Nr. 31, Dezember 2000
 
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Pu der Bär geht nach Winnipeg

Privatleute aus der kanadischen Stadt Winnipeg (Manitoba, Kanada), Männer, Frauen und Kinder, legten ihre letzten Ersparnisse zusammen und ersteigerten in London bei Sotheby's für einhundertsiebenundsiebzigtausend Dollar ein Gemälde. Der Maler ist E. H. Shephard, und das Bild ist sein einziges Ölbild.
Die meisten werden Shephard nie gehört haben, obwohl sie fast alle seine Zeichnungen kennen: Es sind die Original-Illustrationen zu den Büchern über Pu, den Bären.
Die kanadische Stadt hat eine besondere Beziehung zu ihm. Sie liegt eine Weile zurück. 1914 ging Captain Harry Colegourn von Winnipeg in den Krieg nach Europa und nahm als Maskottchen ein verwaistes Bärenbaby mit. Er nannte es nach seiner Heimatstadt Winnie und lieferte es nach der Ankunft in England im Londoner Zoo ab. Dort fiel das Bärenkind einem Schriftsteller namens A. A. Milne und seinem Sohn Christopher Robin in die Augen, woraufhin der Junge seinen Teddybären ebenfalls Winnie nannte und Milne nur noch Winnie und Robin in seinem nächsten Kinderbuch verewigen mußte: "Winnie the Pu".
Shephards Bild (1930 gemalt, einen Meter noch, einen halben Meter breit) stellt einen Bären der, der versonnen in einen Honigtopf schaut.
Wo das Bild hängen soll, ist noch unklar. Ein Winnie-the-Pu-Museum gibt es nicht in Winnipeg. Noch nicht.

 

Kein Buch für Erstbesucher

Der Autor Peter Ackroyd hat soeben sein Buch "London: the Biography" vorgestellt. "Biographie" ist sicher etwas zu viel versprochen, aber etwas wie eine heimliche Stadtgeschichte ist dabei herausgekommen.
Beispiel: die Fetter Street. Jeder geht an dieser Viertelmeile zwischen Fleet Street und Holbourn, an ihren drei Pubs und drei Cafeterias vermutlich gedankenlos vorbei - auf dem Weg zu St. Paul's Cathredal.
Und doch. Fetter erzählt, wie in dieser Straße der Dichter John Dryden wohnte, der Komponist John Dowland, der Philosoph Thomas Hobbes, der Publizist Thomas Paine - und, im siebzehnten Jahrhundert, Isaac Praisegod Barbone, Inhaber eines Ledergeschäfts und notorischer Aufrührer. Da mag es dann auch von Interesse sein, daß der große Brand von London 1666 genau an dieser Straße Halt machte. Von den Hinrichtungen in der Fetter Street, meist von den Protestantismus halsstarrig verweigernden Katholiken, ganz zu schweigen.
Auch größeren Gebieten gewinnt Ackroyd einen besonderen Charakter ab: Clerkenwell war für ihn, nachweislich, ein revolutionäres Dissidentenviertel, Bloomsbury ein Sammelpunkt für Okkultisten.
Wer London nicht schon gut kennt, wird allerdings enttäuscht sein: Wachsmuseen und Königspaläste werden nur im Vorübergehen erwähnt.


Attraktiver de Sade

Als der Regisseur Philip Kaufman ("Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", immerhin) den Plan faßte, das Leben de Sades zu verfilmen, meldeten sich große Namen für die Hauptrollen: Michael Caine - für die Rolle des bösen Arztes, der in Napoleons Auftrag de Sade "kurieren" sollte; Kate Winslett - als die Wäscherin, die de Sades Manuskripte aus dem Irrenhaus schmuggelt; Joaquin Phoenix als der Abbé, der Verständnis hat für die Ausdruckszwänge des Schriftstellers; und schließlich Goeffrey Rush als der "göttliche Marquis" selbst.
"Es riecht ein wenig nach einem Märchen", gab Kaufman zu, "da sitzt das Ungeheuer in seiner schwarzen Höhle und schreibt und schreibt, und seine Werke werden von einer Jungfrau hinaus in die Welt gebracht, während ein ebenso unschuldiger Abt sie dabei beschützt. Dann schickt der Kaiser einen verkappten Bösewicht - die Repression gegen die Expressivität." Und warum sollte man in den Film gehen? Nochmal Kaufman: "Ich denke, es wird ein großartiger Film für ein Rendezvous, denn man kann hinterher über ihn reden, was man ja mit den meisten anderen Filmen heute nicht kann."
Man braucht nicht gespannt zu sein.


