|
|
|
Achim Wagner
Im Kinderzimmer
Durch die Gitter an meinem Zimmerfenster fielen helle Strahlen. Der
Wind blies warme Luft durch den Raum. Da ich jedesmal wenn meine Eltern
das Glas ersetzen ließen, wieder die Scheibe einschlug, hatten
sie seit längerem darauf verzichtet, den Glaser zu bestellen. So
konnte ich die Jahreszeiten hautnah spüren, ohne mein Zimmer verlassen
zu müssen. Besser gesagt, ohne das erste Quadrat verlassen zu müssen.
Ich hatte nämlich mein Zimmer in vier Quadrate aufgeteilt. Jedes
erstreckte sich in Länge und Breite über je zwei meiner Schritte.
Ich bewohnte das erste Quadrat, unterhalb des Fensters. Das Dritte bildete
die Verlängerung zur Tür.
Über Teile des zweiten und vierten Quadrats erstreckte sich mein
Bett. Im Vierten war zusätzlich ein großer weißer Schrank
untergebracht, ein Erbstück meiner Großmutter, in dem sich
meine Klamotten und die Spielsachen befanden, die ich von Zeit zu Zeit
unsinnigerweise geschenkt bekam.
Auf dem Bett lag ein kleiner Junge. Er trug einen schwarzen Kinderanzug,
darunter ein weißes Hemd, an dessen Kragen eine alberne rote Fliege
befestigt war. Seine ordentlich geschnürten schwarzen Lederschuhe
strahlten und funkelten, als ob sie eben sorgsam geputzt worden wären.
Die Arme hatte er verschränkt über der Brust liegen. Er rührte
sich nicht, gab keinen Laut von sich. Sie mußten ihn vergangene
Nacht hereingebracht haben, während ich unachtsam gewesen bin.
Sonst hätte ich mich dagegen gewehrt, einen weiteren Zimmergenossen
zu bekommen. Mir reichten die Gestalten, die sich unter dem Bett befanden
und mir das Leben zur Hölle gemacht hatten, als ich noch unwissend
auch das zweite und vierte Quadrat bewohnte. Nacht für Nacht hatten
sie mir unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß
das ihr Reich ist, bis ich mich endgültig daraus verzog.
Von draußen klangen die Laute lärmender, scheppernder Rasenmäher.
Das heißt, es war Samstag. Die Nachbarn und mein Vater nutzten
den schönen Tag, um ihn mir mit ihrem Krach zu verderben.
Im dritten Quadrat zog Nebel auf, der immer dichter wurde. Die Tür
öffnete sich, eine schwer erkennbare Gestalt, von der ich wußte,
daß sie meine Mutter war, betrat den Raum. Sie stellte ein Tablett
mit Frühstückssachen ab, wozu sie ununterbrochen redete. Was
sie sagte, drang nur in unverständlichen Fetzen zu mir durch, der
Sinn ihrer Worte wurde von der Nebelwand verschluckt.
Als sie den Raum verließ, verschwand der Nebel mit ihr.
Argwöhnisch schaute ich zum Bett, in das Gesicht des Jungen. Er
zeigte immer noch keinerlei Regung. Da ich Angst hatte, er könnte
von dem Duft des Rauchkringel dampfenden Tees geweckt werden und Anspruch
auf einen Teil meines Frühstücks erheben, schlang ich die
zwei Käsebrötchen und die Banane hastig hinunter, an dem heißen
Tee verbrannte ich mir die Zunge. Ich stellte das Tablett zurück
in das dritte Quadrat, das Niemandsland. Ich erhob keinen dauerhaften
Anspruch auf diesen Teil des Raums, nur manchmal, wenn ich gezwungen
war, das Zimmer doch einmal zu verlassen, sprang ich auf einem Bein
durch das Niemandsland. Bis zum Abend gaben die Rasenmäher keine
Ruhe. Erstarb der Lärm des einen, wurde dafür sofort ein anderer
angelassen.
Die Nacht war klar, meine Hände umklammerten die Gitter, ich betrachtete
die Sterne, die sich aufdringlich am Himmel tummelten. Ab und zu blickte
ich verstohlen zum Bett, wobei mein Herz schneller schlug. Ich war darauf
gespannt, was sie mit dem komischen Kerl auf der Decke anfangen würden.
In Stücke reißen, mit den schaurigsten Folterinstrumenten
quälen, ihm die Haut in Streifen abziehen, die Hände abhacken.
Alles traute ich ihnen zu. Ich hatte da meine Erfahrungen. Doch der
Junge blieb ungestört liegen, vermutlich wollten sie erst die weitere
Entwicklung abwarten, bevor sie zuschlugen. Bei mir hatte es ja auch
eine Weile gedauert, bis sie anfingen mich zu malträtieren.
Am folgenden Tag klopfte mein Vater wuchtig gegen die Tür. Das
Zeichen für mich, gute Sachen anzuziehen. Sie hatten vor, mich
wie jeden Sonntag in die Kirche zu schleppen. Und es war natürlich
ein kritischer Moment, da ich zum Schrank mußte, der im vierten
Quadrat stand. Vorsichtig schlich ich näher, um gleich darauf einen
lauten Schrei auszustoßen. Der Junge hatte sich aufrecht gesetzt
und starrte mich an. Dann sprang er vom Bett, strich sich den Anzug
glatt, wobei er beiläufig sagte:
"Ich werde für dich gehen." Ich beruhigte mich wieder.
Er schritt zur Tür, ging ohne ein weiteres Wort.
Meine Hände umklammerten die Gitterstäbe, ich schloß
die Augen und genoß die Stille. Bis mich die dröhnenden Kirchenglocken
fast taub werden ließen.
Achim Wagner, geb. 1967 in Coburg, lebt als freier
Autor in Köln.
Literarische Arbeiten seit 1983.
Bibliographie:
Der Kreisläufer (Kurzgeschichten), verlag ferber und partner, Köln,
1997.
blinder fisch (Roman), edition sisyphos, Köln, 1998.
niemandem dieser tag (Gedichte), parasitenpresse, Köln, 2000.
[Hg.] Die Verfolgung und Ermordung des (Wilhelm) Richard Wagner,
AARACHNE Verlag, Wien, 2000.
Zahlreiche Beiträge in Anthologien (u.a.
Verlag Landpresse, Dittrich Verlag),
Buchobjekten (u.a. Corvinus Presse, Neue Cranach Presse), Literatur-
und Kunstzeitschriften (u.a. Sterz, Macondo), im Rundfunk (u.a. WDR,
BR), Internet (u.a. in dem Online-Literaturmagazin Erosa) und auf CD.
Zahlreiche Lesungen und Auftritte (u.a. in Dortmund,
Würzburg, Jena, Leipzig, Dresden, Bonn, Köln).
Interdisziplinäre Aktivitäten:
Zusammenarbeit mit mehreren Komponisten, u.a. Peter Fulda (für
das Vokal-Jazz-Ensemble "nada", München).
Ausstellungsbeteiligungen (u.a. Denkpause, Wandelhalle e.V., Köln,
1999).
Auszeichnung beim IX. Literaturwettbewerb der
Gedok Rhein-Main-Taunus, 1997.
Derzeit in der Endausscheidung um den Wiener Werkstattpreis 2000.
Ihr
Kommentar

|
|