Nr. 31, Dezember 2000
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Dieter Oberndörfer
 Linda Benedikt

 Erwin Chargaff
 György Dalos
 


 

 

Neues vom alten Grantler

Für alle, die Erwin Chargaff noch nicht kennen, stellt er sich am besten selbst vor, durch ein paar seiner Aussprüche (aus "Bemerkungen", Klett-Cotta 1982):
"Kultur ist die Fähigkeit, das öffentlich Vorhandene privat zu genießen."
"Von dem senilen Satiriker: Er persifliert schon auf dem letzten Loch."
"Nichts ist fürchterlicher, als im Netz einer zaghaften Spinne gefangen zu sein."
"Sein Nekrolog, an dem er sein ganzes Leben schrieb, wurde irrtümlich mit ihm begraben."
"Er hatte sein Leben der Nichtlösung von Rätseln, der Bewahrung von Geheimnissen geweiht."
"Da ihm schon alle Worte ausgefallen sind, hat er sich eine falsche Syntax einsetzen lassen."
"Sozialdemokratie: Bei schlechtem Wetter findet die Revolution im Saale statt."
"Nichts altert schneller als ein Wunderkind."
"Wenn wir mit einem Garantieschein geboren würden, wüßten wir, wann wir sterben würden: einen Tag nach Ablauf der Garantie."

Mehr bräuchte man eigentlich nicht über ihn zu wissen. Der Klappentext seines neuen, wiederum bei Klett-Cotta erschienenen Essaybandes Ernste Fragen, aus dem wir gleich mit Dank an den Verlag zitieren, gibt dennoch ein paar karge Eckdaten zur Einordnung: "Erwin Chargaff, Prof. Dr. phil., geboren 1905. In den Jahren 1923 bis 1928 Studium der Chemie in Wien. Seit 1935 an der Columbia University, New York tätig. Seit 1952 Professor der Biochemie, 1970 Direktor des Biochemischen Instituts. Zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen und Ehrendoktorate."
Wie einer mit Wiener Schmäh in den USA an der Welt verzweifelt und auf so humorige Art Pessimist geblieben sein kann, das hat allemal was Anregendes. Hier seine Gedanken über