Wenn der Leser zum Lektor wird

Ein Fortsetzungsroman aus dem Internet kommt als Book on Demand auf den Buchmarkt. Bei diesem Herstellungsverfahren liegt das Buch in digitaler Form vor und wird erst produziert, wenn eine Bestellung eintrifft. Dadurch wird das finanzielle Risiko bei der Produktion deutlich gesenkt. Die meisten der so produzierten Bücher werden von der Literaturkritik jedoch schief angesehen, weil der Autor häufig keinen Verlag hat und sein Buch selbst veröffentlicht. Ohne Verlag und Lektor -- keine Qualität: So lautet die einfache Gleichung der Kritiker.
Jetzt aber kommt ein Buch ohne Unterstützung durch einen Verlag auf den Markt, das dennoch durch eine harte Qualitätsprüfung gegangen ist. "Die Reise nach Jerusalem" von Jan Ulrich Hasecke (37) ist ein Roman der Dutzende von Lektoren hatte.
1999 begann der Internet-Kolumnist und Satiriker Hasecke (www.sudelbuch.de), der auch für die Gazette schreibt, mit der Veröffentlichung eines Fortsetzungsromans im Internet. Aufgrund der positiven Reaktionen der Leser, entschloss er sich, den Roman zu überarbeiten und als Buch zu veröffentlichen. In die Überarbeitung flossen zahlreiche Anregungen und Kritiken von Lesern mit ein.
In dem 150seitigen Roman geht es um Viktor, einen jungen Mann, der nach Israel reist, um den Tod seiner französischen Geliebten Aline zu vergessen. Doch statt interessanter Ablenkung trifft Viktor im Heiligen Land auf Rona, eine junge Israelin, die ihn immer wieder schmerzlich an Aline erinnert. Die Reise nach Jerusalem wird für Viktor zu einer Reise in die Vergangenheit. Je mehr er sich in Rona verliebt, um so stärker empfindet er den Verlust Alines. Ronas Großvater, der Besitzer der Herberge, in der Viktor übernachtet, hat als junger Mann das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Viktor, aufgewachsen in den 60er und 70er Jahren, gehört zur geschichtslosen zweiten Nachkriegsgeneration und wird durch die Begegnung mit Rona und ihrem Großvater in Israel zum ersten Mal in die deutsche Geschichte verwickelt.
Virtuos verknüpft Hasecke die verschiedenen Erzählebenen. Die gescheiterte Liebe zu Aline und ihr Sterben wird in Rückblenden immer wieder mit der Haupthandlung verknüpft. Dabei nimmt der Autor den Leser mit auf eine sprachgewaltige Reise durch faszinierende Landschaften und Orte Israels, die sich in kräftigen Farben von Paris und dem dörflichen Frankreich abheben. Und da auf den 150 Seiten auch die Erotik nicht zu kurz kommt, kann man das Buch uneingeschränkt als Feiertagslektüre empfehlen.
Der Roman kann für 19,80 DM online und direkt bei Libri bestellt werden.


