Nr. 32, Januar 2001
 
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 Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Die Schneekatastrophe

Der Einbruch der Schneekatastrophe war für Mitternacht angekündigt, aber schon zur Zeit der frühen winterlichen Dämmerung war der Himmel wattig, und es roch nach unvermeidlichem Flockenzauber. Um sieben Uhr fing es leise an zu schneien. Eher schüchterne Kristalle. Wenn's klein schneit, schneit's lange, sagte Gregor und half Ada, das Raclette aufzubauen.

Tom und Anika brachten das Fondue mit, denn man hatte sich darauf geeinigt, sich nicht auf eine Spezialität zu einigen, sondern beide obligatorische Silvestergerichte parallel zu veranstalten. Erst schneit es, sagte Tom, als er mit Gregor auf dem Balkon stand und in das schüttere Geriesel hinaussah, aber das ist nur die Front, die vornewegläuft. Und dahinter?, erkundigte sich Gregor, während er seiner Zigarettenasche nachsah, die sich mit dem weißen Wind mischte. Dahinter kommt polare Kaltluft, referierte Tom. Ein skandinavisches Hoch.

Hadding erschien in Begleitung von Fritta, die sich mit Ada auf dem Klo einschloß, um den neuesten Tratsch auszutauschen, und vor allem einem ganzen Sack voller Explosivstoffe. Er war der Sprengmeister der Runde.

Um acht versammelten sich alle im Wohnzimmer und eröffneten das Silvestermahl. Die Heizung lief auf vollen Touren. Raclette und Fondue verbreiteten zusätzliche Wärme. An die Schneekatastrophe dachte eigentlich niemand mehr. Erst als Jan Vaclav gegen zehn Uhr eintraf, durchgefroren und mit Eiskristallen im bärtigen Gesicht, sahen sie wieder nach dem Wetter. Alles war tief verschneit, knöcheldick und makellos. Der Nachschub wurde gleichzeitig dichter und großflockiger. Von den Fenstern im zweiten Stock waren die Straßenlaternen kaum noch zu sehen. Wattige Höfe von Licht.

Um elf standen die Männer auf dem Balkon und lauschten den Dachlawinen, die sich in den Hinterhöfen stauten. Alle hielten ihren Aquavit vor der Brust; an den Rändern der Gläser bildeten sich Eiskristalle. Der Wind frischte auf. Gregor und Jan rauchten. Tom inspizierte das Barometer und verkündete, die Front sei nun genau über ihnen. Als sie wieder hineingingen, hockten die Frauen über Espressotäßchen und kicherten. Ada beschwerte sich, sie friere. Tatsächlich war es, seit Raclette und Fondue erloschen waren, kühl geworden. Gregor drehte die Heizung höher.
Der Schnee ging ihnen bis zu den Knien. Hadding und Jan Vaclav feuerwerkten lustlos und verbissen. Die Chinaböller versanken im lockeren Schnee, den sie breitflächig aber dumpf aufwirbelten. Die Neujahrsraketen verschwanden jenseits der Laternen im Gestöber, das sie fern durchwetterleuchteten. Tom und Anika lieferten sich eine Schneeballschlacht. Ada war unter Gregors Mantel gekrochen, aus dem sie trübe Blicke über die Gesellschaft schoß. Fritta hielt verkrampft ihr Sektglas fest. Als es in ihrer klammen Faust zerbrach, ging man wieder hinauf.

Gregor holte die Bowle aus der Küche. Auf dem Rückweg kam er an der Anzeige der Heizung vorbei, die nichts Gutes verhieß. Er drehte die Heizkörper in Schlaf- und Arbeitszimmer ab, um die Leistung aufs Wohnzimmer zu konzentrieren, und schaltete den Brenner auf Dauerbetrieb. Sie tranken die Bowle und schleuderten flüssiges Blei in eisiges Wasser. Die Gebilde, die sie dabei zutage förderten, wirkten zapfig und kristallin, aber es blieb völlig der Phantasie des Einzelnen überlassen, sie zu deuten.

Als die Herren auf den Balkon wollten, um zu rauchen, stellten sie fest, daß die Tür vereist war. Gregor leuchtete mit der Taschenlampe durch das blumige Glas und tastete mit dem Lichtstrahl im Freien herum. Es hatte aufgehört zu schneien. Der Himmel schien klar. Die Temperatur fiel in den zweistelligen Frost.

Jetzt wird es richtig kalt, teilte Tom den Damen erfreut mit, als sie - nachdem sie die Küche vollgequalmt hatten - ins Wohnzimmer zurückkehrten. An den Fenstern bildete sich grobsträngiger Reif. Weil sie die Radiomeldungen über erfrorene Obdachlose und Verkehrstote nervös machten, legte Ada alte Platten auf. Weniger, weil sie Hunger hatten, als aus schlichtem Frösteln heraus, schalteten sie das Raclette wieder an, um das sie sukzessive zusammenrückten. Um dem peinlichen Schweigen entgegenzuwirken, füllte Gregor einige Pfännchen mit Käse und schob sie unter die rotglühende Heizspirale. Jan Vaclav schloß sich an. Hadding teilte Tischfeuerwerk aus, konnte aber niemand dafür erwärmen herumzuknallen. Als Gregor ins Schlafzimmer ging, um Ada einen Pullover zu holen, stellte er fest, daß ein schneeiger Pelz auf den Betten lag. Die Fensterläden waren von dickem wulstigem Eis verkrustet. Er kehrte mit einem Norweger zur Runde zurück. Jan war verschwunden. Er sei hinausgegangen, antwortete Tom lapidar. Sie fanden ihn auf halber Strecke zum Zigarettenautomaten. Er war noch ansprechbar, konnte sich aber kaum bewegen. Zu dritt trugen sie ihn hinauf. Hadding schlug vor, ihn in warmem Wasser wieder aufzutauen, aber die Leitung blieb stumm. Die Rohre sind eingefroren, sagte Tom.

Fritta schaffte es, auf dem Spirituskocher des Fonduegerätes lauwarmen Tee zu kochen, den sie ihm, mit reichlich Alkohol versehen, einflößten. Er kam einigermaßen zu sich und fing an, tolle Stories zu erzählen. Die Nase würde natürlich kaum zu retten sein.

Später ließen sie die Rolläden herunter, weil der Wind die Scheiben vereiste und an erstaunlich zahlreichen Stellen durch die Rahmen zog. Als Anika vorschlug, man solle Nachrichten hören, schaltete Gregor von Plattenspieler auf Radio und erntete eisige Stille. Nicht einmal ein Rauschen im Sender. Als der Strom ausfiel, hockten sie in Mänteln und Handschuhen um die blaue Flamme des Spiritusbrenners. Die Wolken ihres Atems vermischten sich und gingen als feiner Schnee über dem Sofa nieder. Irgendwann brachte Tom es fertig, das Handgelenk aus dem Ärmel zu winden und nach der Uhr zu sehen. Draußen sollte jetzt langsam die Sonne aufgehen, meinte er. Aber es antwortete niemand mehr.



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