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Gespräch mit dem Erlanger Politologen Professor Kurt Lenk
Rechtsextremismus in Deutschland - Ursachen, Motive, Konsequenzen
Herr Professor Lenk, heute am 11. September ist Adornos 97. Geburtstag.
Er war Ihr Lehrer in Frankfurt am Main und hat 1966/67 den Einzug der
NPD in die Landtage mit den Worten kommentiert, dass das Fortleben des
Nationalsozialismus in diesem Staat - damit meinte er Figuren wie Kiesinger,
Globke, Oberländer - viel schlimmer sei als das dezidiert gegen
den Staat gerichtete Fortleben des Rechtsradikalismus in Gestalt der
NPD. Auf die Situation heute scheint dieser Befund nicht mehr zuzutreffen,
denn das Fortleben des Nationalsozialismus gegen den Staat ist für
die Regierenden längst zum negativen Imagefaktor der Exportnation
Deutschland geworden.
In der Tat. Seit Adorno sind entscheidende Veränderungen eingetreten.
Damals war die deutsche Einheit noch nicht absehbar, die mit den Besonderheiten
der heutigen Erscheinungsformen und Aggregatzustände rechtsextremer
Bewegungen sehr eng zusammenhängt, was vor allem die Gewaltförmigkeit
betrifft. Es ist ja kein Zufall, dass die ersten spektakulären
Gewaltphönomene 1991/92 gewesen sind - denken Sie nur an Hoyerswerda
oder Solingen. Heute muss man feststellen, dass rechtsextreme Gewalttaten
längst zur Extremvariante der deutschen "Normalität"
gehören. Insofern ist es eigentlich verwunderlich, dass erst mit
der spektakulären Bombe von Düsseldorf dieses Skandalon ins
allgemeine Bewusstsein getreten ist.
Rechtsextremismus avancierte zum Sommerloch-Thema, weshalb ja auch
die Ernsthaftigkeit und Effektivität bei der Aufarbeitung in Zweifel
gezogen wird. Für wie aussichtsreich halten Sie denn die ziemlich
aufgeregte Bekämpfungsstrategie, ein NPD-Verbot anzustrengen und
das Versammlungsrecht in Berlin an bestimmten historischen Plätzen
einzuschränken?
Es ist ja nichts Neues, dass bei spektakulären Ereignissen gleich
der Knüppel herausgeholt wird. Natürlich hätte ein Verbot
durch das Bundesverfassungsgericht eine gewisse symbolische Bedeutung,
weil dadurch Mitläufer abgeschreckt werden könnten. Aber es
hat sich auch gezeigt, dass zwischen 1992 und 1998 Funktionäre
von fünfzehn verbotenen rechtsextremen Organisationen danach noch
in der NPD erneut Karriere machen konnten. Die langfristigen Einstellungspotenziale,
aus denen der Rechtsextremismus entsteht, auch die Gewaltbereitschaft
der unorganisierten Gruppierungen wie der Kameradschaften ließ
sich dadurch überhaupt nicht abschrecken. Was ferner gegen ein
Verbot spricht, ist die lange Frist zwischen der Antragstellung und
dem Urteil. Hier erhält eine inkriminierte Partei natürlich
ausreichend Gelegenheit, sich zu frisieren und sich allmählich
verfassungsfreundlicher darzustellen. Ich halte es mehr mit einer langfristigen
Prävention. Dazu gehört etwa eine Neubesinnung auf den fortwährenden
Skandal der Jugendarbeitslosigkeit und ihre Konsequenzen. Die politische
Bildung im weitesten Sinne braucht zudem eine gründliche Orientierung.
Erinnert die derzeitige Bekämpfungsstrategie nicht doch ein
wenig an die völlig zum Scheitern verurteilten Weimarer "Republikschutzgesetze",
mit denen man fehlendes republikanisches Bewusstsein glaubte kompensieren
zu können?
Jede Einschränkung der Grundrechte ist kontraproduktiv, wirkt sich
möglicherweise als Bumerang gegen die aus, die, oft in bester Absicht,
den Rechtsextremismus bekämpfen wollen. Zugegebenermaßen
befindet sich der Rechtsstaat dabei in einer schwierigen Situation.
Er muss einerseits alles tun, um keine Schutzgarantie für seine
erklärten Feinde zu bieten. Auf der anderen Seite muss er sehen,
dass er sich nicht selber das Wasser abgräbt, das er zu seiner
eigenen Lebendigkeit nötig hat.