Zweig in Augsburg

Als "unvergessliche Erinnerung" beschreibt Stefan Zweig (Foto, mit seiner Frau) seinen ersten morgendlichen Spaziergang durch Augsburg, "diese prachtvoll gleichgewichtige, schöne und starke Stadt" (Broschüre des Augsburger Verkehrsvereins, 1925).
Der österreichische Schriftsteller war mehrere Male zu Gast in Augsburg. Seine erste Begegnung fand im Spätsommer 1916 statt, vermutlich auf der Rückreise von Leipzig nach Salzburg. Zweig nächtigte in Augsburg und nutzte die Gelegenheit zu einem morgendlichen Spaziergang, der ihn sichtlich beeindruckte.
Im Jahre 1925 hielt Zweig anlässlich einer Lesereise durch Süddeutschland am 6. März 1925 einen Vortrag über Friedrich Hölderlin im Hotel Drei Mohren in Augsburg. Eingeladen dazu hatte die Literarische Gesellschaft. Die Ankündigungen in der Presse sowie die Kritik des Vortrags sind erhalten.
Gut fünf Jahre später, im Juli 1930, machte Zweig wieder Halt in Augsburg: "Mit Bewunderung sprach er dabei von einem 'vereinten Europa', das die von hier ausgehenden Unternehmungen der Fugger einst für einige Zeit hatten Wirklichkeit werden lassen".
Diese Gedanken des österreichischen Weltreisenden lesen sich auch heute aktuell. So ist Stefan Zweig im Jahre 2001 wieder in Augsburg: drei Monate lang. Über 50 Veranstaltungen zeigen vom 18. Januar bis 6. April, wie Stefan Zweig heute gesehen werden kann. Vorträge, Lesungen, Ausstellungen und Filme machen den Dichter sichtbar, den Reisenden, den Weltbürger, die Person und dazu das Umfeld des österreichischen Schriftstellers.
(Pressemitteilung)


Niederlage oder geordneter Rückzug?

Der elektronische Verlag Mighty Words hat im November einigen Tausenden seiner Autoren die Verträge gekündigt und den verbliebenen das Honorar gekürzt.
Der Publishing-on-demand-Verlag hatte etwa zehntausend Titel im Programm, deren Text die Autoren selbst einliefern konnten. Die danach bestellten Exemplare wurden über die Website von Mighty Words verkauft, wobei die Einnahmen zu gleichen Teilen zwischen Autor und Verlag aufgeteilt wurden. Nach dem jetzt erfolgten Rückzug bleiben nur noch etwa zweitausendfünfhundert Titel übrig. Die neue Honoraraufteilung gibt dem Verlag siebzig und läßt dem Autor nur noch dreißig Prozent der Einkünfte.
Genau wieviel Autoren dort heimatlos werden, kann überhaupt nicht festgestellt werden, da ein und derselbe Autor seine Werke oft unter verschiedenen Mail-Adressen und Pseudonymen angemeldet hat.
Judy Kirkpatrick, die Vizepräsidentin von Mighty Words, begründete den Schnitt mit dem zweifellos überzeugenden Grundsatz, man wolle sich künftig auf Bücher konzentrieren, die der Kunde auch kaufen möchte. Es habe keinen Sinn mehr, alle möglichen Texte zu akzeptieren, von denen die Autoren ein paar Exemplare an ihre Angehörigen und Freunde verkaufen, und der Rest dann nur noch unbeachtet herumsteht.
Ab jetzt werde man nur noch Titel produzieren, die professionell lektoriert, gelayoutet und hergestellt werden.
Der gute Vorsatz kommt einem irgendwie bekannt vor. Es soll unelektronische Verlage geben, die ihn schon länger befolgen.


