Nr. 31, Dezember 2000
 
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 H. Engelmann
 NeilPostman
 Deutsch global

 

 

"Und klacke geschwind"

Die Umschlagseite vier nimmt den Mund recht voll: "Die Formen der Kommunikation und des Lernens", steht da, "verändern sich - und die deutsche Sprache hat Mühe, bei diesem Wandel Schritt zu halten. DEUTSCH GLOBAL zeigt, welche Auswirkungen die Neuen Medien auf unsere Gesellschaft und die Sprache haben."
Und doch macht schon da einiges stutzig. Zum einen diese spätromantische Personifizierung einer bedauernswerten, irgendwie hinfälligen deutschen Sprache, die da angeblich "Mühe hat, Schritt zu halten". Aus einer so vorwissenschaftlichen Ansicht (in finstereren Zeiten nannte man sie "organisch") ist noch nie etwas Gutes herausgekommen. Und dann diese Wirkungen der Neuen Medien (mit großem oder kleinem N ein schlecht gealterter Terminus der späten achtziger Jahre) "auf die Gesellschaft": auf die Gesellschaft? Unsere deutsche? Der Welt? Geht es nicht eine Nummer kleiner?
Aber danach bleibt die Kirche eben doch im Dorf: Nicht oft hat ein Klappentext so gelogen. Weder geht es um die Gesellschaft, noch um - was immer das nun sei - neue Medien. Und das mißlingende Schritthalten ist nichts anderes als die alte Klage von der Überfremdung durch das Englische.
Daß man auch mit wenig Sachkenntnis ein Vorwort hinkriegt, wurde zu diesem Buch schon vor einiger Zeit angemerkt. Dem folgt nun eine qualitativ bunte Reihe von Aufsätzen.
Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz beispielsweise tritt unter dem Titel "Schonung der Differenzen" für die Vielfalt der Sprachen ein. Ein guter Gedanke und ökologisch ziemlich korrekt, würde er nicht so ausgesprochen heideggersch vorgetragen:

Diese Technik normalisiert die gesellschaftliche Erwartung ständiger Verfüg- und Erreichbarkeit. Die zeitgeistigen Kommunikationsmonaden erscheinen dann in der Öffentlichkeit als Kommunikationsmonaden.
All das ist so zwingend, weltumfassend und offenbar auch lustvoll, dass es schwer wird, hier noch einmal den Blick zurückzuwenden zum "Haus des Seins". Thesenhaft gesagt: Das Thema Kommunikation verdeckt das Thema Sprache. Wo nicht mehr Sprache waltet, herrschen die Skripts und Frames, die die Welt schematisieren, d.h. für alle Kommunikationsteilnehmer gleichmäßig zuschneiden.

Es klingt säuerlich, beleidigt. Manches, was Bolz kritisch beschreibt, stimmt zweifellos. Aber von den guten Chancen dieser Entwicklungen ist nirgends die Rede. Geschildert wird nur noch ein Verlusterlebnis. Bis zum sogenannten Kulturtest am Schluß, wo es leicht anzüglich heißt: "Wenn Sie den Namen 'Pamela' hören - denken Sie dann an Anderson oder an Richardson?" Du mußt jetzt sehr stark sein, "Baywatch"-geschädigter Autor: Schon lange vor der Strand-Soap wußten höchstens noch vier oder fünf Leute, daß die "Pamela" von Richardson ist.
Von ähnlichem Pessimismus ist auch der Kulturwissenschaftler Hermann Glaser befallen (was immer noch besser ist, als hätte er die Kleinklein-Humorigkeit seines Titels "WWW - den Wandel wägen" auch im Text durchgehalten). Zwar stellt er einige goldrichtige Fragen zum Internet ("Verstehe ich besser, was die Welt im Innersten zusammenhält?"), aber dann bringt er eben auch wieder solche hübsch gelockten Mutlosigkeiten: "Oder wird es das Schicksal der Zivilisation sein, in einer Anästhetisierung durch Ästhetisierung zu enden?"
Der Freizeitforscher [sic] Horst Opaschewski äußert sich, recht außerfachlich, zum Leseverhalten und diagnostiziert "neue psychosoziale Probleme" durch E-Mail und Handy. Nun ja. Sie seien mit Fassung getragen. Der Linguist Wilfried Schütte theoretisiert das Schreiben von E-Mails, obwohl das in der Praxis ziemlich reibungsfrei abläuft (schärfer gesagt: Die Praxis kümmert sich nicht um die Theorie, und das ist bei deren Nachhinkerei nur vorteilhaft). Peter Wapnewski, der wohl Gebildetste unter den Autoren des Sammelbandes, sieht uns alle gleichwohl "ersticken in dem Sumpf von vergifteten, vergiftenden Wort-Dämpfen". Helmut Glück, Professor für deutsche Sprachwissenschaft in Bamberg, diagnostiziert einen ihn beängstigenden Mangel an "Sprachloyalität":

Dieser Mangel dürfte zusammenhängen mit dem Verlust an Prestige, den die Normen des Standards erlitten haben. Eine Sprache, die von großen Gruppen ihrer Sprecher nicht als bewahrenswertes Gut betrachtet wird, läuft Gefahr, als Mittel der gesellschaftlichen Kommunikation geschädigt zu werden. Der Vandalismus, der sich in der Zerstörung von Telefonzellen oder im Besprühen von Hauswänden und Eisenbahnwaggons äußert, hat ein Komplement in dem sprachlichen Rowdytum, das Medien und Werbung verbreiten.

