Nr. 31, Dezember 2000
 
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 H. Engelmann
 Neil Postman
 Deutsch global

 

 

Die Vernichtung von Wissen

Ich weiß nicht, wieviel guter Wille dafür nötig ist, dieses Buch zu lesen. Ich habe die Lektüre auf Seite 97 beendet. Weiter reichte meine Geduld nicht. Genauer: meine Fähigkeit, Unzumutbares hinzunehmen.
Anfangs dachte ich sogar, das diffuse Unbehagen dieser Lektüre liege am Autor Neil Postman. Sein Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", das 1989 auch in deutscher Übersetzung vorlag, war ja für viele ein kulturelles Ereignis, und eine Weile schien es mir, als enthielte "Die zweite Aufklärung" nichts anderes als den Aufguß seiner Gedanken von damals. Aber das war es nicht, denn selbst über offenkundig neueren Passagen schien ein Schleier zu liegen, ein unansehnlicher Grauschimmel, der keine Freude am Text aufkommen ließ und das Lesen schwergängig machte, intellektuell unangenehm.
Es dauerte etwas, bis ich wußte, was es war. Es war die deutsche Übersetzung.
Nicht, daß sie etwa auffallend fehlerhaft wäre. Grammatische Schnitzer wie dieser

daß das, was wir heute Psychologie, Soziologie und Anthropologie nennen, zu naturwissenschaftlichen Fächern würden

(wo natürlich ein singulares würde stehen muß), kommen auch nicht häufiger vor als bei anderen schlechtbezahlten Übersetzern. Solche Fehler sind unfair dem Autor gegenüber, aber auch die unvermeidliche heimliche Rache der Ausgebeuteten an ihren Auftraggebern.
Sogar schiefe Kollokationen hätte ich noch brav geschluckt; ohne Experimente kein Fortschritt. Der Übersetzer spricht da beispielsweise von dem Mut,

ein breites Spektrum von geheiligten Ansichten als falsch, nicht verifizierbar, als Aberglauben und Unsinn zu überführen.

Vielleicht kann man ja ein Spektrum tatsächlich überführen, und vielleicht nicht einmal eines Vergehens, sondern als Unsinn (oder hat der Übersetzer eigentlich denunzieren sagen wollen?). Seis drum.
Nein, gemeint sind Passagen wie die folgende:

Das achtzehnte Jahrhundert ist somit eine Art Metapher, die sich auf eine Zeit bezieht, als, mit Kant gesprochen, wir uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreiten.

Oder diese:

Und als, von Newton inspiriert, der zu Beginn dieses Jahrhunderts zum Präsidenten der Royal Society gewählt worden war, Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler das Universum als etwas Geordnetes, Rationales und Begreifbares auffaßten, ...

Was hier aufdringlich hervorschimmert, statt daß es vom Übersetzer neu bekleidet würde, ist ein Strukturmerkmal englischer Temporalsätze. Seine Sichtbarkeit stört vor allem deshalb, weil eine deutsche Konstruktion ähnlich dem englischen "when,", dem ein weiterer Nebensatz oder eine Parenthese folgen kann, nicht existiert. Ein deutsches "als,", das ziemlich verwaist in der Landschaft der Wörter herumsteht, ist schlicht unzulässig. Das Beispiel ist nicht bösartig herausgesucht: Schiefe Konstruktionskopien dieser Art sind hier häufig anzutreffen. Immer wieder ist die stehengebliebene englische Syntax mit dem bloßen Auge auszumachen.
Anderen Blüten ist ihre Herkunft nicht ohne weiteres anzusehen. Was etwa liegt dem Ausdruck

Nichts des Gesagten soll implizieren, daß es hinsichtlich unseres Wissens Gewißheit geben kann.

zugrunde? Vermutlich ist implizieren (ohne im Original nachzusehen) die unreflektierte Übersetzung von to imply, aber aus welcher Kiste kommt dieses Nichts des Gesagten?
Eindeutig dem Übersetzer anzukreiden ist die oft schlampige Stellung von beispielsweise (daß dieses hier arg strapazierte Wort mehrere Synonyme oder synonyme Konstruktionen hat, müßte ihm mal jemand sagen). Etwa so:

Manche folgten beispielsweise zwar der Logik von Malthus' Argument ...