Zweiter Kennedy-Film im Museum

Den Zapruder-Film kennt jeder. Weniger bekannt ist der zweite Amateurfilm von Kennedys Ermordung, der von Orville Nix (Foto) aufgenommen wurde, mit einer Dauer von 24,5 Sekunden. Die Szenen: Jackie Kennedy klettert nach hinten auf den Kofferraum des Wagens, um abgesplitterte Schädelknochen einzusammeln, dann steigt der Secret Service Agent Clint Hill ebenfalls auf den Kofferraumdeckel.
Der Film ist deshalb von einigem historischen Interesse, da er von einer Zapruder gegenüberliegenden Position aus gedreht wurde (sogar Zapruder selbst ist ein paarmal zu sehen). Damit ist auch der berüchtigte "Grasbuckel" hinter Zapruder im Bild, auf dem manche noch immer einen zweiten Schützen vermuten.
Der Film und die Kamera, mit der er aufgenommen wurde, wurden jetzt dem Sixth Floor Museum in Dallas übergeben. Die Familie ließ sich deshalb so lange Zeit damit, um privat ungestört zu bleiben, sagte Nix' Sohn.


Bertelsmann kauft (vermutlich) EMI

Fast alle Musikkonservenhersteller gehören heute jemand anderem: Time Warner oder Sony oder dem französischen Ex-Wasserhändler Vivendi. Nur EMI gehörte noch sich selbst. Das will Bertelsmann jetzt ändern und begann im November die Übernahmegespräche. Der EMI-Vorsitzende Eric Nicoli sieht es gelassen: "Für uns hätte das ähnliche strategische Vorteile wie das nichtzustandegekommene Joint Venture mit Time Warner."
Eigentlich steht die britische EMI wirtschaftlich nicht schlecht da. Die Umsätze stiegen im ersten Halbjahr von 5,9 auf 11,4 Milliarden Pfund (während allerdings die Gewinne vor Steuern im gleichen Zeitraum von 86,5 auf 59,1 Millionen Pfund zurückgingen). "Wir brauchen die Fusion nicht", sagt Nicoli selbstbewußt.


Auch Paris ehrt einen Amerikaner

Robert M. Parker jr. ist auch in Frankreich der angesehenste Weinkenner der Welt. Seine Wein-Bücher (darunter auf deutsch "Parker Rhone", Parker Bordeaux" und der klassische "Parker's Wein Guide"), werden von Liebhabern mit Andacht gelesen und auswendig gelernt. Seine Urteile jagen Weinpreise in die Höhe oder auch in den Keller.
Ende November überreichte ihm die Internationale Akademie für Gastronomie in Paris ihre höchste Auszeichnung, den "Grand Prix für Eßkultur und Ernährungswissenschaft". Parker, so der Gründungspräsident Michel Genin, sei ein "Weinkenner ohnegleichen", dessen Geschmack "höchste kritische Genauigkeit" beweise.


Die GEMA und Hewlett-Packard

Die CD-Brenner von Hewlett-Packard sind die ersten Geräte dieser Art, die jetzt in Deutschland mit einer Kopierabgabe belastet sind. Sie wird an die GEMA abgeführt zum Ausgleich für die unerlaubt gezogenen Kopien tantiemenpflichtiger Musikstücke, seien es aus dem Internet geholte MP3-Dateien oder kopierte Original-CDs. Man schätzt allein diese jährlich auf fünfhundert Millionen weltweit (wodurch der EU Steuerausfälle in Höhe von hundertsechzig Millionen Mark entstehen).
Ursprünglich verlangte die GEMA dreißig Mark für jeden in Deutschland verkauften CD-Brenner - rückwirkend seit Februar 1998. Der Hersteller zog dagegen vor Gericht. Am 23. November einigten sich die Parteien: HP zahlt bloß noch drei Mark sechzig pro Gerät für die zurückliegenden und zwölf Mark für alle künftigen Verkäufe.
Auch anderen Produzenten wird die GEMA vermutlich dieselbe Rechnung präsentieren.
Schon gehen bei jedem verkauften Kassettenrekorder zwei Mark fünfzig und bei jedem Videorekorder achtzehn Mark an die GEMA.
Die Organisation verteilt diese Einkünfte an Autoren und Urheber. Was die Washington Post nicht daran hinderte, darin wieder einmal ein schlimmes Zeichen der deutschen Regelungswut zu sehen.


