|
|
|
"Und klacke geschwind"
Die Umschlagseite vier nimmt den Mund recht voll: "Die Formen
der Kommunikation und des Lernens", steht da, "verändern
sich - und die deutsche Sprache hat Mühe, bei diesem Wandel Schritt
zu halten. DEUTSCH GLOBAL
zeigt, welche Auswirkungen die Neuen Medien auf unsere Gesellschaft
und die Sprache haben."
Und doch macht schon da einiges stutzig. Zum einen diese spätromantische
Personifizierung einer bedauernswerten, irgendwie hinfälligen deutschen
Sprache, die da angeblich "Mühe hat, Schritt zu halten".
Aus einer so vorwissenschaftlichen Ansicht (in finstereren Zeiten nannte
man sie "organisch") ist noch nie etwas Gutes herausgekommen.
Und dann diese Wirkungen der Neuen Medien (mit großem oder kleinem
N ein schlecht gealterter Terminus der späten achtziger Jahre)
"auf die Gesellschaft": auf die Gesellschaft? Unsere deutsche?
Der Welt? Geht es nicht eine Nummer kleiner?
Aber danach bleibt die Kirche eben doch im Dorf: Nicht oft hat ein Klappentext
so gelogen. Weder geht es um die Gesellschaft, noch um - was immer das
nun sei - neue Medien. Und das mißlingende Schritthalten ist nichts
anderes als die alte Klage von der Überfremdung durch das Englische.
Daß man auch mit wenig Sachkenntnis ein Vorwort hinkriegt, wurde
zu diesem Buch schon vor
einiger Zeit angemerkt. Dem folgt nun eine qualitativ bunte Reihe
von Aufsätzen.
Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz beispielsweise tritt unter
dem Titel "Schonung der Differenzen" für die Vielfalt
der Sprachen ein. Ein guter Gedanke und ökologisch ziemlich korrekt,
würde er nicht so ausgesprochen heideggersch vorgetragen:
Diese Technik normalisiert die gesellschaftliche Erwartung
ständiger Verfüg- und Erreichbarkeit. Die zeitgeistigen Kommunikationsmonaden
erscheinen dann in der Öffentlichkeit als Kommunikationsmonaden.
All das ist so zwingend, weltumfassend und offenbar auch lustvoll, dass
es schwer wird, hier noch einmal den Blick zurückzuwenden zum "Haus
des Seins". Thesenhaft gesagt: Das Thema Kommunikation verdeckt
das Thema Sprache. Wo nicht mehr Sprache waltet, herrschen die Skripts
und Frames, die die Welt schematisieren, d.h. für alle Kommunikationsteilnehmer
gleichmäßig zuschneiden.
Es klingt säuerlich, beleidigt. Manches, was Bolz kritisch beschreibt,
stimmt zweifellos. Aber von den guten Chancen dieser Entwicklungen ist
nirgends die Rede. Geschildert wird nur noch ein Verlusterlebnis. Bis
zum sogenannten Kulturtest am Schluß, wo es leicht anzüglich
heißt: "Wenn Sie den Namen 'Pamela' hören - denken Sie
dann an Anderson oder an Richardson?" Du mußt jetzt sehr
stark sein, "Baywatch"-geschädigter Autor: Schon lange
vor der Strand-Soap wußten höchstens noch vier oder fünf
Leute, daß die "Pamela" von Richardson ist.
Von ähnlichem Pessimismus ist auch der Kulturwissenschaftler Hermann
Glaser befallen (was immer noch besser ist, als hätte er die Kleinklein-Humorigkeit
seines Titels "WWW - den Wandel wägen" auch im Text durchgehalten).
Zwar stellt er einige goldrichtige Fragen zum Internet ("Verstehe
ich besser, was die Welt im Innersten zusammenhält?"), aber
dann bringt er eben auch wieder solche hübsch gelockten Mutlosigkeiten:
"Oder wird es das Schicksal der Zivilisation sein, in einer Anästhetisierung
durch Ästhetisierung zu enden?"
Der Freizeitforscher [sic] Horst Opaschewski äußert sich,
recht außerfachlich, zum Leseverhalten und diagnostiziert "neue
psychosoziale Probleme" durch E-Mail und Handy. Nun ja. Sie seien
mit Fassung getragen. Der Linguist Wilfried Schütte theoretisiert
das Schreiben von E-Mails, obwohl das in der Praxis ziemlich reibungsfrei
abläuft (schärfer gesagt: Die Praxis kümmert sich nicht
um die Theorie, und das ist bei deren Nachhinkerei nur vorteilhaft).
Peter Wapnewski, der wohl Gebildetste unter den Autoren des Sammelbandes,
sieht uns alle gleichwohl "ersticken in dem Sumpf von vergifteten,
vergiftenden Wort-Dämpfen". Helmut Glück, Professor für
deutsche Sprachwissenschaft in Bamberg, diagnostiziert einen ihn beängstigenden
Mangel an "Sprachloyalität":
Dieser Mangel dürfte zusammenhängen mit dem
Verlust an Prestige, den die Normen des Standards erlitten haben. Eine
Sprache, die von großen Gruppen ihrer Sprecher nicht als bewahrenswertes
Gut betrachtet wird, läuft Gefahr, als Mittel der gesellschaftlichen
Kommunikation geschädigt zu werden. Der Vandalismus, der sich in
der Zerstörung von Telefonzellen oder im Besprühen von Hauswänden
und Eisenbahnwaggons äußert, hat ein Komplement in dem sprachlichen
Rowdytum, das Medien und Werbung verbreiten.
