Nr. 31, Dezember 2000

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 Kommentare

 H. Pfitzinger
 Anatol

 Thomas Mann

 Gastkolumnen

 

 

Hans Pfitzinger

Fingerzeige
oder: Äpfel und Birnen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden junge Frauen, die während der deutschen Besatzungszeit mit Soldaten der Wehrmacht ins Bett gegangen waren, kahlgeschoren, vergewaltigt und nackt durch die Stadt gejagt.
Das geschah in Frankreich.

Weil die Regierung ihres Herkunftslandes der heimischen Regierung den Krieg erklärt hatte, wurden Zehntausende von Staatsbürgern mit japanischen Vorfahren in Internierungslager gebracht und von der Außenwelt abgeschnitten.
Da geschah in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Als ein hoher politischer Funktionär, Präsident der Arbeitgeberverbände, getötet wurde, setzte die Regierung die Verfassung außer Kraft und begann, unter Mithilfe der meisten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender, eine beispiellose Hetzjagd nach einem Dutzend "Terroristen". Zur selben Zeit wurde Staatsbeamten, die in Opposition zur Regierung standen, per Erlass verboten, ihren Beruf auszuüben.
Das geschah in Deutschland.

In Teilen des Landes können Menschen aus südlichen oder fernöstlichen Ländern nicht mehr auf Straßen oder Plätzen unterwegs sein, weil sie sich damit in die Gefahr begeben, erschlagen oder verprügelt zu werden. Die Regierung unternimmt erst jahrelang nichts, dann fordert sie zu einem Demonstrationszug auf.
Das geschieht in Deutschland.

Politiker großer Parteien, die an der Regierung waren oder gerade sind, fordern, den Zuzug von Menschen anderer Religion und Hautfarbe zu begrenzen und nur noch "Ausländer" zu dulden, die unserer Wirtschaft und dem Rentensystem nützen.
Das geschieht in Deutschland.

"Approach love and cooking with reckless abandon."
Dalai Lama

Menschen mit dunkler Hautfarbe gelten als minderwertig. Wenn sie Pech haben, werden sie öffentlich einer Straftat bezichtigt, die sie gar nicht begangen haben, und ohne Gerichtsverhandlung am nächsten Baum aufgehängt.
Das geschah in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Ein Volk, dessen Land von fremden Einwanderern besetzt ist, wird daran gehindert, sich seine eigenen politischen Institutionen zu schaffen und auf seinem Boden einen eigenen Staat zu gründen. Erwachsene und Kinder, die dagegen protestieren, werden erschossen.
Das geschieht in Palästina.

Ein nach demokratischen Wahlen an die Macht gekommener Staatschef soll aus dem Amt entfernt werden, weil er der Regierung der USA nicht ins außenpolitische Konzept passt. Deswegen lässt sie ihn von ihrem Geheimdienst ermorden.
Das geschah in Chile.

Ein nach demokratischen Wahlen an die Macht gekommener Staatschef soll aus dem Amt entfernt werden, weil er der Regierung der USA nicht ins außenpolitische Konzept passt. Deswegen wird sein Land monatelang bombardiert, die Natur verseucht, Brücken gesprengt, tausende von Menschen umgebracht.
Das geschah, mit deutscher Hilfe, in Serbien.

Eine Gruppe von 40 Staatsbürgern, die sich friedlich in einer Stadt im äußersten Südosten des Landes versammeln und Bier aus Dosen trinken, wird von einer Hundertschaft Polizei eingekreist und verhaftet, weil sie anders aussehen als die meisten Einheimischen. Die überwiegend jungen Menschen frisieren und kleiden sich wie Punks.
Das geschah in Bayern.

"Widme dich der Liebe und dem Kochen mit hemmungsloser Hingabe."
Dalai Lama

Ein adeliger Schriftsteller, der sich sonst friedlich seinen Seitensprüngen widmet, wütet in geschriebenen Attacken gegen "Nacktschädelgesindel". Andere Kulturtreibende fordern, mit dem "Spuk" endlich gewaltsam aufzuräumen: "Haut die Glatzen, bis sie platzen." Argumente, so das Argument, könnten jetzt nicht mehr helfen, da müsse Gewalt her, pardon, Gegengewalt natürlich.
Das geschieht in Deutschland.