Massenmedien

Die Wendung "die Massenmedien" ist mir besonders lieb und wert, denn sie hat mir gezeigt, welche Macht ein Wort an einer Stelle hat, wo sonst gar nichts existiert. Ich denke hier natürlich an "Wort" in einem ganz unerhabenen Sinne, nicht an den Logos, der im ersten Vers des Johannesevangeliums beschworen wird. Von dem Begriff "die Massenmedien" würde ich sagen, daß er (wenn auch die Sprachgeschichte anders urteilen mag) die Massenhaftigkeit eher selbst geschaffen hat, als daß er von den Massen geschaffen worden wäre. In den alten Zeiten gab es Menschen, Männer und Frauen, Leute, jetzt gibt es Massen. Die Leute produzieren, die Massen konsumieren. Die Leute bauen, die Massen zerstören. Während nur ein einzelner Geist etwas erschaffen kann, wird das Produkt von vielen Leuten genossen; den Massen aber muß man nur sagen, sie sollen es unbesehen beklatschen. Worte, Slogans, Werbesprüche besitzen eine dämonische, demiurgische Macht, die nur selten wirklich wahrgenommen wird.
Keine der anderen mir bekannten Sprachen besitzt eine so üppige Informationsquelle zu Wachstum und Verfall von Wörtern und Begriffen wie das Englische. Ich spreche hier von dem großen Oxford English Dictionary mit seinem unerschöpflichen Vorrat an Beispielen und Anwendungen. Die Bezeichnung `die Massen´, die in dem hier zugrundegelegten Sinne im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts im Englischen heimisch wurde, hat eine sehr elitäre Ahnenreihe und geht zurück auf die lateinischen plebs und vulgus. Dieser amorphe Haufen einer ungezählten Menschheit, katzbuckelnd und knurrend, hat immer Nase und Ohr der Gebildeten beleidigt. "Odi profanum vulgus et arceo" (Ich hasse die gemeine Menge und halte sie mir fern), schrieb Horaz. Der bekannte antike Slogan `Panem et circenses´ (Man gebe ihnen Brot und Zirkusspiele) steht als direkter Vorläufer der Rockkonzerte im Central Park da (bei denen allerdings, nehme ich an, die Bagel nicht gratis verteilt werden). Unsere Adjektive `plebejisch´ und `vulgär´ bezeugen die Langlebigkeit dieser Tradition der Verachtung. Für die Reichen haben die Armen immer gestunken, und insofern führt mein Synonymwörterbuch als Analogon zu `plebejisch´ auch `ungewaschen´ auf.
Ehe die Massen in die Arena der Geschichte traten, wohl als Folge der Französischen Revolution – doch ebenso der industriellen Revolution -, gab es andere Bezeichnungen im Englischen, zum Beispiel multitude und mob, letzteres wohl noch abschätziger gemeint. Als einmal die Redewweise von "der Masse" oder "den Massen" aufgekommen war, ließ sich bald feststellen, daß dieses Wort sich sozusagen zu zwei Verwendungsweisen gabelte: In Ausdrücken wie "Arbeitermassen" oder "Massenproduktion" schwingt etwas anderes mit als beispielsweise in "Massengeschmack", "Massenpsychologie", "Massenmedium". Das eine betont Macht, die mit dem großen Quantum einhergeht, das andere die Vulgarität. Oder anders: Wenn die eine Nuance sagt: "Hier können wir eine Menge Doughnuts verkaufen", erwidert die andere: "Aber Doughnuts sind eben nicht so fein wie Croissants."
Wenn ich meinem Wörterbuch vertrauen darf, wurde mass medium zuerst 1923 im Kontext des Werbejargons (wie zu erwarten war) verwendet. Der Ausdruck bezeichnete Zeitungen und Magazine, Rundfunk und Fernsehen. Seltsamerweise können die Produkte dieser Industrien normalerweise von den Massen als Massen nicht genossen oder konsumiert werden – die Massen treten hier viel eher in Gestalt von Individuen oder sehr kleinen Gruppen auf, die dann aber durch die Einheitlichkeit und die leichte Zugänglichkeit des Medienangebots wieder zusammengeschmolzen werden. Deshalb kann man in den Massenmedien nicht nur Meßgeräte zur Ermittlung des kleinsten gemeinsamen Nenners an Geschmack, Moral und Einsicht sehen, sondern auch Apparaturen zu seiner Erzeugung. Es sind Maschinen, die eine ständige Absenkung des Durchschnitts hervorbringen. Das Eigenartige am menschlichen Leben ist es, daß manche Höhepunkte vielleicht nicht überbietbar sind, aber ein noch tieferes Absinken jederzeit möglich bleibt. Wir beginnen am äußeren Rand des Fegefeuers und enden in der Hölle.
Ich kenne viele Leute, die – abgesehen davon, daß sie Radio hören – mindestens drei Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen. Das bedeutet, daß sie in einem Jahr fast anderthalb Monate auf diese Form von Unterhaltung verwenden. Wenn sie das fünfzig Jahre lang betreiben, haben sie sechseinviertel Jahre ihres Lebens damit zugebracht, vor dem Fernseher zu hocken und mehr oder minder kompletten Quatsch in sich aufzunehmen. Das Argument, die meisten dieser Leute wüßten sonst nicht, was sie tun sollten, ist nicht stichhaltig, weil wir eben nicht wissen, was sie ansonsten hätten tun können. Manche hätten vielleicht Morde begangen (das tun sie ohnehin, außerhalb der Spitzensendezeiten), andere hätten Meisterwerke geschaffen, alle wären mit größerer Würde gealtert. Unsere Zeit hat uns alle zu Zuschauern gemacht: Wir sehen uns selbst zu, wie wir unsere Stimme für die abgeben, denen wir häufig zugesehen haben; wir sehen zu, wie wir von einer gutgelaunten gedankenlosen Autorität regiert werden, als wäre das Leben aller Menschen eine grob zusammengeflickte Vorabendserie. Der schmierige, grinsende Hoppla-jetzt-komm-ich-Pöbel, der die Bildschirme füllt und behauptet, gewählt zu sein, um das Land zu regieren – er besteht aus Leuten, die offenbar alle in ihrer Jugend Statisten in einem Film waren, der am Hofe Ludwig XIV. spielte.
Für eine ganze, zahlreiche Bevölkerungsschicht ist das Leben zu einem nicht endenwollenden schlechten Film geworden, der keinen anderen Inhalt hat als die ständige Aufforderung, mehr zu besitzen, zu kaufen, zu konsumieren, sich nach dem zu sehnen, was man sich nicht leisten kann, sich anzuschaffen, wofür man keinen Platz hat. Wollte man sagen, daß die Massenmedien das endgültige Werkzeug zur Entmenschlichung der Massen sind, würde man allerdings wohl zur Antwort bekommen, daß man eine falsche Vorstellung vom menschlichen Wesen hätte, daß das, was einem als Galle erscheint, für andere ja Honig sein könnte.