Hätte man das nicht ein wenig entzerren müssen, um dem Leser das Lesen leicht zu machen? Nebenbei: Dieser sächsische Genitiv scheint dem Übersetzer so gut zu gefallen, daß er ihn an ganz unmöglichen Stellen verwendet, etwa bei die Lehre Jesus Christus'.
Auch mit der Stellung von nicht hapert es auffallend häufig:

Das klingt nicht nach jemand, dem Gott verhaßt ist, sondern nur die organisierte Religion.

Bei dieser Stellung erwartet man nach sondern etwas wie nach jemand, der ... Was ziemlich unschön klingt. Aber in dieser Wortfolge ist der Fehler ohnehin irreparabel. Der Satz ist einzureißen und völlig neu zu konstruieren.
Manches hat der Texter anscheinend mit verbundenen Augen hingeschrieben. Den folgenden Satzanfang, mit dreimaligem es, muß man sich auf der Zunge zergehen lassen:

Wenn es so ist, können wir es uns schwerlich leisten, es zu ignorieren,

Dabei bezieht sich das erste es auf die gesamte Aussage des Vordersatzes, das zweite ist nur ein grammatisches Stellvertreterobjekt, und das dritte meint das Einzelwort Zeitalter aus dem Vordersatz.
Solche Gedankenlosigkeit ist nicht bloß Unschönheit und die kritische Anmerkung keine Beckmesserei. Es geht, wie bereits erwähnt, um etwas viel Wesentlicheres: um die Lesefreude. Wer einem Leser die Lektüre auf diese Weise schwermacht, im schlimmen Fall gar verleidet, ist einfach kein Menschenfreund.
Und selbst die Lesefreude ist hier nicht ein Ziel für sich allein. Was Neil Postman zu sagen hat, ist ja über weite Strecken hin relevant, ein Hingucker, erfreulich gegen den Mainstream gerichtet und zur selbständigen Nachdenklichkeit anregend. Aber die Gedanken bleiben auf dem syntaktisch grauen Boden liegen. Die originellen Einsichten kommen nicht an. Kein Funke der Begeisterung springt über. Wie sollte er auch! Und noch bevor der sogar aufnahmebereite Leser zum Kern des Buches vordringen kann, hat er es angewidert aus der Hand gelegt. So wird aus der Zweiten Aufklärung nie was.
Ist es unfair, ein Buch nach einem Drittel seiner schlecht übersetzten Seiten zu beurteilen? Nein und ja. Nein, denn selbstverständlich enthält Die zweite Aufklärung ihre schönen Stellen (und eines dieser Fundstücke hat es ja auch zum Eingangszitat dieser Nummer gebracht). Aber es bleibt dabei: Dem Leser muß die die Mühsal der Goldgräberei erspart werden. Er darf nicht gezwungen werden, sich erst durch das widrige Sprach-Geröll durchbeißen zu müssen, das ihm der Übersetzer vor die Füße geschüttet hat. Er darf vielmehr erwarten, daß man ihm einen Lustgarten pflanzt. Außerdem ist es schlicht gemogelt, wenn auf dem Buch Postman draufsteht, und dann ist nur eine schlechte Übersetzung drin.
Übersetzer, man kennt das, sind notorisch schlecht bezahlt. Aber es gibt ein Qualitätsniveau, das zu unterschreiten sich niemand erlauben darf, auch kein Schreibsklave. Und an den sonst verehrten Verlag gerichtet: Wenn ihr eure Botschaft nicht nur verkaufen, sondern tatsächlich unter die Leute bringen wollt, dann erhöht den Übersetzern das Zeilenhonorar. Und zwar spürbar.

Alexandra Simon

PS
Auf schlicht irreführende bibliographische Angaben soll nicht auch noch eingegangen werden. Nur zum Exempel: Sollen wir wirklich glauben, daß in "Galilei, Galileo, Opere, Edizione Nazionale, Bd. 5, 1966" ein - sic! - "Brief an die Großherzogin Christina" steht? In deutscher Sprache? Tatsächlich?

Neil Postman
Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert
Berlin Verlag, Berlin 1999
14 x 22 Zentimeter, 253 Seiten
DM 38,–, öS 277, sFr 36,80


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