Die Techniken eines Literatur-Detektivs

Ursprünglich hieß der Autor von "Primary Colors" bloß "Anonymous". Dann machte sich ein fünfzigjähriger Universitätsprofessor, Don Foster, an die Arbeit und entlarvte den Namenlosen als Joe Klein von Newsweek Magazine. Wie er das macht, verrät er jetzt in seinem eigenen Buch "Author Unknown. In the Trail of the Anonymous".
Angefangen hatte er mit Shakespeare, beziehungsweise einer "Funeral Elegy", die seiner Überzeugung nach von Shakespeare ist. Die Elegie wurde für William Peter geschrieben, der nach einer mehrstündigen Sauftour als Dreißigjähriger 1612 ermordet worden war. Foster verglich die sprachlichen Muster und Eigenheiten der Elegie mit Shakespeares Werken und wurde fündig. Das war 1966. Heute wird die Elegie in viele (nicht alle) Shakespeare-Ausgaben aufgenommen. Und Foster gilt als der größte Text- und Literaturdetektiv von heute.


Der "Spion", der aus Los Alamos kam

Der sechzigjährige Physiker Wen Ho Lee, der im vergangenen Jahr wegen Geheimnisverrat von dem Nuklearkomplex entlassen wurde, hat sich saniert. Nicht nur eine Fernsehserie über ihn ist in Bearbeitung (allerdings ist die Familie noch dagegen). Auch ein Buch - mit einem Ko-Autor - ist geplant, in dem Lee seine Version der ganzen Angelegenheit erzählen will. Das Buch soll im Herbst 2001 herauskommen.
Die Strafverfolgung gegen den Wissenschaftler war unter herbe Kritik gekommen, als ihr rassistische Gründe unterstellt wurden. Tatsächlich blieben von den neunundfünfzig Anklagepunkten am Ende nur noch einer übrig (auch wenn da ein Deal mit dem Staatsanwalt zugrundeliegen mag: umfassende Aussage gegen weitgehende Straffreiheit). Und Spionage zum Vorteil einer ausländischen Macht konnte ihm ebenfalls nicht nachgewiesen werden.

 



Ihr Kommentar

Die Gutenberg-Bibel geht ins Netz

Die British Library und die
Universität von Keio (Japan) wollen zusammen die 42-zeilige lateinische Gutenbergbibel von 1455 weltweit zugänglich machen: im Internet.
Insgesamt sind von diesem Buch nur einhundertachtzig Exemplare gedruckt worden. Dreiundvierzig davon sind heute noch erhalten (und bei weitem nicht alle vollständig). London besitzt außer Fragmenten eines Exemplars zwei weitere vollständige (eins auf Pergament, eins auf Papier), und beide sollen - mit der Hilfe japanischer Spezialisten - digitalisiert werden.
"Viele Bilder", verspricht Kristian Jensen, Kurator der British Library für frühe Drucke, "werden von so ausgezeichneter Qualität sein, daß man auch als Forscher mit der Präsentation im Internet wirklich besser dran ist."


Geheimnisverrat

Der kanadische Governor General (Foto) ist eine Frau: Adrienne Clarkson (verheiratet mit dem Kulturkritiker und Bestsellerautor John Ralston Saul). Normalerweise weiß niemand vor der Verkündigung des Literaturpreisträgers des Governor General in Ottawa , wem sie ihn überreichen wird.. Nur diesmal wußte es drei Tage vorher schon die Presse: Michael Ondaatje mit "Anil's Ghost".
Wo war das Leck?
Schuld war eine fehlgelaufene E-Mail, und die Presse hatte sie aufgefangen.
Ondaatje gewann knapp vor Margaret Atwood und ihrem Buch "The Blind Assassin". Reich wird man nicht durch den Preis: Er schwankt zwischen zehn- und fünfzehntausend kanadischen Dollar. Mit einer schönen Zugabe allerdings: Ein Buchbindermeister bindet ihm ein Sonder-Exemplar des prämiierten Buches in einer Qualität, wie man sie vor langer Zeit noch hatte.


