz

Ich Bin, der Ich Bin

"Der Grundsatz, daß Erfindungen auch dann patentiert werden können, wenn sie sich auf biologisches Erbmaterial beziehen, ist bereits seit langem anerkannt" (Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen).

Nachdem mehrere Biotech-Unternehmen auf Pflanzen, Tierklone und menschliches Erbgut Patente halten, ist es Zeit, daß ich einen Gegenstand patentieren lasse, den ich erfunden habe: Ich beantrage hiermit Patentschutz für Mich Selbst.
Ich glaube, daß Ich die gesetzlichen Bedingungen erfülle:
- Ich bin - nicht nur molekularbiologisch gesehen - eine Erfindung, die auf einer jahrzehntelangen Entwicklung und Arbeit an Mir Selbst, also einer ausgesprochen erfinderischen Leistung aufbaut; es ist nicht erkennbar, daß ein anderer ohne weiteres zu derselben Arbeit und zum gleichen Ergebnis fähig wäre.
- Ich bin - da definitionsgemäß einzigartig - eine Neuheit; es gibt von Mir keine vorhergehenden Exmplare (im Sinne der patentausschließenden Vorveröffentlichungen). Ich habe Mich auch nicht schon früher zum Patent angemeldet.
- Und Ich bin gewerblich anwendbar (Sie brauchen nur meinen Agenten zu fragen: Mit Mir ist Geld zu machen, zwar nicht viel, aber eine vorgeschriebene Mindesthöhe ist im Patentgesetz nicht enthalten). Siehe dazu auch die weiteren Ausführungen unten.
Vor allem finde Ich Mich nicht in der Liste der nichtanmeldungsfähigen Erfindungen: Ich verstoße nicht gegen die guten Sitten oder gegen die öffentliche Ordnung, d.h. Ich bin weder ein verbotenes Glücksspiel, noch ein Einbrecherwerkzeug, noch ein gesundheitsschädliches Lebensmittel.

Kurzbeschreibung Meiner Selbst:
Ich bin vierunddreißig Jahre alt, männlich, ledig, einszweiundachtzig groß und vierundsiebzig Kilo schwer. Ich bin ein Ensemble technischer, biologischer und intellektueller Verfahrensweisen mit dem Zweck, in einem schier unaufhörlichen Prozeß das Geheimnis Meiner eigenen Existenz zu lösen, sowohl physisch wie metaphysisch. Dabei wurden bereits mehrere Teilprobleme erfolgreich bewältigt: Ich bin über die Abhängigkeit von Meinen Eltern hinweggekommen, ebenso über zwei gescheiterte Ehen (kinderlos) und eine tödliche Krankheit meiner Zimmerpflanze (Ficus elastica). Ich bin mittlerweile ein authentisches Unikat Meiner Selbst. In den nächsten Jahrzehnten werden weitere Probleme nach ihrer Lösung durch Mich verlangen (ohne daß hierfür schon ein Zeitplan angegeben werden kann): z.B. die Frage der An- oder Abwesenheit einer höheren Macht und ob die Welt überhaupt noch einen Sinn hat oder eh den Bach runtergeht.
Gegenwärtig funktioniere Ich Tag für Tag durchaus zufriedenstellend in einer ganzen Reihe von Anwendungsbereichen: Ich falle als Teilnehmer am Straßenverkehr nicht ungebührlich auf, werde in der Gruppe meiner Freunde akzeptiert, bin politisch weitgehend inaktiv, verdiene meinen Lebensunterhalt Selbst, bin sozialversichert und insgesamt ein gewinnbringendes Mitglied der Gesellschaft.
Ich bin überzeugt, daß Ich in weit höherem Maß als bisher wirtschaftlich ergiebig bin (aber sagen Sie das nicht Meinem Agenten!). Und zwar nicht durch die Eigenschaften Meines vielfältig talentierten Ensembles, sondern vor allem durch die industrielle Verwertung Meiner Einzelteile. So könnten insbesondere Meine Gene samt ihren in harter Arbeit erworbenen Eigenschaften zur medizinischen Forschung und - mit hohen Gewinnaussichten - zur Züchtung neuer Medikamente bzw. Interventionsgene herangezogen werden. Damit ich über derartige Verwertungen Selbst entscheiden kann, wird das Patent auf Mich Selbst beantragt.
Die konkreten Anwendungsmöglichkeiten sind M.E. ausreichend dargelegt. Eine mißbräuchliche, also unautorisierte und unlizenzierte Ausbeutung Meiner Selbst dürfte damit für die gesetzlich vorgesehene Dauer ausgeschlossen sein.

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