Nr. 31, Dezember 2000

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Mit Büchern sterben

Der Redner Titus Labienus war zwar nicht der Sohn des Feldherrn Labienus, wie Montaigne meint, aber seine Schriften wurden tatsächlich nach einem Beschluß des Senats öffentlich verbrannt (eine der frühesten Bücherverbrennungen der Geschichte), und Labienus beging, da er seine Bücher nicht überleben wollte, Selbstmord.

Zu Rom war ein gewisser Labien, ein Mann von großer Tapferkeit und Ansehen, der, nebst seinen andern guten Eigenschaften, in allen Stücken der Gelehrsamkeit vortreflich war, und wie ich glaube, ein Sohn ienes großen Labiens, welcher in dem Gallischen Kriege unter dem Cäsar einer der vornehmsten Befehlshaber war, sich aber hernach auf die Seite des großen Pompeius wendete, und sich so lang tapfer bey derselben hielt, bis sie von dem Cäsar in Spanien völlig überwunden wurde. Dieser Labien, von dem ich rede, hatte seiner Tugend wegen viele Neider, und wahrscheinlicher Weise, auch die Hofleute und Lieblinge der damaligen Kaiser zu Feinden, weil er freymüthig war, und einen von seinem Vater angeerbten Haß wider die Tyrannei hegte, und vermutlich auch in seinen Schriften blicken ließ. Seine Feinde kamen bey dem Rathe zu Rom ein, und erhielten, daß verschiedene von ihm ans Licht gestellete Werke zum Feuer verdammt wurden. An ihm wurde diese neue Art zu strafen, da man so gar die Schriften und gelehrten Arbeiten mit dem Tode strafete, angefangen, mit welcher man nachgehends zu Rom noch viele andere belegte. Man hätte noch nicht Mittel, und Stoff genug zur Grausamkeit gehabt, wenn man sie nicht an solchen Dingen ausgeübt hätte, welche die Natur aller Empfindung beraubet, und von allem Leiden befreyet hat, dergleichen die Ehre und die Erfindungen unseres Geistes sind; und wenn man nicht auch die Wissenschaften und die Denkmale der Musen der körperlichen Uebel theilhaftig gemacht hätte. Labien konnte diesen Verlust nicht ertragen, und dieses sein so werthes Kind nicht überleben. Er ließ sich sich daher in das Grabmal seiner Vorältern tragen und verschließen, wo er sich zugleich zu ermorden und zu begraben vorgesetzet hatte. Schwerlich wird man eine stärkere väterliche Liebe auf zu weisen wissen. Als Caßius Servus, ein sehr beredter Mann und sein vertraulicher Freund, desselben Bücher verbrennen sahe, rief er aus, daß man ihn nach eben dem Rathsschlusse zugleich lebendig verbrannt zu werden, verurtheilen müßte, weil er alles, was diese Bücher in sich faßten, in seinem Gedächtnisse führte und behielte.

In: Michel de Montaigne, Essais II,8 (Von der Liebe der Aeltern gegen ihre Kinder), übs. von Johann Daniel Tietz, Leipzig 1753/54

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