First Authoress

Hillary Clinton schreibt an einem - natürlich großzügig illustrierten - Buch über die Geschichtsträchtigkeit des Weißen Hauses. Titel: "Eine Einladung ins Weiße Haus - in der Geschichte daheim." Das Honorar dafür soll in vollem Umfang an die White House Historical Association gehen.
Faszinierende Einblicke stehen bevor. Man sieht Mrs. Clinton vor allem als sensible Innendekorateurin ("Als Bill Seale, der Historiker des Weißen Hauses, und ich uns aber umsahen, stimmte das vibrierende neue Blau doch nicht ganz."). Auch Kunstförderung geschieht: Die First Lady stellte acht moderne Statuen in den Jacqueline-Kennedy-Garten.
Der Koch und der Konditor des Weißen Hauses kommen ebenfalls zu Wort und steuern auf insgesamt vierundachtzig Seiten ihre besten Rezepte bei.


Harry saniert den Verlag

Harry Potter tut nicht nur allerorten dem Buchhandel und der Autorin gut (sie erhielt gerade die erste Ehrendoktorwürde), sondern auch seinem britischen Verlag Bloomsbury. Die Feststellung der Verlagsleitung, das Ergebnis habe "die Erwartungen übertroffen", muß als Untertreibung durchgehen. Während noch im ersten Halbjahr 1999 ein Verlust von einhundertdreitausend Pfund zu verschmerzen war, verzeichnet das Haus im ersten Halbjahr 2000 einen Gewinn (vor Steuern) von zweihundertdreiundsiebzigtausend Pfund.
Die Verlagsaktie kletterte freudig um sechzig Pence auf fast neun Pfund, womit Bloomsbury jetzt insgesamt einhundertfünfzig Millionen Pfund wert ist.


Auch Frankreich im Potter-Rausch

Ab 30. November um Mitternacht wurde in Frankreich der vierte Harry Potter ("und der Feuerkelch") ausgeliefert. Vierhundertfünfzigtausend Exemplare. Fürs erste. Später kommt noch die Taschenbuchausgabe dazu.
France Culture änderte sein Radioprogramm: Schauspieler Bernard Giraudeau las an dem Abend aus dem ersten Potter-Buch.
Seit 1998 wurden 1,4 Millionen Potters verkauft, davon dreihunderttausend allein im vergangenen Oktober.


Noch einmal Harry

Es ist wohl ein Rekord: Schon drei Jahre nach Erscheinen wurde ein Exemplar der Erstausgabe des "Stein der Weisen"-Potters versteigert, und zwar in Swindon (Westengland) für umgerechnet neunzehntausendachthundert Mark. "Ein phänomenaler Preis", sagte Geoff Jackson vom Auktionshaus Dominic Winter, "für ein Buch, das erst 1997 veröffentlicht wurde."


Der anti-kirchliche Hamburger

In Pisa gibt es einen katholischen Theologen, Massimo Salani, der die Aufassung vertritt, Katholiken dürften kein Fastfood essen, weil Fastfood protestantisch sei. In der den römischen Bischöfen nahestehenden Tageszeitung "Avvenire" nannte er Anfang November das Schnellessen "unkatholisch" - wenn nicht, so wörtlich, "atheistisch". Muß der Hamburger jetzt exkommuniziert werden?
"Bei McDonald's", heißt es da, "wollen die Leute ein schnelles Essen, und der Hunger wird so schnell wie möglich gestillt, und man verliert das Gemeinschaftsgefühl."
Salani muß es wissen. Er ist nämllich der Autor des Buches "A Tavola con le Religioni". Eine Art Kirchen-Siebeck.
McDonald's hielt sofort dagegen. Ein Sprecher: "Fastfood heißt, daß man schnell bedient wird, und nicht, daß man schnell ißt."
Aha.


