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Sprachgeschosse
Der Tod poetisiert mitunter. Nicht schlagartig, sonden allmählich
- es geht wie das Verfärben des Laubes im Herbst. Stirbt einer,
dem die Leute die Pest an den Hals wünschten, so fliegen nach und
nach die Vorbehalte wie schwarze
Vögel auf und davon. Als das alte Schlachtschiff Volksarmee versank
- es blubberte ein bißchen, aus! - hob ich den Kopf und sann nach.
Dann schrieb ich ein Buch: Japanischer
Garten. Reminiszenzen an meine Verteidigungsbereitschaft.
Damit war für mich alles über diese Armee gesagt. Und wenn
die Lesungen nicht gewesen wären, hätte ich über dieses
Thema kaum noch ein Wort verloren.
Unverhofft geriet mir eine Sammlung der DDR-Soldatensprache in die Hände.
Das Kasernenidiom war mir noch gut in Erinnerung. Ich ließ es
einst spärlich in meinen Text einfließen, aus Sorge, es könnte
die Ästhetik sprengen. Gespannt und vorsichtig zugleich öffnete
ich nun die Seiten dieses Wörterbuchs, als fürchtete ich,
daß mich etwas anspringt.
Froschvotze f, Pl. ~n Vorgesetzter, Offizier der
Bereitschaftspolizei, Schimpfw., vgl. Frosch
Kastenficker m, Pl. ~ Angehöriger einer Nachrichteneinheit
Ich schlug Seite um Seite um, las wahllos die Begriffe, Wortspielereien,
Namen, und je länger ich darin blätterte, desto deutlicher
schien ich Stimmen zu vernehmen, Stiefelgeklapper, das Scheppern von
Waffen und Ausrüstung, unbändiges Fluchen, Verwünschungen,
höhnisches Gelächter, schadenfrohes Gekicher, Gezischel.
Als ich in den achtziger Jahren zum Reservistendienst einberufen wurde,
fiel mir auf, daß etwas mit der Sprache der Soldaten geschehen
war. Sie schien mir komplexer geworden zu sein. Daß es sich dabei
um eine sprachliche Entwicklung in einer Subsozietät handeln könnte,
wäre mir nie in den Sinn gekommen. Der Slang war mir nicht nur
widerwärtig. Es gab Schöpfungen, die ich bemerkenswert fand
(beispielsweise Hühnerknie-Bagger, braunsche Röhre
- Bierflasche).
Nun aber, da dieses Buch mit circa dreihundertdreißig Seiten vor
mir lag, war es so, als würde ich eines jener Ornamente betrachten,
die nach längerem Schauen eine Figur oder ein Gesicht freigeben.
Oder wie bei den Bildern von Maurits Cornelius Escher: Etwas verwandelt
sich in ein Anderes. Erst tauchte diese ganze versunkene waffenstarrende
Welt vor mir auf, dann offenbarte sich der finstere, bösartige
Humor, der Fadenscheiniges bloßlegt und Unechtes geißelt.
Wäre dieses Buch damals veröffentlicht worden, ein Spaß,
der sich nicht mal ausmalen läßt, hätte man eines deutlich
sehen können: Mit dieser Jugend ist kein Staat zu machen.
Beispiele: Nachbrenner - einer, der sich länger verpflichtet.
Udo - unser dummer Oberst. RGW-Soßenverbundleitung
- da das Essen immer und überall gleich schmeckte, wurde unterstellt,
es komme aus einer Art Pipeline, durch die der gesamte RGW versorgt
wurde (RGW: Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, eine Art Ost-EU).
Paul-Greifzu-KG - Stasi. Nuttentäschchen - Sturmgepäck
der Offiziere. Kampfhubschrauber - Vorgesetzter mit übertriebenen
Anforderungen. Märchenauge - Parteiabzeichen der SED. Memphis
- Staatssicherheit, Abk. MfS. Schrottstadt - Eisenhüttenstadt.
Stadt der drei Lügen - Perleberg: kein Berg, keine Stadt,
keine Perlen. VDLV - vor dem Lesen vernichten.