Deutschland - ein Jammertal. Hat Glück nicht bemerkt, wie wenig
sich das vorgebliche Sprach-Rowdytum der Werbung von vor dreißig,
zwanzig, zehn Jahren auf das heutige Deutsch ausgewirkt hat?
Danach erhalten wir fünf Aufsätze von Praktikern für
Deutsch als Fremdsprache. Lehrkräfte dieses Fachgebiets leiden
alle (ich hab das auch durchgemacht) unter einem schweren Selbstwertdefizit:
Ihrem Unterricht, oft unter sehr harten Bedingungen erteilt, fehlt jeder
pädagogische Glamour. Zum Ausgleich schreiben diese Lehrkräfte
dann begriffs- und wortreiche Didaktik-Artikel, deren Theoriehöhe
die eigentliche Qualifikation der Autoren beweisen soll, mit einer alltäglichen
Praxis aber immer weniger zu tun hat.
Da wird zum Beispiel feinsinnig gefragt: "Brauchen wir eine neue
Lernkultur?" und als Antwort eine "gemäßigt konstruktivistische
Sicht vom Lernen" geboten. Es ist das reine Wortgeklingel. Kein
Lehrer, der morgen früh wieder in seinen Unterricht muß,
hat davon irgendetwas.
Die ganze Diskussion erinnert an die künstliche Leidenschaft, mit
der einst das Sprachlabor begrüßt wurde - auch das damals
ein sogenanntes Neues Medium, mit einem ganz großen N. Wer dagegen
war, galt als gestrig, theoriefremd und technophob. Und jetzt gehen
dieselben Prediger wieder umher: "These 1: Das digitale Zeitalter
kann auch im Fremdsprachenunterricht nicht mehr ignoriert werden."
Dazu meine Kontrollfragen: Redet heute noch jemand vom Sprachlabor?
Hat es die Praxis des Unterrichts verändert? Wird es überall
intensiv genutzt? Dreimal nein.
Zum pluralistischen Ausgleich dann die ebenso realitätsferne und
ebenso apodiktische Gegenposition: "Das Internet zerstört
Struktur ... Das Internet zerstört Kohärenz ... Das Internet
zerstört Aufmerksamkeit." Mein Gott ja. Es ist wahrhaftig
ein Unglück. Walsersch wegsehen möchte man. Sollte man tatsächlich.
Sie ist einfach Unfug, diese Jeremiade. Während sich eingeschüchterte
Senioren im Dickicht ihrer Untergangsmetaphern verfangen, erobern sich
die Jungen das Internet ganz unaufgeregt und nehmen es als das, was
es ist: manchmal ein praktisches Werkzeug.
Zuletzt doch noch ein paar lesbare, empirische Aufsätze. Ulrich
Ammon stellt fest, daß die Stellung der deutschen Sprache im Internet
ein überraschender zweiter Rangplatz ist (unter den Websites, und
ein vierter bei den Nutzern). Franz Stark analysiert die Verbreitung
der deutschen Sprache in verschiedenen - zum Beispiel europäischen
- Institutionen.
Den aus allen anderen herausragenden Artikel liefert zuguterletzt der
Übersetzer Reinhard Kaiser. Sein Text kommt ganz ohne aufgespreizte
Halbbildung daher, sondern beschreibt einfach nur den Arbeitsalltag
des Autors und wie er das Instument (gerade nicht: das Medium) Internet
nutzt, wo es für seine Tätigkeit brauchbar ist und wo nicht.
Es ist der einzige Text, dem man sofort ansieht: Hier spricht einer
von etwas, das er versteht. Nirgends sonst in dem ganzen Band hört
man diese ruhige Stimme einer tätigen Vernunft.
Danach der Epilog, und hier wirds wieder sehr peinlich. Der angesehene
Romanist und Linguist Harald Weinrich ließ sich da zu einer Märchenparodie
herab, in der ein "Hansmichel" mit einem Goldklumpen loszieht
und ihn immer weitertauscht, bis er am Ende (nur noch, sollen wir denken,
und: der Blöde!) einen Computer, pardon: einen "Denkschreiber"
in der Hand hat. Das Ganze ist durchsetzt mit lustigen Sprüchlein
wie "Ich klicke die Maus und klacke geschwind / Und hänge
mein Mäntelchen nach dem Wind" oder "Oh w w w, / hansmichel.de".
Harhar. Wir machen das Buch leise zu und genieren uns für ihn.
Kurz und knapp: Der Band ist weithin eine Parade aufgeschäumter
Eitelkeiten, das Wehgeschrei älterer Herren und für jede,
wirklich jede Praxis irrelevant. Der Verlag hat sich damit keinen Gefallen
getan. Und schon gar nicht dem gutgläubigen Käufer.
Fritz R. Glunk
Hilmar Hoffmann (Hg.)
Deutsch global. Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche
Sprache
DuMont, Köln 2000
13,5 x 21 Zentimeter, 320 Seiten
DM 34,, öS 248, sFr 34,--
Ihr
Kommentar
|
|