Lassen Sie uns auf die Ursachen, Motive des Rechtsextremismus eingehen.
Ist er zum Beispiel ein ostspezifisches Phänomen, das mit der strukturellen
Ungleichheit nach der Neuvereinigung zu tun hat? Selbst ostdeutsche
Politiker wie Reinhard Höppner geben unumwunden zu, dass es eine
dumpfe Stammtischakzeptanz oder stille Permissivität gegenüber
den Untaten der Rechtsextremisten gibt. Sie werden gern als verständliche
Konsequenz von perspektivlosen Jugendlichen im übervorteilten Osten
verniedlicht.
Es gibt in den neuen Ländern seit langem einen latenten Rassismus.
Die mangelnde Erfahrung mit Ausländern und die staatsautoritär
gepflegte Form des Antifaschismus in der alten DDR wirken sich hier
aus. Dass wir noch immer in einem geteilten Land leben, beweisen zum
Beispiel Untersuchungen über das höchst unterschiedliche Lese-
und Fernsehverhalten in Ost und West. Zudem gilt für die NPD, dass
sie in den Westländern weitgehend nur ein unattraktiver Altherrenverein
ist, während sie es vor allem in Sachsen, Thüringen und in
Brandenburg geschafft hat, eine Art Jugendbewegung zu werden mit eigener
Subkultur in Gestalt von "Jungen Nationaldemokraten" nebst
Schlägertruppen wie Skinheads und so genannten Kameradschaften.
Die Erscheinungsformen und der Aggregatzustand des Rechtsextremismus
in den östlichen Ländern sind in der Tat vom Westen verschieden.
Dennoch wäre es grundfalsch, das Problem des Rechtsextremismus
als ein regionales oder gar bloßes Jugendproblem zu behandeln.
Es waren ja westdeutsche Häuptlinge, die im Osten ihre Gefolgschaft
fanden, der Input für die Ideologien, Propaganda und Parolen
kam im Wesentlichen aus dem Westen, wobei natürlich nicht zu leugnen
ist, dass es seinerzeit einen als kriminell geltenden Rechtsextremismus
in der DDR gab. Seit Anfang der sechziger Jahre ist es immer wieder
zu - allerdings örtlich begrenzten - Übergriffen gekommen,
die dort aber nur als kriminelle Strafdelikte und nicht als politische
Phänomene wahrgenommen wurden.
Betrachten wir den Rechtsextremismus als weltanschauliches Syndrom.
Wie würden Sie die generationsübergreifenden ideologischen
Konstanten definieren?
Es gibt viele Ansätze, zu definieren, was eigentlich rechtsextrem
ist. Man könnte eine Merkmalskette des Rechtsextremismus aufzeigen,
die es erlaubt, wie ein Parameter den Aggregatzustand zu messen. Das
zentrale Motiv ist das Dogma der Ungleichheit, wonach die Menschen
von Haus aus ungleich und vor allem ungleichwertig sind, was zum Ethnozentrismus
und zur Ablehnung alles Fremden, Farbigen usf. führt. Zweitens
wäre das Führer-Gefolgschaftsprinzip zu nennen, wonach
die autoritäre Führung als einzig akzeptable Form der politischen
Organisation gilt. Dazu kommt die Tendenz der Homogenisierung des
Volkes, alles gleich und "arisch" zu machen. Dahinter
verbirgt sich ein metaphysisch aufgeladener Volksbegriff, der sich genauso
wenig wie der Begriff des "Reiches" übersetzen lässt.
All das Genannte gibt es natürlich in manchen Spielformen des Konservatismus
auch. Die differentia specifica ist die Frage der Gewalt. An
der Gewaltbereitschaft entscheidet sich der Zugang zum Rechtsextremismus
im engeren Sinne.
Wie steht es um das intellektuelle Umfeld dieses gewaltbereiten
Rechtsextremismus?