Jedenfalls bin ich – auch wenn ich keinen Fernseher habe und mit Horaz wetteifern kann in überlegener Arroganz – selbst ein widerwilliges Opfer der Massenmedien. Ich habe ein kleines Radio, und jeden Morgen höre ich mir beim Rasieren die Nachrichten an, um dann für den ganzen Tag genug davon zu haben. Ich nehme meine Ration an Verbrechen, Katastrophen und Lügen von einem Sender in Empfang, der einer großen Zeitung gehört – ein Massenmedium im Besitze eines anderen. Ich lausche den Nachrichten, die gelegentlich die nimmer endende Flut der Werbung unterbrechen. Als Mann pünktlicher Gewohnheiten höre ich jeden Tag dieselben faden Verführungsversuche, insbesondere eine Aufforderung, die mich in die Schlinge des Abonnements auf ein Magazin locken möchte, das monatlich Neuigkeiten aus den Naturwissenschaften feilhält. `Nennen Sie eine Zeitschrift, die wichtiger wäre´, bettelt die salbungsvolle Stimme, triefend vor Unaufrichtigkeit. Meist funktioniert die Schutzmechanik, und ich höre nicht hin, aber wenn ich es doch tue – ich bin sehr leicht stark zu beeindrucken -, dann ist mein Tag ruiniert. Wenn ich durch die trostlosen Straßen von New York gehe, sehe ich dann die Obdachlosen an den wärmenden Luftschächten liegen, sehe ich die toten Ratten, höre ich die verrückten Monologe der Passanten? Nein, mein Hirn ist ausschließlich damit beschäftigt, wichtigere Zeitschriften zu nennen. Es ist verwirrt, weil es an kein Ende kommt. Wo sollte es überhaupt anfangen? Mit den Acta eruditorum oder dem Spectator von Addison und Steele? Mit Schillers Horen, der Revue des deux mondes, dem Mercure de France, der Neuen Rundschau? Wo sollte es enden? Mit Criterion, Horizon, Menckens American Mercury oder der Partisan Review? Natürlich fallen einem viel mehr Namen ein, als der Raum hier zu nennen erlaubt. Ich kehre erschöpft nach Hause zurück, ich habe nichts erledigt, nur eine nutzlose Widerlegung dessen geliefert, was nie ernst gemeint war. Und ich komme zu dem Schluß, daß der Hauptzug der modernen Werbung ihre vollkommene Schamlosigkeit ist. Die gehobene Variante mag sich mit einem gewissen Maß von volkstümlichem Humor durchschlagen, wie man ihn in Journalismuskursen lernt. Aber ich hätte gedacht, daß auch dieses schwerfällige Augenzwinkern noch auf den zutraulichsten Kretin unter den Hörern abstoßend wirken müßte. Daß das nicht der Fall ist, ist das größte Wunder, das die Massenmedien bewirkt haben.
Die Anzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften kann man überblättern, davon werden nur die Hände schmutzig. Aber die Ankündigungen im Radio und im Fernsehen dringen in das Bewußtsein ein, wenn man nicht die Kraft findet, den Apparat ganz abzuschalten. Zwischen den Goldbergvariationen und den chromatischen Schauern der Ouvertüre zu Don Giovanni kommt ein fröhlicher Blödmann daher und ermahnt uns, das Haus nicht ohne eine bestimmte Kreditkarte zu verlassen, oder teilt uns mit, daß wir ganz nach oben gehören und sogar der höchste Gipfel noch zu niedrig ist für uns. Es gibt kein Entrinnen: Will man Bach hören, muß man die Lüge des Tages ausschlürfen. Was geschieht wohl mit Menschen, welche diese akustische, visuelle und moralische Tortur ihr ganzes Leben lang ertragen? Die Antwort ist: Sie haben schon lange aufgehört, dieses unentrinnbare Schaumbad aus Unwahrheit, Heuchelei und Übertreibung als Folter zu empfinden; sie könnten ohne es nicht mehr leben. Für sehr viele Menschen sind die Werbespots des Fernsehens der einzige Blick in ein besseres Leben, der ihnen je zuteil werden wird. Daß dieses bessere Leben eine Chimäre ist, daß es weder wirklich werden kann noch wünschenswert wäre, ist ihnen gleich. Die Fata Morgana (zweifellos benannt nach J.P. Morgan), welche die Meinungsindustrie für die konstruiert hat, ist das einzige, was von den Märchen übriggeblieben ist, denen ihre Großeltern als Kinder noch zugehört haben mögen.
Hätte es in Frankreich zu Zeiten Ludwigs XVI. schon vergleichbare Massenmedien gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht zur Französischen Revolution gekommen. Der König hätte dem Volk jeden Samstag eine fünfminütige Rede gehalten, und es wäre eine bessere Rede gewesen, als wir sie heute zu hören bekommen, weil man im achtzehnten Jahrhundert begabtere Lohnschreiber hatte. Die hauptsächliche Wirkung der Massenmedien ist es, die menschlichen Grundtriebe abzustumpfen. Die Leser, Hörer, Zuschauer werden desensibilisiert; es ist ihnen gleich, was für ein Slogan ihnen angeboten wird, solange es nur ein Slogan ist. `Ein Huhn in jedem Topf´, `Ein Fernseher in jeder Hütte´: Sie gehen zurück zu ihren Kochtöpfen, aber dort findet sich kein Huhn; sie gehen zurück in ihre Hütten, und da steht der Fernseher mit seinem bunten Geplapper. Wenn ihre Söhne in sinnlosen Kriegen getötet werden, dann kommen sie vielleicht sogar selber ins Fernsehen und dürfen dort stolz weinen. In unserer Zeit kann man nicht länger von `leeren Phrasen´ reden, sie sind nicht leer; wenn man hineinsticht, fließt echtes Menschenblut heraus.
Es wäre falsch zu schließen, daß ich die Massenmedien als Ursache unseres Elends sehe. Wir leben in zirkulären Zeiten, jede Ursache ist ein Symptom, jedes Symptom eine Ursache. Am Ende können wir den Teufel für alles verantwortlich machen. Es gibt jedoch bestimmte Kategorien, einige davon ewiger als andere: die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Unterdrückten, die Jungen und die Alten, Männer und Frauen. Ist es angesichts der Dialektik einer endgültigen Katastrophe noch sinnvoll, sie alle an die ihnen gemeinsame Menschlichkeit zu erinnern und davon zu sprechen, daß ihrem letzten Herbst vielleicht kein Frühling folgt?

