Nr. 31, Dezember 2000
 

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 H. Engelmann

 Neil Postman
 Deutsch global

 

 

Kurz aufgebürstet

In diesem Japanischen Garten beschreibt ein junger Geschichtenerzähler lauter kleine, aber unerhörte Begebenheiten. Sie ereignen sich in einem überangestrengten Alltag und gingen vermutlich in dessen weißem Rauschen unter, hätte nicht Harri Engelmann die Augen aufgemacht und den blitzartig aufscheinenden Moment festgehalten, der immer nur sekundenlang den Durchblick auf Sinn und Unsinn der Situation offenhält.
Der hier gemeinte Alltag ist allerdings ein spezieller: das Militär, das seit Homer eine Brutstätte nicht nur für allerhand Heroismen ist, sondern auch für bizarre Merkwürdigkeiten und einen subversiven Witz. Um aber gleich hier ein mögliches Mißverständnis auszuräumen: Der Autor ist nie in Gefahr, in die Falle einer leichten Humorigkeit zu tappen. Auch der brave Soldat Schwejk gehört in eine ganz andere, im Vergleich geradezu affirmative Szenerie.
Engelmanns zwölf Geschichten erzählen vielmehr "mit britischem Ernst" (Umschlagtext), also mit trockener Genauigkeit von höchst befremdlichen Menschen und Ereignissen. Das geschieht weithin fast emotionslos (was die finstere Komik des Geschehens nur erhöht). Erst im Augenblick der Wahrheit, wenn die Geschichte novellenartig um die lebensentscheidende Kurve biegt, gibt der Text den Blick auf ein Gefühl frei, manchmal sogar ein Lebensgefühl. Wie etwa in der Geschichte "Fasanenparadies", wo der Ich-Erzähler, in der Meinung, das Magazin sei leer, am Weihnachtsabend versehentlich einen wirklichen Schuß abgibt (den einzigen auf allen 195 Seiten):

Es war wie in einem Zimmer, in dem das Licht kurz an und wieder ausgeschaltet wird. Ich kapierte nicht sogleich, daß das Mündungsfeuer die Nacht erhellte. In der Stille erklang der Schuß wie ein Donnerschlag. Keine zehn Meter von mir ging Ziller in die Knie. Er gehörte zur Ablösung.
Ich ließ die Waffe fallen und ging ruhig auf den Knieenden zu. Ich nahm ihm die Hände vom Gesicht: Er weinte. Und er stammelte irgendetwas, das ich nicht verstand, da der Knall meine Ohren taub gemacht hatte.
"Ziller weint", rief ich. "Wieso weint er? Er ist der härteste Kerl weit und breit, und er weint?" Da wußte ich es. "Ich habe ihn erwischt. Mit einem Zahnputzbecher in der Hand! ..."

Die andern legen den Schützen auf eine Pritsche, halten ihm die "zappelnden Beine" fest, wischen ihm den Schweiß von der Stirn, bevor sie ihm erklären können, daß der vermeintlich Getroffene unverletzt ist. Nach einer Weile "schwor ich mir, nie wieder mit einer geladenen Waffe durch die Gegend zu laufen. ... Außerdem vermied ich es, beim Wachestehen zu philosophieren oder gar vom Tod zu sprechen. Mehr Schneid besaß ich nicht."
Keine Frage: Da ist ein Parzival unter die modernen Ritter gefallen. Er staunt sie mit offenen Augen an, und dieses verständnislose Anblicken (dem wir als Leser zusehen) enthüllt die geschickt verdeckte Leere solcher Martialitäten. Vor allem aber die latente Hinterlist, mit der einer - in der Polit-Schulung - seinen Bruder in der Feindarmee abknallen, umlegen, abknallen, umnieten würde ("Dirk Moroni") oder die verborgene Menschlichkeit eines arg verkrüppelten und alkoholsüchtigen Uniformschneiders ("Kellbassa").
Nur selten greift dieser Parzival selbst ein, und wenn, dann allenfalls diskursiv und ohne durchschlagende Ergebnisse. Beispielsweise während er mit dem erwähnten Ziller auf Wache steht:

"Ja", entgegnete ich, "vieles ist unbegreiflich. Aber es gibt doch so eine Art Grundmoral, so eine Art ... wie soll ich sagen ..." Mich wurmte es, daß ich so wenig wußte. Ich lief dem Kerl immer drei Schritte hinterher. Ich hätte ihn so gern widerlegt. Doch ich wußte ja nicht mal, worauf er hinauswollte.
"Moral!" Ziller feixte sich eins und schüttelte den Kopf. "Wenn ich im Kino sitze, ein Film läuft, und ich nehme einen Hammer und schlage meinem Vordermann den Schädel ein, dann ist plötzlich die Hölle los. Sie werden den Film anhalten, sich auf mich stürzen. Und warum, weil ihnen das mit der Grundmoral aufgeht? Mitnichten. Es gibt nur eine Substanz in uns, sie hockt in jeder Zelle, sie schreit: Überleben! Sie boxen mich nieder, weil ich ein Risiko geworden bin. Die Katharsis funktioniert nur, weil sie die nächsten sein könnten. Deshalb muß ich auf das Schafott oder in den Knast. Nicht wegen deiner Moral."
"Der Mensch hat sich eine Kultur erschaffen", beharrte ich. "Wir regeln unsere Gemeinschaft durch Übereinkünfte. Eine davon lautet: Du sollst nicht töten. Ich weigere mich einfach zu glauben, daß wir ein Stück Dreck sind, ein Zellhaufen, der zuckt und ruckt, wenn er gepikst wird. Dafür haben wir unseren Verstand. Der Verstand führt uns ..."
"Na toll!" rief Ziller in die Nacht. "Dein Verstand hat dich also hierhergeführt. Er hat dir gesagt, zieh dir einen Kampfanzug an, schnapp dir ein automatisches Gewehr und bewache die Fasane."
"Die Munition", verbesserte ich.

Nur gelangt dieser Pazifist in Uniform nicht mehr (wie noch der alte Parzival) zur Erlösung. Stattdessen schießen die wirren Kristalle der sogenannten Realitäten zu neuen und verräterischen Bildern zusammen. Dieser Erzähler hinterläßt, wenn er - mit uns Lesern - durch einen Raum geht, eine veränderte, durchsichtigere Welt. Danach sind ein paar bisherige Gewohnheiten nicht mehr ganz so selbstverständlich.
Übrigens: Harri Engelmann hat diese Art der Enthüllungsoptik schon einmal sehr erfolgreich angewandt, als er 1998 sein Land aus der Sicht eines Autohändlers betrachtete (Aufzeichnungen eines Autoverkäufers). Anders jedoch als jenes Taschenbuch ist der Garten ein Hardcover von erfreulich altmodischer Handwerksqualität.
Ach, fast hätte ich vergessen, es zu erwähnen: Die Armee, um die es hier geht, ist diejenige, die sich vor zehn Jahren selbst auflöste: die NVA. Dieser Vorgang verliert nach der Lektüre des Japanischen Gartens seine Verwunderlichkeit. Daß die NVA derart geräuschlos in der Bundeswehr aufgehen konnte, liegt ausschließlich an dem hier wie dort herrschenden Alltagsirrsinn.
Tip: Ein Geschenk für jeden, der sich keinen Soldaten für einen normalen Menschen vormachen läßt.

Christian Meyers

Harri Engelmann
Japanischer Garten
WeymannBauerVerlag, Rostock 2000
11,5 x 19,5 Zentimeter, 195 Seiten
24,80 DM, 181 öS, 23,-- sFr

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