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Kurz aufgebürstet
In diesem Japanischen Garten beschreibt ein junger Geschichtenerzähler
lauter kleine, aber unerhörte Begebenheiten. Sie ereignen sich
in einem überangestrengten Alltag und gingen vermutlich in dessen
weißem Rauschen unter, hätte nicht Harri Engelmann die Augen
aufgemacht und den blitzartig aufscheinenden Moment festgehalten,
der immer nur sekundenlang den Durchblick auf Sinn und Unsinn der Situation
offenhält.
Der hier gemeinte Alltag ist allerdings ein spezieller: das Militär,
das seit Homer eine Brutstätte nicht nur für allerhand Heroismen
ist, sondern auch für bizarre Merkwürdigkeiten und einen subversiven
Witz. Um aber gleich hier ein mögliches Mißverständnis
auszuräumen: Der Autor ist nie in Gefahr, in die Falle einer leichten
Humorigkeit zu tappen. Auch der brave Soldat Schwejk gehört in
eine ganz andere, im Vergleich geradezu affirmative Szenerie.
Engelmanns zwölf Geschichten erzählen vielmehr "mit britischem
Ernst" (Umschlagtext), also mit trockener Genauigkeit von höchst
befremdlichen Menschen und Ereignissen. Das geschieht weithin fast emotionslos
(was die finstere Komik des Geschehens nur erhöht). Erst im Augenblick
der Wahrheit, wenn die Geschichte novellenartig um die lebensentscheidende
Kurve biegt, gibt der Text den Blick auf ein Gefühl frei, manchmal
sogar ein Lebensgefühl. Wie etwa in der Geschichte "Fasanenparadies",
wo der Ich-Erzähler, in der Meinung, das Magazin sei leer, am Weihnachtsabend
versehentlich einen wirklichen Schuß abgibt (den einzigen auf
allen 195 Seiten):
Es war wie in einem Zimmer, in dem das Licht kurz an
und wieder ausgeschaltet wird. Ich kapierte nicht sogleich, daß
das Mündungsfeuer die Nacht erhellte. In der Stille erklang der
Schuß wie ein Donnerschlag. Keine zehn Meter von mir ging Ziller
in die Knie. Er gehörte zur Ablösung.
Ich ließ die Waffe fallen und ging ruhig auf den Knieenden zu.
Ich nahm ihm die Hände vom Gesicht: Er weinte. Und er stammelte
irgendetwas, das ich nicht verstand, da der Knall meine Ohren taub gemacht
hatte.
"Ziller weint", rief ich. "Wieso weint er? Er ist der
härteste Kerl weit und breit, und er weint?" Da wußte
ich es. "Ich habe ihn erwischt. Mit einem Zahnputzbecher in der
Hand! ..."
Die andern legen den Schützen auf eine Pritsche, halten ihm die
"zappelnden Beine" fest, wischen ihm den Schweiß von
der Stirn, bevor sie ihm erklären können, daß der vermeintlich
Getroffene unverletzt ist. Nach einer Weile "schwor ich mir, nie
wieder mit einer geladenen Waffe durch die Gegend zu laufen. ... Außerdem
vermied ich es, beim Wachestehen zu philosophieren oder gar vom Tod
zu sprechen. Mehr Schneid besaß ich nicht."
Keine Frage: Da ist ein Parzival unter die modernen Ritter gefallen.
Er staunt sie mit offenen Augen an, und dieses verständnislose
Anblicken (dem wir als Leser zusehen) enthüllt die geschickt verdeckte
Leere solcher Martialitäten. Vor allem aber die latente Hinterlist,
mit der einer - in der Polit-Schulung - seinen Bruder in der Feindarmee
abknallen, umlegen, abknallen, umnieten würde ("Dirk Moroni")
oder die verborgene Menschlichkeit eines arg verkrüppelten und
alkoholsüchtigen Uniformschneiders ("Kellbassa").
