Nr. 31, Dezember 2000
 
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 Die Marginalie
 

 

Achim Wagner

Im Kinderzimmer

Durch die Gitter an meinem Zimmerfenster fielen helle Strahlen. Der Wind blies warme Luft durch den Raum. Da ich jedesmal wenn meine Eltern das Glas ersetzen ließen, wieder die Scheibe einschlug, hatten sie seit längerem darauf verzichtet, den Glaser zu bestellen. So konnte ich die Jahreszeiten hautnah spüren, ohne mein Zimmer verlassen zu müssen. Besser gesagt, ohne das erste Quadrat verlassen zu müssen. Ich hatte nämlich mein Zimmer in vier Quadrate aufgeteilt. Jedes erstreckte sich in Länge und Breite über je zwei meiner Schritte. Ich bewohnte das erste Quadrat, unterhalb des Fensters. Das Dritte bildete die Verlängerung zur Tür.
Über Teile des zweiten und vierten Quadrats erstreckte sich mein Bett. Im Vierten war zusätzlich ein großer weißer Schrank untergebracht, ein Erbstück meiner Großmutter, in dem sich meine Klamotten und die Spielsachen befanden, die ich von Zeit zu Zeit unsinnigerweise geschenkt bekam.
Auf dem Bett lag ein kleiner Junge. Er trug einen schwarzen Kinderanzug, darunter ein weißes Hemd, an dessen Kragen eine alberne rote Fliege befestigt war. Seine ordentlich geschnürten schwarzen Lederschuhe strahlten und funkelten, als ob sie eben sorgsam geputzt worden wären. Die Arme hatte er verschränkt über der Brust liegen. Er rührte sich nicht, gab keinen Laut von sich. Sie mußten ihn vergangene Nacht hereingebracht haben, während ich unachtsam gewesen bin. Sonst hätte ich mich dagegen gewehrt, einen weiteren Zimmergenossen zu bekommen. Mir reichten die Gestalten, die sich unter dem Bett befanden und mir das Leben zur Hölle gemacht hatten, als ich noch unwissend auch das zweite und vierte Quadrat bewohnte. Nacht für Nacht hatten sie mir unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß das ihr Reich ist, bis ich mich endgültig daraus verzog.
Von draußen klangen die Laute lärmender, scheppernder Rasenmäher. Das heißt, es war Samstag. Die Nachbarn und mein Vater nutzten den schönen Tag, um ihn mir mit ihrem Krach zu verderben.
Im dritten Quadrat zog Nebel auf, der immer dichter wurde. Die Tür öffnete sich, eine schwer erkennbare Gestalt, von der ich wußte, daß sie meine Mutter war, betrat den Raum. Sie stellte ein Tablett mit Frühstückssachen ab, wozu sie ununterbrochen redete. Was sie sagte, drang nur in unverständlichen Fetzen zu mir durch, der Sinn ihrer Worte wurde von der Nebelwand verschluckt.
Als sie den Raum verließ, verschwand der Nebel mit ihr.
Argwöhnisch schaute ich zum Bett, in das Gesicht des Jungen. Er zeigte immer noch keinerlei Regung. Da ich Angst hatte, er könnte von dem Duft des Rauchkringel dampfenden Tees geweckt werden und Anspruch auf einen Teil meines Frühstücks erheben, schlang ich die zwei Käsebrötchen und die Banane hastig hinunter, an dem heißen Tee verbrannte ich mir die Zunge. Ich stellte das Tablett zurück in das dritte Quadrat, das Niemandsland. Ich erhob keinen dauerhaften Anspruch auf diesen Teil des Raums, nur manchmal, wenn ich gezwungen war, das Zimmer doch einmal zu verlassen, sprang ich auf einem Bein durch das Niemandsland. Bis zum Abend gaben die Rasenmäher keine Ruhe. Erstarb der Lärm des einen, wurde dafür sofort ein anderer angelassen.

Die Nacht war klar, meine Hände umklammerten die Gitter, ich betrachtete die Sterne, die sich aufdringlich am Himmel tummelten. Ab und zu blickte ich verstohlen zum Bett, wobei mein Herz schneller schlug. Ich war darauf gespannt, was sie mit dem komischen Kerl auf der Decke anfangen würden. In Stücke reißen, mit den schaurigsten Folterinstrumenten quälen, ihm die Haut in Streifen abziehen, die Hände abhacken. Alles traute ich ihnen zu. Ich hatte da meine Erfahrungen. Doch der Junge blieb ungestört liegen, vermutlich wollten sie erst die weitere Entwicklung abwarten, bevor sie zuschlugen. Bei mir hatte es ja auch eine Weile gedauert, bis sie anfingen mich zu malträtieren.
Am folgenden Tag klopfte mein Vater wuchtig gegen die Tür. Das Zeichen für mich, gute Sachen anzuziehen. Sie hatten vor, mich wie jeden Sonntag in die Kirche zu schleppen. Und es war natürlich ein kritischer Moment, da ich zum Schrank mußte, der im vierten Quadrat stand. Vorsichtig schlich ich näher, um gleich darauf einen lauten Schrei auszustoßen. Der Junge hatte sich aufrecht gesetzt und starrte mich an. Dann sprang er vom Bett, strich sich den Anzug glatt, wobei er beiläufig sagte:
"Ich werde für dich gehen." Ich beruhigte mich wieder. Er schritt zur Tür, ging ohne ein weiteres Wort.
Meine Hände umklammerten die Gitterstäbe, ich schloß die Augen und genoß die Stille. Bis mich die dröhnenden Kirchenglocken fast taub werden ließen.


Achim Wagner, geb. 1967 in Coburg, lebt als freier Autor in Köln.
Literarische Arbeiten seit 1983.
Bibliographie:
Der Kreisläufer (Kurzgeschichten), verlag ferber und partner, Köln, 1997.
blinder fisch (Roman), edition sisyphos, Köln, 1998.
niemandem dieser tag (Gedichte), parasitenpresse, Köln, 2000.
[Hg.] Die Verfolgung und Ermordung des (Wilhelm) Richard Wagner,
AARACHNE Verlag, Wien, 2000.
Zahlreiche Beiträge in Anthologien (u.a. Verlag Landpresse, Dittrich Verlag),
Buchobjekten (u.a. Corvinus Presse, Neue Cranach Presse), Literatur- und Kunstzeitschriften (u.a. Sterz, Macondo), im Rundfunk (u.a. WDR, BR), Internet (u.a. in dem Online-Literaturmagazin Erosa) und auf CD.
Zahlreiche Lesungen und Auftritte (u.a. in Dortmund, Würzburg, Jena, Leipzig, Dresden, Bonn, Köln).
Interdisziplinäre Aktivitäten:
Zusammenarbeit mit mehreren Komponisten, u.a. Peter Fulda (für das Vokal-Jazz-Ensemble "nada", München).
Ausstellungsbeteiligungen (u.a. Denkpause, Wandelhalle e.V., Köln, 1999).
Auszeichnung beim IX. Literaturwettbewerb der Gedok Rhein-Main-Taunus, 1997.
Derzeit in der Endausscheidung um den Wiener Werkstattpreis 2000.


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