Aus: Erwin Chargaff, Ernste Fragen. Essays, aus dem Englischen von Joachim Kalka
Klett-Cotta, Stuttgart 2000




György Dalos

Hungerstreik anno 1971
Kommentar zu einem Briefwechsel zwischen Georg Lukács und János Kádár
(3. Teil und Schluß; Fortsetzung aus Nr. 30, November 2000)

[Kommentar]

4
Am 11. Februar 1971 wurden wir gleichzeitig festgenommen. Ich wurde dem Polizeipräsidium des 6. Bezirks in der Izabella- Straße, Haraszti dem des 18. Bezirks, Pestlôrinc, zugeführt. Man teilte mir mit, wegen der Nichteinhaltung der Regeln der Polizeiaufsicht oder, in poetischer Formulierung, wegen „Verletzung der Normen des sozialistischen Zusammenlebens" sei ich auf administrativer Ebene zu 25 Tagen Haft verurteilt, die ich im Internierungslager Baracska verbringen würde. Die Zeit im Arrest würde auf diese Haftstrafe angerechnet. Meine Erklärung, daß ich in den Hungerstreik treten würde, nahmen sie zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken.
Es war ein Donnerstag, elf Uhr am Abend. Solange man meine Pritsche vorbereitete, wurde ich in eine zweimal zwei Meter große Zelle (wörtlich: Spuckzimmer) eingesperrt. Danach kam ich in die eigentliche Zelle zu einem Zigeunerjungen. Der Arrest war stark überheizt, und es gab kaum Luft zum Atmen. Ich zog mich bis auf die Unterhose aus und sprach mit dem Schicksalsgefährten. Der Abwechslung halber erzählte ich ihm von Che Guevara, und er hörte gelangweilt zu. Sicherlich war er nicht wegen eines solch edlen Deliktes wie ich im Arrest gelandet, und wahrscheinlich hielt er mich einfach für schwachsinnig.
Da ich das Essen verweigerte, wurde die Eintönigkeit des Zellenlebens nur durch das Rauchen von Zigaretten der Marke Schwalbe auf dem Korridor sowie durch Hofspaziergänge am Vor- und Nachmittag durchbrochen. Während dieser Aktivitäten traf ich zwei junge Frauen, die unter dem Verdacht der Prostitution festgenommen worden waren und deren Gesang ich aus der Nachbarzelle tagsüber hörte: „Hab keine Angst, ich komm zurück/ nur schreibe mir, schreibe mir viel/ so mach mich froh, ein bißchen froh", klang die populäre Schlagerschnulze. Bei ihnen habe ich es mit Che Guevara gar nicht erst versucht.
Am Samstag vormittag führte man mich ins Büro. Die Miteilung lautete, meine Frau habe eine Postvollmacht abgegeben, die ich unterschreiben sollte, damit sie mein Honorar für eine Übersetzung in der Zeitschrift „Wirklichkeit", einen Betrag von 300 Forint, aufnehmen konnte. Dies war für uns bereits eine bedeutende Summe, denn mein Monatseinkommen betrug zu dieser Zeit laut einer Mitteilung des Künstlerfonds durchschnittlich 1700 Forint im Monat, und Rimma bekam meinetwegen gleich überhaupt keine Arbeit. Während ich die Vollmacht unterschrieb, bemerkte ich auf dem Tisch einen Bericht des Arztes, in dem dieser der Behörde meldete, ich hätte die Nahrungsaufnahme verweigert und zeige Symptome schwerster Depressionen, aus denen man den Schluß ziehen könne, es bestehe Suizidgefahr. Ich konnte also dieser Schrift entnehmen, in welch miesem Zustand ich mich befand.
Am Montag früh half man mir in meinen Mantel - am vierten Tag des Hungers war ich bereits ziemlich schwach - und führte mich aus dem Gebäude, vor dem bereits ein Polizeiauto und darin Miklós Haraszti auf mich wartete. „Du hungerst doch, nicht wahr?" fragte er mich argwöhnisch. „Ja", antwortete ich schlecht gelaunt und machte ihn damit überglücklich. Wir saßen auf einer Bank hinten im Auto, durch ein Gitter von der Fahrerkabine getrennt.
Anderthalb Stunden später standen wir bereits in furchtbarer Kälte Schlange vor einem Sanitätsraum. Den Gegenstand der Untersuchung bildeten einzig Filzläuse, die man im Genitalbereich der Delinquenten suchte. Dem Sanitäter meldeten wir sofort, daß wir bis zu unserer Freilassung den Hungerstreik fortsetzen würden, den wir bereits am Donnerstag abend angefangen hatten.