Wenn man sich mal die Feuilletons der rechtsextremen Presse ansieht,
dann stößt man immer wieder auf Kernbegriffe, mit denen operiert
wird. Zum Beispiel Schicksal. Schicksal ist der Kontrabegriff
gegen Geschichte. Damit ist ein schlechthinniges Ausgeliefertsein des
Menschen gemeint, etwa sich zum Volk zu bekennen. Das Zweite wäre
ein apokalyptisches Moment, wonach entweder die Entwicklung nach
rechtsextremer Programmatik zu verlaufen hat oder der Untergang Deutschlands
bevorsteht. Dahinter verbirgt sich ein ebenso dezisionistisches wie
voluntaristisches Denken, dass wir nur zu wollen oder aufzustehen brauchen,
um uns der Umerziehung nach dem Kriege durch die Alliierten und der
Bevormundung durch eine "linksliberale Mafia" usf. zu entledigen.
Hier wird permanent ein Bedrohungsgefühl erzeugt, um die Adressaten
mobil zu machen. Die Agitation der Rechtsextremen findet rund um die
Uhr statt, es gibt kein Halten. Daraus entsteht ihr Aktionismus und
heute verstärkt die Militanz.
Ein weiteres wichtiges Moment in den Originalbeiträgen der rechtsextremen
Protagonisten ist die Pose des Märtyrers: Wir sagen die
Wahrheit, und was bekommen wir? Nur Schläge und Prügel! Das
Pendant zu diesem Märtyrer-Syndrom ist die Erzeugung eines kollektiven
Bösen. Dahinter steht die Empfindung, dass die Deutschen, die
ökonomisch so potent sind, politisch Zwerge geblieben seien.
Lassen Sie uns einen Blick auf die rechtsextreme Szene insgesamt
werfen. Das Spektrum reicht von der recht erfolgreichen DVU als Phantom-
und Postkartenpartei des Millionärs Gerhard Frey, daneben die konkretistische
NPD, die in xenophoben Wohnbezirken im Osten Patrouille fahren lässt,
schließlich zu den grauen Relikten von Schönhubers teilweise
verbeamteten REPUBLIKANERN.
Moment, das Spektrum wäre noch zu erweitern durch die "Kameradschaften",
lokalen Vereinigungen und vielfältigen Männerbünde. Hier
ist eine Palette des Angebots, die gleichsam nach der bekannten Devise
verfährt: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Die DVU
hat sich offenbar einen Seriositätsschub verordnet, um nicht auch
nur im Entferntesten in die Nähe der ausländerfeindlichen
Exzesse zu gelangen. Erst jüngst leistete sich Herr Frey die Absurdität,
zu verkünden, seine DVU sei schon immer der Auffassung gewesen,
dass wir in der besten aller möglichen Demokratien lebten. Dass
die REPUBLIKANER auch honorig den rechten Flügel der Union besiedeln
könnten, zeigt zudem, wie bunt und vielgestaltig das rechte Arsenal
seit der Deutschen Einheit geworden ist. Dies gilt im Übrigen auch
für die neurechten Diskurse in ihrer "modernsten" Form.
Ich denke da vor allem an die beiden Organe DEUTSCHE STIMME und OPPOSITION.
Diese Buntheit ist die Stärke des Rechtsextremismus, so dass man
kaum sagen kann "Verbietet die NPD, und dann ist Ruhe". Diese
Erwartung wäre fatal.
Verweilen wir bei der Presselandschaft der konservativen bis rechten
Intelligenz. Wie verhält sich eigentlich die JUNGE FREIHEIT gegenüber
dem rechtsextremen Gewaltpotenzial im Osten?
Sie will explizit damit nichts zu tun haben, hält es offenbar für
den "Nationalismus der dummen Kerls". Sie distanziert sich
verbal von den Gewalttaten, verhält sich aber auf der anderen Seite
ein bisschen wie seinerzeit Heinrich von Treitschke gegenüber den
antisemitischen Ausschreitungen in der Gründerzeit des Kaiserreiches,
als er schrieb, zwar lehne er die Form dieser gewaltsamen Taten ab,
man dürfe freilich nicht vergessen, dass es eine nur zu berechtigte
dumpfe Wut im Volk gebe, die zu solchen Exzessen führe. Hier wird
Gewalt gerechtfertigt, trotz verbaler Distanzierung.
Es raschelt derzeit heftig im rechten Blätterwald. Zum Beispiel
kann man lesen, die NPD werde jetzt zerschlagen, weil sie allmählich
die Hegemonie im rechten Lager gewonnen und sich als die eigentliche
Avantgarde eines neuen Deutschen Reiches exponiert habe. Andererseits
wird wieder das Gerede von der so genannten Faschismuskeule bemüht,
die die fremdbestimmten Medien gegen die deutsche Wahrheitspresse schwinge.