Wer hat das gesammelt und bearbeitet? Vermutlich einer, mit aller Vorsicht
ausgedrückt, wie Viktor Klemperer: mittendrin und doch stark distanziert,
abgestoßen und fasziniert zugleich. Der Autor Klaus Peter Möller
hat nach einem Studienabbruch und Streichung von der Kandidatenliste
der SED und einer sogenannten Bewährung in der Produktion von 1981
bis 1984 als Unteroffizier auf Zeit bei der NVA gedient (dienen
- Dien du erst mal so lange, wie ich schon Urlaub hatte!). In dieser
Zeit legte er ein erstes Glossar zur Soldatensprache an, in dem er die
merkwürdigen sprachlichen Erscheinungen, die ihm aufgefallen waren,
nach Sachgruppen geordnet verzeichnete. Von 1985 bis 1990 studierte
er an der Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht"
Potsdam (Deutsche Sprache und Literatur / Musik). Und man kann sich
gut vorstellen, wie die "Zettelkästchen" daheim ihrer
Erlösung harrten.
In der Einleitung heißt es auch, daß der spielerische Umgang
mit Sprache zu lexikalischen Ungetümen führte: Zwischenkeimkotzkübelkastendeckelumdieeckespringschwein
- Soldat im zweiten Diensthalbjahr. Solche Gebilde sind Beleg dafür,
wie hoch der seelische Druck in dieser Armee war. Er entlud sich nicht
nur zischelnd gegen die Obrigkeit, sondern lauthals gegen Schwächere.
Die Truppe war kunterbunt durcheinandergewürfelt, genauso verhält
es sich mit dieser Sprache. Sie kommt mitunter rassistisch und frauenfeindlich
daher (Monatsbinde - Armbinde von Diensthabenden, wegen ihrer
roten Farbe; jugoslawische Partisanenvotze - Käppi; Ohneglied
- weibliche Militärangehörige), um an anderer Stelle in harmlose
Wortspielereien zu verfallen: Glasmantelgeschoß - Schnapsflasche.
Popentaxi - Dienstfahrzeug eines Vorgesetzten. Popenkind
- Offizierskind. Das klingt nach Sippenhaft. Die Abneigung gegen die
Offiziere übertrug sich selbst auf ihre Kinder.
Die Welt, in der diese Sprache gedieh, war abgeriegelt. Die Bewachung
kam der von Gefängnissen nahe. Die Posten gingen mit scharfer Munition
auf Wache (Mumpel - Patrone, Geschoß; Kalasche -
MPi Kalaschnikow, durchreißen - unnachsichtig, konsequent
durchführen). Ihr eigentlicher Auftrag lautete: den Ausbrecher
stellen, notfalls mit der Waffe. Die Sehnsucht, für ein paar Stunden
in die Freiheit zu entweichen, machte die Kasernierten oft kühn.
Besonders wenn junge Soldaten Wache standen, galt es als riskant, über
den Zaun zu springen. Sie neigten aus Ängstlichkeit dazu, sich
an die Befehle zu halten (Blitz-E - verunglückter oder plötzlich
verstorbener Militärangehöriger, also einer, der blitzartig
aus dem Wehrdienst entlassen wurde). Außerdem fürchteten
die älteren Soldaten, daß ein Rekrut sich für die Schikanen
rächen könnte.
Eine Befürchtung, die gar nicht mal so abwegig war.
Kaum einer der gerade Einberufenen hatte eine Ahnung, was ihn wirklich
erwartete. In der Gesellschaft war der Dienst an der Waffe gegen Kritik
weitgehend immunisiert. Das entsprach den deutschen Traditionen: Militär
als Initiationsritus. "Da werden sie dir schon die Hammelbeine
langziehen!" scherzten Eltern und Verwandte. Die Militärzeit
dieser Männer lag oft lange zurück. In den fünfziger
Jahren bei der kasernierten Volkspolizei und später, als die NVA
entstand, herrschte mitunter die Gemütlichkeit der Gründerjahre.
Erstaunlich ist, daß kaum jemand von den Berichten entlassener
Soldaten Notiz nahm. Wenn sie versuchten, das wahre Leben in den Kasenen
zu schildern, hörte man ihnen selten zu. "Das kann nicht schaden,
davon stirbt man nicht", hielt man ihnen entgegen. Und die Großväter
wiegelten ab: "Hat's Krieg gegeben? Nein. Also bitte!"