Daraufhin rief dieser sogleich den wachhabenden Kommandanten an, der nicht ganz verstand, was wir gegen seine gut funktionierende Institution hatten – die Verbringung in Internierungslagern statt einer Gefängnisstrafe war gegen politische Täter zuletzt 1957/1958 als relativ humanitäre Maßnahme eingesetzt worden, und im konsolidierten Kádárschen Ungarn zählte sie zur „Nachbehandlung" gewöhnlicher Krimineller. Er kam persönlich herüber, betrachtete uns und bemerkte sofort den auffälligen ästhetischen Unterschied zwischen uns beiden. Ich hatte die Verhaftung bereits seit einem Monat erwartet und mich deshalb von meinem Bakunin-Bart vorsorglich getrennt, weil ich aus meinem kurzlebigen Militärdienst wußte, welch spontane Aversionen die bewaffneten Körperschaften – Kossuth hin, Lenin her – gegen Vollbärte hatten, während sie den Schnurrbart als natürlichen Schmuck des ungarischen Mannes geradezu erwarteten. Haraszti mit seinem pechschwarzen Vollbart stellte für sie eine Provokation dar. Dabei verfügte er trotz vier Tagen des Hungerns über derart große physische Kräfte, daß es zwei Gefängniswärter brauchte, um ihn zwecks Zwangsrasur an einen Stuhl zu binden.
Baracska als Internierungslager hatte keinen eigenen Arzt, sondern nur den Sanitäter, einen etwa fünfzig Jahre alten Gefangenen, ehemaliger Sozialdemokrat, der jetzt wegen Veruntreuung saß. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörte das Krankenzimmer, wohin wir nun geschickt wurden und das wir mit einem epileptischen Zigeuner und einem höchst charmanten Mörder zu teilen hatten. Letzterer war kumanischer Abstammung - ein Steppenvolk, das im 13. Jahrhundert vor den Mongolen nach Ungarn geflohen war - mit gelber Haut und fast chinesischen Schlitzaugen. Als er von unserem Hungerstreik erfuhr, war er ganz begeistert. Er erzählte, daß er seinerzeit wegen vorsätzlicher Tötung zu lebenslänglich verurteilt worden war. Anlaß für seine Tat war, daß er nach der Arbeit in der Fabrik früher nach Hause kam und seine Frau in flagranti mit deren Liebhaber ertappt hatte. Er traktierte beide mit Messerstichen, aber nur der Nebenbuhler starb. Da er im Affekt gehandelt hatte, forderte er, um dies beweisen zu können, eine Wiederaufnahme des Verfahrens, die er nach sechzig Tagen Hungerstreik auch erreichte. Irgendwie überlebte er das Manöver, bekam im neuen Verfahren zehn Jahre, war inzwischen längst entlassen und saß jetzt wegen einer Bagatelle. Er erklärte uns, daß wir unbedingt viel Wasser trinken müßten und daß am fünften Hungertag Azeton im Blut erscheine, welches der Vorbote des Todes sei. Wir benötigten unbedingt Infusionen und künstliche Ernährung, was diese hier nicht fertigbringen könnten. Deshalb würde man uns womöglich von hier wieder wegbringen, weil wir doch „feine Jungs" seien.
Tatsächlich war die Führung des Internierungslagers wenig an unserem Märtyrertod interessiert. Sie gehörte dem Justizministerium an und war nicht besonders erfreut darüber, daß die Staatssicherheit ihnen – offensichtlich ohne Vorwarnung – zwei verrückte Intellektuelle aufgebürdet hatte. Zudem ahnten die gewöhnlichen Kriminellen, daß es wegen uns irgendwelchen Zoff gab, und bei den Spaziergängen am Nachmittag deckten sie uns mit Zigaretten der Marke „Schwalbe" und „Symphonie" ein.
Während die Lagerleitung die durch uns verursachten Schwierigkeiten mit anderen Dienststellen zu klären versuchte, standen wir wieder Schlange mit vor Kälte klappernden Zähnen. Diesmal ging es um die Ablieferung der Zivilkleidung und des Personalausweises sowie um die Übernahme der gestreiften Gefängnisklamotten. Während dieser Prozedur stellte sich heraus, daß Haraszti und ich verschiedenen Volksklassen angehörten, was in den unteren Kreisen des Vollzugs als durchaus relevant erschien. Während ich laut Ausweis ein in Budapest geborener Schriftsteller war, was das Wachpersonal kopfschüttelnd, jedoch respektvoll zur Kenntnis nahm, stand in Harasztis Personaldokument, daß dieser seinerzeit in Jerusalem das Licht der Welt erblickt hatte und von Beruf Fräser sei. Dieser scheinbare Widerspruch wirkte auf sie als perfekter antisemitischer Witz, und während wir nackt auf die Sträflingskleider warteten, amüsierten sie sich ehrlichen Herzens über die merkwürdigen Daten meines Freundes.