Deutschland - ein Jammertal. Hat Glück nicht bemerkt, wie wenig sich das vorgebliche Sprach-Rowdytum der Werbung von vor dreißig, zwanzig, zehn Jahren auf das heutige Deutsch ausgewirkt hat?
Danach erhalten wir fünf Aufsätze von Praktikern für Deutsch als Fremdsprache. Lehrkräfte dieses Fachgebiets leiden alle (ich hab das auch durchgemacht) unter einem schweren Selbstwertdefizit: Ihrem Unterricht, oft unter sehr harten Bedingungen erteilt, fehlt jeder pädagogische Glamour. Zum Ausgleich schreiben diese Lehrkräfte dann begriffs- und wortreiche Didaktik-Artikel, deren Theoriehöhe die eigentliche Qualifikation der Autoren beweisen soll, mit einer alltäglichen Praxis aber immer weniger zu tun hat.
Da wird zum Beispiel feinsinnig gefragt: "Brauchen wir eine neue Lernkultur?" und als Antwort eine "gemäßigt konstruktivistische Sicht vom Lernen" geboten. Es ist das reine Wortgeklingel. Kein Lehrer, der morgen früh wieder in seinen Unterricht muß, hat davon irgendetwas.
Die ganze Diskussion erinnert an die künstliche Leidenschaft, mit der einst das Sprachlabor begrüßt wurde - auch das damals ein sogenanntes Neues Medium, mit einem ganz großen N. Wer dagegen war, galt als gestrig, theoriefremd und technophob. Und jetzt gehen dieselben Prediger wieder umher: "These 1: Das digitale Zeitalter kann auch im Fremdsprachenunterricht nicht mehr ignoriert werden." Dazu meine Kontrollfragen: Redet heute noch jemand vom Sprachlabor? Hat es die Praxis des Unterrichts verändert? Wird es überall intensiv genutzt? Dreimal nein.
Zum pluralistischen Ausgleich dann die ebenso realitätsferne und ebenso apodiktische Gegenposition: "Das Internet zerstört Struktur ... Das Internet zerstört Kohärenz ... Das Internet zerstört Aufmerksamkeit." Mein Gott ja. Es ist wahrhaftig ein Unglück. Walsersch wegsehen möchte man. Sollte man tatsächlich. Sie ist einfach Unfug, diese Jeremiade. Während sich eingeschüchterte Senioren im Dickicht ihrer Untergangsmetaphern verfangen, erobern sich die Jungen das Internet ganz unaufgeregt und nehmen es als das, was es ist: manchmal ein praktisches Werkzeug.
Zuletzt doch noch ein paar lesbare, empirische Aufsätze. Ulrich Ammon stellt fest, daß die Stellung der deutschen Sprache im Internet ein überraschender zweiter Rangplatz ist (unter den Websites, und ein vierter bei den Nutzern). Franz Stark analysiert die Verbreitung der deutschen Sprache in verschiedenen - zum Beispiel europäischen - Institutionen.
Den aus allen anderen herausragenden Artikel liefert zuguterletzt der Übersetzer Reinhard Kaiser. Sein Text kommt ganz ohne aufgespreizte Halbbildung daher, sondern beschreibt einfach nur den Arbeitsalltag des Autors und wie er das Instument (gerade nicht: das Medium) Internet nutzt, wo es für seine Tätigkeit brauchbar ist und wo nicht. Es ist der einzige Text, dem man sofort ansieht: Hier spricht einer von etwas, das er versteht. Nirgends sonst in dem ganzen Band hört man diese ruhige Stimme einer tätigen Vernunft.
Danach der Epilog, und hier wirds wieder sehr peinlich. Der angesehene Romanist und Linguist Harald Weinrich ließ sich da zu einer Märchenparodie herab, in der ein "Hansmichel" mit einem Goldklumpen loszieht und ihn immer weitertauscht, bis er am Ende (nur noch, sollen wir denken, und: der Blöde!) einen Computer, pardon: einen "Denkschreiber" in der Hand hat. Das Ganze ist durchsetzt mit lustigen Sprüchlein wie "Ich klicke die Maus und klacke geschwind / Und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind" oder "Oh w w w, / hansmichel.de". Harhar. Wir machen das Buch leise zu und genieren uns für ihn.
Kurz und knapp: Der Band ist weithin eine Parade aufgeschäumter Eitelkeiten, das Wehgeschrei älterer Herren und für jede, wirklich jede Praxis irrelevant. Der Verlag hat sich damit keinen Gefallen getan. Und schon gar nicht dem gutgläubigen Käufer.

Fritz R. Glunk

Hilmar Hoffmann (Hg.)
Deutsch global. Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche Sprache
DuMont, Köln 2000
13,5 x 21 Zentimeter, 320 Seiten
DM 34,–, öS 248, sFr 34,--


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