Nr. 32, Januar 2001

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Eine kleine Auswahl aus Der Gazette eingesandter Lyrik


Verena Raupach

Verena Raupach, geboren 1943 in Göttingen, ist eine Dichterin, von der wir in Der Gazette wohl noch öfter hören werden. Der Lyriker und Bachmann-Freund Karl Seemann sieht in ihr "eine große, unverwechselbare Begabung ... Da gibt es Gedichte, die ganz im konkreten Alltäglichen beginnen, dann sanft in Naturvorgänge, in Jahreszeiten, in Morgen- und Abendbilder, in Blühen und Resignation, in Baumbilder und Gartenlandschaften gleiten und - ehe man sichs versieht - zu kosmischen Kreisen, zur Abstraktion der Gefühle werden und sich dort wieder mit dem Anfang des entsprechenden Gedichtes verbinden... Die Gedichte der Verena Raupach zählen zu den besten lyrischen Arbeiten dieses Jahres."
Der Lyrikband `raunächte´ ist im Ferber Verlag Köln (ISBN 3-931918-35-1) erschienen, die Gedichtsammlung `Das Paradies ist deine Sache nicht. Wehmütige Träume´ im Geest-Verlag Ahlhorn (ISBN 3-934852-19-X).


PECHMARIE

Lange schon weiß ich
daß der Rand dieses Brunnens
in den Sterne aus Stanniol
und Glanzpapier rieseln
das so sehr geschätzte Labyrinth ist.

Auf den Mond warte ich
der seine Milchfahnen
ausrollt in die erregende Enge
des Schachts
dorthin
wo der Rosenstock
das Zentrum markiert
Umkehr verheißt
dem fleißigen Mädchen.

Und wenn Frau Holle
mir, der Pechmarie
ihr wölfisches Lächeln schenkt
werde ich in Müßiggang meine
Tage beschließen
denn nichts ist segensreicher
als die behagliche Faulheit.


DULCINEA (aus raunächte)

Er reichte mir eine Rose
der traurige Ritter
eine Rose groß wie
ein Stern
seltsam gezackt und
nur karg duftend

ein wenig geziert nahm ich
(denn ich war geschmeichelt)
zwischen Daumen
und Zeigefinger
das zarte Gespinst
trug plötzlich
goldene Pantoffel

als er mir die Rose reichte
und nicht merkte
dass es eine Distel war
wurde ich zur Wölfin
dem heiligen Narr


EICHENHAIN BEI LAUENBURG (aus raunächte)

Wintereichen
nackt
hinter Glas gemalter Himmel
Samt

Auf den Astspitzen
goldene Kandelaber
ruht rücklings
der Mittag

Stimmen summen herbei bisweilen
winden sich aus den Ritzen
des alten Gemäuers
wie frisch geschlüpfte Schlangen

Die Sonne
träge Katze
gleitet auf einem Sturzbach
aus Licht


DER FREMDE GOTT (aus raunächte)

Ich habe dich gehüllt
in das golddurchwirkte Gewand eines Gottes
gekrönt mit der Jaguarsonne der Azteken

Ich habe dir ambrosianische Düfte verliehen
und dein Antlitz bemalt
mit den strahlendsten Farben

Ich war es
die dir ein rätselhaftes Sphinxlächeln verlieh
und deine Granataugen
mit feinen Augenbrauen überspannte

Jetzt diene ich
vor deinem Altar
in demütiger Pein

Hüte dich
je ein anderes Kleid zu tragen
schmücke dich nicht mit fremden Perlen

Denn dann
werde ich deinen Tempel abtragen
Stein für Stein


Marco Sebanescu

Von Marco Serbanescu, der uns einige Texte zugesandt hat, wissen wir noch nicht mehr, als daß sie uns gefallen haben. Wer mit den beiden abgedruckten Gedichten etwas anfangen kann, ist vielleicht schon gespannt auf eine längere Prosaskizze, die wir in einer unserer nächsten Nummern veröffentlichen werden.


- - - -

Ich wünschte, ich wäre wie jene
die lieben können ohne zu bereuen.
So aber bin ich das Abbild der Menschheit:
Gezwungen,
stets das zu tun,
was mich selbst verfluchen läßt.


Landstraße

Bin ich nicht, Stirne naß von Schweiß, erwacht?
Von Träumen trunken lieg´ ich nicht in Kissen
im Straßengraben schlief ich diese Nacht
und will selbst jetzt von einem Bett nichts wissen.

Tat ich Geahntes? Ach, wie sehr ichs will
Ich kann mich nicht erinnern, was ich träumte,
Lieg´ nur so da, erschöpft, erfroren, still,
der gestern noch wie irr durch Felder streunte.

Ist das der Mensch, ein Häufchen Schmutz und Pein?
Verloren hab ich, was ich hab besessen,
und stehe nun, die Taschen leer, allein.

Wen kümmerts noch, es ist längst einerlei;
die mich vergaß, die Welt, will ich vergessen,
im hohen Gras versteckt und vogelfrei.


Lesern der Gazette ist der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Lothar Sauer kein Unbekannter mehr. Hier seine kongeniale Übertragung eines Gedichts von Jacques Prévert.

Jacques Prévert

LIED VON DEN SCHNECKEN, DIE ZUM BEGRÄBNIS WOLLEN
übertragen von Lothar Sauer

Zum Begräbnis eines toten
Blattes ziehn zwei Schnecken aus
haben schwarz das Schneckenhäuschen
um die Fühler Trauerflor
Abmarsch in der Abendstunde
wunderschöner Herbestesabend
aber ach als sie am Ziele
ist bereits der Frühling da
Alle Blätter die gestorben
sind zum Leben auferstanden
und die beiden armen Schnecken
die sind fürchterlich enttäuscht
Aber sieh da ist die Sonne
Sonne ja und sagt zu ihnen
Kinder macht euch doch die Mühe
setzt euch erst mal etwas hin
und genehmigt euch ein Bierchen
wenn das Herz euch danach steht
Oder je nach Lust und Laune
nehmt den Bus mal nach Paris
heute abend geht noch einer
da beseht ihr euch die Gegend
doch die Trauer die legt ab
Laßt euch das von mir gesagt sein
davon werden trüb die Augen
häßlich macht es obendrein
Auch sind solche Sarggeschichten
gar nicht nett und machen traurig
lieber zeigt die alten Farben
zeigt des Lebens Farben her
Und schon fangen alle Tiere
fangen Bäume an und Pflanzen
fangen alle an zu singen
singen sie aus vollem Halse
das lebendigste der Lieder
singen sie des Sommers Lied
Um die Wette wird getrunken
angestoßen um die Wette
so ein wunderbarer Abend
und die beiden Schnecken machen
sich auf den Nachhauseweg
Ach sie ziehn in tiefer Rührung
ziehen überselig ab
Da sie allerhand getrunken
schwanken sie ein ganz klein bißchen
aber oben an dem Himmel
paßt der Mond schon auf sie auf.


Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung

 

 


 

 
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