5
Am späten Nachmittag wurden wir nach Székesfehérvár gebracht und in die Psychiatrische Anstalt des Komitatskrankenhauses eingeliefert. Hier wurde uns beiden mit Gewalt ein Gummischlauch durch die Kehle geschoben. Ich glaube, mir fiel diese Prozedur weit schwerer als Haraszti, obwohl ich sie als lungenkrankes Kind im Sanatorium fast täglich mit spielerischer Leichtigkeit über mich ergehen lassen konnte. Diesmal jedoch verspürte ich würgende Todesangst. Tröstlich war, daß der Chefarzt gegenüber dem Wachhabenden kategorisch erklärte, dies sei das letzte Mal, daß er eine Zwangsernährung für das Lager Baracska mache, und als ziviler Krankenhausleiter ließe er sich dazu auch nicht zwingen. Auf dem Rückweg im Gefangenenauto erbrach ich nach einigen geschickten Handbewegungen. Haraszti folgte meinem Beispiel und empfahl den erschrockenen Begleitern zudem, das Erbrochene aufzuwischen.
Die Kommandatur des Lagers begriff nach diesem Intermezzo, daß sie uns entweder zum Essen zwingen oder uns loswerden mußte. Zuerst stellten sie das Erscheinen eines Untersuchungskomitees des Innenministeriums in Aussicht, dann begannen sie mit Drohungen in nicht besonders höflicher Form. Der Lagerkommandant ließ Haraszti zu sich kommen und sagte, wenn wir mit dem Hungern nicht aufhörten, dann sperre er uns in Einzelzellen. „Aber wir haben auch andere Mittel!" fügte er hinzu. Daraufhin fragte ihn Haraszti, ein Virtuose zugespitzter Situationen: „Ihr Name, bitte!" - „Raus hier!" schrie der Lagerkommandant.
Sie unternahmen noch einen weiteren Versuch. Am Dienstag nachmittag brachten sie uns mit dem Gefangenenwagen zum Gefängnisspital nach Tököl. Eine sympathische junge Ärztin fragte uns dort, ob wir mit künstlicher Ernährung einverstanden seien. Wir verneinten. „Also Sie würden unter Umständen Widerstand leisten?" war ihre nächste Frage. „Ja", sagten wir. „Und Sie wären bereit, in einem zivilen Krankenhaus Nahrung zu sich zu nehmen?"
„Ja." Daraufhin erklärte sie uns vor den Begleitern: „Ich werde Sie nicht mit Gewalt zum Essen zwingen." Sie bestätigte dies in einem Brief an die Kommandantur von Baracska und empfahl angesichts der akuten Lebensgefahr unsere Unterbringung in einem zivilen Spital.
Der Vollzug ergab sich dem Schicksal. Man holte uns ins Lager zurück und versprach, unsere Zivilkleidung zurückzugeben und uns mit einem Rettungswagen in ein ziviles Krankenhaus zu bringen, und zwar jeden in das zu seinem Wohnbezirk gehörende Spital. Um elf Uhr am Abend konnten wir uns dann umziehen. Die Abfahrt ließ jedoch bis halb zwei nachts auf sich warten, und das Vehikel erwies sich als ein ordinäres Gefangenenauto.
Damals hatten wir bereits neun Tage lang nichts gegessen, aber dies zeigte unterschiedliche Auswirkungen. Ich reagierte auf die neue Entwicklung apathisch, Haraszti hingegen war empört. Wir saßen hinter der Fahrerkabine, von dieser durch das Gitter getrennt, und die Gefängniswärter frotzelten den ganzen Weg. Thema war Haraszti als ein in Jerusalem gebürtiger Fräser. Wir wußten nicht genau, wohin sie uns bringen wollten, aber wir waren entschlossen, uns nicht voneinander trennen zu lassen. Ihr erster diesbezüglicher Versuch im László-Krankenhaus mißlang. Daraufhin holten sie Verstärkung aus dem Zentralgefängnis in der Markóstraße. Nun saß ein Fleischberg in der Fahrerkabine.
Unsere nächste Station war das Krankenhaus Korányi, das zu meinem Wohnbezirk gehörte. Haraszti legte sich auf mich, wir umarmten einander eng, aber der Fleischberg riß ihn von mir weg, und man warf mich aus dem Auto. Einer der Gefängniswärter begleitete mich über den gespenstisch frühmorgendlichen Spitalhof. Unterwegs bat er mich, keinen Krach zu machen, denn sie könnten für das Ganze schließlich auch nichts. „Wieso sollte ich Krach machen?" fragte ich. „Schließlich trage ich meine Zivilkleidung und bin in einem zivilen Krankenhaus – das war es, was ich wollte."