"Was bedeutet es, wenn man Pazifist ist und erschossen wird?" John Lennon fragt sich das, im September 1980, als er in einem Gespräch an Mahatma Gandhi und Martin Luther King erinnert. Drei Monate später wird er erschossen.
Das geschah in New York.

Merke: Wer gewalttätig wird, hat schon verloren. Dabei ist es gleichgültig, ob Sie an Karma glauben oder Ihren gesunden Menschenverstand bemühen. Und: Es ist falsch, andere Menschen totzuschlagen.

Das gilt immer. Und überall.


Dazu spontane Reaktionen in den Leserbriefen, die sich in dieser Nummer fast zu einem Diskussionsforum aufschaukeln (letztes update am 7. Dezember).



Anatol

Dumm gelaufen

Jetzt, nach der Diskussion, machen alle triste figura. Bassam Tibi, weil man seine "Leitkultur" so furchtbar mißversteht. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU), weil man ihn erst gar nicht wahrnahm, obwohl er doch den schönen Begriff bereits im März 1999 besetzt hatte und gar zu gern schadenfroh darauf hingewiesen hätte, daß der Begriff von einem Einwanderer stammt. Jörg Schönbohm (CDU), der das Wort sogar schon ein Jahr vorher in die politische Debatte gebracht hatte - ebenso unbeachteterweise. Theo Sommer, der aufgeregt darlegt, daß die Besatzer sich ganz zu Unrecht auf ihn berufen. Angela ("Ich will eine Wir-Gesellschaft!") Merkel, die mit dem schlappen Versuch baden ging, auch noch eine nationale "Vaterland"-Debatte dranzuhängen. Und Friedrich Merz, der zur besten Sendezeit, in der Haushaltsdebatte, zugeben mußte, daß der Begriff tatsächlich "mißverständlich" "sein" "könnte".
Dazwischen lagen die Feuilletons, denen es auf eine -kultur mehr oder weniger nicht ankommt. Nach erstaunlich kurzer Zeit entdeckten sie dabei die Wonnen der öffentlichen Persiflage: das L-Wort, die Light-Kultur, die Leid-Kultur und - ein parodistisches Meisterstück (siehe hier unten, aus der FAZ) - die Thomas Mannsche Leit-Cultur. Edmund Stoiber (Bayer) wurde von den Eingeborenen in Augsburg mit dem Hinweis empfangen, hier sei die Leitkultur, nix für ungut, schwäbisch. Ein Leserbriefschreiber in der ZEIT, besonders hinterfotzig, entdeckte "leitkulturfreie Zonen". Auch das Ausland amüsierte sich (Foto). Ein paar Außenseiter kochten an der Aufregung noch ein schnelles Privatsüppchen: Fremdworthasser, Gartenzwergehersteller, Reinlichkeitsfanatiker. Aber das Ende der schönen Begriffsbesetzung war eingeläutet. Da packte die Besatzungsarmee kleinlaut zusammen und ward nicht mehr gesehen. Eine notwendige Diskussion angestoßen? Von wegen.
Denn mit einem Schlag sind all die aufgeregt gestellten Feuilletonfragen der letzten Wochen uninteressant geworden. Kurz bevor die Debatte in die konkrete Frage einzumünden drohte, wie wir mit den Eingewanderten alltäglich und menschenwürdig zusammenleben wollen - da brach wieder dieses breite, peinliche Schweigen aus. Über das einige der eben noch lautstarken Leitkultur-Vertreter gar nicht mal unglücklich waren: Hatten sie doch, ganz gegen ihre Praxis und Überzeugung die ganze Zeit rückständigen Muselmanen die wilde Frauenbefreiung predigen müssen. Aus und vorbei. Ist das Essen fertig, Marie?
Was ist das für eine Opposition, die ein hektisches und immer nur kurzzeitiges Wörter-Jonglieren schon für Politik hält?
Und: Welcher Irre hat eigentlich diese Spielchen "Begriffsbesetzung" in die politische Welt gesetzt? So etwas muß, solange es auf genügend wachsame, gebildete und menschenfreundliche Deutsche trifft, schiefgehen. Wenn der offene Geist wehen soll, wo er will, dürfen wir nicht zulassen, daß "Begriffe" in den Händen unaufgeklärter Konservativer erstarren und die Vergangenheit zum Pflichtmuseum versteinert. Das wußte übrigens schon Walter Benjamin: "In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist. Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört."