Der Frische (Frischer, Spritzer, Sprilli, Rotarsch,
Krummfinger, Kalenderfräse - Soldat im ersten Dienstjahr)
tappte unbedarft in die Falle. Bislang behütet, bemuttert (Jugendliche
waren in der Regel an Aufmerksamkeit und Fürsorge gewöhnt,
da sie als "zukünftige Erbauer des Sozialismus" galten),
trat man ihm nun gewaltig in den Hintern (Deportation - Einberufung
zum Wehrdienst). Das Kesseltreiben begann. Neben der schweren Grundausbildung
sah er sich dem psychischen Terror der Es oder Eks (E, EK
-Entlassungskandidat, Soldat im dritten Diensthalbjahr; Minutowitsch
- Wehrdienstleistender, der nur noch wenige Minuten zu dienen hat) ausgesetzt,
an dem sich auch, nachdem sie gerade dem unmittelbaren Sklavendasein
entronnen waren, munter die Zwipis beteiligten (Zwipi - Zwischenpisser,
Soldat im zweiten Diensthalbjahr). Der Rekrut stand unter Schock, ein
Zustand, der je nach Seelenlage mehr oder weniger lange anhielt. Und
während er dumpf vor sich hinbrütend den Fußboden keulte
(keulen - den Fußboden mit der Bohnerkeule blankpolieren),
flogen ihm die Sprachgeschosse um die Ohren, deren Splitter Klaus Peter
Möller für die Nachwelt aufsammelte: Schnibber, Schnipper,
Seiger, Socke, Springsau, Springvieh ...
Den Rest besorgte das Ambiente. Uralten Rezepten folgend verschrieb
man dem Wehrpflichtigen Abrichtung durch Askese. Ihm stand ein Bett
zu, ein schmaler Spind, ein Hocker und ein Platz an einem Tischchen
(Tischberechtigung - Berechtigung, am Tisch zu sitzen, mußte
... durch eine entsprechende Prüfung erworben werden). Da saß
er nun, wenn er durfte, stierte auf seine Plastetasse und fragte sich,
was er verbrochen habe. Die Wände waren mit blaßgrauer Ölfarbe
gestrichen, Bilder anbringen nicht gestattet, ein kleiner Weihnachtsbaum
wurde zentral im Klubraum erlaubt, Eigenmächtigkeit bestraft (Weihnachtskeulen
- besonders gründliches Keulen der Fußböden am Weihnachtstag).
Der Gott in dieser abgezirkelten Welt war die Zeit. Die Soldaten kehrten
das System um und spielten dem die Würde zu, der diesen mausgrauen,
freudlosen Ort bald verlassen konnte, und verachteten die Längerdienenden:
Zeitmaschine, Zeitstrahl, Zeitsilo, Zeitsäule
- Längerdienender, Jahrhundertwende - Kehrtwendung mehrerer
Berufssoldaten (vier Offiziere repräsentierten zusammen hundert
Dienstjahre), Tagebau - Ledigenheim für Offiziere.
Breiten Raum nehmen bei Möller jene Wörter ein, die sich gegen
die Soldaten selber richten. Wie bei Klemperers LTI, dort heißt
der Zahnarzt Zahnjude, eine von vielen hämischem Berufsbezeichnungen,
die sogar die Opfer verwendeten. Eine Art düsterer Humor, der für
Außenstehende schwer nachvollziehbar ist (Kohlenlude -
Soldat vom Heizungskeller, Kohlenmunk - Soldat, der zum Kohlenschaufeln
abkommandiert ist, Filzlaus - Soldat im Wintermantel).
In der Einleitung des Wörterbuchs steht, daß es in vielen
Zuschriften und Gesprächen mit der LTI verglichen wurde. LQI sozusagen,
die Sprache des Vierten Reiches. Es scheint wohl ein Merkmal der Folge
von Unterdrückung zu sein, den "Sprachrevolver" an die
eigene Schläfe zu setzen.
Wie heißt es bei Lessing: "Es sind nicht alle frei, die ihrer
Ketten spotten." Frontflüchter Plt. Stiefel.
Harri Engelmann
Klaus Peter Möller
Der Wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache
Lukas Verlag, Berlin 2000
340 S., 40 schw.-w. Abb., 15,8 × 23,5 cm
DM 39,80, öS 290, sFr 39.80
Ihr
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