Liest man die rechtsextreme Presse, so spielen die Gewaltexzesse gar
keine Rolle mehr, weil sie nicht in die Politik, sondern in die Abteilung
Pathologie gehörten. Gleichzeitig wird vor der Vorstellung gewarnt,
eine Bewegung im deutschen Volk auf "diese wenigen" spektakulären
Fälle zu reduzieren. Schließlich sei es ein legitimes Grundbedürfnis
des deutschen Volkes, sich zu wehren gegen jede "Überfremdung".
Kann man denn immer noch von einem Boom von Blättern der rechten
Intelligenz sprechen, für den einst Zeitschriften wie MUT, STAATSBRIEFE,
WIR SELBST oder die JUNGE FREIHEIT standen? Läuft jene Intelligenz
nicht Gefahr, über die rechten Gewaltexzesse eher bedeutungslos
zu werden?
Das glaube ich nicht. Ein Niedergang der neurechten Presse ist nicht
festzustellen. Eher findet eine Streuung statt. In der Diskussion um
die Rede Martin Walsers hat man ja sehen können, wie Motive, die
ursprünglich in der Rechtspresse en vogue waren, durchaus einen
gewissen Normalitätszuwachs erfahren können. Es streut also
und geht nicht zurück.
Es fällt auf, dass in der rechten Szene immer mehr frühere
Aktivisten von links aufkreuzen. Dabei spielt der ehemalige RAF-Anwalt
Horst Mahler eine besonders schändliche Rolle, gilt er doch mittlerweile
als der radikalste antisemitische Agitator in Deutschland, der öffentlich
Positionen aus Hitlers Mein Kampf vertritt. Womit hat dieses
Konvertitentum, so es denn überhaupt eines ist, zu tun, - mit einer
eher infantilen Affinität zur permanenten Bewegung, einer ewigen
Kampfstellung gegen das jeweilige Establishment, einem regressiven Antiamerikanismus,
womit?
Ich glaube nicht, dass Mahler der Einzige ist. Er ist nur einer, der
weiß, wie man die Medien bedient. Für mich sind solche Figuren
weniger im Blick darauf interessant, was sie selber von sich geben,
sondern was sie in der Öffentlichkeit erregen. Die Tatsache, dass
er Eingang findet in verschiedene Diskussionskreise, erscheint für
mich als Politikum wichtiger als das, was aus seiner merkwürdigen
Psychologie stammt. Es gibt solche Agitatoren heute in verschiedenen
Temperaturlagen. Denn das Angebot von Seiten einer Linken, die einmal
auf sich hielt, theoretisch informiert zu argumentieren, ist ja ziemlich
schmal geworden. In dieses Vakuum tritt in der Tat ein Teil der intellektuellen
Rechten. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass zur Zeit Gorbatschows
in der JUNGEN FREIHEIT eine knappe Analyse des Vorgangs der Transformation
der Sowjetunion erschien, die mir mit Carl Schmittschen Kategorien plausibler
vorkam als vieles, was an vagen Hoffnungen mit dem Phänomen Glasnost
verbunden worden ist.
Wie diskutiert man mit solchen Leuten?
Man muss vermeiden, dass man die politische Stoßrichtung rechtsextremer
Argumente nicht mehr ernst nimmt. Es kommt vor allem darauf an, offensiv
zu argumentieren, nicht nur die Abweichung von irgend einem "Normalitätsbefund"
festzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht erfolglos
ist, wenn man in Diskussionen mit Rechten vor einem interessierten Publikum
die schlichte Frage stellt: "Gesetzt den Fall, sie hätten
das Sagen in Berlin, was würden Sie denn machen?" Dann kommt
nämlich meistens die erbärmliche Antwort: "Ich bin froh,
dass ich das nicht muss!" Wenn sie aber programmatisch antworten
- mit Grenzschließung, Zurückeroberung der alten Ostgebiete
usw. - verfangen sie sich meist in ihrem ganzen Wahn. Das heißt,
man muss solche Leute ganz konkret stellen und darf nicht auf der Ebene
einer magischen Spekulation im Trüben fischen. Erst wenn es konkret
wird, kommt das Politikum in seiner Absurdität zum Vorschein.
Mit freundlicher Genehmigung aus: Die Neue Gesellschaft.
Frankfurter Hefte, Nr 11, Dezember 2000
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