|
|
Die Vernichtung von Wissen Ich weiß nicht, wieviel guter Wille dafür nötig ist,
dieses Buch zu lesen. Ich habe die Lektüre auf Seite 97 beendet.
Weiter reichte meine Geduld nicht. Genauer: meine Fähigkeit, Unzumutbares
hinzunehmen. daß das, was wir heute Psychologie, Soziologie und Anthropologie nennen, zu naturwissenschaftlichen Fächern würden (wo natürlich ein singulares würde stehen muß),
kommen auch nicht häufiger vor als bei anderen schlechtbezahlten
Übersetzern. Solche Fehler sind unfair dem Autor gegenüber,
aber auch die unvermeidliche heimliche Rache der Ausgebeuteten an ihren
Auftraggebern. ein breites Spektrum von geheiligten Ansichten als falsch, nicht verifizierbar, als Aberglauben und Unsinn zu überführen. Vielleicht kann man ja ein Spektrum tatsächlich überführen,
und vielleicht nicht einmal eines Vergehens, sondern als Unsinn
(oder hat der Übersetzer eigentlich denunzieren sagen wollen?).
Seis drum. Das achtzehnte Jahrhundert ist somit eine Art Metapher, die sich auf eine Zeit bezieht, als, mit Kant gesprochen, wir uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreiten. Oder diese: Und als, von Newton inspiriert, der zu Beginn dieses Jahrhunderts zum Präsidenten der Royal Society gewählt worden war, Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler das Universum als etwas Geordnetes, Rationales und Begreifbares auffaßten, ... Was hier aufdringlich hervorschimmert, statt daß es vom Übersetzer
neu bekleidet würde, ist ein Strukturmerkmal englischer Temporalsätze.
Seine Sichtbarkeit stört vor allem deshalb, weil eine deutsche
Konstruktion ähnlich dem englischen "when,", dem ein
weiterer Nebensatz oder eine Parenthese folgen kann, nicht existiert.
Ein deutsches "als,", das ziemlich verwaist in der Landschaft
der Wörter herumsteht, ist schlicht unzulässig. Das Beispiel
ist nicht bösartig herausgesucht: Schiefe Konstruktionskopien dieser
Art sind hier häufig anzutreffen. Immer wieder ist die stehengebliebene
englische Syntax mit dem bloßen Auge auszumachen. Nichts des Gesagten soll implizieren, daß es hinsichtlich unseres Wissens Gewißheit geben kann. zugrunde? Vermutlich ist implizieren (ohne im Original nachzusehen)
die unreflektierte Übersetzung von to imply, aber aus welcher
Kiste kommt dieses Nichts des Gesagten? Manche folgten beispielsweise zwar der Logik von Malthus' Argument ... Hätte man das nicht ein wenig entzerren müssen, um dem Leser
das Lesen leicht zu machen? Nebenbei: Dieser sächsische Genitiv
scheint dem Übersetzer so gut zu gefallen, daß er ihn an
ganz unmöglichen Stellen verwendet, etwa bei die Lehre Jesus
Christus'. Das klingt nicht nach jemand, dem Gott verhaßt ist, sondern nur die organisierte Religion. Bei dieser Stellung erwartet man nach sondern etwas wie nach
jemand, der ... Was ziemlich unschön klingt. Aber in dieser
Wortfolge ist der Fehler ohnehin irreparabel. Der Satz ist einzureißen
und völlig neu zu konstruieren. Wenn es so ist, können wir es uns schwerlich leisten, es zu ignorieren, Dabei bezieht sich das erste es auf die gesamte Aussage des
Vordersatzes, das zweite ist nur ein grammatisches Stellvertreterobjekt,
und das dritte meint das Einzelwort Zeitalter aus dem Vordersatz. Alexandra Simon PS Neil Postman
|
| Essays Interview Leseproben Net-Ticker TextBilder Rubriken Archiv |