Nr. 31, Dezember 2000
 
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Jean Paul

Meine Christnacht

Ich schwebte fest und unbewegt über den Strudeln der rollenden Erde, und die umlaufende Welt führte ihre Länder und Völker unter mir vorbei. O, wie viel Jammer und wie viel Wonne flohen vorüber!!! Bald wälzte die Kugel ein stürmendes schreiendes Meer und taumelnde Schiffe mit angeketteten nachfliegenden Särgen vorbei - bald ein persisches Thal, glühend von Nelken und Lilien und Narzissen und rauchend von hängenden Blumen-Gärten auf Pfirsichstämmen - Schlachtfelder voll umklammernder Würgengel verfolgten duftende Gärten mit umarmenden weichen Geliebten - bald kamen zwei Arme, die das staunende Entzücken, bald zwei andere, die der Jammer aufhob - und die Kugel zeigte mir auf ihren weichen Blumen den glücklichen Schläfer, und unter ihm den liegenden gleich einer lebendig beerdigten Leiche arbeitenden Bergmann und Minen-Neger - Regenbogen auf erkälteten Gewittern und auf erhabenen Wasserfällen, niederbrennende Städte unter Donnerwettern und schillernde Auen im Morgenthau; die Todtenglocke summte in das Freudengeläute, das Morgenroth zerfloß ins Abendroth, und die reißende Kugel rückte das an ihr hängende Menschengeschlecht, alle seine verweinten, erhabenen, zerdrückten, verwesenden Gestalten und alle unsere Thränen und Kränze und Siechbetten und Spiele zusammen, und der Schmerz und die Seligkeit riefen neben einander fliehend: Ich bin ewig! - - Da stand in meinem Geist der Stolz und die Kraft der Unsterblichkeit auf, und er sagte: Eile hinab, schmutzige Kugel, mit deinen geflügelten Schmerzen, mit deinen geflügelten Freuden, du bist viel zu vergänglich für einen Unsterblichen!
Aber als der wegziehende Erdkreis seine Sonne entblößte und die Sonnen hinter ihr - und als mein gereiftes Auge um die andern Sonnen tausend Erden schwimmen und alle dunkle Klumpen mit der umgewälzten Nachbarschaft der Paradiese und der Gräber, des Jammers und des Jubels, eilen sah, so brach meine Brust unter der Verzweiflung, und ich rief aus: "Unendlicher, sind denn deine Endlichen nirgends glücklich? O, wenn wird denn die ermüdete Seele gesättigt?"
Ein sanftes Tönen antwortete: "Auf keiner Erde - aber nach dem Sterben - bei der unendlichen Liebe, bei der unendlichen Weisheit." - Und hier kehrte die Erde von ihrem Jahre zurück und flog oben von der Sonne herab, und das Tönen sang schöner und leiser nach: "Geh auf deine Erde, du bist noch nicht gestorben." Und hier wurde aus allen in der Tiefe fliegenden Welten ein zitterndes Glockenspiel, und meine getröstete Seele stieg der alten niederfallenden Erde sanft gezogen entgegen - und ein funkelnder Zirkel aus zwei verknüpften Regenbogen war um ihr rundes Ufer gelegt - und sie riß mich erschüttert zu sich, und ich wachte auf ...
Um den Thurm flogen die heiligen Töne des Christmorgens, und der Morgenwind brachte sie schweigend - unter mir ging der finstere Strom mit seinen alten Wellen und mit ewigen Tönen - die Sternbilder des Himmels standen fest und hell, und die Wolken lagen, von Nachtwind gethürmt und von der tiefen heraufziehenden Sonne gefärbt, bergig im Osten - und in einigen der nächsten Häuser waren schon die Frucht- und Zuckerbäume angezündet, und die von der Musik zu bald geweckten Kinder hüpften um die brennenden Zweige und um das versilberte Obst ...

Aus: Jean Paul, Biographische Belustigungen. Der Jubelsenior. Appendix des Appendix, oder meine Christnacht (1796)


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