Im Zimmer des diensthabenden Arztes bat ich vor allem, mir einen Anruf zu erlauben. Ich rief in der Wohnung der Harasztis an. In diesen Tagen wohnte auch meine Frau Rimma bei ihnen. In Anwesenheit des erschrockenen Gefängniswärters sagte ich nur, Haraszti sei im Krankenhaus László und ich im Spital Korányi. Der Arzt untersuchte mich und schlug für den Fall meiner Entlassung systematisches Essen vor. Mir kam es so vor, als habe er bis zum Ende nicht begriffen, was ich in der Gesellschaft eines Gefängniswärters zu suchen hatte.
Sofort nach meinem Anruf warfen sich Harasztis Mutter Hedda, seine Freundin Julia Veres, sein jüngerer Bruder Péter und meine Frau Rimma in ein Taxi. Sie kamen im Krankenhaus László in dem Augenblick an, als die Gefängniswärter gerade auf Miklós Haraszti einschlugen. Seine Mutter veranstaltete augenblicklich ein Riesentheater, so daß die Gefängniswärter verlegen mit den Schlagen aufhörten. Ansonsten sagten sie ihr dasselbe, was mir mein Wärter schon mitgeteilt hatte: daß sie nur auf eine Kontaktperson des Innenministeriums warteten, die uns offiziell freilassen würde.
Währenddessen hatten Péter und Rimma mein Krankenhaus erreicht. Ich konnte fast drei Stunden lang mit meiner Frau sprechen. Der Gefängniswärter wandte sich zunächst schamhaft ab, dann verließ er das Wartezimmer. So erfuhr ich von einem Besuch Rimmas bei Lukács, der seine Unterstützung versprochen hatte. Außerdem werde draußen in Studentenkreisen Geld für uns gesammelt, kleinere und größere Summen landeten in unserem Briefkasten und auch ermunternde Briefe für Rimma in russischer Sprache. Sie selbst hatte einen Brief in unserer Sache verfaßt und überallhin verschickt, und jetzt war sie überzeugt, daß wir von hier aus direkt in unsere Wohnung auf dem Leninring zurückkehren könnten.
Die Kontaktperson des Innenministeriums ließ jedoch auf sich warten. Gegen zehn Uhr kamen Harasztis Angehörige ins Zimmer und verkündeten, daß hinter ihnen ein Gefangenenauto komme, mit dem Haraszti gebracht werde. Eine Sekunde später erschien leichenblaß der Gefängniswärter und bat mich, in den Umkleideraum zu gehen, denn die Kontaktperson sei da und dürfe uns in keinem Fall mit den Zivilpersonen zusammen sehen. Im Umkleideraum flehte er mich an, ihn nur ja nicht zu verpetzen: Er hätte nämlich den Telefonanruf auf jeden Fall verhindern müssen.
Zwei Minuten später kamen drei Männer in den Umkleideraum, unter ihnen ein zivil gekleideter Geheimpolizist mit tierischem Gesichtsausdruck - oder jedenfalls sehr aufgeregt. „Wer hat die Familienangehörigen benachrichtigt?" brüllte er. „Ich weiß nicht", antwortete ich. „Und warum unterwerfen Sie sich nicht der ärztlichen Untersuchung?" brüllte er weiter. „Die Untersuchung ist schon vorbei", sagte ich. Dann führte er mich aus dem Umkleideraum, und vor den anwesenden Angehörigen zeigte er mit einer theatralischen Handbewegung auf mich: „Handschellen anlegen!" Nun wurde ich zum Gefangenenauto geführt, in dem bereits der stark gerupfte Haraszti saß.
Rimmas weiterer Weg führte nicht wie geplant zum Leninring, sondern zum Belgrád rakpart – zum zweiten und letzten Mal besuchte sie György Lukács. Der Alte schlug ihr vor, sich bei uns zu Hause umzuschauen, und falls sie irgendein Buch oder Manuskript finde, die bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt werden könnten, dann sollte sie ihm diese übergeben – bei ihm würde man wohl kaum etwas konfiszieren. Zu diesem Schritt kam es jedoch nicht mehr, weil Rimma am nächsten Tag in die sowjetische Botschaft beordert wurde und dort von einem Diplomaten mitgeteilt bekam, falls sie nur noch einen einzigen Schritt in unserer Sache unternehme, werde sie in die Sowjetunion zurückgeholt. Ich weiß nicht, ob dieser Diplomat damals der Kontaktmann des KGB war - ich weiß nur, daß er 1991/1992 als Botschafter in Budapest der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten diente.