Was zu erwarten war

Zwar hat O. J. Simpson es gerade abgelehnt, die filmische Verarbeitung seines Prozesses zu erlauben, aber einen Fernseh-Film darüber gab es ja schon. Und zwar nach dem Buch desselben Autors, der dann auch einen Report über Clintons Impeachment verfilmt hat: Jeffrey Toobin. Toobin schreibt im Brotberuf für The New Yorker und ist Rechtsberater für den Fernsehsender ABC.
Jetzt kündigt er - alles, was recht ist! - den dritten Bestseller an: über die langgezogene Präsidentenwahl dieses Jahres. Er hat noch keinen Titel. Man weiß nur, daß er bei Randon House herauskommen wird. Also bei Bertelsmann. Gewissermaßen.



Marilyn nur in der engeren Auswahl

Joyce Carol Oates' Marilyn-Monroe-Roman "Blonde" schaffte es nur bis ins Finale, dann zog Susan Sontag an ihm vorüber und erhielt Mitte November, aus der Hand von Steve Martin, den National Book Award für "In America". Es ist ihr erster Roman nach dem Bestseller von 1971 "The Volcano Lover". Das Preisgeld sind magere zehntausend Dollar, für "Blonde" sogar nur eintausend.
Die Preisträgerin kann den Schub gebrauchen. Von dem Roman haben sich in den elf Monaten seit Januar nur knapp viertausend Exemplare verkauft.



Die asiatischen Werte

Der Erziehungsminister von Singapur, Teo Chee Hean, hat die Eltern aufgefordert, ihre schulpflichtigen Kinder nicht mehr zu verhauen, nur weil sie eine Prüfung nicht mit Auszeichnung geschafft haben. Einer neueren Umfrage unter Neun- bis Zwölfährigen zufolge haben ein Drittel dieser Kinder Angst, in einem Examen zu versagen - und finden deshalb das Leben nicht lebenswert.
Die Eltern, beklagte sich der Minister, verlangen von der Schule mehr Hausaufgaben, und wenn die Schule dann Nein sagt, gehen sie in den nächsten Buchladen und kaufen Aufgabenbücher.
Der Fluch einer nur noch erfolgsorientierten Gesellschaft: Der Zeitung Strait Times berichtete ein Neunjähriger, seine Eltern hätten ihn mit dem Rohrstock verhauen, weil er in einer Biologie-Prüfung nur dreiundachtzig und in Mathematik dreiundsiebzig Punkte erzielte - von jeweils hundert. Seine Mutter zwingt ihn zu täglich sechs Stunden Hausaufgaben. "Er ist ein kluger Junge", sagte sie, "aber er hat sein volles Potential noch nicht erreicht."


Hacker: "Das geht zu weit!"

Kevin Mitnick, der gerade auf Bewährung entlassene Hacker, findet, das Buch von Scott French gehe zu weit. "Es überschreitet eine Grenze und hätte nie veröffentlicht werden dürfen. Ich wäre sehr vorsichtig, das darin Beschriebene anzuwenden." Es trifft zu, daß selbst der Autor manchem den guten Rat gibt: "Wenn man bei Ihnen jemals kriminelle Energien diagnostiziert hat, dann kaufen Sie meine Bücher bitte nicht."
Und was steht da nun drin?
Präzise Anleitungen. Hier eine kleine Auswahl: wie man (in den USA) über einen Computer ohne Identifikation ein Bankkonto eröffnet, einen zweiten Paß bestellt, Kreditkarten fälscht, eine "echte " Geburtsurkunde bekommt, Schecks mit dem Computer nachmacht, einen neuen Führerschein fabriziert oder jemand anderem seine elektronische Identität klaut.
Mangelnde Offenheit kann man dem Autor nicht vorwerfen. Er stellt sich mit einer pauschalen Erklärung von jeder Schadenersatzforderung frei: "Die Durchführung einiger der hier dargestellten Techniken ist gesetzwidrig."
Ähnlich wie bei uns der straflose Besitz eines Geräts zum Abhören des Polizeifunks. Man macht sich erst strafbar, wenn man es einschaltet

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