Thomas Mann

Ein Wort zur Leit-Cultur

Die Anfrage der "Königsberger Hartung'schen Zeitung", wie ich zu dem kühnen Vorpreschen des Reichstagsabgeordneten Mey mich stelle, darf ich als Bitte um fachmännischen Rat auffassen. Fachmännisch, weil nun einmal ausgemacht scheint, daß es der Künstler sei, der in den Angelegenheit der Kultur orientiert und zu Hause ist.
Ich weiche auch nicht aus, hat mich doch die Aktion oder soll ich sagen: die Attacke? des Zentrumsabgeordneten an meine eigenen früheren Versuche gemahnt. Herr Mey hat im Reichstag an die Adresse der Regierung gesagt, "daß Deutschfeindlichkeit in Deutschland niemandem schadet, daß es ganz ungefährlich ist, ja, sogar Ehre bringt, sie zur Schau zu tragen". Sollten mich solche Worte nicht an mich selbst erinnern? Unter dem Stirnrunzeln sogar seiner eigenen gebeutelten Fraktion hat er - wie mir berichtet worden ist - mit männlich-eisiger Miene einen Rahmen um das Land gezogen und eine Grenze konstatiert, die Gültigkeit habe, auch wenn alle Grenzen gefallen seien: als Antwort auf Antipatriotismus und deutschen Selbsthaß, ja als dessen Rücknahme empfiehlt der Abgeordnete einen Begriff, den er mit stolzer Reizbarkeit in die Welt schleudert: er will eine deutsche Leit-Cultur. Ich kenne den jungen Abgeordneten nicht und auch nicht die Malaisen seiner Partei, die ihn von Kultur sprechen ließen, weil er von Politik schweigen wollte. Der Mann, will mir scheinen, er hört, wenn er das Wort Deutschland hört, Musik, eine feine, verführerische, eine rattenfängerische, wie sie aus dem Hörselberg erklingen mag. Oder anders gesagt: ich höre ihn, den großen unter den großen Verführern, ich höre die Musik Richard Wagners in diesem neuen Leit-Motiv des Zentrums. Ach Gott! Als wenn der Alte nicht selbst schon das Produkt aller möglichen Kultur gewesen sei! Als wenn wir Schriftsteller und Künstler denkbar wären ohne Orient und Okzident! Wir sind schlechte Zeugen für die Leit-Cultur des Abgeordneten Mey. Deutsche Leit-Cultur, daran glaubt unter den Schriftstellern heute nur noch der Geschichtsmorpholog Oswald Spengler. Oh, wie entgehen ihm die Liebeswerke der Welt! Stand die Menschheit nicht erst vor kurzem am Altar der Weltausstellung, die das Wirken der Gattung feierte? Damals sagte ich: "Und sperrten wir, meine Herren, unsere nationalen Grenzen nach allen vier Windrichtungen hermetisch; vereinten wir uns unter der Wotanseiche unter wilden Verwünschungen zu dem Schwure, weder im Urtext noch auf deutsch eine Silbe europäischer Literatur noch zu lesen - das Ideal ethnischer Verdummung bliebe ein Wunschtraum. Wir haben den Feind im Land. Goethe, Lichtenberg, Schopenhauer; es hilft nichts." Was ist denn "Menschheit"? Kultur herrscht nicht, und wahre Kultur will nicht beherrschen: stets nimmt sie, stets gibt sie - Schuldner sind wir alle, Der Kulturmensch hat es wahrlich nicht schlecht. Nicht schlecht im Buffalo-Bill-Amerika, im knechtischen St. Petersburg oder opiumgeschwängerten Konstantinopel, und schlecht hat er es auch nicht in Berlin, wo der Abgeordnete Mey seine Reden hält. Vielleicht sollte man so delikate Vorgänge wie die im Reichstage nicht stören, indem man davon spricht. Schon schweige ich. Und weil alles durcheinanderredet und jeder auf das erlösende Wort wartet, verberge ich mich hinter der künstlerischen Autorität, mit der man einzig in Deutschland die abstrebenden Lager vereint. Und also zitiere ich als Antwort auf Ihre Umfrage aus den Nachträgen des großen Dichterfürsten und nenne jenes kosmopolitische Cogito ergo sum, an dem ich meine Seele erfrische: "Wo ich bin, ist deutsche Kultur."

Antwort auf eine Umfrage der "Königsberger Hartung'schen Zeitung" vom 11. November 1928

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Verfasser ist der Redaktion bekannt.

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