6
Es war am 18. Februar 1971, und von den 25 Tagen waren noch achtzehn übrig. Das Gefangenenauto blieb vor dem Gefängnisspital von Tököl stehen. Wir stiegen aus, das tierische Gesicht übergab uns dem Kommandanten und bemerkte zum Abschied: „Na, hier wird man Ihnen das Randalieren schon abgewöhnen."
Wir mußten uns wieder umziehen. Diesmal erhielten wir jedoch keine gestreiften Kleider, sondern das Nachthemd des Krankenhauses. Haraszti bekam auch hier eine Ohrfeige, man nahm an, er sei nicht volljährig und für sein Alter übertrieben selbstbewußt. Schließlich wurden wir wieder in je eine Zelle mit eigenem Klo eingesperrt. Die Zelle Harasztis war in der Etage über mir.
Ich verfiel erneut völlig der Depression. Ich weiß nicht, nach wieviel Zeit - irgendwann kam ein junger Arzt und fragte mich, ob ich essen wolle. Ich sagte nein, und diesmal nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil ich lebensmüde war. „Dann bin ich gezwungen, Sie künstlich zu ernähren", sagte er freundlich „obwohl die Geschichte mich möglicherweise nicht rehabilitieren wird."
Dann besuchte mich auch die junge Ärztin und bat mich, niemandem zu verraten, daß sie vor ein paar Tagen jenen Brief nach Baracska geschrieben hatten, aufgrund dessen wir fast auf freien Fuß gesetzt worden wären. Als Dritter gab sich der Kommandant die Ehre, in meiner Zelle zu erscheinen, erkundigte sich nach meinem Befinden und schlug mir vor, aus der reichen Bibliothek des Gefängniskrankenhauses einiges auszuwählen.
Die Bücherliste brachte ein Gefangener. Ich bat um „Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann sowie um „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" von Dostojewskij – beide Bücher hatten einmal in den frühen fünfziger Jahren laut Stempel die Bibliothek des Gefängnisses Jászberény geschmückt. Zur Unterhaltung wählte ich ein Buch mit dem Titel „Wer nicht schweigt, stirbt", das der Parteiverlag über die italienische Mafia veröffentlicht hatte. Einige Tage später wurden mir und auch Miklós Haraszti die Bücher wieder weggenommen. Man machte kein Hehl daraus, daß dies auf Befehl des Budapester Innenministeriums geschah. Wenn wir nicht essen, so hieß der Ukas aus der Zentrale, dann dürften wir auch nicht lesen.
Zusammen mit der Ärztin fand ich die Art und Weise des optimalen Einsatzes des Gummischlauchs. Da meine Kehle sich bereits bei der Berührung mit dem kühlen Gummi verkrampfte, suchten wir eine andere Öffnung, nämlich meine Nase, und zwar das rechte Nasenloch. Im linken - dies hatten wir auf experimentellem Wege festgestellt - wurde die freie Fahrt des Schlauches durch einen Polypen verhindert. Schließlich gewöhnte ich mich allmählich an die künstliche Ernährung, konnte sogar, wie in dem Lungensanatorium meiner Kindheit, mit dem Schlauch in der Nase sprechen. Gleichzeitig quälte sich Miklós Haraszti sehr, der immer zuerst ernährt wurde. Zur Strafe überließ er mir den größeren Teil der Flüssignahrung, so daß ich nach dem täglichen Essen, ähnlich wie eine gestopfte Gans, kaum atmen konnte.
Was währenddessen und danach in Budapest geschah, war der Form nach ein Kompromiß, in Wirklichkeit aber unser Sieg. Die Mutter Harasztis wurde zur administrativen Abteilung des ZK beordert, und deren Chef, János Borbándi, teilte ihr mit: Wir sollten die 25 Tage absitzen, und dann sollten wir einen „menschlichen Brief" an den Innenminister schreiben, in dem wir versprächen, mit der feindseligen Tätigkeit aufzuhören. In diesem Fall würde die Polizeiaufsicht ausgesetzt. Widrigenfalls würden wir aufgrund des staatsfeindlichen Tons unserer Erklärungen vor Gericht gestellt, was in meinem Fall angesichts meiner Vorstrafe fünf Jahre, in Harasztis Fall drei Jahre Gefängnisstrafe bedeuten könnte.
Damals war ich der Ansicht, Borbándis Drohung sei nichts als ein Bluff. Aus den Dokumenten, die ich von Edit Sasvári erhielt, geht jedoch hervor, daß der Innenminister András Benkei gleich dreimal Strafanzeige gegen uns beim Obersten Staatsanwalt erstattet hatte (am 29. Januar, 3. März und 4. März 1971). Er ersuchte darum, gegen uns ein Strafverfahren in Gang zu setzen „wegen staatsfeindliche Hetze und Beleidigung der Behörde." Ich glaube jedoch nicht, daß die Partei nach alledem, was geschehen war, noch Lust auf einen Prozeß hatte. Vielmehr ging es ihr darum, den Fall schleunigst abzuschließen und dabei ihr Gesicht zu wahren.
Freigelassen wurden wir am 8. März, am Internationalen Frauentag. Mich lieferte man wieder im Polizeipräsidium des 6. Bezirks ein, wo ich meine Entlassungspapiere erhielt. Man machte mich darauf aufmerksam, daß die Polizeiaufsicht bis auf Widerruf nach wie vor gültig und ihre Regeln zu beachten seien. Dann konnte ich nach Hause gehen. Mit einer Hand hielt ich meine Hose fest – ich hatte zwölf Kilo abgenommen – in der anderen hielt ich einen kleinen Blumenstrauß, den ich mit etwas Geld, das sich in der Tasche meines Mantels fand, für Rimma in einem nahe gelegenen Blumenladen gekauft hatte. Haraszti hatte übrigens während des Hungerstreiks acht von seinen ehedem sechzig Kilo Körpergewicht verloren.
Was das Gewicht betrifft, so zitiere ich ohne jede moralische Empörung, sondern eher mit einer Art Bewunderung für eine dermaßen grobe, fast sich selbst entlarvende Lüge aus einem Brief, den Minister Benkei am selben Tag an János Kádár schrieb. Dementsprechend sollte infolge der künstlichen Ernährung „Miklós Haraszti 0,5 Kilo, György Dalos 1 Kilo zugenommen haben." Kádárs lakonischer Kommentar: „Gesehen, den Inhalt des Berichts zur Kenntnis genommen, das Material an den Genossen Benkei zurückgeschickt."
Rimma und ich nahmen ein Taxi, und mittags aßen wir eine Bouillon bei den Harasztis. Währenddessen führten wir ein taktisches Gespräch darüber, durch welche Formulierung wir dem Wunsch des Ministers, unsere „feindselige Tätigkeit" anzuerkennen, ausweichen könnten. In meinem Brief stand schließlich die Formel: „Ich beabsichtige, keine feindselige Tätigkeit auszuüben", bei Haraszti: „Wie in der Vergangenheit, so auch in Zukunft wird es meinerseits zu keiner feindseligen Tätigkeit kommen."
Meine Polizeiaufsicht wurde am 2. April 1971 ausgesetzt, die von Miklós Haraszti erst Ende Mai.
Zwei Monate später war György Lukács tot.

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