Nur selten greift dieser Parzival selbst ein, und wenn, dann allenfalls
diskursiv und ohne durchschlagende Ergebnisse. Beispielsweise während
er mit dem erwähnten Ziller auf Wache steht:
"Ja", entgegnete ich, "vieles ist unbegreiflich.
Aber es gibt doch so eine Art Grundmoral, so eine Art ... wie soll ich
sagen ..." Mich wurmte es, daß ich so wenig wußte.
Ich lief dem Kerl immer drei Schritte hinterher. Ich hätte ihn
so gern widerlegt. Doch ich wußte ja nicht mal, worauf er hinauswollte.
"Moral!" Ziller feixte sich eins und schüttelte den Kopf.
"Wenn ich im Kino sitze, ein Film läuft, und ich nehme einen
Hammer und schlage meinem Vordermann den Schädel ein, dann ist
plötzlich die Hölle los. Sie werden den Film anhalten, sich
auf mich stürzen. Und warum, weil ihnen das mit der Grundmoral
aufgeht? Mitnichten. Es gibt nur eine Substanz in uns, sie hockt in
jeder Zelle, sie schreit: Überleben! Sie boxen mich nieder, weil
ich ein Risiko geworden bin. Die Katharsis funktioniert nur, weil sie
die nächsten sein könnten. Deshalb muß ich auf das Schafott
oder in den Knast. Nicht wegen deiner Moral."
"Der Mensch hat sich eine Kultur erschaffen", beharrte ich.
"Wir regeln unsere Gemeinschaft durch Übereinkünfte.
Eine davon lautet: Du sollst nicht töten. Ich weigere mich einfach
zu glauben, daß wir ein Stück Dreck sind, ein Zellhaufen,
der zuckt und ruckt, wenn er gepikst wird. Dafür haben wir unseren
Verstand. Der Verstand führt uns ..."
"Na toll!" rief Ziller in die Nacht. "Dein Verstand hat
dich also hierhergeführt. Er hat dir gesagt, zieh dir einen Kampfanzug
an, schnapp dir ein automatisches Gewehr und bewache die Fasane."
"Die Munition", verbesserte ich.
Nur gelangt dieser Pazifist in Uniform nicht mehr (wie noch der alte
Parzival) zur Erlösung. Stattdessen schießen die wirren Kristalle
der sogenannten Realitäten zu neuen und verräterischen Bildern
zusammen. Dieser Erzähler hinterläßt, wenn er - mit
uns Lesern - durch einen Raum geht, eine veränderte, durchsichtigere
Welt. Danach sind ein paar bisherige Gewohnheiten nicht mehr ganz so
selbstverständlich.
Übrigens: Harri Engelmann hat diese Art der Enthüllungsoptik
schon einmal sehr erfolgreich angewandt, als er 1998 sein Land aus der
Sicht eines Autohändlers betrachtete (Aufzeichnungen eines Autoverkäufers).
Anders jedoch als jenes Taschenbuch ist der Garten ein Hardcover von
erfreulich altmodischer Handwerksqualität.
Ach, fast hätte ich vergessen, es zu erwähnen: Die Armee,
um die es hier geht, ist diejenige, die sich vor zehn Jahren selbst
auflöste: die NVA. Dieser Vorgang verliert nach der Lektüre
des Japanischen Gartens seine Verwunderlichkeit. Daß die NVA derart
geräuschlos in der Bundeswehr aufgehen konnte, liegt ausschließlich
an dem hier wie dort herrschenden Alltagsirrsinn.
Tip: Ein Geschenk für jeden, der sich keinen Soldaten für
einen normalen Menschen vormachen läßt.
Christian Meyers
Harri Engelmann
Japanischer Garten
WeymannBauerVerlag, Rostock 2000
11,5 x 19,5 Zentimeter, 195 Seiten
24,80 DM, 181 öS, 23,-- sFr
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