|
|
Jean Paul Meine Christnacht Ich schwebte fest und unbewegt über den Strudeln der rollenden
Erde, und die umlaufende Welt führte ihre Länder und Völker
unter mir vorbei. O, wie viel Jammer und wie viel Wonne flohen vorüber!!!
Bald wälzte die Kugel ein stürmendes schreiendes Meer und
taumelnde Schiffe mit angeketteten nachfliegenden Särgen vorbei
- bald ein persisches Thal, glühend von Nelken und Lilien und Narzissen
und rauchend von hängenden Blumen-Gärten auf Pfirsichstämmen
- Schlachtfelder voll umklammernder Würgengel verfolgten duftende
Gärten mit umarmenden weichen Geliebten - bald kamen zwei Arme,
die das staunende Entzücken, bald zwei andere, die der Jammer aufhob
- und die Kugel zeigte mir auf ihren weichen Blumen den glücklichen
Schläfer, und unter ihm den liegenden gleich einer lebendig beerdigten
Leiche arbeitenden Bergmann und Minen-Neger - Regenbogen auf erkälteten
Gewittern und auf erhabenen Wasserfällen, niederbrennende Städte
unter Donnerwettern und schillernde Auen im Morgenthau; die Todtenglocke
summte in das Freudengeläute, das Morgenroth zerfloß ins
Abendroth, und die reißende Kugel rückte das an ihr hängende
Menschengeschlecht, alle seine verweinten, erhabenen, zerdrückten,
verwesenden Gestalten und alle unsere Thränen und Kränze und
Siechbetten und Spiele zusammen, und der Schmerz und die Seligkeit riefen
neben einander fliehend: Ich bin ewig! - - Da stand in meinem Geist
der Stolz und die Kraft der Unsterblichkeit auf, und er sagte: Eile
hinab, schmutzige Kugel, mit deinen geflügelten Schmerzen, mit
deinen geflügelten Freuden, du bist viel zu vergänglich für
einen Unsterblichen! Aus: Jean Paul, Biographische Belustigungen. Der Jubelsenior. Appendix des Appendix, oder meine Christnacht (1796) |
| Essays Interview Leseproben Net-Ticker TextBilder Rubriken Archiv |