Nr. 32, Januar 2001
 
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Über das verschiedene Wesen von Mann und Frau
Oder: Dürfen Frauen in der Bundeswehr schießen?

Exklusivbericht unseres Athener Korrespondenten

Der antike Philosoph Platon (eigentlich Aristokles, 428 - 347 v. Chr.) hat mit seinem Hauptwerk Der Staat versucht, die Gedanken seines Lehrers Sokrates über das ideale Gemeinwesen weiterzugeben. Dabei ging es um die Frage der besten Staatsform, und die orientierte sich, im Gegensatz zur Zeit vor Sokrates, nicht mehr an den Göttern, sondern nahm den Menschen als Maß der Welt. Die Politeia, so der Originaltitel des Buches, sollte die innere Ordnung, die Seele der Polis darstellen. Auch das "Höhlengleichnis", der wohl bekannteste Text Platons, stammt aus Der Staat. In Dialogform breitet er Argumente und Gegenargumente vor dem Leser aus und läßt ihn die geschliffene Rhetorik altgriechischer Streitgespräche nachvollziehen. Im Folgenden erörtert Sokrates mit seinem Schüler Glaukon die allgemeine Frage nach dem Unterschied der Geschlechter am speziellen Beispiel der Wächter, d. h. des Soldatenberufes.

"Auf nun!" rief ich, „vielleicht finden wir einen Ausweg! Zugegeben ist, daß verschiedene Naturen verschiedene Aufgaben haben müssen, ferner, daß das Wesen des Mannes von dem der Frau verschieden sei. Nunmehr verlangten wir von verschiedenen Naturen dieselbe Aufgabe. Diese Anklage erhebt ihr gegen uns, nicht?"
„Klarerweise!"
„Wahrlich, mein Glaukon, edel ist die Macht, die der Kunst des Widerspruches eigen ist."
„Wieso?"
„Weil ihr viele, auch gegen ihren Willen, verfallen und glauben, ein echtes Streitgespräch zu führen, während sie nur leeres Stroh dreschen, denn sie können den Gegenstand des Streites nicht in seine Artbegriffe zerlegen und danach betrachten, sondern suchen Widerlegung der Behauptung nur im Wortlaut und führen so gegeneinander ein Wortgefecht, keine ernste Erörterung."
„Das geht gewiß vielen so; aber trifft es auch auf uns in der vorliegenden Frage zu?"
„Natürlich!" antwortete ich. „Wir verfangen uns, scheint es, unwillkürlich in einen Widerspruch."
„Wieso?"
„Daß einerseits dieselbe Natur nur dieselbe Aufgabe erhalten darf, das behaupten wir recht tapfer und streitbar nach dem äußeren Wortlaut; aber wir beachten keineswegs, was wir damals unter dem Begriff derselben oder der verschiedenen Natur verstanden haben, und was wir damit bezweckten, als wir verschiedenem Naturen verschiedene, den gleichen aber die gleiche Aufgabe zuwiesen."
„Darauf achteten wir nicht!"
„Unter solchen Umständen können wir uns ja auch fragen, ob Kahlköpfe und Langgehaarte dasselbe oder ein entgegengesetztes Wesen haben; und wenn wir es als entgegengesetzt bezeichnen, dann dürfen wir, falls die Kahlköpfe schustern, dies den Langhaarigen nicht erlauben und umgekehrt."
„Das wäre lächerlich!"
„Aber nur deshalb, weil wir damals nicht ganz allgemein auf Gleichartigkeit oder Verschiedenheit der Natur achteten, sondern bloß auf jene Art der Besonderung, die sich auf den Beruf bezog. So sagten wir, Arzt und Arzt hätten dieselbe Anlage, nicht?"
„Ja!"
"Arzt und Zimmermann hingegen eine andere?"
„Sicherlich!"
„Wenn also", fuhr ich fort, „das männliche und weibliche Geschlecht für eine Fertigkeit oder sonst eine Beschäftigung als unterschiedlich geeignet erscheint, muß es, sagen wir, dieser oder jener zugewiesen werden. Wenn sie sich aber bloß dadurch unterscheiden, daß die Frau gebiert, der Mann aber zeugt, dann ist dadurch noch keineswegs ein Unterschied zwischen Frau und Mann in der Berufseignung erwiesen, sondern Wächter und Frauen müssen, wie wir auch weiterhin glauben, dieselben Aufgaben erfüllen."
„Mit vollem Recht!"
„Wollen wir nunmehr nicht unseren Gegner auffordern, uns eben darüber zu belehren, für welche Fertigkeit und welche Beschäftigung im Dienst unseres Staates die Natur von Mann und Frau nicht gleich, sondern verschieden ist?"
„Ganz richtig!"
„Auf! werden wir zu ihm sagen, antworte uns! Von Natur aus begabt oder unbegabt für etwas nanntest du doch einen Menschen, der dies leicht oder andererseits schwer erlernt, und der nach kurzer Lehrzeit äußerst findig ist auf seinem Gebiet, während der andere nach vielem Lernen und vieler Mühe nicht einmal behält, was er gelernt hat, ferner wenn den einen seine Körperanlage bei der geistigen Arbeit fördert, den andern hemmt. Oder gibt es noch andere Gesichtspunkte, nach denen du den für den Beruf Geeigneten von dem Ungeeigneten trennst?"
„Niemand wird andere nennen können:"
„Kennst du nun irgendeine menschliche Beschäftigung, in der sich nicht in jeder Hinsicht das männliche Geschlecht dem weiblichen überlegen zeigt? Oder wollen wir Aufhebens machen von der Webkunst, der Koch- und Backkunst, in denen das weibliche Geschlecht etwas versteht? Andernfalls würde es doch weidlich ausgelacht werden!"
„Du hast recht: fast in allen Beschäftigungen ist das männliche Geschlecht überlegen. Freilich gibt es viele Frauen, die in mancher Hinsicht besser sind als die Männer. Aber im ganzen hast du recht."
„Es gibt also keinen öffentlichen Beruf, der nur für eine Frau oder nur für einen Mann geeignet wäre, sondern die Anlagen sind in beiden Geschlechtern gleich verteilt und die Frau hat, nach ihrer Anlage, an allen Berufen Anteil, ebenso der Mann, überall aber ist die Frau schwächer als der Mann."
„Gewiß!"
„Wollen wir nun alle Berufe dem Mann zuschieben, der Frau keinen?"
„Wieso auch?"
„Es gibt also, so werden wir, denke ich, behaupten, auch Frauen mit und ohne ärztliche, mit und ohne musikalische Anlagen?"
„Gewiß!"
„Ebenso mit und ohne Anlagen für Gymnastik und Kriegskunst?"
„Ich denke!"
„Es gibt also auch Frauen, die die Wissenschaft lieben, während andere sie hassen, Frauen voll Mut und Frauen ohne Mut?"
„Natürlich!"
„Somit eignen sich auch manche Frauen für den Wächterberuf, andere nicht? Oder wählten wir nicht auch in gleicher Weise bei den Männern die geeignetsten Männer aus?"
„Ja, gewiß!"
„Also ist die Natur der Frau zum Wächterberuf gleich geeignet wie die des Mannes, nur ist sie schwächer als diese."
„Offenbar!"
„Gleichen Naturanlagen muß man doch gleiche Beschäftigung zuweisen?"
„Ganz recht!"

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